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Die Liebe meines Vaters

Im Jahre 1930 reist der angehende Lehrer Loris aus einer Laune heraus nach Budapest. Für den kunstsinnigen jungen Mann bildet die kosmopolitische Stadt einen verlockenden Gegensatz zur provinziellen Enge seiner württembergischen Heimat. Durch die Zufallsbekanntschaft mit dem Journalisten Béla findet er schnell Anschluss an einen ungarischen Freundeskreis und verliebt sich in die selbstbewusste und intelligente Hutmacherin Éva. Was als unbeschwerte Sommerbeziehung beginnt, wird den beiden trotz langer Trennungsphasen immer wichtiger und steht doch unter keinem guten Stern: Die Verwerfungen am Vorabend des Zweiten Weltkriegs sprengen selbst enge Freundschaften, und der eher unpolitische Loris muss die bittere Erfahrung machen, dass höfliche Zurückhaltung einen nicht davor bewahrt, in den Strudel der Katastrophe gerissen zu werden, die radikalere Geister angestoßen haben. Als er, längst mit einer anderen verheiratet, in den Krieg zieht, der sein weiteres Schicksal bestimmen soll, scheinen seine Budapester Erlebnisse sehr fern – und doch werden sie Jahre später für seine Tochter Maria noch große Bedeutung gewinnen.
Vor allem eine Liebesgeschichte also? Ja und nein. Natürlich ist die Nähe, die sich bei aller nicht nur geographischen Ferne zwischen Loris und Éva entwickelt, der Kern, um den sich die gesamte Handlung entspinnt. Doch der Roman ist auch und vor allem ein pralles Panorama einer bewegten Epoche.
Die sinnlichen Beschreibungen des alten Budapest mit seinen Gerüchen, seiner kulturellen Vielfalt und immer wieder auch seinem leitmotivisch wiederkehrenden Himmel erinnern an den besten Stellen atmosphärisch an Joseph Roths Schilderungen des späten Habsburgerreichs. Diesem Schwelgen in kulinarischen Genüssen, Musik, Prachtbauten und Lichtstimmungen stehen im Mittelteil des Romans ebenso intensive Darstellungen der Kriegsgräuel, mit denen Loris als Opfer wie als Täter konfrontiert ist, und des harten Lebens seiner oft überforderten Frau Elsa auf der Schwäbischen Alb gegenüber. Die auf echten Vorbildern beruhenden Feldpostbriefe, mit denen die beiden Kontakt halten, zeichnen hautnah und präzise das Scheitern einer Ehe an den Zeitläuften und an gegenseitigem Unverständnis nach.
Doch nicht nur in ihnen zeigt sich Eichhorsts Talent, fein beobachtete Charakterstudien der Figuren zu entwerfen, die den historischen Rahmen ebenso sehr prägen, wie sie von ihm geprägt werden: Von den Bauern, bei denen Elsa Unterschlupf findet, über die Soldaten in Loris‘ Umfeld bis hin zu Évas quirliger Schwesternschar, immer hat man das Gefühl, es eher mit lebenden Menschen als mit Romangestalten zu tun zu haben.
Ein wiederkehrendes Thema sind dabei Familienstrukturen und ihre Auswirkungen, am sinnfälligsten vielleicht in der titelgebenden Liebe meines Vaters zu fassen, die sich nicht etwa nur auf die Jugendliebe von Marias Vater bezieht, sondern ebenso sehr auf den Verlust von Vaterliebe (der sie und ihre Mutter Elsa jeweils trifft), die unerfüllte Sehnsucht danach (die in Loris‘ eigener Biographie mitschwingt) und schließlich den Segen, den ein tatsächlich liebender Vater bedeuten kann, wie der weise György, dem Éva einen Gutteil ihrer Selbstsicherheit und Lebenstüchtigkeit verdankt.
Doch Mehrdeutigkeit und Reichtum an Sinnebenen sind nicht auf den Titel allein beschränkt, sondern schwingen auch in Details wie der sicher nicht zufälligen Namensgebung mit: So verhilft Éva zur Erkenntnis und ist Bewohnerin eines Paradieses, das verloren geht. Maria dagegen, schon als Kind von ihrem von seiner Ehe enttäuschten Vater zur privaten Heilsbringerin überhöht, hat die Hoffnung, dieses Paradies in gewissem Maße zurückzugewinnen – doch dazu ist erst die Rückbesinnung auf Éva notwendig.
Schade ist allein, dass Marias Geschichte, die in etwa die letzten 80 Seiten umfasst, so eher die Funktion eines Nachspiels zu der ihres Vaters erhält und nicht noch tiefer ausgelotet wird, denn die Kürze ist mit einigen Raffungen erkauft (beispielsweise wird der weitere Weg einer für den Beginn des Romans so zentralen Gestalt wie Béla nur in wenigen Sätzen referiert, und man ertappt sich bei dem Wunsch, man hätte mehr davon miterleben dürfen).
Alles in allem jedoch ist Die Liebe meines Vaters so nachdenklich, unendlich traurig, tröstlich und dabei immer wieder auch herzzerreißend schön, dass der Roman durchaus das Zeug hat, zu einem modernen Klassiker zu werden. Es wäre ihm zu wünschen.

