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Emmas Reise

Behütet und ein wenig naiv wächst die Kaufmannstochter Emma van Haaren in Hamburg auf, das von den Gräueln des Dreißigjährigen Kriegs verschont geblieben ist. Kurz nach dem Friedensschluss erreicht sie eine Einladung ihrer Großmutter aus Amsterdam, die endlich doch noch das bisher kaum zur Kenntnis genommene Kind ihres verstorbenen Sohns kennenlernen möchte. Was für Emma als vergnüglicher Aufbruch ins lange verwehrte Abenteuer beginnt, wird rasch zum Albtraum: Nur knapp entkommt sie einem Kutschenüberfall und erhält noch dazu im letzten Augenblick von einem Mitreisenden den Auftrag, seinen verschlossenen kleinen Sohn zu retten. Mit dem Jungen Valentin im Nirgendwo gestrandet, ist Emma zum ersten Mal in ihrem Leben gezwungen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und sich durchzuschlagen. Der einsame Wolf, der sich ihr an die Fersen heftet, stellt dabei noch die geringste Schwierigkeit dar, denn bald muss Emma erkennen, dass sie unversehens in eine undurchschaubare Verschwörung hineingestolpert ist …
Auf Petra Oelker ist Verlass, was historische Romane betrifft. Liebevolle Recherche bis ins Detail, lebendige Figuren, unterschwelligen Humor und spannende Wendungen ist man also ohnehin von ihr gewohnt, aber mit Emmas Reise geht sie noch einmal darüber hinaus und bietet eine Geschichte, die ihre auch schon gelungenen Krimis weit in den Schatten stellt. Zwar kennt man einige Elemente schon aus ihren früheren Werken (so etwa das Motiv der Tochter aus gutem Hause, die es – zumindest zeitweise – zu einer fahrenden Schauspielertruppe verschlägt), aber der Schwung und die Intensität, mit der sie hier zum Einsatz gebracht werden, suchen ihresgleichen.
Ein wenig ist das vielleicht auch der prallen Welt des mittleren 17. Jahrhunderts geschuldet, die Oelker furios heraufbeschwört: Obwohl der Dreißigjährige Krieg gerade überwunden ist, lauern Gefahren, religiöser Fanatismus, Aberglaube und Unheimliches noch hinter jeder Ecke und sind umso näher und greifbarer, da die Protagonisten in zumindest für norddeutsche Leser recht vertrauten Gegenden damit konfrontiert werden.
Bis auf zwei vielleicht etwas zu genussvoll zelebrierte Leichenauffindungen geht Oelker allerdings dankenswert dezent mit den Grausamkeiten um, die diese Kulisse naturgemäß zu bieten hat. Viel stärker stehen neben den stimmungsvoll beschriebenen Landschaften Alltag, Gebräuche, Musik und Kunst der Epoche im Vordergrund, und wie aus Oelkers Büchern gewohnt haben auch einige historische Persönlichkeiten kleine Gastauftritte, von Rist über Rembrandt bis zu Ruisdael.
Vor allem aber lebt der Roman von seinen sympathischen Protagonisten, zu denen neben der anfangs etwas unreifen, aber glücklicherweise durchaus patenten Emma und dem von seiner streng calvinistischen Erziehung gebeutelten Valentin auch der auf der Suche nach den beiden nicht immer vom Glück begünstigte Lautenspieler Lukas Landau zählt, von dessen bisweilen leicht selbstironischen Gedankengängen man gern noch mehr gelesen hätte.
Der heimliche Held der Geschichte ist aber gar kein Mensch, sondern einer der liebenswertesten literarischen Wölfe aller Zeiten, der den Vergleich mit bekannten Artgenossen (wie etwa Robin Hobbs Nachtauge aus der Weitseher-Reihe) beileibe nicht zu scheuen braucht. Die in seiner Perspektive angedeuteten Jenseitsvorstellungen und Wolfsmysterien lassen einen heimlich wünschen, Petra Oelker würde als Nächstes einen Fantasyroman schreiben und diese Ideen weiter ausbauen.
Aber auch wenn diese Hoffnung vielleicht vergeblich ist, kann man sich möglicherweise auf eine Fortsetzung von Emmas Erlebnissen freuen: Die Handlung wird zwar zu einem befriedigenden vorläufigen Abschluss gebracht, aber es bleiben noch genug kleine und große Fragen offen, um Anknüpfungspunkte für etwaige Folgebände zu bieten.
Das tröstet einen etwas darüber hinweg, dass der Roman, der sich gelegentlich kaum aus der Hand legen lässt, so schnell ausgelesen ist, denn eigentlich würde man gern noch viel länger in dieser faszinierenden Welt verweilen. So bleibt nur, eine klare Lektüreempfehlung für alle auszusprechen, die Fans historischer Romane sind oder es erst noch werden wollen.

Petra Oelker: Emmas Reise. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 2016, 447 Seiten.
ISBN: 9783499271236


