Archiv

Tambora und das Jahr ohne Sommer

Vielleicht hat man schon einmal den Namen des indonesischen Vulkans Tambora gehört und erinnert sich sogar vage, dass sein Ausbruch 1815 das Folgejahr in Teilen Europas zu einem „Jahr ohne Sommer“ machte. Wie weitreichend die Auswirkungen dieser Katastrophe weltweit waren und welche wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen direkt oder zumindest mittelbar mit ihr in Zusammenhang stehen, wird jedoch selbst in der historischen Forschung oft vernachlässigt. Wolfgang Behringer ist in Tambora und das Jahr ohne Sommer bemüht, diese Auslassung zu korrigieren und ganz allgemein das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass die Natur oft stärkeren Einfluss auf die Geschichte nimmt, als Zeitgenossen und spätere Generationen erkennen können oder wahrhaben wollen.
Auch wenn Behringer zunächst den gewaltigen Vulkanausbruch selbst schildert, der im April 1815 zahlreiche Menschenleben forderte und ganze Landstriche auf der Insel Sumbawa verwüstete, liegt sein Hauptaugenmerk geographisch in der Folge auf Süddeutschland und der Schweiz (mit einigen Abstechern in andere europäische Gebiete, insbesondere England, aber auch nach Nordamerika, Südafrika oder China).
Die temporäre Klimaverschlechterung und ihre Folgen – Missernte, Hungersnot und Seuchen – trafen in Europa auf eine Gesellschaft, die nicht nur von den napoleonischen Kriegen gebeutelt war, sondern mit dem Ende des Ancien Régime auch ihre traditionellen, religiös oder kommunal organisierten Formen der Sozialfürsorge verloren hatte. Die staatlichen und privaten Initiativen zur Linderung der akuten Not, die sich gezwungenermaßen neu entwickeln mussten, sieht Behringer als wichtige Wegbereiter entsprechender moderner Institutionen. Er stellt sogar die These in den Raum, dass Europa und Nordamerika gerade durch ihre erfolgreiche Krisenbewältigung weltpolitisch einen Vorsprung gegenüber China gewinnen konnten.
Doch die Hilfsmaßnahmen griffen nicht überall schnell, umfassend und gründlich genug: Auswanderungswellen in tatsächlich oder vermeintlich vielversprechendere Gebiete waren ein Phänomen der Zeit, das durch den Tamboraausbruch merklich angeheizt wurde.
Behringers Beobachtungen zur Entstehung von Migrationsströmen und dem Elend, das sich aus dem Versuch, sie aufzuhalten, ergibt, lassen dabei ebenso Parallelen zu aktuellen Verhältnissen erkennen wie die im Zuge der Tamborakrise zu beobachtende Radikalisierung von Teilen der Gesellschaft, die Sündenböcke suchte und sie in den gerade erst die rechtliche Gleichstellung mit der Mehrheitsbevölkerung erringenden Juden fand. Die Quellenzitate in den mit antisemitischen Parolen und Ausschreitungen befassten Abschnitten haben einen erschütternden Wiedererkennungseffekt, gleichen doch bestimmte Argumentationsstrukturen verblüffend denen, mit deren Hilfe heutzutage Stimmung gegen Flüchtlinge insbesondere muslimischen Glaubens gemacht wird.
Vor diesem Hintergrund plädiert Behringer auch dafür, bestimmte politische Entwicklungen der Epoche differenzierter als bisher zu bewerten, etwa die Karlsbader Beschlüsse, die heute oft als engstirnige und reaktionäre Einschränkung bürgerlicher Freiheiten eingeschätzt werden, aber stark von den antisemitischen Hep-Hep-Unruhen beeinflusst waren, so dass man sie in gewisser Weise auch als frühe Form der Terrorismusbekämpfung sehen kann. Dass gerade die liberalen, um Reformen bemühten Kreise nicht die tolerantesten waren, was die Frage der Judenemanzipation anging, nimmt man als interessante Zusatzinformation mit.
Weniger betroffen stimmen Behringers Ausführungen zu den Auswirkungen der Tamborakrise auf Literatur und bildende Kunst, so etwa zu der Theorie, dass sich in den besonders eindrucksvollen Sonnenuntergängen der Malerei der Romantik eine durch die Vulkanasche verursachte Wettererscheinung spiegeln könnte, oder zur Entstehung der Horrorliteratur. So ist dem Ausbruch des Tambora auf Umwegen Mary Shelleys Frankenstein zu verdanken, fühlte sich doch der junge englische Schriftstellerkreis um Lord Byron, der den Sommer 1816 am Genfer See verbrachte, durch das trübe und düstere Wetter inspiriert, sich bevorzugt mit gruseligen Sujets zu befassen.
Die zahlreichen Details und kleinen Ereignisse, die Behringer zusammenträgt und auf den Tamboraausbruch rückbezieht, können dabei manchmal in ihrer schieren Fülle etwas unübersichtlich und verwirrend sein. Insgesamt ergibt sich jedoch ein überzeugendes Plädoyer dafür, Naturereignissen einen größeren Stellenwert in der Geschichtsschreibung einzuräumen und aus dem Umgang der Vergangenheit mit solchen Krisen Lehren für die heutige Zeit zu ziehen, was beispielsweise den Klimawandel betrifft.