Sabine Eichhorst: Die Liebe meines Vaters. München, Droemer Knaur, 2016, 363 Seiten.
ISBN: 9783426516652


Genre: Roman

Tous les matins du monde

Große Freiheiten im Umgang mit den historischen Tatsachen, nicht unbedingt leicht zugängliche Hauptfiguren, die drastische Schilderung eines Selbstmords – Pascal Quignards Tous les matins du monde (dt. Die siebente Saite), ein Roman, der hierzulande vor allem durch die gleichnamige Verfilmung von Alain Corneau bekannt geworden ist, enthält einiges, was einen nicht auf den ersten Blick anspricht.
Wer sich davon abschrecken lässt, versäumt allerdings zugleich eine wunderbare literarische und philosophische Auseinandersetzung mit der Musik und der Frage, inwieweit man Kunst kompromittiert, wenn man sie zum Beruf macht und als Mittel des sozialen Aufstiegs begreift.
Die Charaktere, um deren Lebensentwürfe sich die Geschichte entspinnt, könnten gegensätzlicher nicht sein: Einem ebenso einsiedlerischen wie empfindsamen Asketen steht ein hedonistischer und eigensüchtiger Karrierist gegenüber.
Ersterer, der Komponist und Gambenvirtuose Monsieur de Sainte-Colombe, verliert seine Frau, die dennoch über den Tod hinaus als Geist mit ihm verbunden bleibt, und führt fortan mit seinen Töchtern Madeleine und Toinette ein äußerst zurückgezogenes Leben. Seine Kunst in den Dienst der Mächtigen zu stellen, lehnt er stets vehement ab. So sind Konflikte vorprogrammiert, als es dem jungen, ehrgeizigen Marin Marais – wenn auch nicht im ersten Anlauf – gelingt, ihn als Lehrmeister zu gewinnen. Die Spannungen eskalieren, als Marin die Gelegenheit wahrnimmt, am Königshof aufzutreten. Sein Zusammenstoß mit Sainte-Colombe hindert ihn jedoch nicht daran, eine Beziehung mit der sensiblen Madeleine anzuknüpfen und in seinem Egoismus und mangelnden Einfühlungsvermögen eine Tragödie heraufzubeschwören.
Ein wie auch immer geartetes „gutes“ Ende des kleinen Romans erscheint nach dieser Wendung kaum noch möglich, doch Quignard weiß den Leser zu überraschen und einen ebenso melancholischen wie versöhnlichen Abschluss zu finden, in dem eine Annäherung der beiden schwierigen Komponisten gelingt und Sainte-Colombe Marin Marais sogar so etwas wie sein Vermächtnis anvertraut.
Das scheinbar so simple letzte Gespräch, das die beiden über die Funktion der Musik führen, ist nicht nur inhaltlich berührend, sondern verrät auch Quignards Gespür für die Musikalität von Sprache, das auch in anderen Passagen durchschimmert. Ohnehin ist die mosaikartige Reihung kleiner, prägnanter Szenen in oft nur wenige Seiten langen Kapiteln stilistisch bemerkenswert und erzeugt einen sehr spezifischen Leserhythmus, der aber gar nicht schlecht zu den in ihrem Umfang sehr unterschiedlichen und in ihrem Verlauf nur scheinbar ruhigen Gambenstücken der Barockzeit passt, die hier immer wieder evoziert werden.
Als schöne Ergänzung zur Lektüre empfiehlt es sich, die Musik, von der Quignard sich inspirieren ließ, tatsächlich einmal anzuhören. Der Griff zum Soundtrack der Verfilmung mit Jordi Savalls kongenialer Einspielung verschiedenster französischer Barockwerke liegt natürlich nahe, aber wenn man sich speziell mit Sainte-Colombes Kompositionen näher befassen möchte, ist auch Hille Perls nachdenkliche Interpretation Retrouvé & Changé unbedingt empfehlenswert.

Pascal Quignard: Tous les matins du monde. Paris, Gallimard, 2003 (Erstausgabe: 1991), 117 Seiten.
ISBN: 978-2070387731


