Der letzte Steinmagier

Seit ein böser Zauberer die schwangere Kaiserin in Stein verwandelt und damit die dynastische Erbfolge unterbrochen hat, herrscht im Kaiserreich Niwaen-ju Bürgerkrieg. Zahlreiche Fürsten ringen um die Macht und bedienen sich dabei der Kräfte der Steinmagier, deren Zahl allerdings immer weiter zurückgeht. Die Schlacht von Wuchao, die eigentlich nur ein Etappensieg für den tyrannischen Fürsten Dayku Quan sein könnte, erweist sich als Wendepunkt, kommen in ihr doch sämtliche verbliebene Steinmagier um – bis auf einen, den jungen und oft unterschätzten Wurishi Yu, den sein Lehrmeister vorausschauend an einem sicheren Ort zurückgelassen hat.
Yu ahnt, dass weder er selbst noch die Zauberspruchsammlung seines Meisters Dayku Quan in die Hände fallen darf, der mit der Verfügungsgewalt über den letzten Rest der Steinmagie Verheerendes anrichten könnte. Die Flucht in ein Nachbarterritorium erscheint als einziger Ausweg, verläuft aber nicht so, wie Yu sie sich vorstellt. Unterwegs wird er nolens volens zum Befreier dreier Gefangener, die sich ihm anschließen. Bald braucht Yu seinerseits ihre Hilfe, denn alles deutet darauf hin, dass die ihm zugedachte Aufgabe sich beileibe nicht darauf beschränkt, magische Schriften in Sicherheit zu bringen …
James A. Sullivan entwirft in Der letzte Steinmagier eine bunte, lebendige und im wahrsten Sinne des Wortes zauberhafte Welt, die an das alte China erinnert. So lehnt sich die eindringliche Schilderung von Statuen, die einzelnen Menschen magisch zur Unsterblichkeit verhelfen können, an die Terrakotta-Armee im Grab des ersten chinesischen Kaisers an. Neben der Archäologie hat aber auch die klassische chinesische Literatur unverkennbar als Inspirationsquelle gedient. Charmant ist z.B., dass Yus Flucht zunächst explizit nach Westen verläuft, denn der Roman Die Reise nach Westen dürfte die Zusammensetzung des kleinen Gefährtentrupps, den Yu um sich schart, durchaus beeinflusst haben. Insbesondere der wohl an die Figur des Affenkönigs Sun Wukong angelehnte Dieb Sankou Yan bringt neben einiger Dynamik auch immer wieder einen guten Schuss Komik in die Geschehnisse ein.
Was sich in dieser fernöstlichen Umgebung abspielt, ist eine Questengeschichte um die Wiederherstellung der legitimen Herrschaft. Liebeswirren und Diebestouren am Rande lockern amüsant die Haupthandlung auf. Der Reiz besteht dabei insgesamt weniger in der Frage, was das Endergebnis von Yus Abenteuern sein wird – dank einer Rahmenerzählung kennt man das als Leserin oder Leser von Anfang an -, sondern in der, wie genau der Weg dorthin verläuft, und in den liebevoll ausgearbeiteten Figuren. Obwohl mehrere von ihnen mit eindrucksvollen magischen Kräften ausgestattet sind und Kämpfe, Verfolgungsjagden und Zaubererduelle in ihrem Verlauf deshalb oft das alltägliche Maß übersteigen, bleiben die Personen, wie von Sullivan gewohnt, stets menschlich und in vielen Fällen auch sympathisch.
Yu ist dabei ein Held abseits der gängigen Fantasyklischees, denn um seine Mission erfolgreich zu bewältigen, setzt er nicht primär auf kriegerische Mittel, sondern in hohem Maße auf Meditation und Bücherwissen, die auf stille Art die magischen Fertigkeiten stärken.
Das Ende der Rahmenhandlung lässt mit seinen Andeutungen über das weitere Schicksal von Yus Gefährten und den Verlauf der Wiederherstellung der kaiserlichen Macht die Möglichkeit einer Fortsetzung offen, zu der es aber bedauerlicherweise in den Jahren seit der Veröffentlichung des Letzten Steinmagiers nie gekommen zu sein scheint. Umso schöner ist es, dass der Autor auf seiner Website eine Kurzgeschichte um Sankou Yan als kostenlosen PDF-Download zur Verfügung stellt, denn wenn es schon kein Sequel gibt, so doch immerhin ein kleines Prequel.

James A. Sullivan: Der letzte Steinmagier. Hamburg, Mira, 2008, 604 Seiten.
ISBN: 978-3899414288

 


Genre: Roman