Funkenflug

Das hier besprochene Buch ist der zweite Teil einer Serie. Die Rezension des ersten Bandes ist hier zu finden.

Beschwörerin Jule hat endlich die notwendige Prüfung bestanden, um die nächste Karrierestufe im Staatsdienst zu erklimmen, aber davon, so sicher über ihre Magie zu gebieten, dass sie Kestrel und Mika, die beiden Männer, die sie liebt, aus ihrem goldenen Käfig befreien kann, in dem sie den Launen der Mächtigen ausgesetzt sind, ist sie noch weit entfernt. Denn dazu müsste sie in die Caela vordringen, die oberste Stadtebene von Arges, die Menschen wie ihr zumeist verschlossen bleibt. Dass sie sich zu ihrer neuen Mentorin Tonya, bei der sie ihre Ausbildung fortsetzt, ebenfalls hingezogen fühlt und zugleich noch so etwas wie Hassliebe zu der sinnlichen Merry, die zu den göttlich verehrten Avataren der Stadt zählt, empfindet, macht ihr das Leben nicht leichter, ganz zu schweigen davon, dass sie neben ihren altbekannten Albträumen nun auch noch mit einer geheimnisvollen Krähenplage zu kämpfen hat. Als Jule im Zuge eines unbedachten Versuchs, sich Zugang zu den Caela zu verschaffen, in eine Notlage gerät, erweist sich, dass zu ihren magischen Kräften auch eine verbotene und eigentlich schon für ausgerottet gehaltene gehört, die ebenso nützlich wie gefährlich für sie sein könnte. Aber ohne Hilfe kann sie ihre mutigen Pläne kaum in die Tat umsetzen, und als potenzielle Verbündete bieten sich ausgerechnet die Rebellen an, als deren Gefangene Jule im letzten Band Schlimmes erlebt hat …

Marie Meiers Funkenflug ist wie der Vorgängerband Seelengrube spannende Science Fantasy voller Action, Magie und Gesellschaftskritik, stellt aber zugleich einiges von dem auf den Kopf, was man aus dem ersten Buch der Serie über die Verhältnisse in Arges im Allgemeinen und über Jule und ihr engstes Umfeld im Besonderen zu wissen meint. Für die Protagonistin selbst sind die Enthüllungen dabei mindestens so überraschend wie für das Lesepublikum, und in gewisser Weise wiederholt sich hier in gesteigerter Form die schon für Seelengrube prägende Mischung aus Trainingssequenzen, kleinen Fluchten und immer neuen Schockmomenten ganz unterschiedlicher Natur.

Da in Funkenflug erkundet wird, wer die Macht in Arges wirklich in den Händen hält und wie genau ihre Ausübung funktioniert, spielt hier die menschenverachtende Dekadenz der reichen Oberschicht, die sich an Misshandlungen, Vergewaltigungen und tödlichen Gladiatorenkämpfen ergötzt, eine noch größere Rolle als zuvor, und einige der geschilderten Vorgänge sind belastend zu lesen. Umgekehrt werden auch die Reaktionen auf dieses enthemmte Gebaren brutaler und blutiger. Ohnehin begeht Marie Meier nicht den Fehler, den Widerstand gegen die Führungsschicht von Arges zu verklären: Aktionen der Rebellen ziehen immer wieder auch die einfache Bevölkerung in Mitleidenschaft, und dass nicht alle, die sich gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit auflehnen, von hehren Idealen beseelt sind, sondern vielfach eher schiere Unzufriedenheit und die ganz persönliche Sorge um die eigenen Lieben ein Antrieb sein können, wird an Jule selbst deutlich gemacht, die bei allem Zugewinn an Kenntnissen und Fertigkeiten immer noch keine strahlende Heldin abgibt, sondern weiterhin sehr menschlich, voller Fehler und Schwächen, zwischen den kleinen Freuden, die scharfe Pizza, Zimmerpflanzen und Popkultur selbst in einem an allen Ecken und Enden krankenden System noch zu bieten haben, ihren Weg geht.

Wie sehr dieser vorgezeichnet sein könnte, erweist sich, als sie durch ihre Mutter einen mysteriösen Comic aus der Feder ihres Vaters erhält, in dem ein Exemplar einer ausgestorbenen Vogelart die Hauptrolle spielt, wobei sich immer mehr Parallelen zu Jules eigener Situation aufdrängen (und man zu ahnen beginnt, was es mit dem Serientitel Der letzte Schlüssel auf sich haben könnte). Dies ist übrigens nicht der einzige Fall, in dem ein erzählendes Werk im Roman auf dessen Welt ausgedeutet wird – ein hübscher literarischer Trick, der einen daran erinnert, dass die Zustände in Jules fiktiver Heimat, die gekonnt die Balance zwischen Fremdartig-Futuristischem und für uns Vertrautem wahrt, viel über unsere Gegenwart aussagen und Analogien sich förmlich aufdrängen.

Am Ende sind einige der Fragen, die der erste Band aufgeworfen hat, beantwortet oder als falsch gestellt entlarvt, aber mindestens ebenso viele neue haben sich ergeben. Das hält, gemeinsam mit der feinen Ironie, dass Jule zwar eines ihrer selbstgesteckten Ziele durchaus in gewisser Weise erreicht, damit aber nicht ganz die erhoffte Wirkung erzielt, die Neugier auf den Fortgang ihrer Abenteuer wach. Denn dass die Autorin es ihrer Hauptfigur und ihrem Lesepublikum so leicht machen wird, die Vorgehensweise die sich Jule für die Zukunft zurechtlegt, tatsächlich geradewegs zum glorreichen Umsturz führen zu lassen, ist nach allem bisher Gelesenen eigentlich kaum anzunehmen, und so darf man gespannt bleiben, was sich in Arges noch ergeben wird.

Marie Meier: Funkenflug. Der letzte Schlüssel 2. Ahrensburg, tredition, 2026, 376 Seiten.
ISBN: 978-3-912037-02-9


Genre: Roman