Genre: Roman

The Changeling Sea

Die Fischerstochter Peri hat aus gutem Grund ein gespaltenes Verhältnis zum Meer: Zwar ist es Existenzgrundlage ihres ärmlichen Heimatdorfs, dessen grauen Alltagstrott nur die alljährliche Anreise des Königshofs zum nahen Sommersitz des Herrschers ein wenig auflockert. Zugleich hat es jedoch ihren Vater das Leben gekostet und ihr mit der seither in tiefer Trauer erstarrten Mutter auch die zweite wichtige Bezugsperson genommen. Doch als sie in ihrer Hilflosigkeit zu abergläubischen Zauberpraktiken greift, um das Meer zu verhexen und ihm ihren Willen aufzuzwingen, setzt sie unwissentlich Ereignisse in Gang, die nicht nur ein Seeungeheuer auf den Plan rufen, sondern mit dem leicht unheimlichen Königssohn Kir und dem schelmischen Magier Lyo auch zwei Männer in Peris Leben treten lassen, die ihr bald unerwartet viel bedeuten.
So weit, so unspektakulär, möchte man meinen, und oberflächlich betrachtet liegt damit in der Tat nur ein unterhaltsames, märchenhaftes Jugendbuch vor, dessen Handlung für McKillip’sche Verhältnisse recht geradlinig verläuft und das alte Motiv des Wechselbalgs aufgreift, wenn auch mit einer interessanten Wendung, was die Identität der vertauschten Kinder betrifft.
Aus genrehistorischer Perspektive ist jedoch das Spannende an dem Roman, dass McKillip hier eine Formel vorwegnimmt, die sich in der Jugendfantasy spätestens seit Twilight größter Beliebtheit erfreut: Eine scheinbar nicht weiter ungewöhnliche junge Frau steht zwischen mehreren Männern, von denen mindestens einer sich durch übernatürliche Fähigkeiten oder andersweltliche Abstammung auszeichnet.
Während jedoch viele aktuelle Spielarten dieses populären Handlungsmusters zu Recht dafür kritisiert werden, dass eine blasse Protagonistin Angebeteten verfällt, die ihr in jeder Hinsicht haushoch überlegen sind, und im Rahmen dieser asymmetrischen Beziehungen Entscheidungen trifft, die im wahren Leben nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen sind, ist McKillips Umgang mit dem Thema differenzierter.
Peri ist durchaus klug genug, zu erkennen, dass gerade die feenhafte Wesensart, die einem ihrer Verehrer seinen Charme verleiht, einem sinnvollen Verhältnis auf die Dauer im Wege steht. Dass ihr diesbezüglicher Stroßseufzer, sie wünsche, er könne „menschlicher“ sein, ungeahnte magische Auswirkungen hat, ist eine amüsante Wendung. Aber eine Dreiecksliebe entspinnt sich nicht nur um die entschlossene Heldin, sondern bildet auch die Vorgeschichte des Romans, die erst nach und nach aufgedeckt wird und einen tragischen Zusammenhang zwischen der Königsfamilie, dem Seeungeheuer und der sagenumwobenen Welt unter dem Meer herstellt. Trotz des bitteren Unrechts, das einigen Figuren geschieht, kommt der Roman ohne eigentlichen Schurken aus und ist in manchen Szenen fast eine philosophische Betrachtung über aus enttäuschten Gefühlen erwachsene Fehlreaktionen, die nicht nur Unschuldige leiden lassen, sondern auch die Verantwortlichen selbst treffen.
Doch wie immer bei McKillip macht die Handlung nicht den hauptsächlichen Reiz des Buchs aus. Neben der poetischen Sprache ist es vor allem die grandios ambivalente Schilderung des Meeres, das in seiner lebensspendenden Funktion ebenso thematisiert wird wie als bedrohliches und sogar todbringendes Element, das neben unermesslichen Schätzen auch düstere Geheimnisse birgt und zu allerlei Legendenbildung anregt. Kontrast zu dieser weiten und bezaubernden Kulisse und doch zutiefst von ihr geprägt ist Peris Heimatort mit seiner (auch geistigen) Enge und Beschränktheit, der die Heldin letzten Endes entflieht – allerdings nicht wie in so manchem vergleichbaren Roman ausschließlich in die Arme des Mannes, mit dem sie zusammenfindet, sondern vor allem in eine neue Aufgabe, die sich fast zwingend aus ihren Erlebnissen ergibt.
So ist The Changeling Sea vieles, klassischer Entwicklungsroman ebenso wie stilles Loblied auf die Faszination von Küstenlandschaften und nicht zuletzt auch sensibles Abstecken des Spannungsfelds zwischen den Zwängen einer Herkunft, die sich nicht verleugnen lässt, und individueller Entfaltung. Fantasyleser und Märchenfreunde werden hier Altbekanntes wiederentdecken, aber in so origineller und oft eleganter Interpretation, dass das Buch sich auch über ein Vierteljahrhundert nach seinem ersten Erscheinen noch frisch und unverstaubt liest.

Patricia A. McKillip: The Changeling Sea. New York u.a., Firebird (Penguin), 2003 (Originalausgabe: 1988), 137 Seiten.
ISBN: 978-0141312620


