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Gladius

Der Gladius, das Kurzschwert, zählte zu den wichtigsten Waffen römischer Soldaten. Um diese – konkret um Roms Legionen in Germanien – geht es in Thomas Fischers spannender Überblicksdarstellung, in der er kenntnisreich und prägnant das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Römern und Germanen unter Betonung der militärhistorischen Aspekte schildert.

Schon seit dem Zusammenstoß Roms mit den Kimbern und Teutonen, dann aber spätestens von den Feldzügen Caesars an bis in die Spätantike flammte der Konflikt zwischen dem römischen Reich und wechselnd zusammengesetzten germanischen Gruppierungen immer wieder neu auf. Gleichwohl kam es auch zu Austausch oder sogar Kooperation: So dienten häufig Germanen im römischen Militär, und was Kleidung und Bewaffnung betraf, lernte man mit der Zeit viel vom jeweiligen Gegner. Insofern mutet es geradezu folgerichtig an, dass mit dem Frankenreich einer der langlebigsten Nachfolgestaaten des Imperium Romanum gerade aus einer Synthese germanischer und römischer Elemente hervorging. Als große vertane Chance der Geschichte sieht  Fischer es denn auch, dass Kaiser Antoninus Pius es im 2. Jahrhundert ablehnte, schon frühzeitig aufnahmewillige Germanen ins römische Reich zu integrieren; auf diesem Wege wären möglicherweise manche Verwerfungen der späteren Völkerwanderungszeit zu verhindern gewesen.

Das Buch ist chronologisch aufgebaut und gibt unter Berücksichtigung sowohl von Schriftquellen als auch von archäologischen Funden die bewegte Ereignisgeschichte von der Zeit Caesars bis zum Ende des weströmischen Reichs wieder. Eingefügt in dieses Kontinuum sind separate Kapitel, die Bewaffnung, Ausrüstung, Wehrbauten und militärische sowie administrative Infrastruktur der jeweils behandelten Epoche bis ins Detail vorstellen. Besonders herausragende archäologische Fundplätze und Funde vom Römerkastell bis zum germanischen Fürstengrab erfahren dabei in eigenen kleinen Abschnitten eine besondere Würdigung. Auch wenn der Buchtitel zunächst eine Konzentration auf die römische Seite nahezulegen scheint (die natürlich durch ihre Schriftkultur auch um einiges besser dokumentiert ist), kommt der Blick auf ihre germanischen Gegner dabei nie zu kurz. Auch Vor- und Frühgeschichtsinteressierte, denen die Verhältnisse in der Germania Magna stärker am Herzen liegen als die in den römischen Provinzen, finden hier also zahlreiche für sie wertvolle Informationen.

Fischers Stil liest sich angenehm und flüssig. Missverständliche Formulierungen finden sich nur an ganz wenigen Stellen (wenn es etwa heißt, dass „auch der hl. Augustinus den Vandalen zum Opfer“ gefallen sei, S. 257, könnte man das so fehldeuten, dass Augustinus durch direkte Gewalt der Vandalen zu Tode gekommen sei; nach allem, was wir wissen, starb er zwar während der Belagerung der Stadt Hippo Regius durch die Vandalen, aber krankheitsbedingt).

Besonders hervorzuheben ist die üppige Bebilderung des Bands, die über hilfreiches Kartenmaterial und Fundillustrationen hinaus auch anschauliche Rekonstruktionen zu bieten hat. Besonders die Zeichnungen von Boris Burandt, dessen einprägsame Arbeiten schon in der Braunschweiger Ausstellung (2013/2014) zur Schlacht am Harzhorn Römer und Germanen wieder zum Leben erweckten, stechen hier hervor.

Obwohl Thomas Fischer in aller wissenschaftlichen Redlichkeit betont, dass der Erkenntnisstand von Archäologie und Geschichtswissenschaft notwendigerweise immer unvollständig und zeitverhaftet bleibt, hat Gladius dank all dieser Vorzüge durchaus das Zeug dazu, zu einem Klassiker zu werden. Wer einen Überblick über die Militärgeschichte der Römer in Germanien gewinnen will, kann derzeit kein besseres Buch finden.

Thomas Fischer: Gladius. Roms Legionen in Germanien. Eine Geschichte von Caesar bis Chlodwig. München, C.H. Beck, 2020, 344 Seiten.
ISBN: 978-3-406-75616-0


Genre: Geschichte

The First Fossil Hunters

Fossilien und die griechisch-römische Antike sind zwei Themenkomplexe, die eher selten in einem Atemzug genannt werden. Adrienne Mayor beweist in The First Fossil Hunters jedoch, dass es sich lohnt, der Frage nachzugehen, wie die Menschen des Altertums mit Fossilienfunden umgegangen sind, denn die Spurensuche fördert Interessantes und Überraschendes zutage.

Eine Hürde muss man bis dahin allerdings erst einmal nehmen: In ihrer Einleitung klopft Mayor sich etwas zu ungeniert dafür auf die Schulter, die Wissenschaft diesbezüglich ein gutes Stück vorangebracht zu haben. Hat man diese Selbstbeweihräucherung überstanden, beginnt jedoch eine recht spannende Mischung aus Forschung und persönlicher Entdeckungsreise.

Zum Ausgangspunkt nimmt Mayor den Greifen, ein Mischwesen aus Adler und Raubkatze, das für sie unter den Fabeltieren der Antike eine Sonderstellung einnimmt: Anders als bei Sphinx, Pegasus und anderen vergleichbaren Kreaturen gibt es keine Sagen um einen konkreten Greifen, sondern nur literarische Überlieferungen über angeblich goldhütende Greifen allgemein im asiatischen Raum. Mayor bringt diese Schilderungen mit in derselben geographischen Region offen zutage tretenden Funden von Dinosaurierfossilien der Gattung Protoceratops in Verbindung. Diese Knochen – so ihre spekulative, aber durchaus bestechende These – könnten die im Altaigebiet siedelnden Nomaden zu Geschichten über vierfüßige, aber mit einem Schnabel versehene Tiere, mithin also Greifen, inspiriert haben, eine Fossiliendeutung, die sich dann verselbständigt und bis zu anderen Völkern verbreitet habe.