Wolfgang Behringer: Tambora und das Jahr ohne Sommer. Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte. München, C.H. Beck, 3. Aufl. 2016, 398 Seiten.
ISBN: 9783406676154


Genre: Geschichte

Der Gallische Krieg. Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk

Gallia est omnis divisa in partes tres … Einen bekannteren Buchanfang als den Eingangssatz von Caesars Commentarii de Bello Gallico gibt es in der antiken Literatur wohl kaum, und auch das Werk selbst ist bis heute erstaunlich präsent. Ob Lateinschüler, Historiker oder Asterix-Fan, fast jeder hatte vermutlich schon einmal in irgendeiner Form mit dem Gallischen Krieg zu tun. Über die vielfältigen Rollen des Texts als Übersetzungsübung, Geschichtsquelle und Inspiration der Populärkultur vergisst man jedoch schnell, dass man es auch und vor allem mit Literatur zu tun hat. Diese Perspektive wiederzueröffnen und Caesar als Schriftsteller in den Mittelpunkt zu rücken, ist das Anliegen von Markus Schauers spannender Untersuchung Der Gallische Krieg. Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk.
Gewiss – auch der Blick auf den Literaten Caesar kommt ohne eine Einordnung in den geschichtlichen Kontext nicht aus, und so stellt Schauer der literaturwissenschaftlichen Studie einen Überblick über die politischen Verhältnisse der späten römischen Republik und über Caesars Herkunft und sein Leben bis zum Konsulat voran. Literarisch durchaus ansprechend gestaltet (so beginnen etwa alle Kapitelüberschriften in diesem Buchteil mit „Aus-“ bzw. „Außer-“ ) lehnt sich die historische Skizze inhaltlich streckenweise sehr eng an Martin Jehnes Caesar-Biographie an, gelangt jedoch dabei zu einer eigenständigen Bewertung der Akteure (so ist z.B. Schauers Einschätzung von Cicero nicht unkritisch, aber bei weitem nicht so spöttisch-vernichtend wie die in Jehnes Caesar). Caesar erscheint als machtbewusster, aber im Rahmen seiner für heutige Begriffe fragwürdigen Ehrvorstellungen konsequenter Angehöriger der römischen Nobilität, der den Gegensatz zwischen Optimaten und Popularen ebenso für sich zu nutzen wusste wie die Spielräume, die sich erfolgreichen Feldherren boten.