Genre: Roman

Der Hügel des Windes

Jäh werden die drei Söhne der kalabrischen Bauernfamilie Arcuri aus ihrem vergnügten Planschen in einem Tümpel gerissen: Schüsse und Schreie ertönen aus dem nahen Obstgarten, in dem ihre Mutter arbeitet, und obwohl diese die hinzueilenden Kinder rasch wegzuführen versucht, kann sie nicht verhindern, dass der mittlere Sohn Arturo einen Blick auf zwei Tote erhascht.
Mit diesem Paukenschlag setzt Carmine Abates Der Hügel des Windes ein, aber nicht etwa eine linear erzählte Handlung. Vielmehr entpuppt sich die schockierende Szene rasch als Teil dessen, was Arturos Sohn Michelangelo in hohem Alter seinem eigenen Sohn, dem Ich-Erzähler Rino, aus der bewegten Familiengeschichte berichtet, die vom Vorabend des Ersten Weltkriegs durch die politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts bis fast in die Gegenwart führt.
Rino ist zwar als Lehrer beruflich in die Fußstapfen des Vaters getreten, lebt aber inzwischen im Trentin und ist dem heimatlichen Kalabrien geographisch wie innerlich oft sehr fern. Dafür, dass Michelangelo ihm das Versprechen abnimmt, die Erinnerungen seiner Vorfahren an die noch nicht einmal geborene nächste Generation der Familie weiterzugeben, hat er genauso wenig Verständnis wie für den Entschluss seines verwitweten Vaters, in eine Hütte auf dem titelgebenden Hügel umzuziehen, dem sogenannten Rossarco, unter dem die antike Stadt Krimisa vermutet wird.
Neben dem ständigen Kampf der Familie um den Schutz ihres Landbesitzes gegen die oft kurzsichtigen wirtschaftlichen Interessen anderer wird daher die zunächst einmal vergebliche Suche der Archäologen (darunter historische Persönlichkeiten wie Paolo Orsi) zu einem der roten Fäden, entlang derer sich die Geschichte entspinnt. Die örtliche Bevölkerung sieht die Grabungskampagnen erst einmal skeptisch, denn wissenschaftliche Neugier fehlt ihr größtenteils, ebenso auch die Bereitschaft, die langgeübte Praxis aufzugeben, mit Zufallsfunden nach Belieben zu verfahren. Ganz anders verhält es sich mit Michelangelo, der als Erster in der Familie eine Chance auf Bildung bekommt und später die Archäologin Marisa heiratet: Tief in der bäuerlichen Tradition verwurzelt wird er dennoch zum Suchenden, der in der Auffindung Krimisas bald seinen Lebenstraum sieht.
Das wiederholt hervorgehobene Rot des von Süßklee bewachsenen Hügels gemahnt dabei fast leitmotivisch sowohl an die tragischen bis glücklichen Liebesgeschichten, deren Schauplatz er wird, als auch an die entsetzlichen Bluttaten, zu denen es dort mehrfach kommt. Auch darüber hinaus liefert die schwelgerisch in Ansichten, Düften und Geräuschen heraufbeschworene Natur eindringliche Bilder: So wird die seltene Albinoschwalbe zum Symbol für die unangepassten Arcuris, die sich immer wieder erfolgreich, aber oft um einen hohen Preis gegen scheinbar Unvermeidliches zu sperren wissen.
Der Zauber, den die auch sprachlich sehr schönen, alle Sinne ansprechenden Landschaftsbeschreibungen und das Geheimnis um das sagenumwobene Krimisa entfalten, steht in scharfem Kontrast zu den düsteren und deprimierenden Zügen, an denen die Handlung ebenso reich ist: Bittere Armut, soziale Ungleichheit, Krieg, Kriminalität und Habgier sorgen dafür, dass die Natur und das kulturelle Erbe allzu häufig mit Füßen getreten werden.
Umso berührender und befriedigender ist es, dass es Abate gelingt, seinen Roman zu einem ebenso glaubhaften wie tröstlichen Ende zu führen, das nicht nur Archäologieinteressierte begeistern dürfte und zu der überfälligen Wiederannäherung zwischen Michelangelo und Rino führt.
Diese Stimmigkeit ist gerade deshalb erwähnenswert, weil der Autor in seinem Nachwort erläutert, nicht nach einem festgelegten Plan zu arbeiten, sondern sich selbst so wichtige Details wie die gleichwohl überzeugende, ja geradezu zwingende Auflösung des eingangs geschilderten Mords erst beim Schreiben einfallen zu lassen. In der Schlussbemerkung finden sich auch Informationen über die Inspirationsquellen, die von Abates eigener Familiengeschichte bis zu historischen und archäologischen Sachtexten reichen. Der Brückenschlag zurück in die Realität lässt einen die gelungene Fiktion noch einmal mit ganz anderen Augen sehen und belegt, wie sehr Der Hügel des Windes trotz aller Einbeziehung negativer Züge auch eine Liebeserklärung an eine geschichtsträchtige Region ist.

Carmine Abate: Der Hügel des Windes. Berlin, Aufbau Taschenbuch, 2015, 314 Seiten.
ISBN: 978-3746631004


