Unter dem Ahorn

Chief Inspector Armand Gamache und sein Stellvertreter Jean-Guy Beauvoir werden zu einem ungewöhnlichen Einsatz gerufen: In einem einsamen Kloster in der kanadischen Wildnis, das erst kürzlich durch den ungeahnten Erfolg seiner CD mit gregorianischen Gesängen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt ist, liegt der Chorleiter Frère Mathieu erschlagen im für Außenstehende nicht zugänglichen Garten des Abts. Schnell zeichnet sich ab, dass die scheinbar so friedliche Gemeinschaft tief gespalten ist und mehr als einer der Mönche ein Motiv gehabt hätte, den Mord zu begehen. Aber noch bevor Gamache und Beauvoir auch nur herausfinden können, was es mit dem geheimnisvollen Pergament auf sich hat, das Mathieu an seinem Todestag bei sich hatte, taucht im Kloster auch noch ihr feindseliger Vorgesetzter Sylvain Francoeur auf, der nichts Gutes im Schilde führt. So droht der schon länger schwelende Konflikt innerhalb der Polizei zu eskalieren, während der Mörder immer noch unerkannt ist …

Louise Pennys Krimireihe um Armand Gamache, den Leiter der Mordkommission von Québec, ist eigentlich eine der besten Serien, die das Genre in den letzten Jahren gesehen hat. Umso mehr überrascht es, dass Unter dem Ahorn, der neueste auf Deutsch erschienene Band, auf ganzer Linie enttäuscht. Zumindest in einer Hinsicht ist das allerdings nicht die Schuld der Autorin: Die Übersetzung von Sepp Leeb weicht in Wortwahl und Sprachduktus erheblich von den übrigen Teilen der Reihe ab (die überwiegend von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck übersetzt wurden), so dass sich die gewohnte Atmosphäre nicht einstellen will.

Abgesehen von dem Eindruck, dass hier ein etwas härterer und „dreckigerer“ Krimitonfall als bisher angestrebt und gerade auch Figuren wie Gamache in den Mund gelegt wird, zu denen er nicht gut passt, finden sich an manchen Stellen eher unglückliche Übersetzungsentscheidungen. So fragt man sich z.B., warum mehrfach die englische Anrede „Sir“ (von Gamache an Francoeur gerichtet, S. 326, oder von Frère Sébastien Gamache gegenüber, S. 494) in der deutschen Fassung stehen geblieben ist, obwohl die Beteiligten an der jeweiligen Unterhaltung allesamt französischsprachig sind und sich vermutlich nicht unbedingt auf Englisch austauschen.

Das alles wäre vielleicht noch zu verschmerzen, wenn der Band wenigstens inhaltlich überzeugen würde, aber das ist nicht der Fall. Durch die Beschränkung der Handlung auf das entlegene Kloster opfert Louise Penny eine der größten Stärken ihrer Reihe: Das Dorf Three Pines und seine herrlich exzentrische Bewohnerschar kommen hier bis auf eine Erwähnung im Nebensatz überhaupt nicht vor. Der eher düstere Mikrokosmos des Klosters bildet keinen adäquaten Ersatz dafür, zumal es, von ein paar Modernisierungen wie Solarstrom und Erdwärmeheizung abgesehen, eher aus einem Schauerroman des 19. Jahrhunderts stammen könnte, als glaubwürdig modernes Ordensleben abzubilden. Hier gibt es mehr Geheimtüren und jahrhundertelang erfolgreich Verborgenes, als man in einem ansonsten mehr oder minder realistischen Krimi erwarten würde.

Der Mordfall selbst wirkt wie eine etwas plumpe Hommage an den Klosterkrimi schlechthin, Umberto Ecos Namen der Rose. Zwar hält sich das Blutvergießen bei Louise Penny im Vergleich dazu in Grenzen, aber hier wie dort wird aus ideologischen Gründen gemordet, um die eigene Deutungshoheit über ein wichtiges Kulturgut zu bewahren, und auch der Auftritt eines dominikanischen Inquisitors (pardon, eines Abgesandten der vatikanischen Glaubenskongregation) darf natürlich nicht fehlen. Nicht nur aufgrund der Orientierung am berühmten Vorbild ist der Mörder relativ früh zu erraten, aber der Fall an sich ist Penny wohl auch weniger wichtig als der Versuch, mit aller Macht die Parallelen zwischen dem Kloster und der ebenfalls zerstrittenen Sûreté herauszuarbeiten. Orden wie Polizei sind eingeschworene Gemeinschaften, die Übeltäter in den eigenen Reihen nur ungern an die Außenwelt ausliefern und in denen bei Konflikten zwischen Führungspersönlichkeiten jeder Einzelne entscheiden muss, auf welcher Seite er stehen will. Dass Beauvoir, der in diesem Buch solch eine Wahl treffen muss, zu allem Elend auch noch in einem der Mönche gewissermaßen sein geistliches Spiegelbild erblickt, ist reichlich dick aufgetragen.

Hier und da blitzt dennoch etwas von dem auf, was Pennys Romane sonst so lesens- und liebenswert macht, etwa in der von beiden Beteiligten noch geheim gehaltenen Beziehung zwischen Beauvoir und Gamaches Tochter Annie oder in einigen humorvollen Szenen, sei es, dass Gamache im Bademantel in die Morgenandacht der Mönche stolpert oder dass die klostereigene Pralinenproduktion sich für die Polizisten immer wieder als unwiderstehliche Verführung zum kulinarischen Sündigen erweist.

Ein vollkommen schlechtes Buch ist Unter dem Ahorn daher nicht, aber doch eben der bisher schwächste Band der Reihe. Man kann nur hoffen, dass es ab dem folgenden Roman wieder bergauf geht und Louise Penny zu Lakritzpfeifen und spritzigen Dialogen zurückkehrt, statt sich weiter wie hier in allzu grobschlächtiger Symbolik zu üben.

Louise Penny: Unter dem Ahorn. Der achte Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2021, 556 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12029-2

 

 

 


Genre: Roman