Lesestoff: Der Schwanenjüngling

Achtung, freifliegende Schwanenleute! Auch der heutige Lesestoff ist kein in sich abgeschlossener Text, sondern ein Ausschnitt aus meinem Roman Rattenlied; dort bildet er eine Geschichte in der Geschichte, die von den bekannten Sagen und Märchen über Schwanenjungfrauen inspiriert ist.

Zur Erzählsituation: Der fahrende Sänger Audoin und der Bogenschütze Gorta, der aus einer steppennomadischen Kultur stammt, sind gemeinsam unterwegs. Da Gorta noch nicht lange in der Gegend ist und bedauert, die Geschichten seiner neuen Heimat nicht zu kennen, erzählt Audoin ihm eine örtliche Sage, nämlich die folgende.

Der Schwanenjüngling

Es war einmal, oder auch nicht – so genau ließ sich das bei derart alten Überlieferungen bekanntlich nie einschätzen.

Jedenfalls war es angeblich zu der Zeit, als das Römische Reich zerfiel und in den Trümmern seines einstigen Randes andere nach der Macht griffen. Damals kamen aus dem Norden zwei Geschwister herab, die man wegen eines Totschlags aus ihrer Heimat verbannt hatte, Asgeir Schiefauge und die erste Asa. Hier angekommen, blieben sie ihren alten Gewohnheiten treu und eroberten so einiges an Gefolgsleuten und Beute. Doch als es ans Aufteilen dieser Reichtümer ging, übervorteilte Asgeir seine Schwester, so dass er reichen Landbesitz erwarb und der erste Fürst auf dem Brandhorst
wurde, während für Asa nur das Fleckchen Erde blieb, auf dem heute der Schwanenhof stand. So kam es, dass die Schwanenhofleute und die Fürsten vom Brandhorst zwar noch wussten, dass ihre
Vorfahren miteinander verwandt gewesen waren, aber schon lange nicht mehr miteinander redeten und einander in keiner Fehde Waffenhilfe leisteten.

Betrogen oder nicht, die erste Asa ließ sich nicht davon abhalten, eine Halle zu errichten, die seither schon drei- oder viermal ersetzt worden war, und ihr Ruhm mehrte sich, weil sie auch weiterhin
allerlei zweifelhafte Taten beging. Doch ihr Gut hieß noch nicht Schwanenhof, sondern nur »Asas Hof«, da es bei Neugründungen gemeinhin Sitte war, sie nach ihrem Besitzer zu benennen. So hätte
es bleiben können, wenn sie dem Rat ihrer Getreuen gefolgt wäre und einen anständigen Mann geheiratet hätte. Einen um den anderen schlug man ihr vor, doch sie lehnte alle ab.

Denn unweit ihres neuen Guts hatte die erste Asa auf einem Jagdausritt einen versteckt gelegenen Weiher entdeckt, und wie es in den alten Zeiten so war, kamen dorthin die Schwanenjungfrauen
und Schwanenjünglinge, um zu baden. Als Schwäne kamen sie angeflogen, legten ihre Schwanengewänder am Ufer ab und ließen sich in Menschengestalt ins Wasser gleiten. Und was so ein rechter Schwanenjüngling war, übertraf einen gewöhnlichen Mann natürlich in jeder Hinsicht.

Einer dieser Schwanenjünglinge hatte es der ersten Asa nun besonders angetan, hatte er doch glänzendes dunkles Haar, ebenmäßige Gesichtszüge und eine anmutige Gestalt. Kurz und gut, er
sah ungefähr so aus wie Tergai, nur ohne dessen derzeit so quälende Erkältung, da ein Schwanenmann in dieser Art von Geschichte selbstverständlich keinen Schnupfen bekam.

Die erste Asa fand recht bald heraus, zu welcher Zeit er mit seinen Geschwistern zum Weiher zu kommen pflegte. Sie wusste es so einzurichten, dass sie an den entsprechenden Tagen früh genug im Wald war, um sich zu verbergen und ihn heimlich zu beobachten. Doch irgendwann genügte ihr das nicht mehr, und so tat sie, was die Heldinnen und Helden der alten Märchen, die sie kannte, immer getan hatten: Sie stahl ihrem Angebeteten sein Schwanengefieder und hoffte, dass er dann würde bei ihr bleiben müssen. Seine Geschwister, untreu, wie sie waren, rafften eilig ihre eigenen Schwanenhäute an sich und schwangen sich in die Luft, aber der schöne Schwanenmann konnte es ihnen nicht gleichtun.

»Na, Junge?«, sagte die erste Asa, weil Audoin nichts dabei fand, sie wie ihre gleichnamige Nachfahrin reden zu lassen.

Das nahm der Schwanenjüngling gar nicht gut auf. »Du hast mir mein Schwanenkleid gestohlen!«, fuhr er sie zornig an, und hätte er seine Schwanenschwingen gehabt, wäre es ihr übel ergangen, weil mit Schwänen nicht zu spaßen war. Doch jetzt war er nun einmal in Menschengestalt und wollte lieber nicht zu viel wagen, da die freche Diebin ein Schwert, einen Jagdspeer und mindestens drei Messer verschiedener Größe bei sich trug. So konnte er nur nackt und empört die Fäuste ballen.