Genre: Roman

Bilder einer Ausstellung

Die Londonerin Claire erleidet eine Fehlgeburt, für die sie indirekt ihren Mann Rob verantwortlich macht. Nicht nur ihre Ehe gerät dadurch in eine tiefe Krise. Doch dann erhält Rob aus dem Nachlass seiner kürzlich verstorbenen Großmutter mehrere Briefe, die ihr im Zweiten Weltkrieg ihre Cousine Daisy geschrieben hat, an die sich rätselhafterweise kein noch lebendes Familienmitglied zu erinnern scheint. Fasziniert beginnt Claire, auf Daisys Spuren zu wandeln und Parallelen zwischen ihren eigenen Erlebnissen und denen der unbekannten Verwandten zu entdecken. Dass sie dabei in ihrem Kummer den falschen Weg einzuschlagen droht, wird ihr erst sehr spät bewusst …
So weit, so konventionell, möchte man meinen, sind doch auf zwei Zeitebenen erzählte Geschichten um tatsächlich oder vermeintlich seelenverwandte Frauengestalten im Prinzip nichts Neues. Doch was Camilla Macphersons Bilder einer Ausstellung zu etwas Besonderem macht, ist der originelle Einfall, in beiden Handlungssträngen der Schilderung realer Gemälde (die auch im Buch abgebildet sind) breiten Raum zu geben.
Die Londoner National Gallery lagerte zwar im Zweiten Weltkrieg ihre Bestände aus Sicherheitsgründen aus, zeigte jedoch jeden Monat ein einziges Gemälde als Picture of the month. Das jeweilige Bild besichtigt Daisy in den Jahren 1942 und 1943 und schildert ihre Eindrücke in ihren Briefen. Davon inspiriert fasst Claire den Entschluss, ebenfalls allmonatlich die National Gallery aufzusuchen und sich nach und nach dieselben Werke anzusehen.
Keine der beiden jungen Frauen ist kunsthistorisch sonderlich bewandert. Gerade die Daisy in die Feder gelegten, herrlich unbefangenen Deutungen sind nicht ohne Fehlinformationen, bestechen aber durch ihre Beobachtungsgabe und den unkonventionellen Blick auf Details. Claires Interpretationen wirken oft etwas gewollter (etwa bei dem letzten der 14 Gemälde, Renoirs Regenschirmen, die auch das Cover dieser Ausgabe zieren), zeigen aber ebenfalls einfühlsam auf, wie sehr die Auseinandersetzung mit Kunst von der eigenen Lebenssituation beeinflusst wird und umgekehrt wieder darauf zurückwirkt. Von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert, von Italien bis England werden so die unterschiedlichsten Epochen und Länder durchlaufen, wobei jedoch trotz aller historischen und stilistischen Unterschiede immer wieder Konstanten in den zwischenmenschlichen Beziehungen und im Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt aufscheinen.
Mit den Bildbetrachtungen verflochten sind zwei erst durch die Museumsbesuche ausgelöste Dreiecksbeziehungen mit sehr unterschiedlichem Ausgang. Hier spitzt Macpherson Tragik und Romantik der einen Geschichte vielleicht etwas zu sehr zu, um sie mit der alltäglicheren und gerade dadurch hoffnungsvolleren Entwicklung der anderen zu kontrastieren. Insgesamt macht es aber dennoch großen Spaß, die Interaktionen des recht kleinen Figurenensembles zu verfolgen, zumal sich Theda Krohm-Linkes Übersetzung leicht, locker und angenehm liest. Wer einen unterhaltsamen und anrührenden Roman mit einer Prise Kunstgenuss sucht, kann mit den Bildern einer Ausstellung also nicht viel falsch machen.

Camilla Macpherson: Bilder einer Ausstellung. Berlin, Ullstein, 2015 (vorliegende Ausgabe; dt. Erstausgabe 2011 unter dem Titel Am Tag und in der Nacht), 396 Seiten.
ISBN: 9783548287171


Genre: Roman

Sextus Valerius: Varusgold

Voller Träume von Ruhm und Heldentaten hat sich der junge Sextus Valerius der römischen Armee angeschlossen – nur, um sich mitten in der vernichtenden Niederlage des Varus gegen Arminius wiederzufinden. Bei der Flucht aus der aussichtslosen Schlacht gerät Sextus durch seinen Freund Lucius an eine kleine Schar Überlebender um den zwielichtigen Signifer Kaeso, die sich mit der Kriegskasse des toten Feldherrn davonmacht und nichts Gutes im Schilde führt. Der unterwegs gefangen genommene Schmied Gernot ist Sextus bald sympathischer als seine undurchsichtigen Kameraden, doch dem Germanen scheint keine sehr rosige Zukunft bevorzustehen. Und auch Sextus selbst muss als lästiger Zeuge der kriminellen Machenschaften seiner einstigen Kampfgefährten bald um sein Leben fürchten …
Der Handlungsabriss lässt es schon ahnen: Sextus Valerius: Varusgold ist zunächst einmal ein Abenteuerroman mit leichten Krimielementen, dem es an Intrigen, Liebeswirren und militärischen Unternehmungen nicht mangelt. Das Geschehen wird abwechselnd aus der Sicht des Ich-Erzählers Sextus und aus verschiedenen Perspektiven in der dritten Person dargeboten, so dass man neben dem Weg des Helden auch die Unternehmungen der Schurken aus nächster Nähe verfolgen kann.
Darüber hinaus weist das Buch aber ein unterschwelliges didaktisches Element auf, ist doch deutlich das Bemühen erkennbar, die Antike nicht nur als exotische Kulisse zu nutzen, sondern den Lesern in unterhaltsamer Form (kultur-)historische Einzelheiten über die Römerzeit zu vermitteln, einmal im Roman selbst, dann aber auch in Form einer „Spurensuche“ im Anhang, die für die Handlung relevante Fundorte und archäologische Museen vorstellt.
Erster Anknüpfungspunkt ist dabei die Varusschlacht die, wohl auch angeregt durch das Jubiläumsjahr 2009, in letzter Zeit Eingang in mehrere historische Romane gefunden hat. Anders als einige andere Autoren (wie z.B. Iris Kammerer in ihrem lesenswerten Varus) legt Michael Kuhn den Schwerpunkt jedoch nicht auf Zustandekommen und Verlauf der Kämpfe, sondern auf die ersten Jahre nach der Clades Variana, in denen sein Protagonist sich damit auseinandersetzen muss, dass er ungewollt zum Mitwisser eines Verbrechens geworden ist und nicht allzu viel gegen die Umtriebe der Schuldigen auszurichten vermag.
Dabei hat Sextus es übrigens nicht allein mit fiktiven Figuren zu tun, sondern auch mit zahlreichen historischen Persönlichkeiten, von berühmten wie Germanicus oder Cassius Chaerea bis hin zu nur inschriftlich belegten und lokal bedeutenden (so ist Sextus‘ Freund und späterer Gegenspieler Lucius offenbar der Lucius Poblicius, dessen prächtiges Grabmal heute eines der Prunkstücke des Römisch-Germanischen Museums in Köln bildet). In ihrer Charakterisierung versteckt sich der ein oder andere historische Insiderwitz (so darf etwa Chaerea Jahrzehnte vor seiner tatsächlichen Beteiligung an der Ermordung Caligulas schon darüber phantasieren, diesen – hier noch ein ungezogenes Kleinkind – im Rhein zu ertränken).
Zu den vielschichtigsten Gestalten zählt sicher Lucius, der trotz aller Verschlagenheit mit mehr Gewissensbissen ringt als seine skrupellosen Komplizen, die munter über Leichen gehen. In der ambivalenten Tavernenwirtin Lucilla, die sowohl zu ihm als auch zu Sextus Beziehungen pflegt, hat er ein ebenbürtiges weibliches Pendant.
Dagegen wünscht man ihrer Rivalin um Sextus‘ Gunst, der jungen Germanin Hildiko, im Stillen ein bisschen weniger Unschuld und Naivität. Selbst der verliebte Sextus vergleicht sie in Gedanken ein wenig zu oft mit einem Kind, und dass sich die beiden wirklich auf Augenhöhe begegnen können, glaubt man bis zum Schluss nicht ganz. Hier kann man nur hoffen, dass die Figurenentwicklung in der angekündigten Fortsetzung dem Verhältnis seinen schalen Beigeschmack nehmen wird.
Doch diese kleine Merkwürdigkeit und auch die Tatsache, dass das Korrektorat gerade bei historischen Namen und Fachbegriffen einige Flüchtigkeitsfehler übersehen hat, verzeiht man gern, weil der Roman sich insgesamt spannend liest und die Neugier auf die weitere Entwicklung der Ereignisse um Sextus und seine Freunde und Feinde wachzuhalten weiß. Originell und reich an unvorhersehbaren Wendungen ist die Handlung nämlich allemal, und so können Fans historischer Romane an Varusgold durchaus ihre Freude haben.

