Ein wenig nachhaltiger Umgang mit der Umwelt ist im allgemeinen Bewusstsein vielfach primär als Phänomen der Moderne seit der Industrialisierung präsent. Dass es in der Neuzeit diesbezüglich zu den schlimmsten Exzessen gekommen ist und noch kommt, will Karl-Wilhelm Weeber mit seinem zuerst 1990 erschienenen Smog über Attika auch gar nicht bestreiten. Vielmehr geht es ihm darum, anhand antiker Texte (punktuell ergänzt durch Erkenntnisse aus der Archäologie) aufzuzeigen, dass schon im Altertum vielfach Raubbau an der Natur betrieben wurde.
In gewisser Weise ist das Buch dabei selbst schon ein Zeitdokument, zeigt es doch die vor über 30 Jahren noch etwas andere Schwerpunktsetzung bei der Beschäftigung mit Umweltschäden: Der Klimawandel wird mit keinem Wort erwähnt (auch nicht unter dem damals vielleicht etwas geläufigeren Stichwort „Treibhauseffekt“), was bei einem heutigen Werk zum Thema wohl unvorstellbar wäre. In anderer Hinsicht hat der Text sich aber seine Aktualität ungebrochen bewahrt, denn Weeber arbeitet deutlich heraus, dass schon vor Jahrtausenden, ganz wie heute, vor allem menschliche Habgier zu den größten Zerstörungen führte und dass die Rücksichtslosigkeit in ökologischer Hinsicht nur allzu oft auch mit der auf sozialem Gebiet Hand in Hand ging (etwa bei der gnadenlosen Ausbeutung von Sklaven). Kultureller Glanz und relativ gute Lebensverhältnisse für einen Teil der Bevölkerung hatten also auch im alten Griechenland und Rom schon ihren Preis, den nicht nur die Natur selbst und andere Menschen als die Nutznießer, sondern oft genug auch die Nachgeborenen zahlen mussten.
So zeigt Weeber am Beispiel Attikas, dass die in der Antike oft genug per Kahlschlag vorgenommene Abholzung der dortigen Wälder und die daraus resultierende Erosion – ein Zusammenhang, den schon Plato erkannte – die Landschaft unwiederbringlich bis heute verändert haben. Auf den titelgebenden Smog über Attika wartet man allerdings vergebens: Er herrschte eher über der Millionenmetropole Rom in der Kaiserzeit oder auch über der früh intensiv für den Bergbau genutzten Insel Elba. Mahnende Stimmen gab es durchaus immer wieder einmal (wenn etwa Plinius der Ältere die Verwüstungen durch künstlich herbeigeführte Bergeinstürze und umgeleitete Flüsse im Rahmen des Goldabbaus beklagte), aber am Ende siegten meist wirtschaftliche Interessen oder die schiere Bequemlichkeit, beispielsweise, wenn Vitruv vor der Verwendung von gesundheitsschädlichen Bleirohren zum Wasserleitungsbau warnte und diese doch immer wieder zum Einsatz kamen, weil sie, anders als die Alternativen, besonders billig und einfach herzustellen waren.
Neben solchen Formen des Fehlverhaltens, hinter denen zumindest noch in gewisser Weise nachvollziehbare Motive gestanden haben mögen, hebt Weeber aber auch die sinnlose Verschwendung natürlicher Ressourcen zu Repräsentations- und Vergnügungszwecken hervor, ob nun hellenistische Herrscher für ihre überdimensionierten und praktisch kaum nutzbaren Prunkschiffe Massen von Holz vergeudeten oder in römischer Zeit bestimmte Tierarten in ganzen Regionen ausgerottet wurden, weil man sie publikumswirksam in der Arena niedermetzeln wollte. Auch die Zersiedelung landschaftlich besonders schöner Gegenden, in denen reiche Römer gern Villen errichten ließen, die eher den Charakter von Luxusferienhäusern als einen großen praktischen Nutzen hatten, geht in diese Richtung.
Der Blick beschränkt sich dabei nicht auf den Umgang mit der Natur allein: Auch die immer wieder vorkommende gezielte Verwüstung von Kulturland im Krieg (ob nun, um den Feind zu schädigen oder ihm verbrannte Erde zu hinterlassen) und die durch ungehemmtes Profitstreben geförderten Schattenseiten des städtischen Lebens (wie Brandkatastrophen oder Hauseinstürze) kommen zur Sprache und belegen, dass der Respekt vor der Mitwelt oder eben der eklatante Mangel daran oft auf unterschiedlichen Gebieten gleich ausgeprägt ist.
Nicht nur deshalb lässt einen Smog über Attika nach der Lektüre recht wehmütig zurück. Man kann auch nicht umhin, zu konstatieren, dass Weebers am Ende des Buchs ausgesprochener Wunsch, Warnungen aus der Wissenschaft zu beherzigen und zu einem besseren Umgang mit der Umwelt zu finden, bevor es dazu zu spät ist, in den letzten drei Jahrzehnten nicht unbedingt in ausreichendem Maße in Erfüllung gegangen ist. Auch deshalb hätte das Buch heute mehr denn je eine aktualisierte Neuauflage verdient.
Karl-Wilhelm Weeber: Smog über Attika. Umweltverhalten im Altertum. Reinbek bei Hamburg 1993 (Original: Zürich 1990), 224 Seiten.
ISBN: 3-499-191520-0