Während für diese Theorie, deren entscheidender Zwischenschritt von der heute nicht mehr zu belegenden mündlichen Überlieferung einer schriftlosen Kultur abhängt, letztgültige Beweisen fehlen, kann Mayor im Folgenden Texte und paläontologische Funde direkter zusammenbringen, wenn sie untersucht, inwieweit Schriftquellen, die von der Entdeckung ungewöhnlicher Gebeine berichten, tatsächlich von Orten berichten, an denen bis heute immer wieder Überreste von Mammuts, prähistorischen Giraffen oder anderen urzeitlichen Tieren zum Vorschein kommen. Tatsächlich scheint hier die Überschneidung sehr groß zu sein, so dass man davon ausgehen kann, dass Griechen und Römer auf Fossilien stießen und sie im Rahmen ihres Weltbilds zu interpretieren versuchten.

Einige der für übergroße Knochen gefundenen Erklärungen muten nach heutigem Kenntnisstand naiv an (so glaubte man mehrfach, auf die Überreste von Riesen oder hünenhaften Helden der Vorzeit gestoßen zu sein). In anderen Fällen dagegen war man auch in der Antike schon mit Funddeutungen bemerkenswert nahe an der Wahrheit. So verband sich z.B. mit einer Fundstätte von Fossilien prähistorischer Elefantenarten in Griechenland die Sage, der Gott Dionysos habe Elefanten aus Indien dorthin geführt, um sie in den Kampf gegen die Amazonen zu schicken. Hier war man trotz aller mythischen Verbrämung schon sehr nahe daran, das korrekte Tier zu identifizieren.

In manchen Fällen ist sogar archäologisch erwiesen, dass in der Antike Fossilien entdeckt und als etwas Besonderes betrachtet wurden. So wurden etwa auf der griechischen Insel Samos und in Ägypten Fossilien gezielt als Weihegaben in Tempeln deponiert. Einen interessanten indirekten Beleg bildet auch eine Vasenmalerei, die Herakles im Kampf mit einem Monster zeigt, dessen Kopf in der Art eines fossilen Schädels dargestellt ist.

Ein Ausblick auf das umgekehrte Spiel mit Sagen und Fabelwesen – nämlich die antiken wie modernen Versuche, teils mit Fälschungsabsicht, teils nur im Scherz „Beweise“ dafür wie etwa ein vermeintliches Zentaurenskelett zu fabrizieren – beschließt Mayors Blick auf den Umgang mit Fossilien im Altertum, führt aber zugleich schon inhaltlich ein gutes Stück weit davon weg. Insgesamt bieten die First Fossil Hunters aber dennoch anregende Lektüre, die einem Lust darauf macht, tiefer ins Thema einzusteigen.

Adrienne Mayor: The First Fossil Hunters. Dinosaurs, Mammoths, and Myth in Greek and Roman Times. With a new introduction by the author. Princeton und Oxford, Princeton University Press, 2011, 362 Seiten.
ISBN: 978-0-691-15013-0


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Frühe Kulturen der Ägäis

Der Titel ist Programm: In Frühe Kulturen der Ägäis stellt Klaus Tausend unter dem ansprechenden Untertitel Die Ahnen der homerischen Helden die Kulturen des Ägäisraums vom Neolithikum bis in die mittlere Bronzezeit vor, teilweise mit einzelnen Ausblicken in spätere Epochen. Ein zweiter Band, der sich mit der Spätbronzezeit bis frühen Eisenzeit und insbesondere mit den Mykenern befassen soll, ist in Planung. Gedacht ist die Einführung nicht nur für das Studium, sondern auch für ein an der Epoche interessiertes breites Publikum. Anders als in einer reinen Fachpublikation wird dementsprechend auch überwiegend auf eine Auseinandersetzung mit Forschungsdebatten verzichtet, sondern vor allem nüchtern die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung referiert.

Nach einer Einleitung, die nicht nur einen knappen forschungsgeschichtlichen Überblick bietet, sondern auch die Fragwürdigkeit des Ansatzes erläutert, aus den griechischen Sagen allzu konkrete Rückschlüsse auf tatsächliche historische Geschehnisse ziehen zu wollen, ist die Darstellung geographisch gegliedert. Jeweils ein Kapitel ist Troia, Zypern, den Kykladen, Kreta, Aigina und dem griechischen Festland gewidmet. In sich sind diese Kapitel chronologisch geordnet und schildern die Siedlungsgeschichte und kulturelle Entwicklung der einzelnen Gebiete. Eingangs erleichtert immer eine Tabelle zur örtlich unterschiedlichen Periodisierung der prähistorischen Epochen die Orientierung. Im Fließtext werden die allgemeinen Informationen dadurch aufgelockert, dass in farblich abgesetzten Kästen einzelne Fundorte als Beispiele beschrieben werden, sei es nun, dass sie besonders typisch für eine bestimmte Zeit sind oder dass sie bemerkenswerte Besonderheiten zu bieten haben. Hier erfährt man z.B. Näheres zu bestimmten Siedlungsschichten von Troia oder zum Palast von Knossos.

Wohl auch dank des guten Forschungsstands zu den dort lebenden Minoern enthält das Kapitel über Kreta zusätzlich eigene Abschnitte über Gesellschaft und Wirtschaft, Religion, Gräber und Bestattungen, Architektur und Kunst sowie Seefahrt und Schiffe, während diese Aspekte bei den anderen Regionen in die Unterkapitel zu den jeweils behandelten Epochen integriert sind.

