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Mein Jahr in Haiku

5 – 7 – 5: Das ist das Silbenschema im Haiku, einer kurzen Gedichtform japanischen Ursprungs, die sich aber inzwischen auch im Westen wachsender Beliebtheit erfreut. Thematisch befassen sich Haiku oft mit Naturbeobachtungen in Form von Momentaufnahmen, die eine bestimmte Jahreszeit andeuten.

Diesen formalen und inhaltlichen Kriterien bleibt auch Heike Baller in ihrem frisch erschienenen Gedichtband Mein Jahr in Haiku treu. Vom Vorfrühling über Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter bis zur Rückkehr der ersten Schneeglöckchen führen ihre Haiku durch ein ganzes Jahr, und vielleicht ist es gar keine schlechte Idee, das Büchlein auch tatsächlich Stück für Stück im Jahreslauf zu lesen und sich alle paar Tage mit einem der Dreizeiler einen Moment des Innehaltens zu gönnen.

Dass jeweils nur ein einziges Gedicht auf den quadratischen Seiten steht, unterstreicht, dass jedes Haiku ungeteilte Aufmerksamkeit verdient hat und zum flüchtigen „Weglesen“ viel zu schade ist. Einzelne Seiten sind aber auch durch zu den Gedichten passende Fotos illustriert, die zeigen, was zu dem jeweiligen Haiku inspiriert haben könnte.

Aufgeschlagenes Buch "Mein Jahr in Haiku"

Ein Blick ins aufgeschlagene Buch (Heike Baller: Mein Jahr in Haiku, S. 26 / 27)

Was so schlicht, fast minimalistisch gestaltet ist, hat es aber in sich, denn die Betrachtung von Flora und Fauna ist bei Heike Baller selten bloße Kontemplation, sondern meist entweder mit augenzwinkerndem Humor gewürzt oder mit nie auf-, aber immer eindringlicher Kritik am rücksichtslosen Umgang des Menschen mit der Natur aufgeladen. Vor allem sind ihre Haiku also eines: sprachlich elegant formulierte Denkanstöße.

Die können poetisch sein, wenn von „grünsamtenen Füßen“ (S. 24) die Rede ist oder „winterwindgezauste Wolkenberge“ (S. 59) sich auftürmen, aber es kann auch einmal heftiger zur Sache gehen, wenn „Päoniensex“ (S. 25) vorbereitet wird oder unerwartet „fifty shades of grey“ (S. 42) über einen hereinbrechen. Gelegentlich wird man auch herrlich in die Falle gelockt (wie beim „Frostvollmond“ auf S. 67, mit dem es etwas ganz anderes auf sich hat, als man erwarten könnte). Auch literarische Anspielungen, etwa auf Ringelnatz, finden sich, was bei einer Buchbloggerin und Lyrikexpertin als Dichterin nicht überrascht, aber viel Freude macht.

Ein kleines Nachwort, das nicht nur die Besonderheiten des Haiku erläutert, sondern auch den ebenso scharfen wie liebevollen Blick der Autorin auf Kleinigkeiten am Wegesrand näher erklärt, rundet das Buch ab. Sich von Heike Baller auf ihren literarischen Spaziergang durch alle Jahreszeiten mitnehmen zu lassen, kann also nur empfohlen werden.

Heike Baller: Mein Jahr in Haiku. Norderstedt, BoD (Books on Demand), 2021, 72 Seiten.
ISBN: 978-3754327364


Genre: Anthologie