Marco Polo. Bis ans Ende der Welt

Schon seit Jahren befindet sich Rustichello da Pisa unter immer erbärmlicheren Bedingungen in genuesischer Kriegsgefangenschaft, als die Ankunft eines neuen Zellennachbarn sein in Leid und Kummer erstarrtes Dasein gründlich durcheinanderwirbelt. Denn Marco Polo, der nach einer verlorenen Seeschlacht im Kerker gelandet ist, hat Aufregendes über seine weite Reise mit seinem Vater Nicolò und seinem Onkel Maffeo, seinen langen Aufenthalt in einer märchenhaften Fremde am Hofe Kublai Khans und seine unter keinem guten Stern stehende Liebe zu der mongolischen Prinzessin Kokachin zu erzählen. Seine Geschichten lassen nicht nur Rustichello neuen Lebensmut schöpfen, sondern gefallen auch den sonst oft brutalen und verächtlichen Wärtern so gut, dass sie den Weg zu besseren Haftbedingungen und allerlei Vergünstigungen ebnen, die sich Rustichello trotz aller Zweifel, ob sein neuer Freund überhaupt die Wahrheit sagt oder nur gekonnt fabuliert, gern gefallen lässt. Erst ganz allmählich beginnt er zu begreifen, dass vielleicht nicht er selbst, sondern der scheinbar so gewandte Marco Polo derjenige ist, der am meisten Hilfe braucht – und dass sich eine ungeahnte Möglichkeit bieten könnte, ihn zu unterstützen.

Wer einen Roman über eine berühmte und mehr oder minder gut dokumentierte historische Persönlichkeit schreibt, steht immer vor dem Problem, die Quellen mit einer Handlung in Einklang zu bringen, die trotz des in aller Regel schon im Voraus bekannten Ausgangs spannend bleibt. Oliver Plaschka wählt in Marco Polo. Bis ans Ende der Welt die elegante Lösung, gar nicht erst eine allzu exakte Rekonstruktion dessen zu versuchen, was sich in der Realität auf Marco Polos Reisen und bei seinem Aufenthalt im mongolisch beherrschten China abgespielt haben könnte, sondern bewusst eine in vielen Teilen erfundene und manchmal auch vom historisch Belegbaren oder Anzunehmenden abweichende Geschichte zu erzählen. Dank des Kunstgriffs der Rahmenhandlung im Gefängnis, dessen Mikrokosmos in einer vielfältigen Wechselbeziehung zu der in den Geschichten aufscheinenden großen weiten Welt steht, ist auch nie ganz sicher, ob Marco Polo ein sehr zuverlässiger Erzähler ist oder hier und da etwas ausschmückt und spontan dem Publikumsgeschmack anpasst. Fest steht nur, dass er je nach Zuhörerschaft unterschiedlich viel enthüllt und manches auch gar nicht in die Verschriftlichung seiner Geschichten, die Rustichello irgendwann anzufertigen beginnt, einfließen sehen will.

Geschickt schildern Rahmen- wie Binnenhandlung jeweils eine Geschichte von Aufstieg (in den Gefängnisszenen sehr wörtlich aus dem Keller in bequemere Geschosse, in denen mit fast schon vergessenen Freuden wie einem Bad oder einem Blick auf den Himmel zu rechnen ist) und Fall und weisen auch atmosphärische Parallelen auf. Ist in der frühen Phase, in der Marcos Erzählungen für Rustichello zum innerlichen Ausweg aus der Gefängnisenge werden, die Binnenhandlung noch von viel Fernweh, Entdeckerfreude und Begeisterung für den Kontakt mit fremden Sprachen, Kulturen sowie Religionen, ja sogar von fast mystischen Erlebnissen (in denen immer wieder weiße Pferde eine Rolle spielen), geprägt, erweist sich Kublai Khans in seinem Prunk und seiner Weite zunächst wie eine Zauberwelt anmutendes Reich, in dem Marco beneidenswert schnell Karriere macht (sich aber auch schon einmal ungewollt im Tigerkäfig wiederfindet), nach und nach als nur von Gewalt und Unfreiheit zusammengehaltenes Gebilde, ganz gleich, ob bei grausamen Kriegszügen ganze Städte ausgelöscht werden oder der Herrscher mit harter Hand tatsächliche oder vermeintliche Untaten mit drastischen Hinrichtungsmethoden oder Verstümmelungen ahndet und mit Anschlägen von Neidern und Missgünstigen jederzeit zu rechnen ist. Kein Wunder also, dass sich sogar die (halbwegs) Guten irgendwann eines ninjahaften Auftragsmörders bedienen oder selbst eiskalt jemanden meucheln, der ihren Plänen im Wege steht – denn ob man in einer von Macht- und Geldgier geprägten Umwelt, in der der einzelne Mensch und seine Interessen und Bedürfnisse wenig zählen, anständig bleiben kann, ist eine Frage, die immer wieder aufgeworfen wird, es sei denn, man hat gar nicht erst den Drang, es zu versuchen, wie etwa der umtriebige Maffeo (ein fürchterlicher Mensch, aber eine gelungen gezeichnete Romanfigur).

