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Schweigendes Les Baux

In einem heute zu kulturellen Zwecken genutzten ehemaligen Steinbruch bei Les Baux wird der Privatdetektiv Patrick Ripert brutal ermordet aufgefunden. Zeugen gibt es keine, obwohl die Tonbildschau, bei der die Tat geschehen sein muss, gut besucht war. Ein Taschendieb wird mit den Habseligkeiten des Opfers aufgegriffen, aber der Ermittler Roger Blanc hat Zweifel, ob er in ihm auch den Mörder vor sich hat, zumal die Tatwaffe unauffindbar bleibt. Ripert war offenbar für den Besitzer eines nahen Landguts auf der Suche nach einem verschwundenen Gemälde, dessen Diebstahl gleichwohl nie zur Anzeige gebracht wurde. Aber warum hatte er Material für einen Gentest bei sich, als er starb, und welche Rolle spielt ein grausiges Verbrechen, das vor Jahren in seiner Heimatstadt begangen wurde und noch immer ungesühnt ist?

Cay Rademachers Reihe um Capitaine Roger Blanc zählt unter den seit mehreren Jahren populären Frankreichkrimis zu den besseren, auch und vor allem, weil die genaue Ortskenntnis des Autors und seine Liebe zum Midi aus den Beschreibungen sprechen. Wer selbst schon in der Provence war, wird vieles wiedererkennen. In diesen Schilderungen der Gegend und der französischen Lebensart besteht neben den oft pointierten und humorvollen Formulierungen auch der größte Reiz der Serie.

Der neue Band Schweigendes Les Baux ist dabei ein sehr aktueller Roman, spielt er doch vor nur anderthalb Jahren und dennoch in einer anderen Welt: Mitte Februar 2020 erreicht die Coronakrise Europa erst allmählich und wird noch nicht von allen ernstgenommen, so dass es für die Romanfiguren, anders als für das Lesepublikum, sehr überraschend kommt, als sich einer der Polizisten gegen Ende der Geschichte in Quarantäne wiederfindet.

Etwas Ähnliches gilt auch für den Mordfall selbst, denn wer von Anfang an die Beschreibungen der auftretenden Figuren aufmerksam liest, kann relativ früh erraten, unter welcher Identität eine für die Vergangenheit des Mordopfers wichtige Person in der Gegenwart lebt, und damit auch die richtigen Schlüsse über die Hintergründe der aktuellen Morde ziehen (denn es bleibt selbstverständlich nicht bei einem einzigen). Das gilt allerdings nicht für die reichlich verwickelte Familiengeschichte, durch die Roger Blanc und seine Kollegen erst einmal waten müssen, um zu erkennen, dass sie lange einer falschen Spur gefolgt sind. Dabei werden nach und nach noch ganz andere Verbrechen als das auslösende und auch ein paar eher harmlose menschliche Schwächen aufgedeckt, durchaus mit ungewöhnlichen Methoden: Blanc operiert dann und wann am Rande der Legalität (z.B., um ohne das Wissen der Betroffenen DNA-Proben zu nehmen), und einer seiner Untergebenen demonstriert, dass man die Flucht eines Verdächtigen gegebenenfalls auch durch einen gut gezielten Bienenstock-Wurf stoppen kann.

Weil die Polizeitruppe mit all ihren Ecken und Kanten und ihrem nicht gerade ideal verlaufenden Privatleben durchaus Spaß macht, verzeiht man Rademacher auch, dass er bei seinen Tatortschilderungen etwas zu viel Freude an schaurigen Einzelheiten unter Beweis stellt und dass nicht alle Motive hundertprozentig nachvollziehbar sind (besonders die Handlungsweise von Blancs Vorgesetzten Nkoulou, dessen Beziehung zu einer eher schwierigen Frau als Amour fou fast noch zu höflich beschrieben wäre, lässt einen phasenweise den Kopf schütteln, so notwendig sie für den Plot auch sein mag).

Spannend bleibt die Lektüre aber bis zum Schluss, auch wenn mehr Gründlichkeit bei Lektorat und Korrektorat dem Roman nicht geschadet hätten. Neben kleineren Fehlern sind nämlich auch einige widersprüchliche Angaben stehen geblieben (ist z.B. eine Verdächtige nun achtundvierzig oder fünfundvierzig Jahre alt?), und bei in den deutschen Text übernommenen französischen Bezeichnungen wird munter zwischen den für das grammatische Geschlecht in der Originalsprache korrekten Artikeln und denen, die zu dem der deutschen Entsprechung passen, gewechselt (so z.B. „die“ und „der“ Tour Sarrasine für einen Turm auf der Burg von Les Baux). Wer nur in die Provence eintauchen will, um sich gut unterhalten zu lassen und nebenbei einiges über Mandelanbau und Kunstszene zu erfahren, wird sich daran aber wohl nicht allzu sehr stören.

