The Darkening Age

Eine der großen Veränderungen der Spätantike war die Hinwendung der römischen Welt zum Christentum, das Europa seitdem prägt. Die Christianisierung der antiken Welt ist aber in den Augen der Journalistin Catherine Nixey eher eine Zerstörung, die ihrer Einschätzung nach in der Geschichtsschreibung bis heute zu sehr verharmlost wird. In ihrem für ein allgemeines Publikum gedachten Sachbuch The Darkening Age entfaltet sie daher ein düsteres Panorama der Ignoranz und Gewalttätigkeit einer wildbewegten Epoche. Nicht als kontinuierliche Erzählung, sondern in reportagehaft gestalteten Episoden wird das Vorgehen eifernder Christen gegen ihre pagane Umwelt vom 4. bis zum 6. Jahrhundert ausgemalt. Auch abgesehen von der staatlichen Übernahme des Christentums und dem letztendlichen Verbot heidnischer Kulte ist die Liste an Gräueln und Verwüstungen lang:  Von Bücherverbrennungen über das Zerschlagen heidnischer Statuen bis hin zur Ermordung der Philosophin Hypatia zeichneten Christen für eine ganze Reihe religiös motivierter und aus heutiger Sicht erschreckender Taten verantwortlich.
Die Beschreibung eines dieser Vorfälle – nämlich der Zerstörung des Serapeums, eines berühmten Tempels in Alexandria – zeigt allerdings unübersehbar die Schwäche, an der das gesamte Buch krankt: In ihrem Umgang mit den historischen Quellen ist Nixey sehr selektiv. Während sie Heiligenviten und Martyriumsberichte oft gegen den Strich liest und auf von den Verfassern sicher nicht intendierte Interpretationsmöglichkeiten hinweist, kann man an anderer Stelle nur staunen, wie unkritisch und unreflektiert ihr Blick auf die Geschichte wirkt.
Es mag einen ja noch in gewissem Maße amüsieren, wenn jede von Sueton über Nero kolportierte Skandalgeschichte unhinterfragt als historische Wahrheit präsentiert wird, doch bei der oben erwähnten Zerstörung des Serapeums, die für die Gesamtargumentation wesentlich wichtiger ist, wird es bedenklicher. Nixey folgt hier Eunapius, um den Vorfall als größtenteils unprovozierte christliche Aggression zu schildern. Das mag durchaus legitim sein, wenn die Autorin zu dem Schluss gekommen ist, dass diese Quelle verlässlicher ist als andere, doch methodisch unsauber wird ihre Arbeit dadurch, dass sie die Existenz deutlich abweichender Darstellungen des Endes des Serapeums nicht einmal erwähnt. In der Kirchengeschichte des Sozomenos etwa erscheint das Niederreißen des Tempels als Kulminationspunkt exzessiver Religionskonflikte, die für beide Seiten nicht unbedingt ein Ruhmesblatt sind und darin münden, dass pagane Fanatiker sich im Serapeum verschanzen und dort Christen misshandeln und ermorden. Sozomenos ist Nixey durchaus bekannt (er erscheint in ihrer Bibliographie, und das Kapitel über das Serapeum enthält einige Informationen, die von ihm stammen dürften). Wenn sie Zweifel an seiner Version der Geschehnisse hat, ist das nicht verwerflich, aber die wissenschaftliche Redlichkeit würde es erfordern, zumindest die Existenz der Quelle zu erwähnen und zu diskutieren, warum man ihr weniger Vertrauen schenkt als dem Bericht des Neuplatonikers Eunapius, der als Heide ebenso wenig ein neutraler Bewerter der Auseinandersetzungen gewesen sein dürfte wie Sozomenos als Christ.
Für solch eine mindestens ungenaue, schlimmstenfalls aber parteiische Quellennutzung finden sich noch weitere Beispiele. Insgesamt kann man sich dem Eindruck nicht entziehen, dass Nixey die ihr durchaus nicht unbekannten Schattenseiten der antiken Kultur gezielt herunterspielt und dafür die fraglos ebenfalls vorhandenen des Christentums mit viel Spott ins Uferlose steigert. Damit erweist sie ihrem Anliegen, einer zu unkritischen Sicht auf die Christianisierung etwas entgegenzustellen, letztlich einen Bärendienst. Dass die neue Religion nicht von allen im Römischen Reich mit Begeisterung aufgenommen wurde, dass bei ihrer Durchsetzung auch Zwang und Druck im Spiel waren und dass durch Fanatismus und Intoleranz viel Erhaltenswertes verlorenging, ist eine unbestreitbar wichtige Perspektive. Überzeugend vertreten kann man sie aber nur in einer korrekten und gründlichen Auseinandersetzung mit den Quellen, und daran scheitert Nixeys Buch, so sehr Verve und stilistische Spritzigkeit die inhaltlichen Mängel auch über weite Strecken kaschieren mögen.

Catherine Nixey: The Darkening Age. The Christian Destruction of the Classical World. London, Pan Macmillan, 2018, 305 Seiten.
ISBN: 9781509816071


Genre: Geschichte