London im 13. Jahrhundert. Gavin Rownt, der sich seinen Lebensunterhalt als Fechtlehrer der Towerwachen verdient, hat sich zugleich einen gewissen Ruf als Ermittler erworben. Daher fordert der mächtige Lord Bohun unter höchster Geheimhaltung seine Dienste an: Im Garten des Stadthauses des Adligen ist der Weinhändler John Townsend, der Bohun als Spion in der von England beherrschten Gascogne diente, ermordet worden, und das anscheinend, bevor er seinem Auftraggeber etwas Wichtiges mitteilen konnte. An die Öffentlichkeit oder auch nur an diejenigen Mitglieder der Hausgemeinschaft, die von der Tat nichts mitbekommen haben, soll davon tunlichst nichts dringen, und so hat Rownt, der unter dem Vorwand, künftig mit der Unterweisung von Bohuns Enkel im Schwertkampf betraut zu sein, bei dem Lord einzieht, seine liebe Not damit, sinnvolle Befragungen durchzuführen.
Dennoch erweist sich bald, dass viel zu viele Leute gute Gründe hätten haben können, Townsend etwas anzutun: Denn neben seiner Spionagetätigkeit war der Kaufmann auch ein Schürzenjäger übelster Sorte, den es wenig kümmerte, ob das jeweilige Objekt seiner Begierde schon anderweitig gebunden oder überhaupt an ihm interessiert war. Die Spanne der Verdächtigen reicht also vom betrogenen Ehemann bis zum belästigten Küchenmädchen, und unter Bohuns Verwandten, Gästen und Bediensteten scheinen auch sonst fast alle ihre Geheimnisse zu haben. Unterdessen wird Rownts alter Freund Graeme Ore vom Constable des Towers selbst für Nachforschungen eingespannt, um in Erfahrung zu bringen, was genau den Schwertmeister eigentlich so lange von seinen üblichen Pflichten fernhält. Doch noch bevor sich die Wege der beiden Ermittler kreuzen können, geschieht ein zweiter Mord …
Die Mediävistin Joyce Lionarons schreibt schon seit Jahren zwei Historienkrimireihen, außer der um Gavin Rownt auch eine zwanzig Jahre später angesiedelte um den Coroner Matthew Cordwainer in York. Die reiche Schreiberfahrung merkt man diesem neuesten Band durchaus an: The Informant ist mit seinen zwei Handlungssträngen um ganz verschiedene Ermittlungen, die am Ende ineinandergreifen, geschickt aufgebaut und bietet die richtige Mischung aus Spannung, Wissenswertem über das alte England und immer wieder auch einem Schuss Humor, ob nun ein Übungskampf sehr schnell und eindeutig beendet ist, bei einer Durchsuchung zwar kein hilfreiches Beweismaterial, aber dafür das mittelalterliche Äquivalent einer Pornosammlung zutage kommt oder Lord Bohun eine selbstironische Bemerkung darüber machen darf, dass, den Namensgebungskonventionen des damaligen Adels getreu, sämtliche lebende Generationen seiner Familie einen Humfrey aufzuweisen haben, was das Leben nicht immer erleichtert.
Neben seiner Krimihandlung ist The Informant in gewissem Maße auch ein historischer Roman über die politisch angespannte Situation während der Statthalterschaft Simons de Montfort in der Gascogne, und zwar – was die Sache reizvoll macht – aus der Sicht eines Durchschnittsmenschen, der mit höfischen Intrigen im Alltag nicht viel zu tun hat. Rownt hat zwar selbst schon als einfacher Soldat in der Gascogne gekämpft, aber das Gewirr aus Machtstreben, strategischen Ehebündnissen und rasch wechselnden Parteinahmen, das Bohuns Leben prägt, ist ihm zu hoch. So ist es gut, dass er stattdessen für Dinge einen Blick hat, die wiederum seinem Auftraggeber entgehen, beispielsweise die Sorgen, Nöte und Wünsche des Gesindes. Auf diese Art werden mit leichter Hand auch Standesunterschiede und ein großer Variantenreichtum von Beziehungen zwischen den einzelnen sozialen Schichten thematisiert. Das macht den literarischen Ausflug in Rownts London über die beiden Mordfälle hinaus interessant und hält die Neugier auf weitere Bände wach.
Joyce Lionarons: The Informant: A Gavin Rownt Medieval Mystery (Gavin Rownt Medieval Mysteries Book 11), o.O. 2026 (E-Book; leider keine Druckfassung verfügbar).