Cay Rademacher: Schweigendes Les Baux. Ein Provence-Krimi mit Capitaine Roger Blanc. Köln, Dumont, 2021, 416 Seiten.
ISBN: 978-3-8321-8128-4


Genre: Roman

Jesus und seine Welt

Cay Rademacher ist eigentlich vor allem als Journalist und Krimiautor bekannt, doch als studierter Historiker legt er mit Jesus und seine Welt ein geschichtliches Sachbuch für einen breiten Leserkreis vor, das für Christen wie Nichtchristen gleichermaßen interessant ist. Denn auch wenn Rademacher sich dem Menschen Jesus und seiner Umgebung aus historischer Perspektive nähert und deutlich macht, wo die Trennlinien zwischen dem wissenschaftlich Plausiblen und reinen Glaubensinhalten verlaufen, behandelt er die Religion durchaus mit Respekt.
Ein Problem bei vielen Persönlichkeiten der Antike – und zumal bei jemandem, zu dessen Lebzeiten noch nichts von dem Nachruhm zu ahnen war, den er einmal genießen würde – ist die relative Quellenarmut, die das Schreiben einer echten Biographie im neuzeitlichen Sinne erschwert bis unmöglich macht. Auch im Falle Jesu geben die Evangelien und wenige außerbiblische Texte nur einige Eckdaten vor. Rademachers Hauptaugenmerk gilt daher über weite Strecken der Schilderung des Umfelds, in dem Jesus wirkte und vor dessen Hintergrund seine radikalen religiösen Lehren zu verstehen sind.
Zum einen ist dies das antike Judentum, in dem mit Sadduzäern, Pharisäern, Essenern und Zeloten unterschiedliche Strömungen um Einfluss und Deutungshoheit konkurrierten, zum anderen das römische Reich mit seinen Provinzen und Klientelstaaten. Unter Rückgriff auf archäologische Funde und schriftliche Überlieferung beschwört Rademacher Licht- und Schattenseiten beider Kulturen plastisch herauf. Wer trockene historische Sachbücher eigentlich immer zu langweilig findet, sieht hier, dass es auch anders geht, denn Rademacher liefert eine packende Reportage aus einer vergangenen Welt und spielt dabei seine ganze journalistische Schreiberfahrung aus. Die Sachinformationen sind zutreffend und gut recherchiert. Nur in der Bewertung der paganen römischen Kulte als abergläubisch und innerlich nicht erfüllend scheint etwas zu deutlich die Sicht des späteren Beobachters durch, der schon um den Triumph monotheistischer Religionen weiß.
Notwendigerweise spekulativ müssen manche Überlegungen bleiben, die sich auf Jesus selbst beziehen – so etwa die Frage, ob dieser im nicht weit entfernt von Nazareth gelegenen Sepphoris schon früh mit hellenistischer Weltläufigkeit und vielleicht gar mit griechischen Theateraufführungen in Berührung gekommen sein mag, die seine spätere Predigttätigkeit ebenso beeinflusst haben könnten wie das dörfliche Leben seiner Jugend. Auch bei der Interpretation derjenigen biblischen Berichte über Jesus, die historisch zwar nicht extern Belegbares, aber doch zumindest Glaubhaftes schildern, bezieht Rademacher immer wieder die Epoche und ihre Besonderheiten mit ein, um deutlich zu machen, dass das gängige moderne Verständnis manchmal zu kurz greift (z.B. betont er bei der Geschichte über Jesu Tempelreinigung, dass die Vertreibung der Händler aus dem Tempel von der damaligen Öffentlichkeit nicht allein als Versuch der Trennung von Kommerz und Religion, sondern auch als Angriff auf den etablierten Opferkult an sich begriffen worden sein dürfte). Hier ergeben sich viele spannende Denkanstöße.
Eine knappe Liste von Buchempfehlungen zum Thema, ein Orts- und Personenregister sowie Kartenmaterial runden den kleinen Band ab. Im Prinzip sind diese Zusätze nützlich, aber bei der Karte von Judäa und angrenzenden Gebieten wünscht man sich, sie wäre etwas größer abgedruckt – wer hier die Ortsnamen entziffern will, braucht entweder sehr gute Augen oder eine Lupe.
Insgesamt ist das Buch jedoch ein lesenswerter Einstieg in die historisch-kritische Jesusforschung. Für alle, die sich schon etwas näher mit dem Thema befasst haben, lohnt sich die Lektüre immerhin zur Auffrischung von Kenntnissen, da hier der Forschungsstand auf sehr zugängliche Weise präsentiert wird.

Cay Rademacher: Jesus und seine Welt. Eine historische Spurensuche. Hamburg, Ellert & Richter, 2013, 160 Seiten.
ISBN: 978381905133


Genre: Biographie, Geschichte