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Bretonische Verhältnisse

Kommissar Georges Dupin, aus Paris in die Bretagne strafversetzt, aber mittlerweile ganz gut in der neuen Heimat angekommen, sieht sich mit einem mysteriösen Mordfall konfrontiert: Im Künstlerort Pont-Aven wird ein alter Hotelier erstochen. Wer könnte ein Motiv gehabt haben – die Angehörigen, zu denen das Opfer ein gespanntes Verhältnis hatte, die Hotelangestellten, der langjährige beste Freund oder vielleicht doch der undurchsichtige Direktor des örtlichen Museums? Alles erscheint in ganz neuem Licht, als Dupin herausfindet, dass der Ermordete ein Geheimnis hatte, das mit den Aufenhalten des berühmten Malers Paul Gauguin in Pont-Aven zusammenhängt. Doch dann wird eine zweite Leiche gefunden …
Wenn man erst spät ein bekanntes Buch liest, aus dem sich inzwischen eine seit Jahren erfolgreiche Serie entwickelt hat, verändert das unweigerlich den Blick: Die Erwartungen sind hoch, aber zugleich hegt man vielleicht eine gewisse Skepsis, ob der Hype wirklich berechtigt ist.
In diesem Fall erkennt man jedoch bei der Lektüre rasch, dass Bannalecs Krimis ihre Popularität verdient haben: Ein spannender Fall, ein eingängig gezeichnetes Ermittlerteam um den in allen Lebenslagen Unmengen von Kaffee trinkenden Kommissar und augenzwinkernde Seitenhiebe auf Klischees des Genres bieten glänzende Unterhaltung.
Der Hauptreiz liegt aber natürlich gar nicht so sehr in der Aufklärung des Mordes, sondern in der liebevollen Schilderung der Bretagne einschließlich ihrer Eigenarten, kulinarischen Köstlichkeiten, landschaftlichen Schönheit und Sehenswürdigkeiten. Gelegentlich wird ziemlich deutlich, dass Bannalec dabei für eine gute Beschreibung auch gern Umwege der Handlung (und seines Helden) in Kauf nimmt: So gelangt Dupin z.B. gegen Ende des Romans auf der Suche nach einem Beweisstück in einen besonders pittoresken Ort, der selbstverständlich in allen Details schwelgerisch heraufbeschworen wird, bevor sich erweist, dass der Kommissar vielleicht doch besser an anderer Stelle nachsehen sollte.
Zentral ist natürlich auch die Geschichte der Schule von Pont-Aven, wobei der Autor die realen kunsthistorischen Details gekonnt mit fiktiven verknüpft und ein Gemälde hinzuerfindet, das zwar in Wirklichkeit nicht existiert, sich aber durchaus glaubwürdig ins Œuvre des Künstlers einfügt, dem es zugeschrieben wird.
Ein Wermutstropfen sei allerdings nicht verschwiegen: Sprachlich ist leider nicht alles perfekt. Der Roman hätte ein gründlicheres Lektorat und Korrektorat gebrauchen können. Die Liste des Verbesserungswürdigen reicht von Tippfehlern und anderen Kleinigkeiten (so hat z.B. Pont-Aven im Text – anders als auf der beigefügten Karte – rätselhafterweise durchgängig keinen Bindestrich) über doch recht viele vermeidbare Wortwiederholungen bis hin zu Formulierungen, die so umgangssprachlich sind, dass sie schon an Grammatikfehler grenzen („brauchen“ mit Infinitiv ohne „zu“). Da es sich bei der mir vorliegenden Ausgabe schon um die vierte Auflage des Romans handelt, ist es doppelt bedauerlich, dass solche Schnitzer entweder niemandem aufgefallen sind oder vom Verlag schlicht als unwichtig eingestuft werden.
Ein gutes Buch sind die Bretonischen Verhältnisse trotzdem ohne jede Frage, aber gerade deshalb hätten sie den fehlenden Feinschliff unbedingt verdient.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Verhältnisse. Ein Fall für Kommissar Dupin. 4. Aufl. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2012, 302 Seiten.
ISBN: 978-3462044065


Genre: Roman