Konrad Zarezky verfügt über eine besondere Fähigkeit: Auf übernatürlichem Weg kann er Verlorenes aufspüren und verdient so als Ermittler, der abhandengekommene Haustiere oder Eheringe wiederfindet, seinen Lebensunterhalt. Eine eiserne Regel hat er seit einem üblen Erlebnis allerdings: Menschen sucht er nur unter der Bedingung, dass jemand sie unter harmlosen Umständen aus den Augen verloren hat, denn in eine Tragödie möchte er nun wahrlich nicht wieder hineinstolpern. Als sich jedoch die verzweifelte Judith Jäger an ihn wendet, weil ihre Tochter Laura verschwunden ist, lässt er sich doch auf die Suche ein, auch wenn die Umstände seltsam sind: Judith weigert sich, die Polizei hinzuzuziehen, und verschweigt Konrad offensichtlich Entscheidendes. Allen widrigen Umstände zum Trotz gelingt es ihm zwar, Lauras Aufenthaltsort zu ermitteln, aber damit beginnt das eigentliche Abenteuer erst, denn das junge Mädchen ist in Begleitung des Rasnog Ksirl – einer Art Geisterwesen – und hat unter seinesgleichen mächtige Feinde, die bald nicht nur Konrads dementen Vater in Gefahr bringen, sondern noch viel mehr anrichten könnten …
Finderlohn ist ein in Göttingen und Umgebung angesiedelter Urban-Fantasy-Roman um einen eigenwilligen Helden, der für die Rolle auf den ersten Blick gar nicht taugt: Ich-Erzähler Konrad Zarezky (der für alle, die Here Be Dragons gelesen haben, übrigens ein alter Bekannter ist) hat seine festen Meinungen, was alles von Pferden über Blut bis hin zu ihn bemutternden Frauen angeht, wählt gern den Weg des geringsten Widerstands und weigert sich zunächst einmal strikt, seine magischen Fähigkeiten auch nur als solche zu benennen. Aber wie so oft bei Hannah Steenbock ist seine Geschichte auch eine der Selbstfindung, denn dadurch, dass Konrad aus seiner bevorzugten Bequemlichkeit in ein wildes Abenteuer geworfen wird, in dem nicht nur dämonische Gestalten, sondern auch ein Weltenportal und reichlich körperliche Gewalt eine Rolle spielen, ist er gezwungen, sich tiefer auf seine besonderen Fähigkeiten einzulassen und sich mit manchem auseinanderzusetzen, was er bislang eher gemieden hat.
Ohnehin ist das Überwinden eingefahrener Überzeugungen eines der Grundthemen der Geschichte, die Problemfelder wie Vorurteile, ideologische Verblendung, Manipulation, Rassismus und Ausbeutung in die Fantasy transponiert und am Ende zumindest Hoffnung macht, dass es Auswege geben kann, auch wenn sich zum Schluss beileibe noch nicht alle Schwierigkeiten in Wohlgefallen aufgelöst haben. Denn auch wenn Finderlohn eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählt, bleiben noch genügend Fragen offen (oder werden nur andeutend beantwortet), um eine Fortsetzung nicht nur möglich, sondern wünschenswert erscheinen zu lassen.
Der kammerspielartig kleinen, aber einprägsamen Figurenriege wäre das zu gönnen, denn wie es mit dem Rasnog Ksirl, der zupackenden Laura (die eigentlich mehr Heldenpotenzial als Konrad selbst hat), ihrem Umfeld und Konrads Eltern, von denen zumindest die Mutter mehr zu wissen und zu können scheint, als sie ihm bereitwillig anvertraut, weitergeht, würde man gern lesen. Zur Sogwirkung des Buchs trägt auch der immer wieder aufscheinende Humor bei, denn auch wenn das Abenteuer durchaus lebensgefährlich wird, viel Ernstes abgehandelt wird und insbesondere Tierfreunde tapfer sein müssen, hat die Geschichte Witz, ganz gleich, ob eine Fahrradpumpe kreativ zum Einsatz kommt oder Konrad immer wieder reichlich Kaffee (oder gegebenenfalls auch Rührei) braucht, um zu überstehen, in was er da hineingeraten ist. Wer Lust auf ein spannendes und geradliniges Urban-Fantasy-Abenteuer mit dramatischem Showdown und ganz eigener Erzählstimme hat, kann also mit Finderlohn nicht viel falsch machen.
Hannah Steenbock: Finderlohn. Ein Konrad-Zarezky-Roman. Kiel, Bühsteppe Verlag, 2017 (E-Book).
ISBN: 978-1-386-75182-3