Michael Kuhn: Sextus Valerius: Varusgold. Aachen, Ammianus, 2015, 464 Seiten.
ISBN: 9783945025079


Genre: Roman

Der Maler des Verborgenen

Für beide Eltern unerwünscht kommt Leonardo da Vinci als uneheliches Kind zur Welt. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, soll ihn lebenslang begleiten. Nicht genug damit, dass seine künstlerische Hochbegabung schon in seiner Lehrzeit in Florenz Neider und Feinde auf den Plan ruft – auch seine Homosexualität, seine unangepasste Weltsicht und die Tatsache, dass er seiner Umgebung geistig meist mehr als einen Schritt voraus ist, sorgen dafür, dass er sich trotz aller Geselligkeit einsam fühlt. Trost findet er in der Kunst, die ihm gestattet, auszudrücken, was anderen nicht offensichtlich erscheint, und in seinem Traum vom Fliegen …
Wer sich ein wenig mit Leonardo da Vinci befasst hat, wird anhand dieser Inhaltszusammenfassung vielleicht schon bemerkt haben, dass John Vermeulens Buch über das Leben des berühmten Künstlers sich in der Auswahl seiner Leitmotive stark an der in seinem Quellenverzeichnis aufgeführten Leonardo-Biographie von Charles Nicholl orientiert.
Obwohl Vermeulen also erkennbar um gute Recherche bemüht war, hat Der Maler des Verborgenen als historischer Roman seine Schwächen. Manches erscheint zu modern, nicht nur sprachlich, sondern auch, was die Darstellung der materiellen Kultur betrifft (so sind hier etwa Pflanzen amerikanischen Ursprungs wie Sonnenblumen oder Tomaten schon vor oder unrealistisch kurz nach der Entdeckung der Neuen Welt in Italien verbreitet). Zudem gerät die Darstellung ereignisgeschichtlicher Vorgänge, die Leonardo tangieren, oft so verkürzend und andeutend, dass Leser, die kein Hintergrundwissen über die Epoche mitbringen, rätseln dürften, was genau sich abgespielt hat (z.B. bei Aufstieg und Fall von Ludovico „il Moro“ Sforza).
Gelungen, ja bisweilen brillant hingegen ist das Buch als im Grunde genommen zeitlose Charakterstudie eines ebenso genialen wie komplizierten Menschen, der Großes leistet, aber immer wieder auch an seiner Umwelt oder an seinen eigenen Ansprüchen und Unzulänglichkeiten scheitert.
Vermeulen glückt das Kunststück, seinen Leonardo zu einer sympathischen Gestalt zu machen, mit der man durch alle Höhen und Tiefen mitfiebert, obwohl die Handlung naturgemäß vorgezeichnet ist und sich Überraschungen nur im Kleinen ergeben können. Mitunter sarkastischer Humor vor allem in den Dialogen kontrastiert mit ausgesprochen anrührenden Momenten. Da Vermeulen vielfach auch auf Leonardos eigene Schriften zurückgreift, entsteht dabei durchaus der Eindruck, dass ihm eine glaubhafte Annäherung an seinen Protagonisten gelingt. Wie Leonardo wirklich war, kann man in der historischen Rückschau selbstverständlich nur ansatzweise beurteilen, aber man möchte gern glauben, dass er zumindest teilweise dem Bild entsprochen haben könnte, das hier so liebevoll von ihm entworfen wird.
Wenngleich der Titelheld die Bühne unangefochten dominiert, sind auch die übrigen Figuren sensibel und interessant gezeichnet. Bei manchen historischen Persönlichkeiten wird man Vermeulens Interpretation vielleicht mit einem kleinen Fragezeichen versehen wollen, aber immer dort, wo er freier fabulieren kann, weil wenig über das reale Vorbild bekannt ist (wie etwa im Falle von Lisa del Giocondo, dem wahrscheinlichen Modell für die Mona Lisa), fügen sich seine Hinzuerfindungen schlüssig in den Kontext ein.
Neben den Charakteren überzeugen auch die stimmungsvollen Beschreibungen der toskanischen Landschaft um Leonardos heimatliches Vinci oder seines Alterssitzes bei Amboise. Nicht zuletzt wirkt die rastlose Atmosphäre der Renaissance als Umbruchszeit, in der viele mittelalterliche Gewissheiten hinterfragt werden, überzeugend und mitreißend eingefangen.
Für jeden, der Lust hat, für einige unterhaltsame Lesestunden ins Italien und Frankreich des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts zu reisen und nähere Bekanntschaft mit einem faszinierenden Künstler zu schließen, bietet Der Maler des Verborgenen also eine anregende Lektüre, sofern man über die oben skizzierten Kritikpunkte hinwegsehen kann.