Kartenmaterial, Grundrisse, Fotos einzelner Funde oder Ausgrabungsstätten und schematische Skizzen illustrieren den Band und tragen zur Anschaulichkeit bei. Insgesamt ermöglicht das Buch so einen übersichtlichen Einstieg in eine frühe Phase der Geschichte Griechenlands und ausgewählter angrenzender Regionen, der in dieser Kompaktheit sonst bisher gefehlt hat.

Nur das Korrekturlesen ist offenbar eher flüchtig erfolgt. Dieses Versäumnis wäre zu vernachlässigen, wenn dabei nur harmlose Fehler wie der übersehen worden wären, dass das Kapitel zur Insel Aigina die sonderbare Überschrift „Aiginabook“ trägt (S. 139, im Inhaltsverzeichnis, S. 6, dagegen schlicht „Aigina“). Leider brechen aber auch ganze Sätze ab, ohne dass man aus dem Kontext ihren Fortgang erraten könnte (z.B. S. 87), oder sind durch eine unglückliche Absatzgestaltung auseinandergerissen (z.B. S. 36 und 49). Falls es irgendwann zu einer Neuauflage der ansonsten sehr nützlichen Einführung kommt, besteht hier noch Verbesserungspotenzial.

Klaus Tausend: Frühe Kulturen der Ägäis. Band 1: Die Ahnen der homerischen Helden. Stuttgart, Kohlhammer, 2021, 194 Seiten.
ISBN: 978-3-17-036338-0


Genre: Geschichte

Die Alpen

Die Alpen, die wie ein Querriegel den mediterranen Raum von Mitteleuropa trennen, haben auf Wetter, Flora und Fauna des Kontinents entscheidende Auswirkungen. Aber auch das Gebirge selbst bildet eine spezifische Landschaftsform mit einer Fülle von Vegetationszonen und kulturellen Eigenheiten, die sich im Laufe der Jahrhunderte durch die vom Naturraum bestimmten Lebens- und Wirtschaftsformen herausgebildet haben. Hansjörg Küster nimmt in der kompakten Einführung Die Alpen. Geschichte einer Landschaft sowohl die Naturgeschichte als auch die historische Entwicklung der Region von den Anfängen bis in die heutige Zeit in den Blick.

Nach einer knappen, persönlich gehaltenen Einleitung, in der der Autor seinen eigenen Bezug zu den Alpen erläutert, werden zunächst Geographie, Geologie und Vegetation der Alpen skizziert, bevor in den folgenden Kapiteln die Besiedlung der Alpen durch den Menschen in den Mittelpunkt rückt. Schnell wird dabei deutlich, dass die Alpen keine unberührte Naturlandschaft sind und schon vor Klimawandel und Massentourismus ein erheblicher menschlicher Einfluss auf das Gebirge bestand. So verschiebt z.B. die in den Alpen betriebene Viehwirtschaft die Waldgrenze in etwas tiefere Lagen, als sie unter unbeeinflussten Bedingungen zu finden wäre.

Ein eigenes Kapitel ist der Schweiz als dem Alpenland schlechthin gewidmet, für deren bis heute beibehaltenen Sonderweg im Vergleich zum restlichen Europa historisch schon recht frühe Wurzeln auszumachen sind. Ein weiterer Abschnitt nimmt alpenländisches Brauchtum generell unter die Lupe und zeigt auf, dass Teile davon – wie etwa die als typisch geltenden Trachten – jünger als oft angenommen sind und ihre Entstehung erst dem 19. bis 20. Jahrhundert zu verdanken haben, der gleichen Epoche, in der sich auch ein bis in die heutige Zeit immer intensiver betriebener Tourismus entwickelte, der durchaus seine Schattenseiten hat.

Im Vergleich zu der bei aller Kürze des Buchs doch sorgfältig nachgezeichneten Geschichte des Alpenraums wirkt das Schlusskapitel zur Gegenwart der Alpen, in dem gerafft Industrie, Verkehrsinfrastruktur, Wintersport, Klimawandel und Landschaftsschutzprobleme skizziert werden, doch ein wenig zu knapp. Hier hätte man gern noch mehr Einzelheiten erfahren.

Insgesamt aber bilden Die Alpen einen lesenswerten ersten Einstieg in die Beschäftigung mit einem Gebirge, das in den Augen vieler Mitteleuropäer sicher bis heute „die Berge“ schlechthin verkörpert.

Hansjörg Küster: Die Alpen. Geschichte einer Landschaft. München, C.H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-74828-8


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Gebrannte Erde

Keramik zählt zu den häufigsten archäologischen Funden aus dem Altertum und ist in den Museen in reicher Fülle vertreten. Ihre Bedeutung beschränkt sich nicht auf den unbestreitbar hohen künstlerischen Wert mancher Stücke, sondern besteht auch darin, dass sie eine wichtige Hilfestellung zur Datierung von Fundkomplexen geben kann. Aus Laiensicht wirkt die Bandbreite von Gestaltungsformen und Funktionen der antiken Keramikobjekte jedoch schnell verwirrend. Hier will Wolfram Letzner mit seiner Einführung Gebrannte Erde. Antike Keramik – Herstellung, Formen und Verwendung Abhilfe schaffen. Der kompakte, reich bebilderte Band macht sowohl mit der griechischen als auch mit der römischen Keramik vertraut.

Nach einem einleitenden Abschnitt, der sich mit der im Dunkeln liegenden Begriffsherkunft des ursprünglich aus dem Griechischen stammenden Begriffs „Keramik“ und dem Material an sich befasst, unterrichtet ein epochenübergreifendes Kapitel über Abbau und Aufbereitung des Tons und über die Besonderheiten der Gefäßproduktion in der Antike, von der Töpfertechnik über den Brand bis hin zur Werkstattorganisation.