»Ja, das macht man eben gemeinhin, wenn man mit deinesgleichen sprechen will«, erwiderte die erste Asa verwundert, denn so entwickelten sich derlei Begegnungen in den Liedern und Erzählungen ihres Harfners nie.

»So, so«, gab der Schwanenjüngling zurück. »Hättest du einem badenden Menschenmann auch die Kleider fortgenommen, wenn du mit ihm hättest reden wollen?«

»Vielleicht, wenn er schön gewesen wäre, oder die Kleider teuer genug«, bekannte die erste Asa.

Da nannte der Schwanenjüngling sie eine Verbrecherin, eine fürchterliche Frau und noch manch weitere zutreffende Dinge und fluchte so verzweifelt, dass selbst jemand wie die erste Asa beginnen musste, sich zu schämen. Das tat sie auch im Rahmen ihrer Möglichkeiten, will sagen, genug, um ihm das Schwanengefieder zurückzugeben und betrübt gesenkten Kopfes durch den Wald davonzustapfen. Der Schwanenjüngling streifte sich eilends das Federkleid über und flog in die Wolken empor.

Damit hätte die Geschichte zu Ende sein können, denn die erste Asa ging fortan nie mehr zum Weiher, und auch die Schwanenleute wagten sich lange nicht mehr dorthin. Einen anderen Mann wollte die erste Asa aber weiterhin nicht. Der Herbst brach an, und während die Blätter sich bunt färbten, dichtete die Gutsherrin traurige Verse auf ihren verlorenen Schwanenjüngling und war zu übellaunig, nebenbei auch nur ein wenig zu rauben und zu plündern. Dann fiel der erste Schnee, und mit ihm kam eines Abends ein Schwan, dem es doch eigentlich hätte zu kalt sein sollen. Doch er setzte sich vors große Tor der Halle, um zu lauschen, wie die erste Asa zur Leier ihre kummervollen Lieder sang. Man sagte ihr, dass sie einen Zuhörer habe, doch als sie aufsprang und auf den Hof hinauseilte, flog der Schwan davon und war verschwunden. So ging es viele Male, und es sprach sich herum, dass der ungewöhnliche Besucher selbst bei bitterer Kälte erschien und alles Futter verschmähte, das mitleidige Hofbewohner für ihn ausstreuten.

Irgendwann gab die erste Asa es auf, hinauslaufen zu wollen. Doch sie ließ stattdessen das Tor der Halle öffnen, ohne sich daran zu stören, dass Frost und Wind hereindrangen, und mit jedem
Abend kam der Schwan ein wenig näher. Als dann der kürzeste Tag des Jahres gekommen war und die längste Nacht anbrach, wagte er sich über die Schwelle und streifte sein Schwanengefieder ab, gab es allerdings nicht aus der Hand. Die Leute staunten sehr, nur nicht die erste Asa, die ihm bedeutete, sich zu ihr ans Feuer zu setzen.

»Du singst schon seit vielen Wochen von mir«, sagte der Schwanenjüngling, als er in die Wärme getreten war und Asas Gefolgsleute noch beratschlagten, ob sie ihm Wein anbieten sollten oder nicht doch lieber Kleider.

»Das tue ich«, erwiderte die erste Asa und sah ihn über ihre Leier hinweg an. »Doch rätselhafter ist, dass du es dir auch schon seit vielen Wochen anhörst. Warum bist du nicht bei den anderen Schwanenleuten, wo auch immer ihr euch im Winter herumtreiben mögt?«

Der Blick des Schwanenjünglings wurde bekümmert. »Zu meinen Geschwistern gehe ich nicht mehr. Sie hätten mir helfen sollen, als du mir meine Schwanenhaut gestohlen hast. Gegen sie alle hättest du wenig ausrichten können, es wäre also nicht viel Gefahr dabei gewesen. Aber haben sie es getan? Nein. Ich war allein und bin allein geblieben. Doch das ist auf die Dauer betrüblich, gerade im Winter. So sage ich mir, dass ich vielleicht besser daran tue, zu derjenigen zu gehen, die grob und unbedacht war, es aber nicht böse gemeint hat, als bei denen zu bleiben, die mir mehr geschuldet hätten und doch nur an sich gedacht haben. Du nimmst mir das Schwanengewand doch kein zweites Mal fort, nicht wahr?«

Und die erste Asa versprach es.

So kam sie zu einem Mann, und ihr Hof zu einem neuen Namen. Das wundersame Schwanengefieder, mit dem man sich in einen der großen Vögel verwandeln konnte, ging zur Zeit ihrer Kinder oder Kindeskinder allerdings verloren, so dass heute auf dem Schwanenhof niemand mehr diese Kunst verstand. Doch die geschnitzten Schwanenköpfe an den Giebeln kündeten weiterhin davon, dass unter den Vorfahren der Hofherren einer gewesen war, mit dem es eine besondere Bewandtnis gehabt hatte, und das war die ganze Geschichte.

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