Dass ein zeitgeschichtlich-autobiographisches Werk eines solchen Menschen nicht unpolitisch sein kann, versteht sich, und so ist Caesar als Erzähler ein genialer Selbstdarsteller, der sich vor allem durch indirekte Mittel als fähiger Stratege und zuverlässiger Staatsmann in Szene setzt – und das einschließlich nicht gerade rühmlicher Taten, die aus moderner Sicht Kriegsverbrechen sind und schon zu Caesars Lebzeiten nicht unumstritten waren.
Wie Caesar diese subtile Lesermanipulation bewerkstelligt, analysiert Schauer ebenso spanend wie schlüssig. So liegt die erste Täuschung etwa schon in der Tatsache, dass Caesar sein Werk in die Gattung der commentarii einordnet, also der eher schlicht gehaltenen Aufzeichnungen zur Vorbereitung einer literarisch ambitionierten historischen Darstellung. Die dadurch suggerierte Sachlichkeit und Kunstlosigkeit ist so nicht gegeben. Selbst der berühmte nüchterne Sprachstil hat es in sich und offenbart in pointierter Wortwahl und rhetorischen Mitteln einige Überraschungen. Noch packender aber sind die Beobachtungen zur inhaltlichen Komposition.
Schon im Kleinen lenkt Caesar seine Leserschaft äußerst geschickt (wenn etwa ein landeskundlicher Exkurs eingeschoben wird, um einen eigentlich kurzen Zeitraum in der Erzählung unmerklich in die Länge zu ziehen). Doch vor allem der Gesamtaufbau, der auf die Konfrontation mit Vercingetorix als würdigem Gegenspieler zusteuert und die Belagerung von Alesia zum Finale der Eroberung Galliens stilisiert, offenbart viel darüber, wie eine einzige Schilderung die Geschichtswahrnehmung über Jahrhunderte hinweg prägen kann. Denn dass der Gallische Krieg als historisches Ereignis keineswegs zu dem Zeitpunkt abgeschlossen war, zeigt schon die Fortsetzung der commentarii durch Aulus Hirtius, in der Caesar keineswegs ein befriedetes Gallien zurücklässt.
Eine nützliche Übersicht des Inhalts der einzelnen Bücher des Gallischen Kriegs ist im Anhang enthalten und erleichtert es, den Überblick über relevante Ereignisse und Personen zu bewahren und Schauers Argumente nachzuvollziehen. Einziger Schwachpunkt des ansonsten überzeugenden Buchs ist die Gestaltung der Anmerkungen. Da auf klassische Fuß- bzw. Endnoten verzichtet wurde, finden sich im Anhang nur Sammelanmerkungen zu den einzelnen Kapiteln. Wer gezielt nach weiterführenden Informationen zu einem speziellen Thema sucht, entdeckt die nötigen Verweise zwar früher oder später, muss aber sehr genau hinschauen. Abgesehen davon ist Der Gallische Krieg. Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk jedoch rundum empfehlenswert.