Das Kapitel zur griechischen Keramik präsentiert vor allem Gefäße, die bei Tisch, im Ritual oder zu kosmetischen Zwecken eingesetzt wurden. Natürlich spielt hier auch die Vasenmalerei eine wichtige Rolle, da an griechischen Gefäßen bis heute vor allem ihr Bildreichtum fasziniert. Im Kapitel zur römischen Keramik steht die auf den ersten Blick schlichter gestaltete Terra Sigillata, das bekannte rote Tafelgeschirr, im Mittelpunkt. Abermals epochenübergreifend abgehandelt wird in einem eigenen Kapitel die Schwerkeramik, beispielsweise Transportamphoren und fassähnliche Dolia, die zu Lagerzwecken dienten. Kurze Abschnitte widmen sich den tönernen Lampen der Antike, der Baukeramik, dem Problem von Fälschungen antiker Gefäße und der Nutzung von Keramik zur Datierung von Ausgrabungsstätten. Eine knappe Bibliographie und ein Glossar beschließen den Band.

Zusätzlich liefern im ganzen Buch immer wieder vom übrigen Text abgesetzte Kästen knappe Überblicksinformationen zu Spezialthemen, etwa zu den Kontexten, in denen Keramik genutzt wurde wie z.B. beim griechischen Symposion oder in der römischen Küche. Hilfreich sind die zahlreichen Illustrationen, die unter anderem ermöglichen, verschiedene Gefäßtypen unterscheiden zu lernen. Neben solchem Grundlagenwissen vermittelt Wolfram Letzner aber immer wieder auch verblüffende Einzelheiten am Rande, so etwa die, dass in der Zeit um Christi Geburt Schiffe um riesige tönerne Dolia herumgebaut und dann quasi als eine Art Tankschiffe genutzt wurden, oder dass große Amphoren gelegentlich als Baumaterial dienten, um die Statik zu verbessern. Solche Details lockern die ansonsten auf das Wesentliche beschränkte Einführung auf und animieren dazu, sich noch näher mit dem Thema zu befassen. Tiefergehende Analysen kann das Buch aufgrund seines begrenzten Umfangs natürlich nicht liefern. Für den ersten Einstieg bietet Gebrannte Erde jedoch genau das, was man braucht, um sich zurechtzufinden.

Wolfram Letzner: Gebrannte Erde. Antike Keramik – Herstellung, Formen und Verwendung. Mainz, Nünnerich-Asmus, 2015, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-943904-98-7

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Die Religion der Römer

Es ist nicht einfach, Die Religion der Römer – so der Titel der Überblicksdarstellung von Jörg Rüpke – methodisch zu erfassen. Zwar gab es im alten Rom durchaus Schriften über Religiöses (ob nun Mythen oder Rituale), aber, anders als in den heute dominierenden monotheistischen Religionen, keinen für alle verbindlichen kanonischen Grundlagentext und abgesehen von einigen Mysterienkulten und Vereinen auch keine feste Glaubenszugehörigkeit, sondern nur Partizipation an religiösem Handeln. Ähnlich wie in seinem jüngeren Werk Pantheon baut Rüpkes Argumentation daher auf der Annahme auf, dass man neuzeitliche Begriffe von Religion und Religiosität nicht ohne Abstriche auf die Antike übertragen kann, wenn man deren einerseits offeneres, andererseits aber viel enger mit dem Alltagsleben verflochtenes religiöses System verstehen möchte.

Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem stadtrömischen Bereich, in dem sich besonders gut beobachten lässt, wie eng die Religionspraxis der Eliten mit der Politik verknüpft war, übrigens auch, was die Übernahme von religiösen Ämtern betraf, die überwiegend nicht in Form eines Berufspriestertums, sondern als zusätzliche Aufgaben anderweitig tätiger Personen existierten (z.B. war der eher als Autor, Redner und Politiker im Gedächtnis gebliebene Cicero gleichzeitig auch Augur, also damit betraut, durch die Beobachtung von Vögeln Vorzeichen zu erkennen). Neben dieser untrennbar mit dem sozialen und politischen Gefüge des Stadtstaats verknüpften Form von Religion gab es jedoch zahlreiche Spielarten privater Religiosität. So erfährt man beispielsweise, welche Ratschläge Cato der Ältere für ein Trankopfer an Jupiter im Rahmen des Kults auf einem Landgut gibt (wobei der Hausherr und seine familia am Ende mehr vom Wein abbekommen als der Gott).

Während die römische Götterfülle im Text nur eine Nebenrolle spielt (und es bei der Lektüre sicher nicht schadet, diesbezüglich schon ein paar Vorkenntnisse mitzubringen, um die genannten Gottheiten zuordnen zu können), wird rituelles Handeln vom Opfer über das Gelübde bis hin zum Umgang mit Geburt und Tod ausführlich geschildert. Besondere Aufmerksamkeit wird auch der Bedeutung von Raum und Zeit im religiösen Kontext gewidmet. Daneben ist noch Platz für mancherlei Kuriosa, die aus heutiger Sicht eher in den Bereich des Aberglaubens fallen (wie z.B. eine auch in einer Abbildung präsente, nach Art einer Voodoopuppe mit Nadeln gespickte Tonstatuette, die im Rahmen eines Liebeszaubers eingesetzt wurde).

Generell sieht Rüpke dabei die in die Christianisierung mündende religiöse Entwicklung der Kaiserzeit von zwei Tendenzen geprägt, einerseits vom Versuch der Kaiser, die in der Republik noch auf viele Schultern verteilte religiöse Autorität immer stärker zu monopolisieren, andererseits aber auch von dem zunächst von einzelnen Kulten getragenen Bestreben, die Religion als vom Alltag und von der Politik getrennte Kategorie zu etablieren. Obwohl er vor vereinfachenden Modellen wiederholt warnt, gelingt es ihm so, auch für Laien nachvollziehbare Verständniszugänge in sein bisweilen durchaus sperriges Thema zu eröffnen. Alles in allem bildet Die Religion der Römer damit eine anregende Einführung, die viele Denkanstöße bereithält.