John Vermeulen: Der Maler des Verborgenen. Roman über Leonardo da Vinci. Zürich, Diogenes, 2012 (Taschenbuchausgabe; Erstausgabe 2011), 581 Seiten.
ISBN: 9783257241761


Genre: Roman

Die Seltsamen

Durch das jähe Aufklaffen eines Portals zwischen Erde und Anderswelt sind zahlreiche Feenwesen ins England der Industrialisierung gelangt und in die dortige Gesellschaft zwangsintegriert worden. Noch Jahrzehnte später werden sie ausgegrenzt und benachteiligt. Besonders schwer haben es die titelgebenden Seltsamen, Mischlingskinder aus Verbindungen zwischen Menschen und Feen, die bei beiden Seiten nicht wohlgelitten sind. Dementsprechend düster und beschränkt verläuft die Kindheit des Jungen Bartholomew, der mit Mutter und Schwester in einem Elendsviertel von Bath haust und bessere Zeiten herbeisehnt. Bald drohen ihm und seiner Schwester Hettie aber noch ganz andere Gefahren als Vorurteile und Lynchjustiz: Es kommt zu einer Mordserie an Mischlingskindern, und alles deutet darauf hin, dass Bartholomew oder Hettie das nächste Opfer werden könnte. Die blutigen Vorgänge beschäftigen bald sogar den Staatsrat und damit den glücklosen Politiker Arthur Jelliby, dem auffällt, dass sich ausgerechnet der Justizminister höchst verdächtig verhält: John Lickerisch, der erste Feenbürtige in einem hohen Staatsamt …
Es ist vor allem die bunte Welt aus viktorianischem Elend, Feenmagie, Steampunkgerätschaften und Horrorelementen, aus der Die Seltsamen ihren Reiz gewinnen. Stefan Bachmann schöpft aus einer Märchen- und Sagentradition, die Feen, Elfen und Kobolde als bedrohliche und amoralische Wesen schildert, und bettet sie gekonnt in die Schattenseiten des 19. Jahrhunderts ein. Während er selbst vor allem Charles Dickens und C. S. Lewis als schriftstellerische Vorbilder nennt, könnte man auch den Eindruck gewinnen, hier hätten sich Susanna Clarke und Joan Aiken zusammengetan, um einen temporeichen Jugendroman in einem vor unheimlichen Phänomenen überbordenden England anzusiedeln, sich dabei aber leider für einen etwas schlichten und oberflächlichen Plot entschieden.
Die fabulierfreudige Fülle an historischen und literarischen Versatzstücken, Märchenmotiven und eigenen Einfällen täuscht nämlich auf den ersten Blick darüber hinweg, dass die Handlung extrem geradlinig gestaltet ist und die Protagonisten selbst für die Verhältnisse eines Jugendbuchs arg naiv handeln. Die beiden Erzählstränge um Bartholomew einerseits und Arthur Jelliby andererseits greifen sehr glatt ineinander, und die Nebenfiguren dürfen zwar auf von den Helden oder Schurken angestoßene Geschehnisse reagieren, entwickeln aber nur in den seltensten Fällen ein Eigenleben. Insbesondere die weiblichen Gestalten wie Hettie bleiben merkwürdig passiv. Ein paar Umwege, falsche Fährten und überraschende Wendungen hätten vielleicht etwas mehr Spannung und Tiefgang erzeugen können. Wie man die Handlungsführung empfindet, ist aber zugegebenermaßen Geschmackssache, und so wird es sicher auch Leser geben, die gerade an dem simplen und schnörkellosen Aufbau Gefallen finden.
Nachdenklicher stimmt hingegen eine unterschwellig mitschwingende Tendenz des Romans. Die Feen, die nach langer Ausbeutung und Unterdrückung endlich politischen Einfluss erlangen, aber weiter mit Diskriminierung zu kämpfen haben, lassen sich allzu leicht als Chiffre für reale minderprivilegierte Bevölkerungsgruppen verstehen. In diesem Kontext ist es nicht die glücklichste Entscheidung, dass sich nicht nur der erste erfolgreiche Feenpolitiker als skrupelloser Schurke erweist, sondern auch noch in der Quasi-Ritualmordlegende, die unter Menschen über den Umgang der Feen mit Mischlingen kursiert, ein Fünkchen Wahrheit steckt. In einem Roman mit mehr Nebenlinien und breiter gefächertem Personal hätte sich vielleicht eine differenziertere Darstellung erreichen lassen. So aber sind die Implikationen unschön, und man kann eigentlich nur hoffen, dass Bachmann in diesem Punkt keine Analogie zur Wirklichkeit beabsichtigt hat.
Sprachlich und stilistisch hingegen ist das Erstlingswerk des jungen Autors überwiegend gelungen, auch wenn er Lautmalereien – klonk! – etwas sparsamer einsetzen könnte. Hannes Riffels Übersetzung liest sich flüssig und ist liebevoll gestaltet, allerdings beim Umgang mit sprechenden Namen etwas inkonsequent, da diese nur teilweise eingedeutscht werden. So stehen die „Krähengasse“ und die „Ofenrohrstraße“ neben „Nonsuch House“. Hier wäre eine Entscheidung für ein einheitliches Vorgehen begrüßenswert gewesen.
Alles in allem bleibt man daher nach der Lektüre mit gemischten Gefühlen zurück. Doch Stefan Bachmann kann unzweifelhaft unterhaltsam schreiben, und es wäre ihm zu wünschen, dass er bei späteren Werken seinem durchaus beeindruckenden Weltenbau auch einen anspruchsvolleren Inhalt gegenüberzustellen weiß. Ob sich hier im Nachfolgeband Die Wedernoch schon etwas zum Positiven geändert hat, wäre vielleicht einen Leseversuch wert.