Genre: Roman

The Bards of Bone Plain

Patricia A. McKillip ist seit Jahrzehnten für ihre poetische Fantasy bekannt, die sehr ruhig, aber mit Tiefgang von verzauberten Welten erzählt. In The Bards of Bone Plain widmet sie sich dem Motiv der Verknüpfung von Musik, Magie und Orten, das auch in ihrem vielleicht bekanntesten Werk, der Riddle-Master-Trilogie (dt. als Erdzauber erschienen), schon mit anklingt.
Der junge Phelan besucht seit Jahren die traditionsreiche Bardenschule, vor allem auf Wunsch seines Vaters Jonah, der dort einst scheiterte und sich mittlerweile nur noch für den Alkohol und die Archäologie zu interessieren scheint – ein Zustand, über den Phelan allenfalls die Beteiligung der ihm nicht unsympathischen Prinzessin Beatrice an den Grabungen hinwegtrösten kann. Um das ungeliebte Studium endlich hinter sich zu haben, fehlt ihm nur noch seine Abschlussarbeit, die er, um sich nicht zu sehr abzurackern, über ein sattsam abgehandeltes Thema zu schreiben gedenkt: Die titelgebende mystische Ebene, auf der Barden sich einst magischen Prüfungen stellten, während sie Phelans Zeitgenossen nur noch als spirituell aufgeladene Phantasievorstellung gilt. Doch je länger Phelan sich mit den historischen Hintergründen und vor allem mit der Gestalt des Barden Nairn befasst, der nach seinem Versagen angeblich zur Unsterblichkeit verflucht wurde, desto deutlicher wird ihm, dass manch alte Sage doch kein bloßes Hirngespinst ist – und dass die Verbindung zwischen den Mythen und seiner eigenen Familie enger ist, als er je geahnt hätte.
Diese Ausgangssituation nutzt McKillip für eine reizvoll gestaltete dreisträngige Erzählung: Neben den Erlebnissen Phelans und seines Umfelds in der Jetztzeit des Romans stehen Passagen aus seiner fiktiven wissenschaftlichen Arbeit, an die jeweils unmittelbar die Schilderung der wahren historischen Vorgänge um den Barden Nairn anschließt, der in einer ans Mittelalter angelehnten Epoche ein wildbewegtes Leben führt. Phelans Gegenwart dagegen zeichnet sich durch ein leicht edwardianisches Flair und Steampunk-Elemente (wie z.B. dampfbetriebene Autos) aus.
Zentraler als dieser äußerliche Fortschritt ist jedoch der Wandel der Mentalität hin zu einem wissenschaftlichen Weltbild, in dem Magie und Mystik nur noch als fiktive Würze alter Geschichten ihren Platz haben. Dass die Bardentradition zwar noch akademisch hochgehalten, aber gar nicht mehr in vollem Umfang verstanden wird, macht recht eindrucksvoll den Unterschied zwischen dem historisch-antiquarischen Interesse an einer Praktik und ihrer gelebten Realität deutlich, der auch viele Geisteswissenschaftler in unserer Welt umtreiben dürfte. Ohnehin ist das akademische Umfeld kenntnisreich und mit viel Humor skizziert. Wer selbst einmal studiert hat, wird in der Mischung aus Lernstress, abendlichen Feiern, desillusionierten Examenskandidaten und idealistischen jüngeren Semestern schmunzelnd so einiges wiedererkennen, was sich auch an einer Universität im echten Leben abspielen könnte.
Nairns Zeit dagegen wirkt im wahrsten Sinne des Wortes „sagenhaft“ und weist einen stark keltischen Einschlag auf, der sich nicht nur auf die besonders geachtete Stellung der Barden beschränkt; von Ogham-ähnlichen Runen über Rätselgedichte bis hin zur Rolle der Anderswelt gibt es hier vieles, das aus Geschichte, Literatur und Mythologie vertraut ist. Obwohl hier, anders als bei den vordergründig friedlichen Ereignissen um Phelan, unter anderem ein Eroberungskrieg geschildert wird, bleibt die Erzählweise zurückhaltend und verzichtet auf auf grelle Effekte, um stattdessen über weite Strecken in einer fast lyrischen Sprache zu schwelgen.
Davon sollte man sich jedoch über eines nicht hinwegtäuschen lassen: Unter der bunten und häufig amüsanten Oberfläche mit ihren pointierten Dialogen und charmanten Details geht es um Leben und Tod, nicht unbedingt (nur) im Sinne des Bestehens von Gefahren, sondern weit eher in Form einer Auseinandersetzung mit den Grundbedingungen menschlichen Daseins und der Rolle, die Kunst und Kultur bei seiner Bewältigung spielen können. So erhält man unterschwellig viele Denkanstöße, während die Handlung sich in beiden Zeitebenen des Romans auf einen Sängerwettstreit zur Ermittlung des neuen königlichen Barden zubewegt, allerdings mit sehr unterschiedlichem Ausgang, der auch einen nicht unwesentlichen Einfluss auf Phelans Abschlussarbeit hat.
Obwohl dieses Ende durchaus befriedigend und in mancherlei Hinsicht versöhnlich ist, bleibt man danach mit dem Eindruck zurück, hier eigentlich nicht primär einen Roman gelesen zu haben, der über seinen Plot wirkt, sondern vor allem ein sprachliches Kunstwerk, das es durchaus verdient hat, ins Lieblingsbuchregal zu wandern und künftig noch oft zur Hand genommen zu werden, damit man die ein oder andere Stelle noch einmal genießen kann. Denn vergessen wird man die Bards of Bone Plain und ihre musikalischen Abenteuer so schnell nicht.

Patricia A. McKillip: The Bards of Bone Plain. New York, Ace (Penguin), 2011 (besprochene Ausgabe; Original 2010), 329 Seiten.
ISBN: 978-1937007232


