Schlachten und Sagas, schön und gut – aber wie sah das Leben in der Wikingerzeit abseits von weltbewegenden Ereignissen, die Eingang in die historische und literarische Überlieferung fanden, und für diejenigen, die in Schriftquellen oft nur am Rande auftauchen, etwa für Kinder oder für Sklaven, aus? Den Alltag nicht nur, aber auch der oft übersehenen Menschen greifbar zu machen, versucht Eleanor Barraclough in ihrem populärwissenschaftlichen Buch Im Schein von Gold und Feuer. Die verborgene Welt der Wikinger. Der Titel der deutschen Übersetzung von Cornelius Hartz, die sich flüssig liest, ist dabei etwas unglücklich gewählt, denn der Originaltitel, Embers of the Hands (in etwa: „Glut der Hände“), greift eine historische Kenning für „Gold“ auf und macht so schon gleich sprachlich deutlich, dass hier nicht nur Sachthemen behandelt werden, sondern auch eine vergangene Weltsicht mit heraufbeschworen werden soll.
Dichtkunst, Musik, Mythologie, Runen und Rätsel, Viehhaltung mit einem Walknochen als Melkschemel, Körperpflege nicht nur durch schön gestaltete Kämme, Schmuck aus den Beschlägen geraubter Reliquienkästchen, die zur Herstellung von Kleidung, aber auch von Segeln unverzichtbare Arbeit am Webstuhl, Spiele und sportliche Aktivitäten für Kinder und Erwachsene, aber auch Schattenseiten wie Sklaverei, Totenfolgebräuche, Gewalt, Not, Verletzungen und Krankheiten: Es ist ein buntes, pralles Panorama einer Epoche, das die Autorin in teils kürzeren, teils längeren Kapiteln heraufbeschwört. Ereignishistorisches spielt dabei neben einzelnen Einsprengseln vor allem zu Anfang und gegen Ende kurz eine Rolle, um den zeitlichen Rahmen zu umreißen, ansonsten dominiert der Alltag das Bild.
Allein – ein rein wikingerzeitliches Bild ist es nicht, denn viele der Themen, die eine ausführlichere Würdigung erfahren, ob nun die niedlichen und über die Jahrhunderte hinweg berührenden Kinderzeichnungen des kleinen Onfim, Botschaften in Form von Runenstäben aus Bergen und anderen norwegischen Orten oder das Ende der skandinavischen Besiedlung Grönlands, gehören schon dem Hoch- und Spätmittelalter an. Natürlich gibt es hier gewisse Kontinuitäten, und Barraclough ist auch immer wieder bemüht, die Künstlichkeit von Epochengliederungen herauszustellen und dementsprechend zu problematisieren, dass man die Wikingerzeit typischerweise 1066 mit den Schlachten von Stamford Bridge und Hastings enden lässt, während sich durchaus auch andere Zäsuren anbieten würden. Insofern hat es durchaus seinen Sinn, dass diese Bereiche in die Darstellung mit einbezogen werden, aber wer angesichts der „Wikinger“ im Untertitel ein rein auf das Frühmittelalter konzentriertes Buch erwartet, könnte enttäuscht sein, zumal bei tatsächlich genuin wikingerzeitlichen Funden oft recht schnell weitergesprungen wird, während das Material aus späteren Epochen (die natürlich auch dank der reichhaltigeren literarischen Überlieferung in mancherlei Hinsicht ergiebiger sind) eine intensivere Aufarbeitung erfährt.
Generell ist Barraclough bemüht, ihrem Lesepublikum nicht nur reine Fakten zu liefern, sondern auch für Unterhaltung zu sorgen; immer wieder gibt es also einen Schuss Humor, und es wird manchmal auch (etwas zu) umgangssprachlich. Vor allem aber prägt ihren Text, dass er auf Nachempfindbarkeit und atmosphärische Schilderungen setzt, statt nur nüchtern zu referieren, und das bringt natürlich, so viel Spaß es stellenweise machen kann, auch gewisse spekulative Elemente mit sich. Die Fülle von Einzelheiten, die einem geboten wird, ist dennoch bemerkenswert, und neben bekannten Quellen (wie Adam von Bremen oder Ibn Fadlan) und berühmten Funden (wie etwa den Schiffsgräbern von Gokstad und Oseberg) kommt auch immer wieder vermeintlich Unscheinbares zur Sprache, das dennoch eine Menge verraten kann. Vergnügen macht die Lektüre des üppig bebilderten Werks also auf jeden Fall, nur sollte man es eben nicht als typische Einführung in die Alltagsgeschichte der Wikingerzeit missverstehen, sondern eher als bewusst subjektiv gehaltene Annäherung an einzelne Aspekte des Mittelalters im skandinavisch besiedelten Raum lesen.
Eleanor Barraclough: Im Schein von Gold und Feuer. Die verborgene Welt der Wikinger. München, Penguin, 2026, 496 Seiten.
ISBN: 978-3-328-11373-7