Die kleine Kanzlei am Markt

Kerstin und Helen betreiben, unterstützt von ihrer patenten Sekretärin Frau Vogt, gemeinsam eine Anwaltskanzlei in München, könnten aber gar nicht gegensätzlicher sein. Während Kerstin sich oft genug zwischen Beruf und Familie aufreibt und eigene Interessen immer wieder zurückstellen muss, führt Helen ein flottes Junggesellinnenleben, fühlt sich aber eigentlich einsam und hegt heimliche Wünsche, die sich in einer klassischen Paarbeziehung gar nicht verwirklichen lassen würden.
Der eingespielte Alltagstrott der drei gerät aus dem Takt, als Frau Vogt dahinterkommt, dass ihr Mann sie betrügt, und Kerstin am selben Tag entdeckt, dass auch ihr zu Hause etwas verschwiegen wird. Helen dagegen schwebt unversehens im siebten Himmel: Nicht genug damit, dass ihre heißgeliebte Nichte nach einem längeren Auslandsaufenthalt bei ihr einzieht, ein überaus attraktiver Mandant entwickelt plötzlich ein alles andere als geschäftliches Interesse an ihr. Aber kann das lange gut gehen?
Die kleine Kanzlei am Markt ist ein ruhig erzählter Unterhaltungsroman, dem man anmerkt, wie viel Herzblut und Begeisterung Elly Sellers in die Geschichte gesteckt hat. Detailfreudig entwickelt sie ihre Figuren und malt das frühlingshafte München als Schauplatz liebevoll aus. Insbesondere kulinarische Köstlichkeiten spielen dabei eine große Rolle, ganz gleich, ob die Protagonistinnen gerade selbst den Kochlöffel schwingen oder Cafés, Restaurants und Delikatessengeschäfte aufsuchen. Die Gefahr, Appetit auf alles Mögliche von Pfannkuchen über belgische Pralinen bis hin zur Riesenportion Erdbeeren zu bekommen, ist beim Lesen eindeutig immer wieder gegeben. Doch auch Unternehmungen wie Wanderungen, Joggingrunden oder Museumsbesuche kommen nicht zu kurz und bilden einen vergnüglichen Kontrapunkt zur minutiös beschriebenen Arbeit in der Kanzlei. Da Elly Sellers selbst Anwältin ist, weiß sie, worüber sie schreibt, und erlaubt sich auch Seitenhiebe auf die übertriebene Darstellung des Berufs in den einschlägigen Anwaltsserien im Fernsehen.
Apropos Fernsehen: Die Handlung mit ihrem slice-of-life-Ansatz könnte man sich auch gut als Serie verfilmt vorstellen. Vorhersagbar verläuft sie übrigens nicht, denn die Heldinnen schlagen teilweise unerwartete Wege ein, um ihr Glück zu finden. Sympathisch ist, dass sehr unterschiedliche Lebensentwürfe als gleichermaßen legitim dargestellt werden, statt eine Lösung als passend für alle zu präsentieren. Formelhaft wie im klassischen Liebesroman entwickeln sich die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht.
Wer noch eine leichte, lockere und immer wieder auch humorvolle Sommerlektüre sucht, die überraschende Wendungen bietet, wird hier daher fündig, und vielleicht kann man auch auf eine Fortsetzung um die Erlebnisse der drei Frauen aus der Kanzlei am Markt hoffen. Denn Platz für spannende neue Entwicklungen bleibt am Ende auf jeden Fall.

Elly Sellers: Die kleine Kanzlei am Markt. Norderstedt, Books on Demand, 2018, 338 Seiten.
ISBN: 9783749429820


Genre: Roman