Markus Schauer: Der Gallische Krieg. Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk. München, C. H. Beck, 2016, 271 Seiten.
ISBN: 9783406687433


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation

Der Titel von Eric H. Clines Studie über Blütezeit und Untergang der bronzezeitlichen Kulturen des östlichen Mittelmeerraums ist etwas irreführend, denn eigentlich erfährt man darin nur sehr wenig über 1177 v. Chr. – nach Einschätzung vieler, wenn auch nicht aller Experten das Jahr, in dem sich Pharao Ramses III. eine entscheidende Schlacht mit den sogenannten „Seevölkern“ lieferte. Der Reiz der griffigen Jahreszahl, die eine zeitlich eng begrenzte, klar fassbare Katastrophe suggeriert, war Autor und Verlag wohl wichtiger als ein Hinweis auf den eigentlichen Inhalt. Denn was Cline vorlegt, ist vielmehr ein an ein breites Publikum gerichtetes Panorama der bronzezeitlichen Zivilisation ab dem 15. Jahrhundert v. Chr. und der möglichen Ursachen ihres desaströsen Endes.
Es entsteht das Bild einer für damalige Verhältnisse durchaus globalisierten Welt. Minoer und Mykener, Ägypten und das Hethiterreich, Ugarit, Mitanni und Mesopotamien waren diplomatisch und dynastisch, aber auch geistesgeschichtlich und nicht zuletzt wirtschaftlich aufs Engste miteinander verflochten.
Cline zeichnet dabei nicht nur die politische und militärische Geschichte mit ihren wichtigen Einzelereignissen (wie etwa der Schlacht von Kadesch 1274 v. Chr.) spannend und gut lesbar nach, sondern widmet sich auch wichtigen archäologischen Funden (z.B. dem Schiffswrack von Uluburun, das von einer bronzezeitlichen Handelsfahrt zeugt) und daneben eher mythischen Vorgängen wie dem Trojanischen Krieg oder dem Auszug der Israeliten aus Ägypten. Auf die Frage, welche tatsächlichen historischen Konstellationen hier ihre literarische Überhöhung gefunden haben könnten, bietet er überzeugend zurückhaltende Antworten an.
Genau diese wissenschaftliche Redlichkeit wird dem Buch jedoch zumindest unter erzählerischen Gesichtspunkten bis zu einem gewissen Grade zum Verhängnis, wenn der Autor nach langem Vorlauf auf das im Untertitel verheißene Thema, den „Untergang der Zivilisation“, sprechen kommt, denn was ihn auslöste, bleibt weitestgehend im Dunkeln.
Der „Seevölkersturm“ allein – also ein ausgedehnter militärischer Konflikt, der mehreren Staaten den Todesstoß versetzt haben könnte – reicht Clines Einschätzung nach zur Erklärung der Katastrophe nicht aus (zur gegenteiligen Meinung vgl. etwa Armin Eich). So führt er akribisch alle nur erdenklichen weiteren Faktoren ins Feld, von Naturkatastrophen über innenpolitische Wirren bis hin zu Wirtschaftskrisen. Unter Rückgriff auf die Komplexitätstheorie kommt er zu dem Schluss, dass bei einem vielfach verflochtenen System wie der bronzezeitlichen Staatenwelt oft der Zusammenbruch eines einzelnen Elements ausreicht, um einen Dominoeffekt zu erzeugen und alle anderen Teile mit ins Verderben zu reißen. Mit einer eindeutigen Meinung darüber, worin in diesem Fall der alles entscheidende Anstoß bestanden haben könnte, hält er sich jedoch zurück.
Daher stellt sich gegen Ende des Buchs das Gefühl ein, eigentlich mehr über das erfahren zu haben, was in den Verwerfungen der späten Bronzezeit verloren ging, als über die konkreten Gründe für diesen Verlust. Dies ist doppelt bedauerlich, da Cline schon in der Einleitung selbst den Bogen zu unserer heutigen globalisierten Zeit und all ihren Risiken schlägt. Gerade vor diesem Hintergrund mutet es auch besonders zynisch an, dass er zu dem nur scheinbar tröstlichen Fazit kommt, dass es gelegentlich „eben einen Flächenbrand“ erfordere, erstarrte alte Strukturen zu überwinden und den Weg für (positive) Neuentwicklungen freizumachen. Angesichts des tausendfachen menschlichen Leids, das mit solch einem gewaltsamen Wandel unweigerlich einhergeht, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Cline hier doch ein wenig zu sehr dem distanzierten Historikerblick auf das große Ganze erliegt und individuelle Erfahrungen zu gering veranschlagt.
Wie sehr man sich daran stört, ist jedoch sicher eine Ermessensfrage, und auch diesbezügliche Bedenken ändern nichts daran, dass 1177 v. Chr. insgesamt anregende Lektüre und einen guten Einstieg in die Welt der mediterranen Bronzezeit bildet.