Nur das Lektorat war wohl nicht in Bestform. Anders ist nicht zu erklären, dass in der Bildlegende auf S. 181 ein happiger Fehler stehen geblieben ist: Wenn dort von der „Maison Carré aus Nîmes (Narbo)“ die Rede ist, fragt man sich, warum niemandem aufgefallen ist, dass Nîmes, das antike Nemausus, nicht mit Narbo, dem heutigen Narbonne, identisch ist. So gut erhalten und schön die Maison Carrée (tatsächlich in Nîmes) auch ist – das hätte, gerade in der 3. Auflage des Buchs, eigentlich nicht passieren dürfen.

Jörg Rüpke: Die Religion der Römer. 3. Aufl. München, C.H. Beck, 2019, 264 Seiten.
ISBN: 978-3-406-73774-9


Genre: Geschichte

Militärgeschichte des Mittelalters

Die Militärgeschichte des Mittelalters ist – so führt Martin Clauss in seiner Einleitung zu dem gleichnamigen Band aus – in mehrerlei Hinsicht ein problematisches Gebiet, einmal aufgrund der Quellenlage, die für einen großen Teil des Jahrtausends zwischen 500 und 1500 zu wünschen übrig lässt, dann aber auch, weil die deutsche Forschung der englischen und französischen um mehrere Jahrzehnte hinterherhinkt, da das Thema nach Nazizeit und Zweitem Weltkrieg hierzulande nachvollziehbarerweise mit großer Skepsis betrachtet wurde.

Vielleicht auch dadurch bedingt, wechselt der geographische Schwerpunkt in der chronologisch aufgebauten Militärgeschichte des Mittelalters relativ häufig. Clauss greift oft gut Bekanntes und Erforschtes heraus, so dass man nach der ohnehin nicht mit modernen Ländergrenzen in Deckung zu bringenden Situation unter den Merowingern und Karolingern zunächst etwas über die Ottonenzeit erfährt, um dann durch einen Schwenk zur Schlacht von Hastings (1066) kurzzeitig nach England versetzt zu sein, bevor nach einem Blick auf das Rittertum allgemein und die Verwerfungen der Salierzeit die Kreuzzüge im Vordergrund stehen. Mit Bouvines (1214) und Dürnkrut (1278) werden exemplarisch zwei Schlachten des 13. Jahrhunderts abgehandelt, während das 14. Jahrhundert weniger ereignishistorisch als soziokulturell und waffentechnisch skizziert wird, um die wachsende Bedeutung der Infanterie herauszuarbeiten. Ein eigenes Kapitel ist dem Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich gewidmet, während für das ausführlich betrachtete Spätmittelalter neben einer Analyse des Bedeutungsgewinns von Städten und der Erfindung von Feuerwaffen der deutschsprachige und daneben der burgundische Raum zum Hauptschauplatz des Buches werden, wenn man von einigen Ausflügen nach Osteuropa absieht.

Das Ergebnis ist eine Einführung, aus der man zahlreiche Informationen über das Phänomen Krieg im Mittelalter entnehmen kann, die aber gelegentlich eher einen Flickenteppich von Einzelbeobachtungen bietet, als Entwicklungslinien kontinuierlich nachzuzeichnen. Am klarsten gelingt das noch bei den technischen Aspekten von Kriegführung (wie der Bedeutung unterschiedlicher Waffengattungen), denn hier weiß Clauss deutlich zu machen, dass die Frühe Neuzeit nicht unbedingt einen revolutionären Umbruch brachte, sondern an zahlreiche schon innerhalb des Mittelalters begonnene Veränderungen anknüpfte.

Seine größte Stärke hat das Buch in der Betrachtung des ideellen Zugangs der Zeitgenossen zum Krieg und der ethischen Fragen, die sich daraus ergaben. Insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen der gewaltfeindlichen Ausrichtung des Christentums und den Umdeutungen, die nötig waren, um dennoch Kämpfe unter christlichen Vorzeichen bis hin zu Glaubenskriegen wie den Kreuzzügen zu rechtfertigen, wird differenziert herausgearbeitet. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass Clauss nie die Situation der Zivilbevölkerung aus dem Blick verliert (auch wenn – wie er ebenfalls aufzeigt – je nach Situation die Grenzen zu den Kämpfenden fließend sein konnten). So erfährt man auch, dass es von Personenkreisen, denen Kriege materielle Vorteile und zentrale Komponenten für ihr Selbstbild lieferten (ob nun Ritteradel oder Söldner), bis hin zu entschiedenen Kriegskritikern schon im Mittelalter Menschen mit ganz unterschiedlicher Haltung zu militärischer Gewalt gab.

Trotz aller geographischen und thematischen Sprunghaftigkeit kann man die Militärgeschichte des Mittelalters daher durchaus mit Gewinn lesen und dabei auch verblüffende Quellendetails entdecken (wie etwa die Tatsache, dass ein gewiefter Kämpfer am Geruch eines Pferdeapfels erkennt, dass mit Gerste gefütterte Streitrösser und nicht etwa harmlose, auf der Weide gehaltene Tiere in der Nähe sind). Es schadet aber eindeutig nichts, schon ein paar Grundkenntnisse über die Epoche mitzubringen, um das Geschilderte in einen umfassenderen Kontext einordnen zu können.

