Noch kein ganzes Jahr ist es her, dass Heike Baller mit Mister Bennet eine originelle Fortsetzung von Jane Austens Stolz und Vorurteil vorgelegt hat. Ihre Regency-Welt baut sie nun mit einem Band mit vier Erzählungen weiter aus, in dem abermals Nebenfiguren aus dem berühmten Roman die Hauptrollen spielen. Diesmal ist die Aufgabe, die sich die Autorin gestellt hat, allerdings noch ein wenig schwieriger als bei ihrem Romandebüt, denn auch wenn in Mister Bennet mit den Schwestern Mary und Kitty sowie ihrem Vater Figuren im Vordergrund stehen, die von Jane Austen mit einem gewissen Spott über ihre Schrullen und Schwächen gezeichnet werden, sind sie doch allesamt weder nach den Maßstäben ihrer Zeit noch nach denen eines modernen Lesepublikums restlos unsympathische Gestalten, sondern Menschen, die man mit etwas weniger spitzer Feder durchaus positiv darstellen kann.
Von den vier Protagonistinnen der Erzählungen im neuen Buch fällt in diese Kategorie allein Georgiana Darcy, Fitzwilliam Darcys kleine Schwester, die zwar im Original jung und naiv genug ist, auf den skrupellosen Verführer George Wickham hereinzufallen, aber ansonsten kein großes Fehlverhalten an den Tag legt. Die drei anderen sind zwiespältigere Charaktere: Charlotte Lucas ist in Stolz und Vorurteil zwar Elizabeth Bennets beste Freundin, geht aber mit dem von dieser gerade zurückgewiesenen Mr Collins aus rein materiellen Erwägungen eine menschlich alles andere als passende Versorgungsehe ein und bildet so eine negative Kontrastfigur zur Heldin des Romans, die den gleichen Zwängen des von Abhängigkeit geprägten Frauendaseins unterworfen ist, aber selbst die noch weitaus vorteilhaftere Heirat mit Darcy zunächst ausschlägt, weil sie eine echte und respektvolle Partnerschaft einzufordern wagt. Auch bei Caroline Bingley, Elizabeths Rivalin um Darcys Gunst, ist einiges an Statusdenken und Berechnung im Spiel, und Lydia Bennet, Wickhams zweites Opfer neben Georgiana Darcy, gerät anders als diese nicht aus Unschuld, sondern aus Leichtsinn und Egoismus in eine unhaltbare Position. Sowohl sie als auch Georgiana erfahren in Mister Bennet eine gewisse Weiterentwicklung, die hier vorausgesetzt wird.
Der Titel Jenseits von Longbourn zeigt also nicht nur eine rein örtliche Neuorientierung an: Während im Elternhaus der Bennet-Schwestern trotz aller zu bewältigen Schwierigkeiten eine relativ heile Welt herrscht, tauchen hier gebrochenere Figuren auf, und auch die Schattenseiten der Epoche werden klarer in den Blick genommen, ob nun der sexuelle Missbrauch von Bediensteten durch ihre Arbeitgeber, die hohe Kindersterblichkeit, die grassierende Armut oder die unruhigen Zeiten in Kontinentaleuropa. All das betrifft die Protagonistinnen zwar nicht am eigenen Leib, aber sie werden auf vielerlei Art damit konfrontiert.
Den Auftakt zu dem Reigen aus vier unterschiedlich langen Erzählungen bildet Charlotte. Die Titelfigur trifft mit ihrem frischgebackenen Ehemann in dessen Pfarrhaus ein und glaubt zunächst, ihre einzigen Herausforderungen bestünden darin, sich in die Führung des Haushalts und die Gesellschaft ihres neuen Heimatorts einzufinden. Doch Mr Collins hütet ein unerfreuliches Geheimnis, und Charlotte beschließt, das nicht einfach auf sich beruhen zu lassen … Was sich daraus ergibt, ist menschlich ziemlich finster, auch wenn natürlich nach außen hin der schöne Schein gewahrt bleibt.
Dass Diskretion für die Gesellschaft der Regency-Ära von höchster Bedeutung war, spielt auch in der Geschichte um Lydia eine Rolle. Nach dem heillosen Scheitern ihrer Ehe mit George Wickham fristet sie getrennt von ihm ein bescheidenes Dasein als vermeintliche Witwe, gerät aber an ihrem neuen Wohnort in Kontakt zu den Kreisen französischer Revolutionsflüchtlinge und infolgedessen schließlich in ein nicht ganz astreines neues Leben in London, das ihr aber sehr behagt. Ein Ärger also, dass sie dort unversehens besorgten Verwandten über den Weg läuft …
Kürzer und weniger abenteuerlich stellt sich die Schilderung des weiteren Werdegangs von Caroline da, die sich selbst treu bleibt und, da die ersehnte Ehe mit Fitzwilliam Darcy nicht länger im Bereich des realistisch Erwartbaren liegt, einen anderen möglichen Partner ins Auge fasst, den es zu erobern gilt.
Keinerlei diesbezügliche Pläne hat Georgiana, die, gesellschaftlichen Verpflichtungen eher abhold, ganz in ihrer Liebe zur Musik aufgeht. Als sie sich, um ihren Klavierlehrer bei der Eröffnung seiner Musikschule zu unterstützen, zu einem öffentlichen Auftritt in London überreden lässt, hat das ungeahnte Folgen, denn ein aufdringlicher Herr, dem sie bei der Gelegenheit begegnet, lässt nicht locker und könnte sie in ernsthafte Schwierigkeiten bringen …
In Ton und Inhalt sind die vier Geschichten so unterschiedlich wie ihre jeweiligen Heldinnen (bzw. teilweise auch Antiheldinnen), aber allen ist gemeinsam, dass Heike Baller mit viel Freude historische Alltagsdetails ausmalt, von Küchenarbeiten über Einzelheiten der Mode bis hin zu Musik und Literatur der Zeit. Einen Spaß erlaubt sie sich in einigen Fällen mit den Namen: So ist etwa ein Joseph Fairchild nicht nur so „fair“ und anständig, wie sein Nachname vermuten lässt, sondern geht auch eine Ehe ein, die mit der des biblischen Joseph einiges gemein hat, und wenn Lydia sich in ihrer Tarnung als Witwe ausgerechnet „Mrs Dashford“ nennt, evoziert das natürlich andere Austen-Figuren, die beiden auf ihre jeweilige Art durchaus romantisch veranlagten Schwestern Dashwood ebenso wie die moralisch eher fragwürdigen Geschwister Crawford, eine Mischung, die nicht schlecht zu Lydia passt.
Bei allem nicht nur in dieser Hinsicht aufblitzenden Humor behandeln die Erzählungen in Jenseits von Longbourn aber doch ein ernstes Thema, nämlich das weiblicher Handlungsspielräume in einer Gesellschaft, die Mädchen und Frauen weitaus geringere Freiheiten zugesteht als Jungen und Männern. So ist der Band auf hintergründige Art in den Bereich des feministischen Schreibens einzuordnen, und man fragt sich gespannt, ob damit nun für Heike Baller schon das letzte Wort zu Jane Austen gesprochen ist oder ob sie weitere Ansatzpunkte finden wird, sich mit deren Werk literarisch auseinanderzusetzen.
Heike Baller: Jenseits von Longbourn. Erzählungen. Hamburg, BoD, 2026.