Eric H. Cline: 1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation. Darmstadt, Theiss (WBG), 2015, 336 Seiten.
ISBN: 9783806231953


Genre: Geschichte

Geformt mit göttlichem Atem. Römisches Glas

Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit von Glas sind sprichwörtlich. Umso erstaunlicher ist es, dass sich aus der römischen Antike zahlreiche gläserne Objekte erhalten haben, vom Trinkgefäß über die Lampe bis hin zur Schmuckperle.
Wie Andrea Rottloff in ihrer flüssig zu lesenden Darstellung deutlich macht, beschränkt sich der Wert dieser Gegenstände nicht auf ihren unbestreitbaren ästhetischen Reiz, der seine Wirkung auch auf heutige Betrachter nicht verfehlt. Vielmehr lässt sich an ihnen und am jeweiligen Fundkontext bemerkenswert viel über das Alltagsleben der Römer ablesen. Je nach Qualität konnte Glas Massenware oder Luxusgut sein und kam auf dem Tisch ebenso zum Einsatz wie als Grabbeigabe (hier genügte oft Ware zweiter Wahl) oder als Souvenir bei einem der populären Wagenrennen. Da Rohglasgewinnung, Weiterverarbeitung und Verkauf an die Endkunden oft getrennt erfolgten, lässt sich an erhaltenen Gläsern und den Orten, an denen sie überdauerten, auch Spannendes zu Handelswegen und regionalen Besonderheiten beobachten.
Nicht zuletzt jedoch stehen die Techniken der römischen Glasbläser und Glasbläserinnen im Vordergrund (denn wie man hier erfährt, sind in diesem Beruf tatsächlich neben zahlreichen Männern auch einige Frauen durch Herstellermarken namentlich belegt). Bei vielen der minutiös gegeneinander abgegrenzten gängigen Gefäßformen lässt sich relativ gut rekonstruieren, wie sie angefertigt worden sein müssen. Dagegen stellen einzelne Stücke, wie etwa die kostbaren mehrschichtigen Diatrete oder Netzbecher, die Forschung noch vor ein Problem: Zwar gibt es verschiedene experimentalarchäologische Ansätze, ihre Herstellung nachzuvollziehen, doch scheint das letzte Wort hier trotz einiger Erfolge noch nicht gesprochen zu sein. Der abschließende Ausblick auf den Wandel der Glasproduktion im Frühmittelalter ist etwas knapp geraten, macht aber durchaus Lust darauf, sich mit dem Thema näher zu befassen, und ein nützliches Glossar zur Fachterminologie der Glasherstellung rundet das Buch ab.
Leider können jedoch die für einen Bildband so entscheidenden Illustrationen mit der Qualität des Texts nicht ganz mithalten. Hier hat man den Eindruck, dass an entscheidender Stelle (zu) sehr gespart wurde. Die meisten Zeichnungen stammen von der Autorin selbst und zeigen zwar inhaltlich das Notwendige, sind aber in ihrer Ausführung als Druckvorlagen nicht ideal; viele wirken wie mit Bleistift oder mit Folienmarker erstellt, so dass die Linien im Druck nicht gestochen scharf hervortreten. Bei den Fotos von Fundstücken ist viel gemeinfreies Material zum Einsatz gekommen, aber vor allem fällt auf, dass eine ganze Reihe von Abbildungen eine Doppelverwendung als Kapiteltitelblatt und dann noch einmal als identische oder allenfalls in der Größe leicht veränderte Illustration im Fließtext erfahren hat. Den dadurch verschenkten Platz hätte man gern anders genutzt gesehen (so hat es z.B. ein so wichtiges Fundstück wie der Lykurgusbecher zwar aufs Buchcover geschafft, nicht aber in den Innenteil des Buchs). Hier hat der Verlag die Chance verschenkt, die eine liebevollere Anordnung des verfügbaren Bildmaterials auch bei einem begrenzten Budget geboten hätte.
So lässt sich letzten Endes nur eine bedingte Empfehlung aussprechen. Wenn es einem primär darauf ankommt, sich über die Entwicklung der römischen Glasherstellung von der hellenistischen Zeit bis in die Spätantike zu informieren, ohne dass man auf schmückendes Beiwerk großen Wert legt, erhält man hier einen umfassenden Überblick. Wer dagegen vor allem an einem gut und abwechslungsreich bebilderten Band über antikes Glas interessiert ist, wird an anderen Publikationen mehr Freude haben (z.B. am aktuellen Sonderheft der Zeitschrift Archäologie in Deutschland).

Andrea Rottloff: Geformt mit göttlichem Atem. Römisches Glas. Mainz, Nünnerich-Asmus, 2015, 128 Seiten.
ISBN: 9783943904765


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Die Söhne des Mars. Eine Geschichte des Krieges von der Steinzeit bis zum Ende der Antike