Leider hat das Lektorat hier und da Tipp- und Flüchtigkeitsfehler übersehen, die im Einzelfall irreführend wirken (z.B. ist die Angabe, der als Geschichtsschreiber der ottonischen Zeit bekannte Widukind von Corvey sei „nach 793“ gestorben – S. 35 – sachlich nicht völlig falsch, aber bei einer Person, die erst im 10. Jahrhundert überhaupt geboren ist, naturgemäß wenig aussagekräftig).

Martin Clauss: Militärgeschichte des Mittelalters. München, C.H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-75752-5


Genre: Geschichte

Die Vandalen

Vandalen sind heute noch in aller Munde – allerdings eher selten auf die germanische Gruppierung bezogen, die diese Bezeichnung an der Schwelle von der Spätantike zum Frühmittelalter führte. Vielmehr ist die übertragene Bedeutung geläufig, die in Vandalen ausschließlich die Verursacher blindwütiger Zerstörung sieht – aber haben die historischen Namensträger diese Zuschreibung eigentlich verdient?

Konrad Vössing zeichnet in Die Vandalen ein differenziertes Bild der völkerwanderungszeitlichen Gens, deren Geschichte sich nur für etwa hundertdreißig Jahre von einem ersten massiven Angriff auf das römische Reich (Rheinübergang von 406) bis hin zur vollständigen Auflösung nach dem Ende des Vandalenreichs in Nordafrika (534) einigermaßen sicher nachverfolgen lässt. Die Frühzeit der Vandalen liegt eher im Dunkeln, wobei Vössing sie weder als Stamm noch als kriegerisches Zweckbündnis sieht, sondern sie unter Verwendung des von Reinhard Wenskus geprägten Begriffs des „Traditionskerns“ als Gemeinschaft zeichnet, deren Zusammengehörigkeitsgefühl zunächst auf historischen Narrativen, später aber auch auf der im Kontrast zum Katholizismus der Römer stehenden arianischen Ausprägung des Christentums fußte.

Gerade in dieser bewussten Abgrenzung der Vandalen von der sie umgebenden römischen Kultur sieht Vössing dabei neben politischen Fehlern eine der entscheidenden Ursachen für den raschen und vollständigen Untergang des Reichs, das sie unter ihrem ebenso langlebigen wie tatkräftigen und skrupellosen König Geiserich in Nordafrika erobert hatten, nach nur wenigen Generationen. Den Vandalen fehlte der Rückhalt in der übrigen Bevölkerung, weil sie eine Integration in die bestehende Gesellschaft – anders als etwa die Franken in Gallien oder später die Westgoten in Hispanien – weder erreichten noch überhaupt anstrebten, sondern sich zeitweise sogar durch eine Verfolgung der Katholiken oder die Missachtung ehemaliger Verbündeter unbeliebt machten. Versuche des Königs Hilderich, relativ spät in der Geschichte des Vandalenreichs doch noch eine Annäherung zwischen Vandalen und Römern durchzusetzen, stießen in der vandalischen Elite auf Ablehnung und führten letzten Endes zur Absetzung des Herrschers. Sein glücklos agierender Nachfolger Gelimer sah sich den oströmischen Truppen, die nach mehreren vergeblichen Anläufen Jahrzehnte zuvor nun endgültig die Rückeroberung der an die Vandalen verlorenen Gebiete in Angriff nahmen, nicht gewachsen.

An Vössings Interpretation der vandalischen Geschichte fällt positiv auf, dass er nicht allein die Beziehungen der Vandalen zum römischen Reich in den Mittelpunkt stellt, sondern auch Konflikte und Bündnisse der barbarischen Gentes untereinander verstärkt ins Bewusstsein ruft. Mehrfach eröffnet er dabei anregende neue Perspektiven, so etwa, wenn er anmahnt, Amalafrida, die Schwester des Ostgotenkönigs Theoderich, die den Vandalenkönig Thrasamund heiratete, als politische Akteurin ernstzunehmen und nicht als reinen Spielball der Interessen anderer zu sehen.

Dabei schreibt Vössing gut lesbar und auch für ein allgemeines Publikum eingängig und problemlos verständlich. Wenn er in seinem Schlusskapitel noch einmal den Bogen zurück zum Vandalismusbegriff schlägt, dessen Entstehung im späten 18. Jahrhundert analysiert und zu dem Fazit kommt, dass die Verbindung mit gedankenloser Verwüstung den historischen Vandalen nicht gerecht wird, ihren Namen aber immerhin im Gedächtnis hält und dadurch zur Beschäftigung mit ihnen anregt, kann man ihm nur zustimmen. Denn wie sein Buch zeigt, lohnt es sich durchaus, sich die Vandalen einmal näher anzusehen.

Konrad Vössing: Die Vandalen. München, C.H. Beck, 2018, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-71881-6

 


Genre: Geschichte

Etruscan Art

Unter den Kulturen der Antike ist die der Etrusker vermutlich diejenige, die am stärksten ausschließlich oder doch vorwiegend mit ihrer Kunst assoziiert wird. Da die etruskische Literatur verloren ist, beschränken sich die Textquellen abgesehen von einigen Inschriften auf oft von Vorurteilen gefärbte Erwähnungen bei griechischen und römischen Autoren. Unmittelbarer scheint die Lebens- und Gedankenwelt der Etrusker in erhaltenen Statuen, verzierten Gebrauchsgegenständen und insbesondere in den prächtigen Grabmalereien greifbar zu werden. Eine der zugänglichsten und lesenswertesten Einführungen in die etruskische Kunst ist nach wie vor Nigel Spiveys Etruscan Art, eine an ein allgemeines Publikum gerichtete, reich bebilderte Darstellung, die auch durch einen übersichtlichen Anhang, der die zeitliche Gliederung der etruskischen Geschichte aufschlüsselt und eine kleine kommentierte Bibliographie bietet, den Einstieg in das Thema sehr erleichtert.

