Seit vielen Jahren zieht Garelun als Abenteurer durch die Lande, doch mitten in einem Drachenkampf überkommt ihn die Erkenntnis, dass es so mit seinem Leben nicht weitergehen kann. So beschließt er, mit seinem magischen Begleittier, dem oft in Fuchsgestalt erscheinenden Beregaun, und einem ganzen Wagen voller Schätze zu einer letzten Reise aufzubrechen und sich in der Küstenstadt Nerumath niederlassen. Doch die Vergangenheit reist dabei mit, denn die Gefährten, von denen Garelun nun Abschied nimmt, waren nicht seine ersten: Vor langer Zeit, im schrecklichen „Winter der Verluste“, kam ein Großteil von Gareluns damaliger Freundesgruppe ums Leben, und Melriku, die einzige Überlebende außer ihm, für die er seither tiefere Gefühle hegt, will ihn nicht wiedersehen. Bald sind es allerdings nicht mehr Erinnerungen allein, mit denen Garelun sich auseinandersetzen muss: Sein Ruhm als Schwertkämpfer sorgt dafür, dass er schnell einen duellwütigen jungen Mann am Hals hat, der sich unbedingt mit ihm messen will, eine hartnäckige Bande von Auftragsdieben hat es auf ein ganz bestimmtes Stück in seinem Besitz abgesehen, und auch Angehörige vermeintlich seriöser Institutionen entwickeln einige kriminelle Energie, um von ihm zu bekommen, was sie wollen … Und dann taucht auch noch Melriku wieder auf. Ob es Garelun wohl trotz allem noch glückt, sich in den friedlichen Ruhestand zurückzuziehen, der ihm vorschwebt?
James A. Sullivans neuer Roman Das Lied der letzten Reise wird als cozy fantasy beworben, und in gewisser Hinsicht trifft das auch zu: Ungeachtet aller Schwierigkeiten, mit denen Garelun sich konfrontiert sieht, passiert – so viel sei verraten – in der Jetztzeit der Handlung nichts allzu Scheußliches, und dank der warmherzigen und liebevollen Art, in der Sullivan mit viel Nachsicht für (nicht nur) menschliche Schwächen von seinen Figuren erzählt, strahlt das Buch eine positive Grundstimmung aus. Es wird ihm aber nicht gerecht, es mit den bei allem Charme doch oft etwas oberflächlichen typischen Vertretern des Genres in einen Topf zu werfen, die meist eine formelhafte Geschichte darüber erzählen, wie eine Abenteurergestalt an einem idyllischen Ort ein Lokal oder einen Laden eröffnet und nach einigen kleinen Hindernissen und vielleicht noch einem letzten großen Kampf ihr Glück findet. Die Möglichkeit, eine Taverne zu eröffnen, wird von Garelun zwar anfangs einmal in augenzwinkernder Anspielung auf solche Konstellationen erwähnt, aber so simpel wird es nicht. Denn Das Lied der letzten Reise ist auch ein anspielungsreicher Roman mit Tiefgang, der nicht naiv die Welt eigentlich doch ganz schön sein lässt, sondern vielmehr zeigt, wie sich Einzelpersonen oder Gemeinschaften trotz bedenklicher gesellschaftlicher Tendenzen im Kleinen behaupten können.
Garelun, der zu den schon in Sullivans Chroniken von Beskadur auftretenden Belraunen gehört, teilweise aber auch menschlicher Abstammung ist und brutal der für sein Volk charakteristischen Flügel beraubt wurde, entspricht dabei geradezu idealtypisch dem bei Sullivan schon seit seinem Nuramon immer wieder in wechselnden Ausprägungen erscheinenden Protagonisten, der, magisch hochbegabt, wissensdurstig und kämpferisch, zwischen den Kulturen steht und trotz seiner vielseitigen Talente dementsprechend eine Außenseiterrolle einnimmt, diesmal allerdings in herangereifter Form und nicht mit einem überlangen Elfenleben gesegnet. Was an Garelun ungeheures Vergnügen macht, ist, dass ihn nach allem, was er schon erlebt hat, so leicht nichts mehr erschüttern kann und er sich gesellschaftlichen Erwartungen ebenso konsequent entzieht wie denen eines Lesepublikums, das zumindest unbewusst gewisse Vorstellungen an einen alternden Fantasykämpen herantragen und hier doch so manches Mal von ihm überrascht werden dürfte.
Einen Teil seiner Weisheit verdankt er dabei eindeutig Wolframs von Eschenbach Parzival, auf den immer wieder angespielt wird, vom vielfach evozierten Elsterngleichnis über Gareluns Rat, Leute, die einem auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sind, zu animieren, sich in den Dienst anderer zu stellen, bis hin zu der Tatsache, dass Beregauns Erscheinungsform als schwarzweiß gescheckter Fuchs die Bezeichnung „Feirefuchs“ trägt, mithin also nach der ebenfalls zwischen Schwarz und Weiß stehenden Figur Feirefiz benannt ist. Apropos Beregaun: Der ist nicht nur ein niedlicher Sidekick, sondern hat seine eigene, durchaus tragische Hintergrundgeschichte unabhängig von der Gareluns, wie auch Melriku alles andere als ein austauschbares love interest ist, sondern trotz der ebenso zarten wie realistischen und unsentimentalen Liebesgeschichte, die sich zwischen ihr und ihrem alten Freund entwickelt, eigene Ziele und Interessen verfolgt.
Seinen wichtigsten Schuss Tiefe gewinnt Das Lied der letzten Reise aber vielleicht dadurch, dass es nicht in einer verklärten heilen Welt spielt, sondern aufzeigt, dass auch in den besten Absichten und in Abgrenzung zu tyrannischen Herrschaften gegründete Demokratien (in diesem Fall eine aus den Nachfahren der Knechtschaft entflohener Gefangener bestehende Gesellschaft) nicht vor Gier, Macht und Geltungsdrang und der damit einhergehenden Herausbildung eines neuen (Geld-)Adels gefeit sind, ebenso wenig übrigens, wie respektierte Institutionen der Wissensweitergabe – hier Kämpfergilden und eine Art magischer Universität – alles richtig machen. Dass sich daran vielleicht nicht im Handumdrehen etwas ändern lässt, aber Individuen und kleine Gruppen, die es anders und besser machen wollen, dennoch nicht ganz machtlos sind, weil sie durch ihr Vorbild, durch persönliche Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit, aber auch durch clevere Tricks dem allgemeinen Trend etwas entgegensetzen können, ist eine der wichtigsten Botschaften des Romans, verbunden mit der, dass man alles Schlimme der Vergangenheit zwar nicht ungeschehen machen, aber doch für Gegenwart und Zukunft durchaus seinen Frieden finden und nach vorn schauen kann.
Vor allem aber ist Das Lied der letzten Reise die Art von Fantasy, die einen beim Lesen wohlig in einer detailreich heraufbeschworenen Umgebung mit eindrucksvollen Landschaften, außergewöhnlichen Gebäuden, kulinarischen Genüssen und originellen Fabelwesen versinken lässt, während man den Wegen der Hauptfiguren folgt. Ganz gleich, wie sehr man sich auf die philosophische Ebene des Romans einlassen möchte, eine spannende und schöne Lektüre ist er also auf alle Fälle.
James A. Sullivan: Das Lied der letzten Reise. München, Piper, 2026, 416 Seiten.
ISBN: 978-3-492-70674-2