Militärhistorische Werke gibt es in Hülle und Fülle, auch und gerade über die Antike. Armin Eichs flüssig lesbare Darstellung Die Söhne des Mars hebt sich jedoch durch ihren Ansatz von der Masse dieser Publikationen ab. Zwar erfährt man auch hier viel über die Entwicklung von Waffen, Festungsarchitektur und Kampftechniken, doch der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der sozialen Dimension des Phänomens Krieg und auf der Frage, ob dieses wirklich so selbstverständlich und unvermeidlich ist, wie es ganzen Gesellschaften mittlerweile seit Jahrtausenden erscheint.
Dieser Annahme widerspricht Eich entschieden und spart auch nicht mit Kritik an der etwa von Steven Pinker vertretenen These, die Welt sei im Laufe der Geschichte immer friedlicher geworden, so dass Krieg und Kampf geradezu als natürlicher Urzustand der Menschheit zu betrachten seien.
Dieser Forschungsmeinung stellt Eich seine eigene Überzeugung entgegen, dass das menschliche Anlagenspektrum zwar sowohl die Möglichkeit zur Friedfertigkeit als auch die zur Gewalttätigkeit umfasst, es aber in hohem Maße eine Frage der Sozialisation ist, inwieweit beides zum Tragen kommt und als normaler Teil des Verhaltensrepertoires betrachtet wird. Indem er die Ideale und Erziehungsgewohnheiten moderner kriegloser Völker mit denen ähnlich als Jäger und Sammler oder durch einfachen Gartenbau wirtschaftender, aber kriegerisch orientierter Gruppen vergleicht, zeigt er auf, dass es zwar auch in friedliebenden Gesellschaften in unterschiedlichem Maße zu individueller Gewalt kommen kann, die kollektive Gewaltanwendung, die für Kriege charakteristisch ist, jedoch geradezu eine „Abrichtung (…) für den Krieg“ erfordert. Sobald der Schritt zu einer kriegerischen Gesellschaft allerdings einmal vollzogen und eine Kriegerelite geschaffen ist, die ein Interesse an ihrem eigenen Fortbestand hat, ist die Rückkehr zu friedlichen Verhältnissen schwierig bis unmöglich.
Ausgehend von dieser Prämisse entwirft Eich das Bild einer Steinzeit, die zwar durchaus Gewalt bis hin zum Massenmord kannte, aber wohl überwiegend ohne bewaffnete Konflikte auskam, während sich erst ab der Bronzezeit Kriege eindeutig belegen lassen (z.B. durch die neueren Funde aus dem Tollensetal). Den Zusammenbruch der bronzezeitlichen Zivilisation sieht er im Gegensatz zu Teilen der modernen Forschung, die ein multikausales Modell bevorzugen, primär als Resultat eines Wettrüstens und des Heranbildens einer Kriegerschicht, deren Eigendynamik irgendwann der Kontrolle durch staatliche Strukturen entwuchs, die so den Geistern, die sie riefen, zum Opfer fielen.
Dass diese Katastrophe keinen Lerneffekt hatte, belegt die Entwicklung in Eisenzeit und Antike: Ständige große und kleine Kriege wurden nicht nur als Normalität akzeptiert, sondern vielmehr glorifiziert und untrennbar mit einem stark auf kämpferische Tugenden abgestellten Männlichkeitsideal verbunden. Als düstere Ironie der Geschichte hebt der Autor dabei hervor, dass die Schattenseiten dieser Lebensweise (wie etwa die Traumatisierung von Kombattanten) nicht nur beobachtet wurden, sondern – wie er unter Berufung auf den Psychiater Jonathan Shay herausarbeitet – sogar in einem für die Überhöhung des Kriegs in der Antike so zentralen Text wie Homers Ilias geschildert werden, deren Untertöne man also vielleicht gar missverstand. Auch Friedenschancen, die sich aufgrund der militärischen Dominanz eines einzigen Staatsgebildes (wie etwa des Alexanderreichs oder Roms in der Endphase der Republik) zumindest theoretisch boten, wurden regelmäßig vergeben und der Austragung innerer Konflikte geopfert, so dass die neuerliche Katastrophe der Spätantike wohl ebenso wenig zu umgehen war wie der Neubeginn einer Gewaltspirale, die sich vom Mittelalter bis in die heutige Zeit zieht.
Als hoffnungsvoll betrachtet Eich jedoch, dass kriegerische Aktivitäten seiner Einschätzung nach menschheitsgeschichtlich gesehen erst relativ spät einsetzten und somit eine Welt ohne Krieg als Möglichkeit durchaus vorstellbar ist. Als wie friedlich man die Frühzeit des Menschen tatsächlich betrachtet, schwankt aber natürlich je nach Interpretation der verfügbaren archäologischen Funde, die – wie der Autor selbst einräumt – oft unterschiedliche Deutungen zulassen. Obwohl also gerade am Ausgangspunkt spekulative Elemente bleiben, kann man den Denkanstoß, die scheinbare Naturnotwendigkeit massenhafter Gewalt zu hinterfragen, nicht hoch genug einschätzen.

Armin Eich: Die Söhne des Mars. Eine Geschichte des Krieges von der Steinzeit bis zum Ende der Antike. München, C.H. Beck, 2015, 281 Seiten.
ISBN: 978-3406682292


