Ich, Freya, Göttin der Liebe, Göttin des Todes

Der Weltuntergang steht unmittelbar bevor, und die Göttin Freya schmiedet einen Plan, um zumindest ihre Tochter Hnoss vor dem Schlimmsten zu bewahren. Die jugendliche Hnoss hat allerdings ein eher schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter und fordert vor dem unvermeidlichen Abschied die Wahrhaftigkeit, Nähe und Zuneigung ein, die sie oft entbehren musste. So erzählt Freya, obwohl die Zeit drängt, ihrem Kind ihre eigene Lebensgeschichte: Als junge, unerfahrene Göttin im Rahmen eines Geiselaustausches von Wanaheim nach Asgard gelangt und dort in die Obhut der strengen Frigg gegeben, muss sie sich sowohl den Umgang mit ihren eigenen Kräften als auch ihre Stellung unter den Asen hart erarbeiten, vor allem auch im ständigen Konflikt mit deren Anführer Odin. Hilfreich ist dabei nicht nur ihre Freundschaft mit der zupackenden Idun, sondern auch das besondere Band, das sich zwischen Freya und einigen menschlichen Bewohnerinnen Midgards entwickelt. Doch trotz aller Erfolge, die Freya im Kleinen erzielt, rückt das schicksalhafte Ende der Götter unaufhaltsam näher …

Martha Sophie Marcus erzählt in ihrem Roman Ich, Freya, Göttin der Liebe, Göttin des Todes relativ nahe an der Überlieferung insbesondere bei Snorri Sturluson Begebenheiten der altnordischen Mythologie nach und verknüpft damit die mehrere Generationen umspannende Geschichte einer mit Freya eng verbundenen Menschenfamilie, die unter anderem im dänischen Lejre ansässig ist. Wer sich mit den entsprechenden Göttersagen auskennt, weiß daher in groben Zügen im Voraus, was geschehen wird. Es kommt allerdings auf das Wie an, denn Marcus macht mit Freya als im Präsens berichtender Ich-Erzählerin die vertrauten Mythen zu der Geschichte einer aus einer im wahrsten Sinne des Wortes naturverbundenen Daseinsweise in eine unbarmherzige Männerwelt geworfenen Frau, die sich unter den Verhältnissen eines kriegerischen Patriarchats durchbeißen muss.

Dementsprechend sind die männlichen Asen, die sonst oft im Zentrum von Nacherzählungen stehen, auch durch die Bank alles andere als strahlende Helden. Insbesondere Freyas hauptsächlicher Gegenspieler Odin ist hier nicht die ambivalente, aber durchaus reizvolle Gestalt, als die er bei vielen anderen seiner literarischen Auftritte erscheint, sondern in seiner Machtgier, Brutalität, Lüsternheit und letztlich auch Selbstüberschätzung äußerst abstoßend dargestellt. Bei aller Schurkerei hat der verschlagene Loki, der oft genug selbst zum Opfer der gnadenlosen Spielregeln der Götterwelt wird, schon eher Momente, in denen er menschlich wirken darf, wie überhaupt die traditionell „Bösen“, Unheimlichen und Monströsen in diesem Roman ihre sympathischen Züge haben, etwa die Riesin Angrboda oder ihre Tochter Hel.

Ohnehin ist das Buch eben, durchaus in der Tradition der in den letzten Jahren immer häufigeren feministischen Um- und Neudeutung von Mythen in der Fantasyliteratur, primär eine Geschichte über Frauen und ihren Umgang nicht nur mit einem oft feindlichen Umfeld, sondern auch miteinander, und Gutes ergibt sich meist gerade nicht aus dem Nachahmen typisch männlich konnotierter Verhaltensweisen, sondern aus weiblicher Solidarität auch über kulturelle Grenzen und den Tod hinaus. Damit geht einher, dass der Blick nicht vollständig auf die altnordische Welt beschränkt bleibt. So kann man z. B. im Totenreich auch Begegnungen haben, die auf andere historische Zusammenhänge verweisen. Daneben wird das vorhandene Material durch eigene Hinzufügungen ausgebaut, wenn etwa eine Erklärung dafür gefunden wird, warum die Überlieferung eine weibliche Gottheit Nerthus und dann später den männlichen Njörd kennt, oder die nebulöse Gestalt des Odur, der als Gemahl Freyas gilt, klarere Konturen gewinnt. Apropos Ehepartner: Eine typische Liebesgeschichte ist ironischerweise ausgerechnet der Liebesgöttin nicht beschieden, obwohl sie immer wieder mit wechselnden Partnern intim wird.

Vor heiklen Aspekten scheut Marcus in ihrem Roman nicht zurück, sowohl in Bezug auf die Mythologie (wenn etwa der Lokasenna-Vorwurf des Inzests zwischen Freya und ihrem Bruder Freyr aufgegriffen und als nicht völlig unzutreffend, wenn auch wiederum nicht als auf unkomplizierte Weise wahr geschildert wird) als auch bei der Beschreibung des historischen Umfelds, in dem nicht nur kriegerische Gewalt allgegenwärtig ist, sondern auch Sklaverei und eine hohe Kindersterblichkeit das Leben prägen. Da schadet es nicht, dass inmitten all der Düsternis gelegentlich auch ein Hauch Humor aufblitzt („Jormungard, lass das!“) und dass es Passagen gibt, die sich eher wie Abenteuerfantasy lesen, etwa wenn die noch junge Freya durch eine riskante Kletterpartie in der Weltenesche Antworten auf die Frage nach ihren eigenen Kräften sucht.

Ganz gleich, ob man nun allen Wertungen und Interpretationen folgen mag, eine spannende Lektüre, die manche altbekannte Geschichte gegen den Strich bürstet, ist Ich, Freya, Göttin der Liebe, Göttin des Todes also allemal.

Martha Sophie Marcus: Ich, Freya, Göttin der Liebe, Göttin des Todes, o.O. 2026, 392 Seiten.
ISBN: 979-8-258-56461-0


Genre: Roman