Stefan Bachmann: Die Seltsamen. Zürich, Diogenes, 2015 (Taschenbuchausgabe; gebundene Ausgabe 2014), 367 Seiten.
ISBN: 9783257243314


Genre: Roman

Der Gefangene des Himmels

Eigentlich plant Fermín, Mitarbeiter der Buchhandlung Sempere in Barcelona, seine große Liebe zu heiraten und seine wildbewegte Vergangenheit hinter sich zu lassen. Es gibt nur eine Schwierigkeit: Nicht genug damit, dass er seit Jahren unter einem falschen Namen lebt, er ist in dieser angenommenen Identität offiziell auch schon längst gestorben, was den bürokratischen Anteil der Eheschließung naturgemäß sehr verkompliziert. Doch während er noch nach einer Lösung für dieses Problem sucht und sich endlich seinem Freund, dem von eigenen Sorgen gebeutelten Buchhändlersohn Daniel, anvertraut, droht ihn sein düsteres Vorleben in Gestalt eines brandgefährlichen Bekannten aus seiner Haftzeit endgültig einzuholen …
Man ahnt schon: Insbesondere in den Rückblickspassagen des nicht linear aufgebauten, sondern an internen Verflechtungen und Bezügen zu den Vorgängerbänden reichen Romans lauert neben spannenden Verwicklungen, die leider nicht alle eine Klärung erfahren, einiges an Unerfreulichem, steht doch das Schicksal politischer Gefangener unter der Franco-Diktatur im Zentrum von Fermíns Hintergrundgeschichte. Was an Entbehrungen und ärgsten Misshandlungen geschildert wird, ist nicht unbedingt etwas für schwache Nerven.
Die Art, wie Ruiz Zafón davon und von allem anderen erzählt, ist jedoch trügerisch humorvoll und spöttelnd und hat in der Übersetzung von Peter Schwaar viel Schwung und Wortwitz (wenn man auch an einigen Stellen spürt, dass man den Text nicht in seiner Originalsprache vor sich hat).
Zudem finden sich zahlreiche Anleihen an die Weltliteratur, die teils explizit gemacht werden (wie im Falle des als praktische Handlungsanleitung genutzten Grafen von Monte Christo), teils nur andeutend mitschwingen (so dürfte etwa der Titel Aus der Welt der Toten für den Abschnitt über Fermíns Gefängnisaufenthalt kein Zufall sein, zumal auch manch ein Motiv in den entsprechenden Kapiteln wie bei Dostojewskij entlehnt wirkt). Der immer wieder aufscheinende starke Dumas-Bezug spiegelt sich auch in allerlei Wendungen und Beschreibungen, die in einem klassischen Mantel-und-Degen-Roman des 19. Jahrhunderts nicht fehl am Platze wären, und letztlich auch in der pikaresk angehauchten Gestalt des Fermín selbst, der, immer einen flotten Spruch auf den Lippen und sinnlichen Genüssen überaus zugeneigt, einen maßgeschneiderten Helden für diese Art von Abenteuer abgibt.
An allen Ecken und Enden ist also zu spüren, wie gezielt und bewusst Ruiz Zafón seine Geschichte konstruiert – und vielleicht ist es gerade das, was einen daran hindert, jemals völlig zu vergessen, dass man es mit Kunstfiguren in einer Kunstwelt zu tun hat. Das Lesevergnügen spielt sich größtenteils auf der intellektuellen Ebene ab, und der wohlige Moment, in dem man emotional in dem Roman aufgeht und mit seinen Protagonisten mitfiebert wie mit echten Menschen, will sich einfach nicht recht einstellen.  So lacht man über manche Pointe, würdigt die augenzwinkernden Beschreibungen des Lebens in Barcelona, zieht innerlich den Hut vor dieser oder jener geschickten Anspielung und bleibt doch stets ein wenig auf Distanz.
Natürlich spricht das nicht unbedingt gegen eine Lektüre, es ist nur ein Faktor, auf den man sich bei entsprechendem Lesetemperament einstellen sollte, um nicht leise enttäuscht zu sein. Wenngleich also die letzte Begeisterung nicht aufkommen will, ist Der Gefangene des Himmels ein Buch, das von beträchtlichem schriftstellerischem Können zeugt und die ungeheure Popularität seines Autors nachvollziehbar macht.

Carlos Ruiz Zafón: Der Gefangene des Himmels. Frankfurt am Main, Fischer, 2. Aufl. 2013, 403 Seiten.
ISBN: 9783596195855