Genre: Geschichte

Zeit. Eine Kulturgeschichte

Die Zeit ist für uns alle naturgemäß eine Selbstverständlichkeit, aber wenn es sie und den mit ihr einhergehenden stetigen Wandel nicht gäbe, würde sich auch die Geschichte und mit ihr jegliche Geschichtsschreibung erübrigen. So ist es vielleicht kein Wunder, dass mit Alexander Demandt ein renommierter Historiker das Phänomen Zeit in den Blick nimmt und unter kulturgeschichtlicher Perspektive der Genese unserer Zeitrechnung und unseres Zeitverständnisses nachspürt. Geographisch liegt der Schwerpunkt dabei auf Europa und dem vorderen Orient, während andere bedeutende Hochkulturen (wie etwa in China oder Altamerika) allenfalls flüchtig behandelt werden.
Der gewählte Einstieg mit dem Kapitel Zeitbegriffe und Zeitmetaphern ist thematisch nachvollziehbar, bietet aber vielleicht nicht den leserfreundlichsten Zugang, sind die ersten vierzig Seiten so doch relativ zähe philosophische Kost. Hat man sich jedoch erfolgreich durch diesen etwas verschlungenen theoretischen Unterbau gearbeitet, entfaltet sich ein ebenso informatives wie spannendes Panorama des Umgangs mit der Zeit von der Antike bis heute, das sich weit flüssiger und unterhaltsamer liest.
Demandt weiß die komplizierten Verflechtung von natürlichen und menschengemachten Zeiteinteilungen genau so einleuchtend zu schildern wie das Ineinandergreifen linearer und zyklischer Zeitmodelle, für die es ebenfalls in der Natur Vorbilder gibt (so etwa das unumkehrbar fortschreitende Lebensalter eines Menschen oder die sich immer wiederholende Abfolge von Jahreszeiten). Die Erkenntnis, dass der von uns noch heute genutzte Kalender und viele andere Besonderheiten der Zeitrechnung und -messung vor allem von römischen Traditionen geprägt sind, die vom Christentum übernommen und weiterentwickelt wurden, ist zwar an sich nicht neu, aber die verschwenderische Informationsfülle, mit der Demandt diesen Weg nachzeichnet, birgt doch so manche Überraschung und Entdeckung.
Gerade in den Abschnitten, die sich nicht mit Stunden, Tagen, Monaten, Jahren und Jahreszählung im strikten Sinne befassen, sondern Randgebiete wie z.B. Geplante Erinnerung aufgreifen, verstecken sich bisweilen interessante und unerwartete Details. So kann man hier etwa erfahren, dass im 2. Jahrhundert n. Chr. ein Mann namens Diogenes, der sich sehr für Epikur begeisterte, dessen Philosophie an die Nachwelt weitergeben wollte, indem er sie auf einer kleinasiatischen Stadtmauer niederschreiben ließ (wobei er die spätere Zerstörung der Mauer anscheinend nicht vorausahnte). Umgekehrt verdankt manch heute noch bekanntes Werk aus der Antike sein Überdauern eher dem Zufall als planvoller Erhaltung – Grund genug, sich die Frage nach der tatsächlichen Wirksamkeit von gezielter Überlieferung zu stellen.
Demandts Kenntnisreichtum und seine Freude auch an scheinbar entlegenen Einzelheiten stehen also außer Zweifel. Angesichts des schier unüberschaubaren Materials ist es allerdings kein Wunder, dass sich hier und da kleinere Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen haben (z.B. kann eine Uhr, die 1585 entstand, nicht, wie hier behauptet, „wahrscheinlich als Tafelaufsatz für August den Starken geschaffen“ worden sein, der erst 1670 geboren wurde). Solche Versehen fallen jedoch insgesamt kaum ins Gewicht und schmälern den positiven Gesamteindruck nur unbeträchtlich.
Geschmackssache ist dagegen, wie es einem gefällt, dass Demandt als Autor nicht hinter seinem Thema zurücktritt, sondern sich immer wieder stark selbst einbringt: Von persönlichen Anekdoten über dezidiert vorgetragene Meinungen (die man vielleicht nicht in jedem Fall unterschreiben möchte) bis hin zum wiederholten Kokettieren mit dem eigenen vorgerückten Alter ist er immer auch als Mensch überaus präsent. Ein objektiver Qualitätsmangel ist das gewiss nicht, aber doch eine Tatsache, die je nach Lesevorliebe die eigene Reaktion auf das Buch in hohem Maße mitbestimmen wird.
Verschwendet jedoch ist die Zeit, die man der Lektüre von Zeit. Eine Kulturgeschichte widmet, auf keinen Fall.

