Something Human

Als die Verteidiger der belagerten Stadt Tios einen erfolglosen Ausfall wagen, scheint für den jungen Adares das Ende gekommen zu sein: Nach einem Sturz unter einem Karren eingeklemmt, wird er von seinen Leuten fälschlich für tot gehalten und zurückgelassen. Ausgerechnet Rus, ein kriegerischer Priester aus dem Heer der feindlichen Luth, rettet ihm das Leben, glaubt sich aber nach einer Verwundung durch einen vergifteten Pfeil selbst todgeweiht. Adares kennt ein Heilmittel, und da beiden Männern die Rückkehr zu ihren jeweiligen Truppen vorerst unmöglich ist, suchen sie in einem verlassenen Tempel Zuflucht. Dort kommt es, wie es kommen muss: Aus gegenseitiger Dankbarkeit wird Freundschaft und bald auch mehr. Doch Rus entstammt einer Kultur, die Homosexualität verachtet und von ihren Priestern Keuschheit erwartet, und auch Adares hütet ein Geheimnis, das eine Liebesbeziehung zu einem Kriegsgegner noch weit leichtsinniger erscheinen lässt, als sie es ohnehin schon wäre …
Something Human ist wahrlich kein Roman ohne Fehler und Schwächen: Die sehr ausgedehnten Liebesszenen hätte man gewiss um mindestens zwei Drittel kürzen können, ohne dass die Geschichte dadurch viel verloren hätte, und im Verhalten der Figuren wirkt manches gerade gegen Anfang heillos naiv (so etwa, dass Adares dem immerhin zum gegnerischen Heer gehörenden Rus sehr früh anvertraut, dass es einen heimlichen Weg in die belagerte Stadt gibt).
Dafür entschädigt wird man jedoch durch die lebendige pseudohistorische Welt, die A. J. Demas (alias Alice Degan) aus Versatzstücken antiker Kulturen entwirft und in lebendigen Beschreibungen heraufbeschwört. Auch wenn man also hier von Historienfantasy sprechen könnte, sind die übernatürlichen Elemente sehr zurückgenommen. Ob die Götter tatsächlich ins Geschehen eingreifen oder dies nur von den handelnden Personen so interpretiert wird, bleibt offen, trägt aber stark dazu bei, die erdachte Religion als unverzichtbaren Teil des Romankosmos zu etablieren.
Doch auch abseits davon hat die hier entwickelte fiktive Antike genug zu bieten: Tios erinnert im weitesten Sinne an eine griechische Stadtgründung im Schwarzmeergebiet, wird aber von den Angehörigen einer Kultur bewohnt, die zusätzlich auch römische Züge umfasst (so lautet z.B. der Titel des gewählten Stadtoberhaupts Archon, aber das Militär setzt sich aus Legionen zusammen). Die Luth wiederum erscheinen wie eine Mischung aus Skythen und Kelten, wobei das von ihnen unter anderem als Orakel genutzte, einer rein männlichen Priesterschaft vorbehaltene Stiertötungsritual vielleicht auch Elemente der Mythologie des historischen Mithraskults aufgreift. Angenehm ist, dass die Autorin beide Lebenswelten gleichberechtigt mit ihren Licht- und Schattenseiten schildert und den Kontrast zwischen ihnen nicht zu einem Gegensatz zwischen verfeinerter Zivilisation und tumben Barbaren oder edlen Wilden stilisiert.
Auch auf der Figurenebene werden die diesbezüglich üblichen Klischees genüsslich gebrochen, und die feinfühlige Charakterisierung nicht nur der beiden Helden, sondern auch ihres jeweiligen Umfelds hebt Something Human über den durchschnittlichen Liebesroman hinaus. Der schon im Titel anklingende Appell, in einem vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner immer auch den Mitmenschen zu sehen, durchzieht unterschwellig das ganze Buch. Da nicht nur dies die Protagonisten recht sympathisch macht, gönnt man es ihnen, dass sich einige zunächst unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten dann doch schneller in Wohlgefallen auflösen, als es vielleicht in der Realität geschehen würde. Doch wie oben bereits erwähnt, liegt die große Stärke des Romans auch gar nicht so sehr in der Handlung selbst, sondern darin, dass es gelingt, eine erfundene und in mancherlei Hinsicht fremde Welt überzeugend und im allgemein Menschlichen dann doch wieder vertraut wirken zu lassen. Ein paar vergnügliche Lesestunden abseits ausgetretener Pfade kann Something Human damit auf alle Fälle bieten.

A. J. Demas: Something Human. Toronto, Sexton’s Cottage, 2018, E-Book (auch als Taschenbuch erhältlich).
ISBN Printausgabe: 978-1988086118


Genre: Roman