Frostflamme

Frostflamme

Angehörige des unterdrückten Elfenvolks der Tiellaner fischen einen verwundeten Menschen aus dem Meer, der sein Gedächtnis verloren hat. Unter dem Namen Noth beginnt er bei ihnen ein neues Leben und sieht sich bald zur Heirat mit Winter, der Tochter eines seiner Retter, gedrängt. Ein Überfall auf die Hochzeit der beiden offenbart jedoch, dass Noth sich in seiner rätselhaften Vergangenheit mächtige Feinde gemacht hat. Um seine Frau zu schützen, verlässt er sie und geht auf die Suche nach seinen Erinnerungen. Doch Winter fühlt sich Noth verpflichtet und sieht endlich eine Chance, der dörflichen Enge ihrer Heimat zu entkommen. Begleitet von ihrem Jugendfreund bricht sie auf, um ihren Mann zu finden, und muss erkennen, dass sie nicht die Einzige ist, die Interesse daran hat, ihn aufzuspüren – ganz zu schweigen davon, dass es auch mit ihr selbst mehr auf sich hat, als sie sich je hätte träumen lassen …
Die Handlungsskizze zeigt es schon: Die Protagonisten, die Christopher Husberg für seinen von Kerstin Fricke schwungvoll und flüssig übersetzten Reihenauftakt Frostflamme wählt, bewegen sich abseits der gängigen Klischees. Das gilt auch für die übrigen Figuren, denen sie im Laufe des Buchs noch begegnen, so etwa die Priesterin Cinzia, die sich damit auseinandersetzen muss, dass ausgerechnet ihre Schwester Jane zum Haupt einer Ketzerbewegung geworden ist, oder die quirlige Vampirin Astrid (deren Eigenheiten einschlägig Belesene vermutlich ein wenig an Noelle Stevensons Comicheldin Nimona erinnern werden).
Die typische High-Fantasy-Mischung aus Naturmystik, Fabelwesen und von den Menschen bewunderten Elfen ist bei Husberg im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte: So soll es einmal im legendären „Zeitalter der Wunder“ gewesen sein, doch die Dinge haben sich längst geändert, und was doch geblieben ist (wie Gasthäuser, die nur Eintopf auf der Speisekarte haben), wird genüsslich ironisiert. Als Jetztzeit steht neben der Vergangenheit aus vertrauten Versatzstücken eine Welt, die einerseits in ihrem eher technisch und wissenschaftlich geprägten Magiegebrauch und teilweise auch in ihrer Sprache äußerst modern wirkt, andererseits aber in ihrem allgemeinen Entwicklungsstand noch im Pseudomittelalter verharrt.
Die Situation der ihrer einstigen Machtstellung beraubten und lange versklavten Elfen folgt dabei einem Muster, das derzeit in der Fantasy Konjunktur zu haben scheint (man denke etwa an Michael J. Sullivans Riyria Revelations). Berechtigte Rassismuskritik ist dabei unverkennbar und natürlich nicht ohne aktuelle Bezüge. Die geschilderte Religiosität lehnt sich ebenfalls stark an realweltliche Phänomene an: Ist der dominierende Glaube eine Art Christentum mit weiblicher Priesterschaft, so erinnert Janes Fund eines metallenen Buchs mit erst einmal zu übersetzenden neuen Offenbarungen deutlich an die Gründungslegende des Mormonentums.
Auch bei typischen Plotelementen der Fantasy (wie etwa dem Motiv der Auserwählten) neigt Husberg zur Entzauberung und zur Verknüpfung mit Gegenwartsproblemen: So wird zwar Winter ganz klassisch als Objekt einer Prophezeiung erkannt, doch die magischen Fähigkeiten, die in ihr schlummern, kann sie nur mithilfe der titelgebenden Droge wecken, die sie rasch in Abhängigkeit geraten lässt. Diese Sucht beeinflusst den Fortgang der Geschehnisse stark und macht Winter mehr als einmal zur Antiheldin.
Gerade an diesem Handlungsstrang zeigt sich jedoch zugleich der größte Schwachpunkt von Frostflamme: Das Maß, in dem die Figuren sehenden Auges in ihr Verderben rennen, übersteigt bisweilen das aus der in dieser Hinsicht ohnehin nicht zimperlichen Fantasy Gewohnte. Insbesondere Winter ist unerklärlich gut darin, sich rationale Bedenken immer wieder auszureden, aber auch Noth leistet diesbezüglich Bemerkenswertes. Hier ertappt man sich nach einer Weile doch bei dem Wunsch, Husberg würde seinen Protagonisten ein bisschen mehr gesunden Menschenverstand zugestehen.
Das ändert jedoch nichts daran, dass der Roman mit seinen zahlreichen Abenteuern und Geheimnissen, der oft alles andere als unblutigen Action und dem für einen Serieneinstieg obligatorischen Cliffhanger am Ende recht unterhaltsam liest. Ein bisschen wehmütig konstatiert man zwar, dass der märchenhafte Charme der klassischen Phantastik ganz wie die hier ausgestorbenen Greifen aus der Kulisse verschwunden ist, muss Husberg aber zugleich für seine originelle Perspektive Respekt zollen. Wie sehr sie einem liegt, ist zugegebenermaßen subjektiv, und als interessante neue Stimme im Fantasygenre kann der Autor der Chroniken der Sphaera allemal gelten.

Christopher Husberg: Frostflamme. Die Chroniken der Sphaera. München, Knaur, 2016, 701 Seiten.
ISBN: 9783426519202


Genre: Roman