In ihrer Jugend ist Magrete Kopper an einem für sie persönlich sehr bedeutsamen Tag Zeugin der Uraufführung des ersten Teils von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium in Leipzig geworden. Nun, fünfundfünfzig Jahre später, ist sie als Witwe in Hamburg alt und krank (wenn auch nicht ganz so gebrechlich, wie sie ihre Familie aus taktischen Gründen gern glauben macht) und wünscht sich nichts sehnlicher, als dieses für sie so besondere Musikstück zu Weihnachten noch einmal zu hören. Aber auch wenn ihr Sohn Albrecht, ein wohlhabender Glockengießer, gern bereit ist, für eine Aufführung zu bezahlen, ist die Sache nicht ganz so einfach, denn Bach steht in der Publikumsgunst längst nicht mehr hoch im Kurs, und die Noten aufzutreiben, wirkt wie ein unlösbares Problem. Gut also, dass Albrecht Kopper davon weiß, dass die ehemalige Schauspielerin Rosina Vinstedt in der Vergangenheit durch erfolgreiche Ermittlungen von sich reden gemacht hat. Damit beauftragt, die Noten zu beschaffen, kommt Rosina bald nicht mehr weiter: Denn aus dem Nachlass von Bachs jüngst verstorbenem Sohn Carl Philipp Emanuel ist, wie dessen das Notenarchiv verwaltende Tochter Philippine feststellt, ausgerechnet die eine Partitur, auf die es ankommt, spurlos verschwunden. Da Weihnachten nicht mehr fern ist, drängt die Zeit, und so beginnt eine ebenso wilde wie aussichtslos anmutende Suche quer durch die Musikwelt Hamburgs, bis ein glücklicher Zufall allem doch noch eine unerwartete Wendung gibt …
In gewisser Weise kann man Das Weihnachtskonzert von Petra Oelker, obwohl es als eigenständige Weihnachtsgeschichte veröffentlicht ist, als eine Art Abschluss ihrer Krimireihe um die stets abenteuerlustige Rosina lesen. Fünfzehn Jahre nach Im Schwarzen Wasser angesiedelt, bietet das nette Büchlein zwar keinen eigentlichen Krimi (ein Mord oder – so viel sei verraten – sonst ein finsteres Verbrechen steht nicht hinter der Ausgangssituation), aber es gewährt Aufschluss über die weiteren Schicksale einiger liebgewonnener Figuren, übrigens einschließlich einer in der ebenfalls mit der Rosina-Reihe verbundenen Weihnachtsgeschichte Drei Wünsche eingeführten Gestalt.
Neben alten Bekannten treten an historischen Personen Tochter und Witwe Carl Philipp Emanuel Bachs auf; unter den fiktiven sind neben der Glockengießerfamilie auch ein griesgrämiger alter Küster, ein kleines Dienstmädchen mit Träumen von einer großen Gesangskarriere, ein Notenverleger, ein Carilloneur und ein Turmbläser, mit dessen Namensgebung Petra Oelker sich genauso einen Spaß gemacht haben dürfte wie mit der eines für den Kulturbetrieb nur bedingt geeigneten jungen Herrn namens Weimer.
Das geschichtliche Thema, das diesmal im Vordergrund steht, ist natürlich die Haus- und Kirchenmusik, daneben gibt es auch einen Blick auf die Tücken des Postwesens (da Rosinas Mann in geheimer Mission im revolutionären Paris unterwegs ist) und wie immer viele liebevolle kulturhistorische Details am Rande. Petra-Oelker-Fans dürfen sich ohnehin auf einige für die Autorin typische Elemente freuen, so etwa auf den Auftritt einer hungrigen jungen Möwe, der wieder einmal beweist, welche sensiblen Blick Oelker für Tiere hat, oder aber auch auf den Ausbruch aus der einengenden Frauen- und Mädchenrolle in eigentlich dem anderen Geschlecht vorbehaltenen Kleidern und viel Eingehen auf weibliche Lebenssituationen (und die Solidarität, aber auch das Konfliktpotenzial in ihnen) in einer Welt, die es Männern weitaus leichter (wenn auch je nach Stand und Alter nicht immer wirklich einfach) macht, selbstbestimmt ihren Weg zu gehen.
Das ist nicht nur in der Weihnachtszeit nette Lektüre. Schade ist allerdings eines, woran jedoch Petra Oelker nicht die Schuld trägt: Leider hat der Verlag offensichtlich bei den für die bisherigen Bände der Weihnachtsreihe (von denen auf Ardeija.de schon einige besprochen worden sind, etwa Wie der Weihnachtsbaum in die Welt kam, Eine Kiste voller Weihnachten oder Eisweihnacht) so charakteristischen Illustrationen von Andrea Offermann gespart. Zwar gibt es von ihr ein hübsches Titelbild und eine reizende Vor- und Nachsatzgestaltung, in der Figuren der Geschichte, einschließlich der Möwe, zwischen Notenlinien unterwegs sind, aber im Buch selbst fehlen die prächtigen farbigen, teilweise ganzseitigen Bilder, die an den nach dem gleichen Schema gestalteten Vorgängerwerken so viel Vergnügen machen. Die kleinen Schwarz-Weiß-Illustrationen mit Noten zu Anfang und zu Ende entschädigen nicht wirklich dafür. Doch das tut der Geschichte selbst keinen Abbruch, die, heiter und gefällig, gute Laune verbreitet und sich dank ihrer Kürze auch zum schnellen Lesen zwischendurch eignet.
Petra Oelker. Das Weihnachtskonzert. Historischer Roman. Hamburg, Rowohlt Wunderlich, 2026, 176 Seiten.
ISBN: 978-3-8052-0146-9