Genre: Roman

Das zerstörte Leben des Wes Trench

Harte Arbeit, Armut und Perspektivlosigkeit prägen das Leben in der Barataria Bay, einem sumpfigen Küstengebiet in Louisiana, in dem der junge Wes Trench als Sohn eines Shrimpfischers heranwächst. Seit dem Tod seiner Mutter ist sein Verhältnis zu seinem Vater angespannt, und in der verzweifelten Lage nach einer Ölkatastrophe eskaliert der Konflikt. Um unabhängig von seinem Vater auf seinen Traum von einem eigenen Boot hinarbeiten zu können, heuert Wes bei dem einarmigen Shrimpfänger Lindquist an, der seit seiner Jugend plant, irgendwann den sagenumwobenen Schatz des Piraten Jean Lafitte zu heben. Bei seiner Suche kommt er der Marihuanaplantage der berüchtigten Brüder Toup gefährlich nahe. Doch auf deren Drogenzucht haben es noch ganz andere Gauner abgesehen …
So weit die Grundzüge von Tom Coopers Erstlingsroman Das zerstörte Leben des Wes Trench. Allerdings ist die Handlung an dieser Mischung aus Milieustudie und Abenteuergeschichte gar nicht einmal das Zentrale. Das Buch besticht viel mehr durch seine sperrigen und bisweilen skurrilen Charaktere und seine atmosphärischen Schilderungen von Landschaft und Lebensweise. Ständig präsent ist die überbordende Natur, die einerseits die durch menschliches Fehlverhalten gefährdete Existenzgrundlage der Fischer bildet, andererseits aber auch bedrohliche Züge aufweist: Ein Hurrikan, den der Vater zunächst unterschätzt, kostet Wes‘ Mutter das Leben, und im Verlauf der Ereignisse um den Drogenanbau der Toups lernt mehr als nur eine Figur die furchterregenden Seiten der Sümpfe kennen.
Auch sollte man sich nicht zu sehr auf den deutschen Titel verlassen, der allein die Gestalt des Wes Trench in den Vordergrund rückt (im amerikanische Original ist das Buch weit passender als The Marauders erschienen). Zwar bilden sein Heranreifen und sein Ringen mit seinem Vater, dem er nicht zuletzt die Schuld am Ertrinken seiner Mutter gibt, einen entscheidenden Handlungsstrang, doch ist seine Geschichte letztlich nur eine unter vielen miteinander verflochtenen, in denen abwechselnd unterschiedlichste Protagonisten die Hauptrolle spielen, wobei allerdings auffällt, dass Frauen sträflich vernachlässigt werden. Ob auf dem Fischerboot oder im Ölunternehmen, in der Kneipe oder unter Ganoven, die Erfahrungen von Männern interessieren Tom Cooper am meisten. Verbindende Konstante ist dabei, dass sein Augenmerk denjenigen gilt, für die der amerikanische Traum eigentlich ausgeträumt scheint und die sich dennoch irgendwie durchzuschlagen wissen.
Mit einigen (nicht nur sprachlichen) Derbheiten muss man sich dabei abfinden, und manche Wendungen, die die Geschichte kurz vor Schluss noch nimmt, sind nichts für schwache Nerven – so demonstriert etwa die örtliche Fauna ziemlich blutig, dass nicht unbedingt immer der Mensch am obersten Ende der Nahrungskette steht. Wie sehr einem solche Elemente und auch die allgemeine Schwerpunktsetzung zusagen, ist in hohem Maße Geschmackssache, doch ganz unabhängig davon muss man einräumen, dass Cooper eine überzeugende und trotz beträchtlicher Schattenseiten auch faszinierende Welt heraufbeschwört. Für einen spannenden Leseausflug in einen eher unbekannten Winkel der Vereinigten Staaten ist Das zerstörte Leben des Wes Trench, das vielleicht am Ende doch nicht gar so hoffnungslos ist, wie der Titel suggeriert, also durchaus zu empfehlen.

Tom Cooper: Das zerstörte Leben des Wes Trench. Berlin, Ullstein, 2016, 384 Seiten.
ISBN: 9783550080968