Gleich in der Einleitung bemüht Spivey sich, die Mär von den besonders geheimnisvollen oder rätselhaften Etruskern zu entkräften, indem er deutlich macht, dass der erwähnte Schriftquellenmangel einerseits und die besonders gute Erhaltung der in einen sepulkralen Kontext einzuordnenden Kunst andererseits das Bild verzerren und gerade in der älteren Forschung Spekulationen aller Art Tür und Tor geöffnet haben. Um ein Gegengewicht zu einer mystifizierenden Etruskerdeutung zu schaffen, versucht er, die Kunst in gesichertes Wissen über ihren historischen und sozialen Kontext einzubetten.

Ein erstes Kapitel skizziert die allmähliche Herausbildung des Etruskischen in der eisenzeitlichen Villanova-Kultur (ab etwa 1000 v. Chr.), die aus bronzezeitlichen Wurzeln hervorging. Diese einheimischen Vorgänger waren jedoch nicht das Einzige, was die etruskische Kunst ausmachen sollte. Im zweiten Kapitel, Etruria and the Orient, werden die lange dominierenden orientalischen (vielfach phönizischen) Einflüsse geschildert, die sich insbesondere auch in den oft unendlich feinen etruskischen Goldschmiedearbeiten aufspüren lassen. Das dritte Kapitel, Etruria Hellenized, hebt die Kontakte zu Griechenland hervor, die ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. nicht nur den Stil, sondern auch die Inhalte der etruskischen Kunst entscheidend mitbestimmten: Neben Gestalten aus der griechischen Sagenwelt, die offenbar auch die Etrusker sehr faszinierte, tauchen lokal umgeformte griechische Bräuche wie das festliche Trinkgelage (Symposion) immer wieder auf.

Ort des Kunstschaffens und des Kunstgenusses waren die Städte als Sitz der Eliten, die als Auftraggeber einheimischer wie umherreisender, wohl oft griechischer Künstler anzusprechen sind. Mit The Etruscan Cities as Centres of Art ist den etruskischen Städten daher auch folgerichtig das umfangreichste Kapitel des gesamten Buchs gewidmet. Besonders anhand der etruskischen Sarkophage spürt Spivey hier der Frage nach, inwieweit die Lebenswirklichkeit und ihre künstlerische Wiedergabe auch auseinanderklaffen konnten (z.B. bei der Grabstatue einer nach Ausweis ihrer erhaltenen Gebeine schon alten Frau, die gleichwohl in jugendlicher Frische und mit bräutlichem Gestus dargestellt wurde, während andere Bildnisse gerade in der etruskischen Spätzeit durchaus mehr Mut zur Hässlichkeit erkennen ließen). Prägend wurde die etruskische Kultur zunächst für das frühe Rom, doch wie schon der Titel des fünften Kapitels – From Etruscan Rome to Roman Etruria – andeutet, blieb es nicht dabei. Die Etrusker gingen in der römischen Welt nach der Eroberung Etruriens ebenso auf wie unter – während Familien mit latinisierten Namen und bestimmte religiöse Bräuche (z.B. bei der Opferschau) noch lange weiterexistierten, verschwanden etruskische Sprache und Schrift.

Das sechste Kapitel kann darum nur noch The Etruscan Legacy, also das Erbe der Etrusker, in den Blick nehmen und schildert die Wiederentdeckung ihrer Kunst ab der Renaissance, aber verstärkt im 18. und 19. Jahrhundert, ebenso wie einige der haltlosen Theorien und Phantasievorstellungen, die sich in der Neuzeit mit den Etruskern verknüpften. Dass in der Moderne auch eine von finanziellen Interessen gelenkte Ausbeutung der etruskischen Kunst einsetzte – ob nun eher harmlos in Form von Olivenölwerbung oder, bitter für die Wissenschaft, durch die Aktivitäten von Raubgräbern -, lässt das Buch mit einer nachdenklichen Note ausklingen.

Wenn etwas an Etruscan Art zu kritisieren ist, so eigentlich nur, dass die Abbildungsqualität besser sein könnte. Gerade bei den ja stark durch ihre Farbenpracht wirkenden Wandgemälden aus den etruskischen Gräbern ist es bedauerlich, dass viele Abbildungen nur in Schwarz-Weiß vorhanden sind, aber auch bei den Farbfotos hat man nicht den Eindruck, dass sie in jedem Fall so klar und exakt abgedruckt sind, wie man es sich wünschen würde. Das schmälert den Wert des Texts aber nicht, und der sei wirklich allen ans Herz gelegt, die sich für etruskische Kunst interessieren.

Nigel Spivey: Etruscan Art. London, Thames & Hudson, 2006 (Nachdruck der Ausgabe von 1997), 216 Seiten.
ISBN: 978-0-500-20304-0


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Die Geburt der mediterranen Welt

Ist es statthaft, eine Rezension mit einem Hinweis auf einen eigentlich völlig nebensächlichen Tippfehler zu beginnen? Vermutlich nicht, aber dieser hier ist fast schon genial, zeigt er doch so herrlich auf, worum es in Cyprian Broodbanks monumentalem Werk Die Geburt der mediterranen Welt geht. Denn wenn auf einmal vom „Mittelmehr“ (S. 215) die Rede ist, fasst das unabsichtlich sehr schön zusammen, dass das Mittelmeer für die Menschen in seiner Umgebung nie nur ein Gewässer war, sondern ebenso oft trennendes wie – nach dem Aufkommen der Seefahrt – verbindendes Element, Nahrungsquelle, Handelsweg und nicht zuletzt Mittelpunkt eines Kulturraums, dessen Entwicklung von den Anfängen bis zum Beginn der klassischen Antike nachgezeichnet wird.

