Der graue Wolf

Der hier besprochene Roman ist Teil einer Reihe, aus der schon mehrere Bände auf Ardeija.de rezensiert worden sind, zuletzt dieser hier.

Als Chief Inspector Armand Gamache einen Anruf von Jeanne Caron erhält, die ihm in der Vergangenheit übel mitgespielt hat, bricht er das Gespräch so schnell wie möglich ab. Bald darauf dämmert ihm jedoch, dass die Angelegenheit damit nicht erledigt ist: Ein junger Biologe arrangiert ein geheimes Treffen mit ihm, um ihn auf eine ernste Bedrohung für die Wasserversorgung von Montréal aufmerksam zu machen, und wird gleich darauf ermordet, der Täter wenig später selbst umgebracht. Sind die genauen Hintergründe auch vorerst ein Rätsel, wird eines bald überdeutlich: Wenn jemand tief in den Fall verstrickt ist, dann ausgerechnet die kürzlich von Gamache so rüde abgewimmelte Caron. Doch um aufzudecken, was wirklich vorgeht, sind umfangreiche Ermittlungen notwendig, die Mitglieder des Teams um Gamache nicht nur in ein abgelegenes Kloster in der kanadischen Wildnis, sondern sogar nach Washington, nach Frankreich und in den Vatikan führen …

Louise Pennys neunzehnter Gamache-Roman Der graue Wolf ist beileibe kein schlechtes Buch, aber eines muss man sich von Anfang an bewusst machen: Es handelt sich nicht um einen typischen Krimi, sondern eher um eine Art Thriller, in dem die Autorin sich Themen von trauriger Aktualität widmet, dem oft rücksichtslosen Umgang von Industrie und Politik mit der Umwelt ebenso wie dem mittlerweile weltweit drohenden Kippen von Demokratien in Autokratien. Eine Aufklärung der verschiedenen Morde (es sind, man ahnt es, mehr als die oben erwähnten) findet durchaus bis zu einem gewissen Grade statt – wer wen getötet hat, ist am Ende aufgedeckt, und zumindest in Ansätzen auch, warum. Doch diese Krimielemente geraten gegenüber der Weltrettung rasch ins Hintertreffen. Relativ schnell ist klar, welches Verhängnis droht und dass wieder einmal nur Gamache und seine engsten Vertrauten etwas dagegen unternehmen können, weil die kanadischen Behörden nach wie vor durch und durch korrupt sind.

So resultiert die Spannung eher daraus, ob es dem Chief Inspector gelingen wird, rechtzeitig die Katastrophe zu verhindern und herauszufinden, auf welcher Seite einzelne Personen stehen, zu denen ein paar alte Bekannte gehören. Wer, wie die Rezensentin, im stillen drei Kreuze gemacht hat, als vor mehreren Bänden der bizarre Klosterfall vorbei war, wird nicht überglücklich sein, dass einige Mönche hier abermals eine Rolle spielen, da dem Orden die Fanatiker anscheinend immer noch nicht ausgegangen sind. Nebenbei mischt auch noch die Mafia in etwas unklarer Absicht mit. Das ist durchaus mitreißend, von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck angenehm übersetzt und in weiten Teilen sehr filmisch geschrieben (die raschen Szenenwechsel erinnern oft an schnelle Schnitte). Hier und da gibt es auch etwas Humor, ob nun ein Buch in einem der besuchten Klöster einen sehr handfesten Einsatz erfährt oder Gamaches Wohnort Three Pines samt seiner exzentrischen Bewohner seinen skurrilen Charme spielen lassen darf.

Insgesamt tritt jedoch Louise Pennys Talent für das feine Ausloten zwischenmenschlicher Beziehungen hinter der schieren Tragweite des zu verhindernden Verbrechens zurück, und das dürfte in dem inzwischen erschienenen Folgeband Der schwarze Wolf wohl nicht anders sein, endet doch Der graue Wolf mit einem Cliffhanger, der signalisiert, dass die hier geschilderten Ereignisse nur der Auftakt zu noch Schlimmerem sind. Gespannt bleiben darf man also, aber höchstwahrscheinlich nicht darauf hoffen, dass die Reihe irgendwann dauerhaft zu Fällen ohne welterschütternde Dimension zurückfindet.

Louise Penny: Der graue Wolf. Der 19. Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2024 (544 Seiten). 
ISBN: 978-3-311-12105-3

 


Genre: Roman