Genre: Roman

Die Liebe meines Vaters

Im Jahre 1930 reist der angehende Lehrer Loris aus einer Laune heraus nach Budapest. Für den kunstsinnigen jungen Mann bildet die kosmopolitische Stadt einen verlockenden Gegensatz zur provinziellen Enge seiner württembergischen Heimat. Durch die Zufallsbekanntschaft mit dem Journalisten Béla findet er schnell Anschluss an einen ungarischen Freundeskreis und verliebt sich in die selbstbewusste und intelligente Hutmacherin Éva. Was als unbeschwerte Sommerbeziehung beginnt, wird den beiden trotz langer Trennungsphasen immer wichtiger und steht doch unter keinem guten Stern: Die Verwerfungen am Vorabend des Zweiten Weltkriegs sprengen selbst enge Freundschaften, und der eher unpolitische Loris muss die bittere Erfahrung machen, dass höfliche Zurückhaltung einen nicht davor bewahrt, in den Strudel der Katastrophe gerissen zu werden, die radikalere Geister angestoßen haben. Als er, längst mit einer anderen verheiratet, in den Krieg zieht, der sein weiteres Schicksal bestimmen soll, scheinen seine Budapester Erlebnisse sehr fern – und doch werden sie Jahre später für seine Tochter Maria noch große Bedeutung gewinnen.
Vor allem eine Liebesgeschichte also? Ja und nein. Natürlich ist die Nähe, die sich bei aller nicht nur geographischen Ferne zwischen Loris und Éva entwickelt, der Kern, um den sich die gesamte Handlung entspinnt. Doch der Roman ist auch und vor allem ein pralles Panorama einer bewegten Epoche.
Die sinnlichen Beschreibungen des alten Budapest mit seinen Gerüchen, seiner kulturellen Vielfalt und immer wieder auch seinem leitmotivisch wiederkehrenden Himmel erinnern an den besten Stellen atmosphärisch an Joseph Roths Schilderungen des späten Habsburgerreichs. Diesem Schwelgen in kulinarischen Genüssen, Musik, Prachtbauten und Lichtstimmungen stehen im Mittelteil des Romans ebenso intensive Darstellungen der Kriegsgräuel, mit denen Loris als Opfer wie als Täter konfrontiert ist, und des harten Lebens seiner oft überforderten Frau Elsa auf der Schwäbischen Alb gegenüber. Die auf echten Vorbildern beruhenden Feldpostbriefe, mit denen die beiden Kontakt halten, zeichnen hautnah und präzise das Scheitern einer Ehe an den Zeitläuften und an gegenseitigem Unverständnis nach.
Doch nicht nur in ihnen zeigt sich Eichhorsts Talent, fein beobachtete Charakterstudien der Figuren zu entwerfen, die den historischen Rahmen ebenso sehr prägen, wie sie von ihm geprägt werden: Von den Bauern, bei denen Elsa Unterschlupf findet, über die Soldaten in Loris‘ Umfeld bis hin zu Évas quirliger Schwesternschar, immer hat man das Gefühl, es eher mit lebenden Menschen als mit Romangestalten zu tun zu haben.
Ein wiederkehrendes Thema sind dabei Familienstrukturen und ihre Auswirkungen, am sinnfälligsten vielleicht in der titelgebenden Liebe meines Vaters zu fassen, die sich nicht etwa nur auf die Jugendliebe von Marias Vater bezieht, sondern ebenso sehr auf den Verlust von Vaterliebe (der sie und ihre Mutter Elsa jeweils trifft), die unerfüllte Sehnsucht danach (die in Loris‘ eigener Biographie mitschwingt) und schließlich den Segen, den ein tatsächlich liebender Vater bedeuten kann, wie der weise György, dem Éva einen Gutteil ihrer Selbstsicherheit und Lebenstüchtigkeit verdankt.
Doch Mehrdeutigkeit und Reichtum an Sinnebenen sind nicht auf den Titel allein beschränkt, sondern schwingen auch in Details wie der sicher nicht zufälligen Namensgebung mit: So verhilft Éva zur Erkenntnis und ist Bewohnerin eines Paradieses, das verloren geht. Maria dagegen, schon als Kind von ihrem von seiner Ehe enttäuschten Vater zur privaten Heilsbringerin überhöht, hat die Hoffnung, dieses Paradies in gewissem Maße zurückzugewinnen – doch dazu ist erst die Rückbesinnung auf Éva notwendig.
Schade ist allein, dass Marias Geschichte, die in etwa die letzten 80 Seiten umfasst, so eher die Funktion eines Nachspiels zu der ihres Vaters erhält und nicht noch tiefer ausgelotet wird, denn die Kürze ist mit einigen Raffungen erkauft (beispielsweise wird der weitere Weg einer für den Beginn des Romans so zentralen Gestalt wie Béla nur in wenigen Sätzen referiert, und man ertappt sich bei dem Wunsch, man hätte mehr davon miterleben dürfen).
Alles in allem jedoch ist Die Liebe meines Vaters so nachdenklich, unendlich traurig, tröstlich und dabei immer wieder auch herzzerreißend schön, dass der Roman durchaus das Zeug hat, zu einem modernen Klassiker zu werden. Es wäre ihm zu wünschen.

Sabine Eichhorst: Die Liebe meines Vaters. München, Droemer Knaur, 2016, 363 Seiten.
ISBN: 9783426516652


Genre: Roman

Tous les matins du monde

Große Freiheiten im Umgang mit den historischen Tatsachen, nicht unbedingt leicht zugängliche Hauptfiguren, die drastische Schilderung eines Selbstmords – Pascal Quignards Tous les matins du monde (dt. Die siebente Saite), ein Roman, der hierzulande vor allem durch die gleichnamige Verfilmung von Alain Corneau bekannt geworden ist, enthält einiges, was einen nicht auf den ersten Blick anspricht.
Wer sich davon abschrecken lässt, versäumt allerdings zugleich eine wunderbare literarische und philosophische Auseinandersetzung mit der Musik und der Frage, inwieweit man Kunst kompromittiert, wenn man sie zum Beruf macht und als Mittel des sozialen Aufstiegs begreift.
Die Charaktere, um deren Lebensentwürfe sich die Geschichte entspinnt, könnten gegensätzlicher nicht sein: Einem ebenso einsiedlerischen wie empfindsamen Asketen steht ein hedonistischer und eigensüchtiger Karrierist gegenüber.
Ersterer, der Komponist und Gambenvirtuose Monsieur de Sainte-Colombe, verliert seine Frau, die dennoch über den Tod hinaus als Geist mit ihm verbunden bleibt, und führt fortan mit seinen Töchtern Madeleine und Toinette ein äußerst zurückgezogenes Leben. Seine Kunst in den Dienst der Mächtigen zu stellen, lehnt er stets vehement ab. So sind Konflikte vorprogrammiert, als es dem jungen, ehrgeizigen Marin Marais – wenn auch nicht im ersten Anlauf – gelingt, ihn als Lehrmeister zu gewinnen. Die Spannungen eskalieren, als Marin die Gelegenheit wahrnimmt, am Königshof aufzutreten. Sein Zusammenstoß mit Sainte-Colombe hindert ihn jedoch nicht daran, eine Beziehung mit der sensiblen Madeleine anzuknüpfen und in seinem Egoismus und mangelnden Einfühlungsvermögen eine Tragödie heraufzubeschwören.
Ein wie auch immer geartetes „gutes“ Ende des kleinen Romans erscheint nach dieser Wendung kaum noch möglich, doch Quignard weiß den Leser zu überraschen und einen ebenso melancholischen wie versöhnlichen Abschluss zu finden, in dem eine Annäherung der beiden schwierigen Komponisten gelingt und Sainte-Colombe Marin Marais sogar so etwas wie sein Vermächtnis anvertraut.
Das scheinbar so simple letzte Gespräch, das die beiden über die Funktion der Musik führen, ist nicht nur inhaltlich berührend, sondern verrät auch Quignards Gespür für die Musikalität von Sprache, das auch in anderen Passagen durchschimmert. Ohnehin ist die mosaikartige Reihung kleiner, prägnanter Szenen in oft nur wenige Seiten langen Kapiteln stilistisch bemerkenswert und erzeugt einen sehr spezifischen Leserhythmus, der aber gar nicht schlecht zu den in ihrem Umfang sehr unterschiedlichen und in ihrem Verlauf nur scheinbar ruhigen Gambenstücken der Barockzeit passt, die hier immer wieder evoziert werden.
Als schöne Ergänzung zur Lektüre empfiehlt es sich, die Musik, von der Quignard sich inspirieren ließ, tatsächlich einmal anzuhören. Der Griff zum Soundtrack der Verfilmung mit Jordi Savalls kongenialer Einspielung verschiedenster französischer Barockwerke liegt natürlich nahe, aber wenn man sich speziell mit Sainte-Colombes Kompositionen näher befassen möchte, ist auch Hille Perls nachdenkliche Interpretation Retrouvé & Changé unbedingt empfehlenswert.

