Der Brief im Taxi

Die Reiseschriftstellerin Cécilie ist mit dem persönlich gutmütigen, beruflich aber ehrgeizigen Banker Gustave verheiratet, der ihren intellektuellen Ansprüchen und ihrer Abenteuerlust mit den Jahren immer weniger gerecht wird. Ihr eigentlicher Vertrauter ist daher ihr Bruder Alexandre, ein lebenslustiger Künstler. Als sie dessen Geliebte Gilberte zum Bahnhof begleitet, verliert Cécilie im Taxi einen Brief brisanten Inhalts. Das Schreiben fällt ausgerechnet dem seit einer ihrer Reisereportagen von ihr faszinierten Paul in die Hände. Cécilie hält ihn fälschlich für einen Erpresser, und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf …
Louise de Vilmorins Roman Der Brief im Taxi, der zuerst 1958 erschien und nun in einer neuen Übersetzung von Patricia Klobusiczky vorliegt, ist ein fein beobachtetes Kammerspiel um Liebe und Lebenslügen. Ein kleiner Reigen von Figuren wird durch den Verlust des titelgebenden Briefs und Cécilies unbedachte Reaktion darauf gezwungen, seine bisherigen Beziehungen zueinander zu überdenken und teilweise neu zu gestalten. Gesunder Menschenverstand ist dabei nicht unbedingt die Stärke der Protagonisten – gerade Cécilie neigt in ihrer exaltierten Art dazu, sich selbst immer wieder ein Bein zu stellen -, doch die Geschichte ist in ihrer oft nur skizzenhaften, aber immer treffenden Figurenzeichnung so schön erzählt, dass man ihr den etwas zu konstruierten auslösenden Vorfall rasch verzeiht.
Louise de Vilmorin ist vor allem eine Meisterin der Umgebungsbeschreibung. Vom originell eingerichteten Haus der Hauptfigur (komplett mit als „Ali-Baba-Höhle“ bezeichneter Bibliothek) über die oft als Treffpunkt genutzten Restaurants bis hin zu den in Gesprächen heraufbeschworenen fernen Weltgegenden  stehen einem die Handlungorte plastisch vor Augen. Gleichzeitig erlaubt sich die Autorin jedoch auch ein charmantes Spiel mit Auslassungen und Nicht-Beschreibungen, am augenfälligsten in der Passage, in der die Tischordnung eines Abendessens nicht geschildert, sondern einfach als schematische Zeichnung präsentiert wird.
Angesichts des präzisen Heraufbeschwörens des äußeren Raums überrascht es nicht, dass das Motiv des Reisens den Roman wie ein roter Faden durchzieht: Ein Aufbruch zu einer Reise wird indirekt zum Auslöser des gesamten Geschehens, die tragikomischen Reiseerinnerungen, in denen Gustaves Vorgesetzter schwelgt, sind das einzig Spannende in einem ansonsten bieder-bürgerlichen Leben, und die  Entfremdung Cécilies von ihrem Mann zeigt sich nicht zuletzt darin, dass für ihn das einst auf den Kauf eines Schiffs und gemeinsame Reisepläne ausgerichtete Geldverdienen längst zum Selbstzweck geworden ist. Fast noch eine größere Rolle als diese tatsächlichen Reisen spielen die imaginierten, denen Cécilie sich immer wieder hingibt. Die Antwort auf die Frage, wer bereit ist, sie darauf zu begleiten (oder aber die gedankliche Mitreise verweigert), sagt viel über das Verhältnis der Betreffenden zu ihr aus. Dass diese Tagträume jedoch keine Realität sind, sondern an pragmatischer, wenn auch gutgemeinter Phantasielosigkeit zerschellen können, sorgt für die entscheidende Wende zum Schluss.
Bis dahin kann man sich aber an der geschilderten Schnittstelle von Bürger- und Künstlermilieu herrlich durchs alte Paris treiben lassen und sich an Patricia Klobusiczkys Sprachkunst erfreuen, da die Übersetzerin gerade in den oft übersteigerten Dialogen überzeugende Lösungen findet, das gewiss nicht immer einfach zu fassende französische Original ins Deutsche zu übertragen.

Louise de Vilmorin: Der Brief im Taxi. Roman. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Zürich, Dörlemann, 2016, 208 Seiten.
ISBN: 9783038200338


Genre: Roman