Genre: Roman

Der Makedonier

Meine erste Begegnung mit Nicholas Guilds historischen Romanen hatte ich als Dreizehnjährige: Der Assyrer und die Fortsetzung Tiglat, Sohn des Königs faszinierten mich damals ungemein. Es geht in beiden Büchern zwar recht blutrünstig zu und der Ich-Erzähler Tiglat, ein fiktives Mitglied des assyrischen Herrscherhauses, vergnügt sich mit einer ganzen Anzahl williger Gespielinnen, aber spannend lesen sich seine Abenteuer allemal. Ohne einen Hauch von Nostalgie konnte ich mich Guilds drittem auf Deutsch erschienenen historischen Roman Der Makedonier also gar nicht nähern, daneben aber auch mit reichlich Neugier, denn eine relativ gut fassbare reale Gestalt zum Protagonisten zu machen, stellt noch einmal andere Anforderungen, als eine erfundene Hauptfigur in ein historisches Umfeld einzufügen. Allerdings liefert Philipps Leben zugegebenermaßen eine Steilvorlage, um die Art von Geschichte über Gewalt, Intrigen und Liebschaften zu erzählen, die auch die Assyrer-Bände prägt.
Guilds Philipp wird als jüngster Sohn des makedonischen Königs Amyntas in eine Familie hineingeboren, die es mit ihren Mitgliedern nicht unbedingt gut meint. „Die Argeaden bringen sich seit Generationen gegenseitig um – das ist fast schon ein Gewohnheitsrecht“, lässt ihn der Autor mit reichlich Galgenhumor konstatieren, und so prägen von Kind auf an die Ablehnung seiner hasserfüllten, vielleicht gar geistesgestörten Mutter, das Desinteresse seines Vaters und Rivalitäten innerhalb der Brüderschar das Leben des jungen Philipp, der seinem Umfeld gleichwohl (nicht unbedingt zu dessen Freude) als Auserwählter der Götter erscheint, dem mehrere als Wunderzeichen interpretierte Vorfälle eine glänzende Zukunft verheißen. Früh entwickelt er sich zum tatkräftigen Menschen, der schon in seiner Zeit als Geisel bei Illyrern und Thebanern sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und sich den Anschlägen des Ptolemaios von Aloros gewachsen zeigt, der erst als Geliebter, später als zweiter Ehemann von Philipps Mutter selbst nach der Macht giert und in dem Knaben zielsicher die größte Bedrohung seiner Herrschaftsambitionen ausmacht …
Die Entscheidung, die Handlungszeit des Romans auf die erste Hälfte von Philipps Leben zu beschränken, verschafft Guild dabei ein gewisses Maß an interpretatorischem und gestalterischem Spielraum, denn natürlich sind Philipps frühe Jahre und sein Aufstieg zur Macht weniger dicht dokumentiert als seine Königsherrschaft. Manches, was hier geschildert wird, ist daher Spekulation, so z.B., wie genau Philipp nach allerlei glücklich überstandenen Kämpfen und Winkelzügen die Nachfolge seines Bruders Perdikkas antritt (Guild lässt ihn gleich den Königstitel annehmen und breite Unterstützung finden, während in der Forschung oft die Meinung vertreten wird, dass Philipp zunächst womöglich als Regent für seinen unmündigen Neffen fungierte und erst nach Sicherung seiner Machtbasis auch offiziell als König nachrückte).
Die verfügbaren Informationen hat Guild jedoch offensichtlich gründlich recherchiert, von prosopographischen Details über die verwirrende Staatenwelt Griechenlands und angrenzender Gebiete bis hin zum Wandel der militärischen Taktik in Philipps Epoche. Sogar manches, was man auf den ersten Blick als dichterische Freiheit abtun möchte, hat eine historische Basis: Wenn z.B. das Kind, das in ferner Zukunft einmal als Ptolemaios I. über Ägypten herrschen wird, als Sohn Philipps aus einem Verhältnis mit seiner Verwandten Arsinoe erscheint, ist das keine Erfindung Guilds, sondern eine auf schon in der Antike kolportierten Gerüchten beruhende Deutung.
Obwohl an der Handlung an sich also wenig auszusetzen ist, verdienen die Figurenzeichnung und die damit einhergehende Wertung zumindest ein Fragezeichen. Während Philipp sicherlich auch historisch über viele der ihm von Guild zugeschriebenen Eigenschaften wie Intelligenz, Entschlossenheit, Risikofreude, Mut und militärische Begabung verfügte, ist er hier nicht einfach nur die Hauptperson, sondern wirklich ein Held, der zwar bisweilen mit der eigenen Skrupellosigkeit ringen darf, aber eigentlich immer eine passende Entschuldigung dafür geliefert bekommt. Wer gegen Philipp agiert oder nicht dem Wertekanon kriegerischer Tugenden gemäß lebt, wird dagegen wesentlich negativer dargestellt. Da es sich überwiegend nicht um fiktive Gestalten, sondern um reale Persönlichkeiten handelt, ist diese etwas undifferenzierte Beurteilung nicht unproblematisch.
Eine etwas größere Bandbreite hätte man sich auch bei den meist in Nebenrollen verbannten Frauengestalten gewünscht, und das nicht nur, weil körperliche Schönheit bei ihnen ein serienmäßiges Ausstattungsmerkmal zu sein scheint: Verdächtig häufig taucht die Konstellation auf, dass eine Frau einen Mann heiß und innig liebt, obwohl sie durchaus erkennt, dass er sie ausnutzt oder gar schlecht behandelt. So unterschiedliche Personen wie Philipps boshafte Mutter Eurydike, seine blasse Schwester oder seine tugendhafte erste Gemahlin Phila sind in dieser Hinsicht offenbar ganz ähnlich gestrickt. Der umgekehrte Fall eines rettungslos in eine berechnende Frau verschossenen Mannes scheint in Guilds Makedonien keinen Platz zu haben, wie ohnehin auffällt, dass er die Charakteristika der Männerwelt der Krieger und Herrscher sehr selektiv nutzt, um seinen Helden einem für heutige Begriffe traditionellen Bild von Maskulinität entsprechen zu lassen.
Bezeichnend ist hierfür sein Umgang mit dem Thema homosexueller Beziehungen. Während diese für den historischen Philipp nachgewiesen sind, darf der Roman-Philipp sich zwar mit der Damenwelt von der Prostituierten bis zur Prinzessin vergnügen, doch jegliche Neigung zur Knabenliebe wird ihm explizit abgesprochen. Der im altgriechischen Kulturraum gängigen Päderastie frönt abgesehen von bestenfalls ambivalent gezeichneten Nebenfiguren nur der Schurke Ptolemaios von Aloros. Auch das heikle Thema der Polygamie umschifft Guild bei Philipp (dessen Vater er gleichwohl die historisch belegten parallelen Ehen führen lässt), indem er Philipps erste Frau Phila schon weit vor der Heirat des jungen Königs mit der Illyrerin Audata sterben lässt und den Roman mit dieser anscheinend politisch wie privat perfekten Hochzeit beendet. Wenn man allerdings weiß, wie wildbewegt Philipps Leben weiterging, fälllt es schwer, auf das schöne Happy End und vor allem auf die Philipps Haushofmeister Glaukon in den Mund gelegte Hoffnung, dass der König nun „glücklich sein“ und „endlich ein wenig Frieden finden“ möge, nicht mit einem Anfall von blankem Zynismus zu reagieren.
Neben solchen wohl bewussten Abweichungen von der geschichtlichen Realität fallen einige kulturhistorische Schnitzer auf. Allerdings ist nicht ganz klar, ob der „Truthahn“, der sich ins alte Griechenland verirrt hat, die mehrfach auftauchende neuzeitliche „Kommode“ und andere Anachronismen schon im Original so angelegt waren oder auf die Übersetzung von Klaus Berr zurückgehen, die sprachlich ansonsten überzeugt. Nur das Namenssystem wirkt etwas uneinheitlich, nicht allein, weil Philipp der Einzige ist, dessen Name in eingedeutschter Form benutzt wird; manchmal ist auch einfach die im Englischen gebräuchliche latinisierte Schreibweise übernommen (z.B. „Acarnania“ statt „Akarnanien“, „Deucalion“ statt „Deukalion“) oder eine historische Person umbenannt (z.B. „Lukios“ statt „Lagos“ für den Mann der Arsinoe, „Eurydike“ statt „Eurynoe“ für Philipps Schwester). Auch warum aus dem „Macedonian“ des Originals in der deutschen Fassung statt des üblichen „Makedonen“ ein „Makedonier“ geworden ist, wird wohl das Geheimnis von Übersetzer und Verlag bleiben.
Ungeachtet aller Kritikpunkte kann man dem Makedonier aber seinen hohen Unterhaltungswert nicht absprechen. Blendet man die Problematik der unverkennbaren Heroisierung und Glättung einer realen historischen Gestalt aus, macht es durchaus Spaß, die abenteuerlichen Erlebnisse des Prinzen und späteren Königs in einer bunten, lebendig geschilderten Welt zu verfolgen, und hätte ich dieses Buch auch vor über zwanzig Jahren und mit weniger kritischem Blick gelesen (wie die anderen Werke aus gleicher Feder), dann wäre ich wohl begeistert gewesen. So bleibt es immerhin bei einer bedingten Leseempfehlung, denn gelungener als so manche Alternative ist Guilds Makedonier auf jeden Fall.

