Seit Jahren ist das Dorf Calispino in seinem Tal samt ein paar umliegenden Weilern und Höfen von der Außenwelt abgeschnitten: Der Dunkle Fürst, als Sohn des Eiselementars nur ein halber Mensch, hat sich in einer nahen Festungsruine eingenistet und mithilfe seines Halbbruders Yolando, seinerseits Sohn des Windelementars, den Ort mit einem undurchdringlichen Wall aus Eis umgeben. Zu einem harten Leben verdammt, ist die Dorfbevölkerung dem Dunklen Fürsten fortan tributpflichtig, und würde Yolando ihnen nicht gelegentlich durch geschmuggelte Lebensmittel beistehen, sähe die Lage wohl noch ernster aus. Die Ich-Erzählerin, Seilerin Izra, träumt heimlich von einem Leben fern ihrer beengenden und konservativen Heimat, in der sie viel Verachtung zu erdulden hat, seit ihre allgemein als anstößig empfundenen Vorliebe für Fesselspielchen sich herumgesprochen hat. Als Yolando im Dorf erscheint, um eine Mätresse für seinen Bruder zu rekrutieren, meldet sie sich daher freiwillig, muss aber bald erkennen, dass der Dunkle Fürst gar kein Interesse an einer Beziehung mit ihr hat, sondern ihre Anwesenheit auf seiner frostigen Festung eher als lästig empfindet. Yolando dagegen erscheint ihr immer attraktiver, doch wie sich rasch erweist, will er etwas ganz anderes als Zuneigung von Izra: Sie soll für ihn seinen Bruder töten und könnte so zur Retterin Calispinos vor Eis und Einsamkeit werden. Aber ist das einen Mord wert – und ist wirklich alles so einfach, wie es scheint?
Mag auch der Titel The Icebound Kingdom der derzeitigen Mode entsprechend englisch sein und der Autorinnenname Juno Reeves ebenfalls fälschlich eine Übersetzung suggerieren, liegt mit der temporeichen und augenzwinkernden Romantasy ein Werk des Autorenduos Judith und Christan Vogt, alias „die Vögte“ vor, die mit dem Pseudonym auf ihren Nachnamen anspielen. Genrebedingt erzählen die beiden in diesem Fall, anders als in ihren stärker als klassische Phantastik angelegten Werken, eine Geschichte, in der eher spezielle erotische Gelüste und ihre Auslebung breiten Raum einnehmen. Je nach persönlichem Geschmack kann einem dieser Aspekt vielleicht ein bisschen zu viel des Guten sein, aber ein wenig wird er dadurch abgefedert, dass nicht nur in diesem Kontext durchaus auch mit den Konventionen der Romantasy gespielt und manch eine davon auf die Schippe genommen wird, so etwa die der naiven Dorfbewohnerin, die einem wesentlich älteren und erfahreneren magischen Mann verfällt – denn mag Izra auch nach den Maßstäben ihrer Gesellschaft eine, wenn auch nicht unschuldige, Jungfrau sein, sie weiß ziemlich genau, was sie im Bett und anderswo will, während es umgekehrt mit Alter und Erfahrung bei Elementarsöhnen so eine Sache ist und auch ihr Äußeres vielleicht nicht ganz das zu bieten hat, was es auf den ersten Blick verspricht – auch wenn man zusammen in einer sehr speziellen Form von Minnegrotte landet …
Zu dem ins Buch eingeflochtenen Humor gehört übrigens auch viel Sprach- und Wortwitz (seien es nun clever eingesetzte Alliterationen, lustige Anspielungen – wenn ganz wortwörtlich eine Schöne gekommen ist – oder schlicht witzige Formulierungen, wenn man es mit „ungeselligen Gesellen“ und einem „zufriedenstellend zugigen Balkon“ zu tun bekommt). Abseits allen Unterhaltungswerts geht es jedoch um die Themen, die das Werk der Vögte seit jeher prägen: Moralvorstellungen und gesellschaftliche Zwänge, unter denen nicht nur, aber auch und vor allem Frauen zu leiden haben (so wird neben der für ihren Seilfetisch verachteten Izra auch die Frauen liebende Raica zur Ausgestoßenen, die gleichwohl weiter wie alle anderen in dem eisumringten Gebiet gefangen ist), chronische Krankheiten (von der Migräne bis zur Allergie), Schönheitsideale, das Anderssein generell, den gemeinschaftlichen Umgang mit einer Krise, in diesem Fall mit einer Klimaveränderung, die – Parallelen zur Gegenwart drängen sich auf – durch (nicht ganz) menschliche Einwirkung verursacht ist, und die Frage, was eigentlich Unterdrückung, was Freiheit ist und ob der offensichtlichste Sündenbock tatsächlich derjenige ist, gegen den man seine Aktivitäten richten sollte.
Anders als bei vielen in den letzten Jahren erschienenen Romanen der beiden (wie etwa Ich, Hannibal, Schildmaid oder den beiden Anarchie-Déco-Bänden) ist der Handlungsort diesmal kein um phantastische Elemente bereicherter historischer, sondern eine vage vom spätmittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Spanien angeregte, aber von fiktiven Glaubenssätzen, Sitten und Gebräuchen geprägte Kulisse, in der die eigentliche Magie mit ihren aus Eis erschaffenen Dienstboten und Zauberstoffen fast gegen die des Alltäglichen verblasst, die sich in Handwerkskunst, Musik und Tanz oder auch in gutem Essen zeigt. In gewissem Sinne ist The Icebound Kingdom also trotz aller übernatürlichen Elemente ein sehr menschliches Buch, gerade hinsichtlich der Art, wie die in Fantasy-Liebesgeschichten derzeit allgegenwärtige Enemies-to-lovers-Thematik behandelt wird. Denn die Vorstellung, einem (hier ganz wörtlich) eiskalten Mann auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein, ist ja selbst für diejenigen, die gern davon lesen, nur so lange vergnüglich, wie sie eben ein Spiel bleibt – und das wird in der Beziehung, auf die Izra sich einlässt, durchaus kritisch reflektiert.
So ist The Icebound Kingdom letzten Endes dann doch ein ziemlich ungewöhnlicher Vertreter seines Genres und vielleicht eher ein literarischer Kommentar dazu, auf alle Fälle aber ein Buch, das wieder einmal die Vielseitigkeit und schriftstellerische Wandelbarkeit von „Juno Reeves“ belegt.
Juno Reeves: The Icebound Kingdom. München, Piper, 2025 (E-Book, auch als Printausgabe erhältlich).
ISBN: 978-3-4926-1119-0