Amüsanterweise war in dem für sein Pinguin-Logo bekannten Verlag Penguin bis vor kurzem in all den Jahrzehnten seines Bestehens noch kein Buch über Pinguine erschienen. Das kleine Buch der Pinguine (im Original: The Penguin Book of Penguins) ist daher eine Auftragsarbeit, um diesem Mangel abzuhelfen, aber da der Pinguinforscher Peter Fretwell damit betraut wurde und seine Frau, die Künstlerin Lisa Fretwell, die Illustrationen beisteuerte, ist das Ergebnis mehr als gelungen.
Denn über Pinguine gibt es einiges zu erzählen, nicht nur, weil es, wie man früh im Buch erfährt, vermutlich achtzehn verschiedene Arten gibt (über die genaue Zählung bestehen gewisse Forschungskontroversen), die alle ihre Besonderheiten und durchaus liebenswerten Eigenheiten haben und nach einigen allgemeinen Kapiteln über Evolution und Lebensweise der Pinguine auch jeweils noch einmal einzeln porträtiert werden. Statt nüchtern und trocken aus wissenschaftlicher Distanz zu berichten, macht Fretwell keinen Hehl daraus, dass er Pinguine – und zwar insbesondere die großen Kaiserpinguine, die er seit Jahren beobachtet – sehr gern mag und niedlich findet, so dass er gar nicht anders kann, als voller Sympathie über sie zu schreiben, obwohl er weiß, dass solch ein Eingeständnis der Liebe zum eigenen Forschungsobjekt eigentlich verpönt ist. Die Leserschaft dürfte sich allerdings darüber freuen, denn so entsteht ein sehr menschlicher, einfühlsamer Zugang zum Thema, der in seiner Begeisterung mitreißend ist. Neben biologischen Aspekten fehlt daher auch der Blick auf Pinguine in der Popkultur nicht, und es gibt sogar ein kleines Unterkapitel mit Pinguinwitzen (von denen manche, die eher in die Kategorie Flachwitz fallen, allerdings verzichtbar gewesen wären). Das Übersetzerduo Monika Niehaus und Bernd Schuh liefert im Bereich der kulturellen Bedeutung der Pinguine noch ein paar hilfreiche Ergänzungen für ein deutschsprachiges Publikum und legt ohnehin eine sehr gut lesbare, angenehme Übersetzung vor.
Doch bei allem Vergnügen, das man an realen wie an erfundenen Pinguinen finden kann, stimmt die Lektüre an vielen Stellen auch wehmütig oder empört sogar, da Menschen mit den Pinguinen seit Jahrhunderten nicht so pfleglich umgehen, wie sie es verdient hätten. Wurden die Vögel in früheren Zeiten gejagt und verspeist (was im Fall des Chatham-Pinguins wohl zur Ausrottung führte und die Bestände anderer Arten dezimierte), ihrer Eier beraubt oder sogar zur Gewinnung von Maschinenöl ausgekocht, sind sie heute mittelbar durch menschliche Aktivitäten mehr denn je gefährdet, sei es, dass sie als Beifang in Fischernetzen enden, Ölkatastrophen zum Opfer fallen, durch Überfischung nicht mehr genug Nahrung finden oder unter Störungen durch den Tourismus zu leiden haben. Vor allem aber sind es die gefährlichen Veränderungen ihres Lebensraums durch den Klimawandel, die Pinguinen heute zu schaffen machen und auch und gerade in der relativ menschenleeren Antarktis fürchterliche Folgen haben. Fretwell versteht sein Buch daher auch als Mahnung, endlich weltweit umzudenken und nicht nur durch lokale Naturschutzaktionen, sondern durch politische Änderungen gegenzusteuern. Daran, dass eine Welt ohne Pinguine ärmer wäre, lässt Das kleine Buch der Pinguine auf alle Fälle keinen Zweifel.
Ist der Tenor des Inhalts demensprechend aus gutem Grund bittersüß, bereitet die Buchgestaltung ausschließlich Freude. Gerade in Zeiten, in denen zu viele Verlage unreflektiert auf KI-generierte Bilder setzen, sind die sehr schönen, detailfreudigen Illustrationen von Lisa Fretwell eine Wohltat, und witzige Einzelheiten wie die Vor- und Nachsatzgestaltung mit verschiedensten Versionen des Penguin-Logos bringen einen zum Schmunzeln. Statt nur bloße Fakten zu vermitteln, ist Das kleine Buch der Pinguine daher als Gesamtpaket so ansprechend wie die Pinguine selbst und unbedingt eine empfehlenswerte Lektüre.
Peter Fretwell: Das kleine Buch der Pinguine. Alles über die beliebtesten Vögel der Welt. Mit Illustrationen von Lisa Fretwell. München, Penguin, 2026, 304 Seiten.
ISBN: 978-3-328-60482-2