Nicholas Guild: Der Makedonier. List, 1993, 512 Seiten.
ISBN: 3471776729


Genre: Roman

Sendboten des Teufels

Peter Tremayne (so das Pseudonym des Historikers Peter Berresford Ellis) genießt mit seiner Reihe um die Irin Fidelma von Cashel und ihren angelsächsischen Mann Eadulf, die im 7. Jahrhundert Morde aufklären, mittlerweile fast so etwas wie Kultstatus. Der neueste Band, Sendboten des Teufels, ist allerdings einer der schwächeren der Serie, zumindest, was den Kriminalfall an sich betrifft.
Dabei lässt sich die Handlung zunächst recht packend an: Unweit der Königsburg Cashel fällt ein Grüppchen Reisender Raubmördern zum Opfer. Der einzige Überlebende ist ausgerechnet Eadulfs langverlorener Bruder Egric, der erkennbar etwas zu verbergen hat. Als kurz darauf auch noch ein Mitglied einer angelsächsischen Gesandtschaft getötet wird, die ebenfalls verdächtig wenig über ihre Ziele preisgibt, und ein Wahrsager sich in düsteren Prophezeiungen ergeht, die weiteres Unheil verheißen, ist das erfahrene Ermittlerduo gefordert …
Wie so oft bei Tremayne ist das Motiv wieder einmal in der Gier nach Macht und Ansehen zu suchen, die den Mörder über Leichen gehen lässt – und das sind in diesem Fall selbst für die Verhältnisse der Fidelma-Reihe, in der es selten bei nur einem Toten bleibt, wirklich viele, so dass der Täter samt Komplizen gegen Ende der Geschichte freundlicherweise schon einen Gutteil aller Mitverdächtigen eliminiert hat. Insofern geht der Versuch, die Spannung durch immer weitere Morde und kompliziertere Zusammenhänge künstlich hochzuhalten, nach hinten los, und man ertappt sich bei dem Wunsch, Tremayne würde sich endlich einmal einen wirklich neuen Fall mit unvorhersehbarem Motiv einfallen lassen, statt immer wieder Variationen derselben Geschichte zu erzählen. Auch das Bemühen, die persönliche Betroffenheit der beiden Detektive durch die Einführung des bisher unbekannten Egric zu erhöhen, ist ein zweischneidiges Schwert, und man verzeiht es dem Autor eigentlich nur, weil er immerhin selbstironisch genug ist, Fidelma verblüfft bemerken zu lassen, dass auch sie von ihrem Schwager bisher noch nichts gewusst hätte.
So muss der Roman auf anderen Ebenen punkten, was er auch durchaus kann: Wie immer machen die eingestreuten historischen Informationen Spaß, seien es nun Einzelheiten über Gesellschaft, Festkultur und Alltagsleben im alten Irland oder theologische Debatten über alles von der Erbsündenlehre des Augustinus bis hin zum Zölibat. Eadulf darf hier sogar einmal seine medizinischen Kenntnisse ganz handfest bei einer Amputation unter Beweis stellen, die sich weit spannender liest als die eigentlichen Mordermittlungen. Auch wenn man vor allem deshalb zu den Sendboten des Teufels gegriffen hat, weil man herausfinden will, wie es um wiederkehrende Gestalten wie den Krieger Gormán oder die aus der Sklaverei geflohene Aibell inzwischen steht, wird man nicht enttäuscht, denn die fortlaufende Hintergrundhandlung der Serie ist interessant und wartet in diesem Band mit der ein oder anderen Überraschung auf. Da auch die Helden einem weiterhin sympathisch bleiben, freut man sich trotz aller Kritik auch auf das nächste Buch ihrer Endlosgeschichte.
Die Übersetzung von Irmhild und Otto Brandstädter liest sich insgesamt angenehm und flüssig (wenn sich auch vielleicht über einzelne Ausdrücke streiten lässt – ist es z.B. wirklich eine gute Idee, jemanden lange vor der Entdeckung Amerikas durch die Europäer ausgerechnet „puterrot“ anlaufen zu lassen?). Allerdings wäre ihr ein besseres Lektorat zu wünschen gewesen: In mindestens einem Dialog (S. 72) ist durcheinandergeraten, welcher Gesprächspartner was sagt, Lateinfehler sind übersehen worden (mehrfach „custodes“ statt „custos“ als Singular), und bei bestimmten Begriffen wechselt munter die Namensform: So erscheint das angelsächsische Königreich Northumbria abwechselnd als „Nordhumbria“, „Nordhumbrien“ und „Northumbrian“, und die Fomorier (irische Sagengestalten) tauchen als „Fomorii“, „Formorii“ und „Fomoirii“ auf. Eine solche Uneinheitlichkeit produziert Verwirrung, zumal bei Themen wie angelsächsischer Geschichte und irischer Mythologie, mit denen sich nicht zwingend jeder Leser auskennt.
So bleibt man am Ende mit einem gemischten Leseeindruck zurück und kann nur unter Vorbehalt eine Empfehlung aussprechen: Wer vor allem auf den Ausflug in ein etwas idealisiert geschildertes frühmittelalterliches Irland Wert legt und den Aufhänger dafür nicht allzu wichtig nimmt, kann hier nicht viel falsch machen, aber vom eigentlichen Krimiplot sollte man diesmal nicht zu viel erwarten.