Mag die Handlung selbst auch noch so phantasievoll ausgestaltet sein, die Hintergründe sind gut und genau recherchiert, so dass in unterhaltsamer Form eine Fülle von Wissen über die Geschichte des 13. Jahrhunderts und kulturhistorische Details auch abseits von Marco Polos großer Reise mit einfließt. Auf welche Quellen und Darstellungen der Autor dabei zurückgegriffen hat, enthüllt das dankenswert ausführliche Nachwort, das auch Abweichungen vom historisch Überlieferten (und die dramaturgischen und sonstigen Gründe dafür) detailliert offenlegt. Auch eine nützliche Auswahlbibliographie wird geboten. Stutzig macht einen angesichts dieser Akribie  allein, dass die italienische Anrede Messere („mein Herr“, analog zum französischen Monsieur) offenbar als eingedeutschtes Fremdwort verwendet wird und so im Plural Messeres (statt Messeri) steht und auch beim Gebrauch direkt vor einem Namen nicht, wie man erwarten würde, das End-E wegfällt (vielleicht, um eine Verwechslung mit dem gleich geschriebenen deutschen „Messer“ zu vermeiden?).

Vor allem aber ist Marco Polo ein Buch über die Macht von Geschichten und die Kunst des Erzählens, die Menschen auch in den unwahrscheinlichsten Situationen zusammenführen kann, aber auch der Selbstdarstellung und Identitätsfindung, bisweilen allerdings sogar der Manipulation dient. Das gilt nicht nur für die Rahmenhandlung: Auch in der Reiseerzählung kommt es immer wieder zu Situationen, in denen erzählt wird, wobei Marco hier meist in der Zuhörerrolle erscheint (und im Zuge dessen eine Erklärung dafür angeboten wird, wie einige der sagenhafteren Elemente seines Reiseberichts – so etwa die Geschichte um den Priesterkönig Johannes – ihren Weg zu ihm gefunden haben könnten), während er später als Erzähler auch Dinge wiedergibt, die er selbst nur aus zweiter Hand weiß. Die Wahrheit ist nicht nur in diesen Fällen schwer zu ermitteln, und nicht ohne Grund findet der venezianische Karneval mit seinen Masken hier und da Erwähnung. Denn beileibe nicht jede Figur ist, was sie auf den ersten Blick zu sein scheint, und manch eine schlüpft im Laufe der Handlung zeitweise oder dauerhaft in eine neue Rolle. Das erlaubt einige überraschende Wendungen, und auch das Ende, in dem Rahmen- und Binnenhandlung bis zu einem gewissen Grade zusammenfinden, gestaltet sich vielleicht nicht so, wie man zu Anfang hätte vermuten können.

Bei allem Ernst erzählt Oliver Plaschka durchaus nicht ohne Humor, der sich teilweise in gelungen geschilderter Situationskomik äußert (Dromedarreiten ist nichts für schwache Nerven und Tee kein Getränk für den europäischen Gaumen des Mittelalters), manchmal aber auch als historischer Insiderwitz aufblitzt, wenn etwa Marco Polo spekuliert, sein Onkel Maffeo werde aus der geplanten Ehe seines Neffen mit Donata Badoer mindestens drei Söhne erwarten. Wer sich schon einmal mit dem Testament des historischen Marco Polo befasst hat, weiß, dass es an der nötigen Anzahl von Versuchen offenbar nicht gefehlt hat – wohl aber am „Erfolg“ nach den Maßstäben des literarischen Maffeo.

Alles in allem bietet Marco Polo Spannung und Unterhaltung auf einem hohen Niveau, das andere historische Romane oft vermissen lassen, und ist so trotz des Buchumfangs ein schnell verschlungenes Lesevergnügen, das auch mit der Epoche Vertraute immer wieder zu erstaunen vermag.

Oliver Plaschka: Marco Polo. Bis ans Ende der Welt. München, Droemer Knaur, 2016 (E-Book; Druckausgabe: 864 Seiten).
ISBN: 978-3-426-43602-8


Genre: Roman