In der Tradition Fernand Braudels richtet Broodbank dabei den Blick auf die longue durée, und der Begriff ist in diesem Fall sehr ernst zu nehmen: Bevor überhaupt die ersten Vorfahren der Menschheit die Bühne betreten, hat man schon einiges über Erd- und Naturgeschichte des Mittelmeerraums erfahren. Dann aber folgt ein detailfreudiges Panorama, in dem von Neandertalern über Ägypter, Minoer, Phönizier und Griechen bis hin zu den ersten Römern so gut wie alle ihren Auftritt haben, die in den behandelten Epochen an den Küsten des Mittelmeers lebten. Man liest von Herausbildung und Zerfall unterschiedlichster Gemeinschaften, von schon früh erstaunlich weitgespannten Handelsnetzen, aber auch von naturräumlich bedingter oder selbstgewählter Isolation einzelner Kulturen. Neben der Geschichte der Menschen spielt aber auch die der Tiere eine Rolle, ob nun die im Laufe der Zeit ausgerotteter Inselarten oder aber die einer so erfolgreichen Spezies wie der Hausmaus, die sich als Kulturfolgerin erst nach und nach bis in den Westen des Mittelmeerraums verbreitete. Ohnehin wird eines hier sehr deutlich: Bis rings um das Mittelmeer vergleichbare Bedingungen entstanden, die man unter dem Oberbegriff einer mediterranen Lebenswelt fassen kann, dauerte es tatsächlich bis in die Antike.

Broodbank neigt zu einprägsamen sprachlichen Bildern und Wortspielen, gerade auch in den Kapiteltiteln (besonders hübsch: „Von Mäusen und Melkart“, nicht von Steinbeck, S. 620). Die Leistung der Übersetzer Klaus Binder und Bernd Leineweber kann darum gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, auch wenn selbst sie an manchen Stellen nicht um erklärende Fußnoten herumkommen, weil die Art des Autors, sich auszudrücken und sein breitgefächertes Wissen zu vermitteln, in jeder Hinsicht sehr englisch ist und sich nicht ohne Abstriche ins Deutsche übertragen lässt. Für eine anregende Lektüre sorgt dieser Stil allemal.

Zusätzliche Anschaulichkeit gewinnt das Buch durch sein üppige Bebilderung: Auch abgesehen von den beiden prächtigen Tafelteilen finden sich zahllose Fotos, Landkarten und Grundrisse. Hier und da ist bei den Bildlegenden aber etwas schiefgegangen: So sucht man z.B. den auf S. 351 versprochenen Gebäudegrundriss vergebens, und der Kartenmaßstab auf S. 624 scheint falsch zu sein (denn etwas weiter als bloße zehn Meter dürfte Veji schon von Rom entfernt gelegen haben). Vermutlich lassen sich aber solch kleine Ausrutscher bei einem Buch dieses Umfangs schlicht nicht vermeiden.

Als Archäologe orientiert sich Broodbank bei seinen oft lebendigen Schilderungen primär an Funden. Ereignishistorische Schlaglichter werden auch in den Epochen, aus denen Schriftquellen vorliegen, nur sparsam gesetzt, so dass ein gewisses Maß an entsprechendem Vorwissen beim Verständnis teilweise durchaus hilfreich ist. Besonderen Wert legt Broodbank darauf, herauszustellen, dass die zunehmende Differenzierung und Hierarchisierung der sozialen Verhältnisse schon ab der Jungsteinzeit, spätestens aber ab der Bronzezeit, auch zu Ungerechtigkeiten, Ausbeutung und Missständen führte.

Diese Akzentuierung sorgt einerseits für eine durchaus erhellende Erweiterung des gewohnten Blickwinkels, führt andererseits aber an manchen Stellen auch zu fragwürdigen Interpretationen. Besonders deutlich wird das in Broodbanks Deutung des Untergangs der bronzezeitlichen Palastkulturen, zu dem Angriffe der sogenannten Seevölker zumindest erheblich beitrugen, ohne vielleicht die einzige Ursache gewesen zu sein. Broodbank will die Seevölker nicht als fremdländische Invasoren verstanden wissen, sondern zeichnet sie als eine Art Mischung aus Migranten und Piraten mit sozialrevolutionärer Tendenz, die dankenswerterweise (wenn auch leider unter Gewaltanwendung) einem freieren Handel und moderneren Gesellschaftsmodellen den Weg geebnet hätten. Dass erhebliche Kollateralschäden (von menschlichem Leid bis zum Untergang einer ganzen Schriftkultur mit dem Ende der mykenischen Zivilisation) für Broodbank offenbar zu verschmerzen sind, wenn sie einer seinem Empfinden nach guten Sache dienen, während er den Eliten weniger egalitärer Gemeinschaften gern pauschal Gier und Willkür unterstellt, hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Zuallermindest werden hier soziale und politische Werturteile der Moderne in eine ferne Vergangenheit zurückprojiziert, schlimmstenfalls aber sogar Brutalität und Zwang nur dort klar verurteilt, wo sie von denen ausgehen, die in Broodbanks Weltbild die Rolle der Schurken spielen, während sie bei anderen Interessengruppen als Mittel zum Zweck zwar bedauerlich, aber legitim zu sein scheinen.

Ein Lesen mit kritischem Blick empfiehlt sich also bei der Geburt der mediterranen Welt, aber die Tatsache, dass man nicht all seine Einschätzungen unterschreiben mag, schmälert nicht Broodbanks Verdienst, eine schier unglaubliche Materialfülle zusammengetragen und zu einer kohärenten kulturhistorischen Erzählung verwoben zu haben. Daher lässt sich seine (Vor-)Geschichte des Mittelmeerraums auch dann mit Gewinn lesen, wenn man gegenüber seiner Sichtweise an manchen Stellen skeptisch bleibt.

Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt. München, C.H. Beck, 2018 (Original: 2013), 952 Seiten.
ISBN: 978-3406713699


Genre: Geschichte