Peter Tremayne: Sendboten des Teufels. Historischer Kriminalroman. Aufbau Taschenbuch, 2014, 446 Seiten.
ISBN: 978-3746630472


Genre: Roman

Wie der Weihnachtsbaum in die Welt kam

Astrid Fritz legt mit Wie der Weihnachtsbaum in die Welt kam eine im Straßburg der Reformationszeit angesiedelte Erzählung vor, die aber weniger darauf abzielt, eine konkrete historische Situation einzufangen, sondern eher eine ebenso gefällige wie zeitlose Weihnachtsgeschichte in stimmungsvoller Kulisse bietet.
Der jugendliche Gauner Jakob muss nach einem Zusammenstoß mit seinem Bandenchef überstürzt aus Freiburg fliehen und gelangt völlig mittellos ins winterliche Straßburg. Ein Einbruch soll ihn über die Runden retten, doch für diese Verzweiflungstat (die in ihrer Ausführung noch dazu wenig kriminelles Genie verrät) sucht er sich ausgerechnet die bescheidene Bleibe der Schneiderfamilie Gutlin aus, mit der es das Schicksal in letzter Zeit auch nicht unbedingt gut gemeint hat. So regt sich bald sein schlechtes Gewissen, zumal er bei der ältesten Tochter Johanna, die es angesichts ihrer geltungssüchtigen Mutter nicht leicht im Leben hat, unerwartet viel Verständnis findet. Der Fall schreit also nach Wiedergutmachung – und die führt auf Umwegen geradewegs zur Erfindung des Weihnachtsbaums …
Natürlich ist diese spezielle Entwicklung – wie die Autorin selbst in ihrem kleinen, aber informativen Nachwort zur Geschichte des Weihnachtsbaums ausführt – alles andere als historisch belegt. Doch das macht einem wenig aus, da die Erlebnisse der sympathischen Hauptfiguren ohnehin Mitmenschlichkeit, die Suche nach Wärme und Erfüllung sowie die Notwendigkeit, eingefahrene Handlungsmuster zu überdenken und auch einmal über den eigenen Schatten zu springen, in den Mittelpunkt stellen, Themen also, die nicht an eine spezifische Epoche geknüpft sind und auch ohne die gleichwohl amüsant in Szene gesetzte Weihnachtsbaumerfindung als Aufhänger ausgekommen wären. Manches, vor allem die sehr glatte Lösung aller Probleme gegen Ende, mag dabei fast ein wenig sentimental wirken, aber wenn man ehrlich mit sich ist, muss man doch zugeben, dass Weihnachten eigentlich die schönste Ausrede bietet, in positiven Gefühlen zu schwelgen und zumindest für kurze Zeit daran zu glauben, dass auch in den ärgsten Schwierigkeiten noch eine Wendung zum Besseren möglich ist, wenn alle Seiten ein gewisses Bemühen an den Tag legen.
Die liebevollen Illustrationen von Andrea Offermann lockern die Geschichte auf und passen in ihrer Art recht gut zum Tenor des Buchs: Es sind keine um historische Exaktheit bemühten Rekonstruktionen (auch wenn Straßburg recht nett in den Gebäudedarstellungen wiederzuerkennen ist), sondern charmante und warmherzige Bilder, die einen in wohlige Festtagslaune versetzen und das Vergnügen an der Lektüre ideal ergänzen.
Wer auf die letzte Minute noch ein kleines Weihnachtsgeschenk sucht, der kann mit Wie der Weihnachtsbaum in die Welt kam eigentlich nicht viel falsch machen.

Astrid Fritz: Wie der Weihnachtsbaum in die Welt kam. Rowohlt, 2013, 126 Seiten.
ISBN: 978-3499267185


Genre: Roman