Die kleine Kanzlei entdeckt Neues

Für die Münchner Anwältinnen Kerstin und Helen bahnen sich Veränderungen an: Helens Nichte, die seit einer Weile bei ihr lebt, bekommt ein Baby, und Helen entdeckt auf einmal ganz neue Seiten an sich. Kerstin muss unterdessen feststellen, dass ihr Mann schon seit Jahren ein Geheimnis vor ihr hat, das ihre Ehe zerstören könnte. Die Sekretärin der beiden sieht sich damit konfrontiert, dass ihr längst erwachsener Sohn eigenmächtig seinen Wiedereinzug in die elterliche Wohnung plant. Als wäre das alles noch nicht genug, beschränkt sich das Interesse mancher Mandanten an den Damen der kleinen Kanzlei nicht bloß auf den reinen Rechtsbeistand. Es beginnen also turbulente Zeiten …

Das Hauptproblem dieses im Grunde sympathischen Romans lässt sich nicht verschweigen, so gern man es angesichts der spürbaren Begeisterung der Autorin für ihre Figuren und deren Abenteuer unter den Teppich kehren würde: Das Lektorat hat in der mir vorliegenden Erstausgabe des Buchs eine Reihe von Flüchtigkeits- und Kontinuitätsfehlern übersehen. Laut Elly Sellers ist mittlerweile (Stand: 13.01.2021) allerdings schon eine Neuauflage in Arbeit, in der diese Kinderkrankheiten behoben sein sollen.

Sieht man von diesem Wermutstropfen ab, bietet Die kleine Kanzlei entdeckt Neues die schon aus dem ersten Band gewohnte leichte Unterhaltung, die sich flott und locker wegliest. Eine Hauptrolle spielt neben den Heldinnen auch wieder München an sich, die Heimatstadt nicht nur der Romanfiguren, sondern auch der Autorin. Insbesondere der Englische Garten ist diesmal mehrfach Handlungsort, an dem Spaziergänge zu unverhofften Begegnungen oder zur Vertiefung von Bekanntschaften führen. Auch auf das Schwelgen in kulinarischen Genüssen aller Art muss in diesem Band nicht verzichtet werden: Oft wird Verlockendes eingekauft, gekocht oder im Restaurant verzehrt. Alles in allem erhält man den Eindruck, dass es sich als Anwältin in Bayern nicht allzu schlecht lebt.

Die aus Elly Sellers‘ Debütroman bekannten zwischenmenschlichen Beziehungen werden dagegen kräftig durchgerüttelt. Dabei entwickelt sich die Charakterisierung der einzelnen Figuren ein gutes Stück weiter. Während die unangepasste Helen, die bisher ihre Ungebundenheit in vollen Zügen genossen hat, doch noch ein Bedürfnis nach mehr Beständigkeit und familiärer Nähe zu empfinden beginnt, sieht Kerstin ihre heile Welt ins Wanken geraten und bringt nach einigem Zaudern endlich den Mut auf, auch einmal an sich zu denken und eigene Wege zu gehen. Mehr Raum auf der Bühne bekommt außerdem Helens Nichte Sarah, die sich zwar rasch in ihre neue Mutterrolle einfindet, aber eine nicht unproblematische Entscheidung trifft, was ihre Partnerwahl angeht, und so für reichlich Konfliktpotential sorgt.

Das alles ist wieder mit Humor und einigen unerwarteten Wendungen geschildert, so dass Die kleine Kanzlei entdeckt Neues insgesamt eine nette und vergnügliche Lektüre bildet, um für ein paar Stunden dem Alltag zu entfliehen. Anknüpfungspunkte für eine mögliche Fortsetzung der Romanserie sind auch hier wieder vorhanden, und wenn Elly Sellers sich inhaltlich treu bleibt und noch etwas an der handwerklichen Seite des Schreibens feilt, könnte sich ein Blick in einen etwaigen nächsten Band durchaus lohnen.

Elly Sellers: Die kleine Kanzlei entdeckt Neues. Norderstedt, Books on Demand, 2020, 310 Seiten.
ISBN: 978-3752689464


Genre: Roman