Pascal Quignard: Tous les matins du monde. Paris, Gallimard, 2003 (Erstausgabe: 1991), 117 Seiten.
ISBN: 978-2070387731


Genre: Roman

The Changeling Sea

Die Fischerstochter Peri hat aus gutem Grund ein gespaltenes Verhältnis zum Meer: Zwar ist es Existenzgrundlage ihres ärmlichen Heimatdorfs, dessen grauen Alltagstrott nur die alljährliche Anreise des Königshofs zum nahen Sommersitz des Herrschers ein wenig auflockert. Zugleich hat es jedoch ihren Vater das Leben gekostet und ihr mit der seither in tiefer Trauer erstarrten Mutter auch die zweite wichtige Bezugsperson genommen. Doch als sie in ihrer Hilflosigkeit zu abergläubischen Zauberpraktiken greift, um das Meer zu verhexen und ihm ihren Willen aufzuzwingen, setzt sie unwissentlich Ereignisse in Gang, die nicht nur ein Seeungeheuer auf den Plan rufen, sondern mit dem leicht unheimlichen Königssohn Kir und dem schelmischen Magier Lyo auch zwei Männer in Peris Leben treten lassen, die ihr bald unerwartet viel bedeuten.
So weit, so unspektakulär, möchte man meinen, und oberflächlich betrachtet liegt damit in der Tat nur ein unterhaltsames, märchenhaftes Jugendbuch vor, dessen Handlung für McKillip’sche Verhältnisse recht geradlinig verläuft und das alte Motiv des Wechselbalgs aufgreift, wenn auch mit einer interessanten Wendung, was die Identität der vertauschten Kinder betrifft.
Aus genrehistorischer Perspektive ist jedoch das Spannende an dem Roman, dass McKillip hier eine Formel vorwegnimmt, die sich in der Jugendfantasy spätestens seit Twilight größter Beliebtheit erfreut: Eine scheinbar nicht weiter ungewöhnliche junge Frau steht zwischen mehreren Männern, von denen mindestens einer sich durch übernatürliche Fähigkeiten oder andersweltliche Abstammung auszeichnet.
Während jedoch viele aktuelle Spielarten dieses populären Handlungsmusters zu Recht dafür kritisiert werden, dass eine blasse Protagonistin Angebeteten verfällt, die ihr in jeder Hinsicht haushoch überlegen sind, und im Rahmen dieser asymmetrischen Beziehungen Entscheidungen trifft, die im wahren Leben nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen sind, ist McKillips Umgang mit dem Thema differenzierter.
Peri ist durchaus klug genug, zu erkennen, dass gerade die feenhafte Wesensart, die einem ihrer Verehrer seinen Charme verleiht, einem sinnvollen Verhältnis auf die Dauer im Wege steht. Dass ihr diesbezüglicher Stroßseufzer, sie wünsche, er könne „menschlicher“ sein, ungeahnte magische Auswirkungen hat, ist eine amüsante Wendung. Aber eine Dreiecksliebe entspinnt sich nicht nur um die entschlossene Heldin, sondern bildet auch die Vorgeschichte des Romans, die erst nach und nach aufgedeckt wird und einen tragischen Zusammenhang zwischen der Königsfamilie, dem Seeungeheuer und der sagenumwobenen Welt unter dem Meer herstellt. Trotz des bitteren Unrechts, das einigen Figuren geschieht, kommt der Roman ohne eigentlichen Schurken aus und ist in manchen Szenen fast eine philosophische Betrachtung über aus enttäuschten Gefühlen erwachsene Fehlreaktionen, die nicht nur Unschuldige leiden lassen, sondern auch die Verantwortlichen selbst treffen.
Doch wie immer bei McKillip macht die Handlung nicht den hauptsächlichen Reiz des Buchs aus. Neben der poetischen Sprache ist es vor allem die grandios ambivalente Schilderung des Meeres, das in seiner lebensspendenden Funktion ebenso thematisiert wird wie als bedrohliches und sogar todbringendes Element, das neben unermesslichen Schätzen auch düstere Geheimnisse birgt und zu allerlei Legendenbildung anregt. Kontrast zu dieser weiten und bezaubernden Kulisse und doch zutiefst von ihr geprägt ist Peris Heimatort mit seiner (auch geistigen) Enge und Beschränktheit, der die Heldin letzten Endes entflieht – allerdings nicht wie in so manchem vergleichbaren Roman ausschließlich in die Arme des Mannes, mit dem sie zusammenfindet, sondern vor allem in eine neue Aufgabe, die sich fast zwingend aus ihren Erlebnissen ergibt.
So ist The Changeling Sea vieles, klassischer Entwicklungsroman ebenso wie stilles Loblied auf die Faszination von Küstenlandschaften und nicht zuletzt auch sensibles Abstecken des Spannungsfelds zwischen den Zwängen einer Herkunft, die sich nicht verleugnen lässt, und individueller Entfaltung. Fantasyleser und Märchenfreunde werden hier Altbekanntes wiederentdecken, aber in so origineller und oft eleganter Interpretation, dass das Buch sich auch über ein Vierteljahrhundert nach seinem ersten Erscheinen noch frisch und unverstaubt liest.

Patricia A. McKillip: The Changeling Sea. New York u.a., Firebird (Penguin), 2003 (Originalausgabe: 1988), 137 Seiten.
ISBN: 978-0141312620


Genre: Roman