Lesestoff: Geisterreigen

Statt einer neuen Kurzgeschichte wie vor einer Woche gibt es heute als Lesestoff einen kleinen Ausschnitt aus meinem Roman Die Teeräuber. Die Stelle lässt sich als Ergänzung zur am letzten Mittwoch veröffentlichten Geschichte lesen, denn auch abseits davon, dass eine Richterin und ein ehemaliger Dieb ein eher unwahrscheinliches Paar sind, hat das Eheleben in einer Welt, in der Geister umgehen, potenzielle Tücken. Viel Spaß bei der Lektüre!

Zum Kontext des Ausschnitts: Eine Bekannte hat Wulfilas Vater darum gebeten, zauberkräftige Runen in ihren Hühnerstall zu ritzen, um Raubtiere fernzuhalten, und er hat zugestimmt. Darüber entspinnt sich zwischen seinem Sohn und seiner Schwiegertochter folgendes Gespräch.

Geisterreigen
(Die Teeräuber, S. 104-106)

»Das wird er noch bereuen«, sagte Wulfila später zu Herrad, als sie mit ihm und Wulfin, der stolz den verpackten Tee trug, auf dem Weg zu Magister Paulinus war. »Wenn ich ihren Schwiegersohn vorhin richtig verstanden habe, steht dieser sogenannte neue Hühnerstall nämlich erst halb, und niemand ist allzu erpicht darauf, ihr zu helfen, ihn fertigzubekommen.«

Herrad dachte an Priscas gutgemeinte Warnung am Vortag zurück. »Falls es länger dauern sollte, werden wir den Tag auch ohne Koch überstehen.«

Sie hütete sich, zuzugeben, dass sie sich heimlich sogar darauf freute, eine Pastete aus der Garküche bei der Quellgrotte zu holen. Um dieses Vergnügen war sie in den letzten Monaten oft gebracht worden, weil Wulf seinen Dienst in ihrer Küche allzu zuverlässig versah.

»Meinst du, ich hätte eingreifen müssen?« Wulfila sorgte sich wohl weniger um das morgige Mittagessen als um seinen Vater.

Herrad schüttelte den Kopf. »Wenn er Frau Valeria nicht helfen wollte, hätte er von sich aus abgelehnt, und ich denke, er weiß sehr gut, dass es ihr nicht allein um den Hühnerstall oder die Runen geht, so wie sie ihn angesehen hat.«

Wulfila ließ sich diese Annahme schweigend durch den Kopf gehen. »Da wird sie nicht weit kommen«, antwortete er am Ende, als die östliche Stadtmauer, an der Paulinus’ Haus stand, in Sicht kam.

»Nein?« Herrad war fast enttäuscht, denn alles, was sich da hätte ergeben können, wäre sicher sehr vergnüglich zu beobachten gewesen.

Wieder schwieg Wulfila. »Nein«, bekräftigte er dann so widerstrebend, als würde er ein Geheimnis preisgeben. »Meine Mutter ist ein recht anhänglicher Geist, und wenn ich Valeria wäre, würde ich mich mit ihr nicht anlegen.«

Das beeindruckte Herrad genug, sie erst einmal stehen bleiben zu lassen. »Ich denke, sie ist ihm nur in Mons Arbuini erschienen, als er so krank war? Ardeija hat jedenfalls behauptet, das hätte dein Vater ihm gesagt.«

»Mehr wird er Ardeija auch nicht erzählt haben.« Wulfila lächelte schief. »Aber das war nicht das letzte Mal, dass sie nach ihm gesehen hat.«

Der Tag erschien der Richterin auf einmal ausgesprochen kalt und grau, und das nahe Haus des Magisters, das sie inmitten seiner Sammlung angeschlagener Statuen schon liegen sehen konnte, sehr fern.

»Tut deine Frau so etwas auch?«, hörte sie sich selbst fragen, obwohl sie sich sagte, dass manches Wissen besser unerlangt blieb, zumal, wenn es ihre Vorgängerin an Wulfilas Seite betraf. »Merula, meine ich?«

Zu ihrer beträchtlichen Erleichterung verneinte Wulfila. »Dein Alanus doch auch nicht, oder?«

»Nicht, dass ich wüsste«, erwiderte Herrad und musste sich eingestehen, dass das wenig heißen wollte; der Mann, den sie einmal zu heiraten geplant hatte, war schließlich so ruhig und rücksichtsvoll gewesen, dass sie ihm zutraute, nötigenfalls nur ungesehen als Gespenst umzugehen, um sie nicht zu erschrecken.

»Gut.« Wulfila klang, als wäre ihm eine schwere Last von der Seele genommen. »Ich hoffe ja von Herzen, dass wir irgendwann einmal alle im Himmel oder wohin es uns sonst verschlägt friedlich beieinandersitzen und Tee trinken, ohne allzu eifersüchtig zu sein, aber im Leben könnte es zu viert etwas anstrengend werden.«

»Ardeija hat aber neulich von einer Barsakhanenfürstin erzählt, die sechs Männer hatte«, warf Wulfin ein und zupfte seinen Vater am Mantel, wie um anzudeuten, dass man das Gespräch doch auch im Gehen fortsetzen könnte. »Und die haben sich auch alle vertragen.«

»Das ist beruhigend.« Herrad setzte sich lachend wieder in Bewegung. »Wenn auch sieben Leute so vorzüglich miteinander auskommen können, dann haben wir beide noch jeweils einen gut, nicht wahr? Nur den Letzten in der Runde müssen wir uns teilen, damit es auch gerecht zugeht.«

Wulfila sah sie stumm an und schien dankbar zu sein, dass sie in diesem Augenblick Paulinus’ Gartentor erreichten, so dass er um eine Antwort herumkam.

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