Alexander Demandt: Zeit. Eine Kulturgeschichte. Berlin, Propyläen (Ullstein), 2015, 588 Seiten.
ISBN: 978-3549074299


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Die Kelten. Verborgene Welt der Barden und Druiden

Die Kelten erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit: Neben archäologischen Funden und historischer Bedeutung faszinieren insbesondere auch ihre Kunst und ihre reiche Mythologie. So ist es nur konsequent, dass Anne Bernhardi und Birgit Fricke in ihrer für junge Leser gedachten Einführung Die Kelten, die aber auch als lockerer und charmanter Einstieg für Erwachsene taugt, den überzeugend aufbereiteten Sachinformationen gefällige Nacherzählungen irischer und walisischer Sagen an die Seite stellen.
Grundgerüst des Buchs sind thematisch und kulturhistorisch orientierte Kapitel (z.B. zu Gesellschaft, Lebensformen, Krieg und Religion), in die zugleich Hinweise zur Ereignisgeschichte der Kelten von der Hallstattzeit bis hin zur „Irischen Renaissance“ des 19. und frühen 20. Jahrhunderts eingeflochten sind (wobei die späteren Epochen weitaus selektiver behandelt werden als die früheren).
Bei aller der Zielgruppe geschuldeten Raffung und Vereinfachung ist die Darstellung bis auf einige kleine Fehler, die sich eingeschlichen haben (so gab es z.B., anders als hier angegeben, nie ein Jahr 0), kenntnisreich und spart auch heikle und für heutige Gemüter potentiell abschreckende Aspekte (wie etwa den keltischen Kopfkult) nicht aus, ohne sie zu dämonisieren. Neben Quellenzitaten wird durchaus auch überzeugende Quellenkritik geboten (etwa an der Außenperspektive der Griechen und Römer auf das Leben der „Barbaren“) und mehr als einmal eingestanden, dass vieles eben nicht genau zu rekonstruieren und dementsprechend strittig ist. Die ferne Zeit bleibt damit über weite Strecken die Verborgene Welt der Barden und Druiden, die der Untertitel heraufbeschwört, wenngleich in der Formulierung gewiss auch ein wenig die in den literarischen Adaptationen evozierte Anderswelt mit anklingen soll. Wann immer möglich wird auch mit liebgewonnenen Klischees aufgeräumt – Asterix und seine ständig mit der Wildschweinjagd beschäftigten Mitgallier sind, wie rasch deutlich wird, in Sachen keltischer Kultur eben doch nicht der Weisheit letzter Schluss.
Ein nützlicher Anhang mit Glossar samt Aussprachehilfen für keltische Namen, sparsamer Bibliographie, Zeitleiste und Liste von Keltenmuseen im deutschsprachigen Raum rundet das Angebot des Bandes ab.
So empfehlenswert der Text allein insgesamt auch schon wäre, er ist höchstens das halbe Buch. Denn dieses lebt vor allem von Anne Bernhardis ebenso prachtvollen wie sensiblen Illustrationen: Von akkuraten Wiedergaben archäologischer Funde über fabulierfreudige Phantastiedarstellungen aus der Welt der Mythen bis hin zu vielen, vielen Kelten (die – soweit männlichen Geschlechts – oft mit herrlich übersteigerten Schnurrbärten ausgestattet sind), gibt es hier allerlei zum Schwelgen und Schmunzeln zu entdecken. Das Titelbild kann allenfalls einen kleinen Eindruck vermitteln, aber nicht adäquat auf die Kunstfülle vorbereiten, die einen zwischen den Buchdeckeln erwartet. Auch diese ist eine ganz eigene Verborgene Welt, die man mit Wonne erforscht und sicher auch nach der Erstlektüre von Zeit zu Zeit wieder aufsuchen möchte.

Anne Bernhardi, Birgit Fricke: Die Kelten. Verborgene Welt der Barden und Druiden. Hildesheim, Gerstenberg, 2. Aufl. 2010, 128 Seiten.
ISBN: 978-3836953238


Genre: Geschichte, Kinderbuch

Der Hellenismus. Der Hof und die Welt

Der Hellenismus ist zwar die Epoche der Antike, in der vieles, was wir heute spontan mit „den alten Griechen“ assoziieren, entstand oder seine endgültige Gestalt erhielt, ist aber dennoch im allgemeinen Bewusstsein weniger stark verankert als das klassische Griechenland der Jahrhunderte zuvor. Peter Scholz‘ kompakte Einführung könnte daran vielleicht etwas ändern, denn so kenntnisreich und klar strukturiert ist die politische Geschichte des an Wirren reichen und dementsprechend schwer überschaubaren Zeitalters selten erzählt worden.
In zwei ereignishistorischen Abschnitten (von Philipp II. von Makedonien bis zur Schlacht von Sellasia 222 v.Chr. einerseits und von Philipp V. von Makedonien bis zum Ende der Ptolemäerherrschaft in Ägypten 30 v. Chr. andererseits) und zwei damit verschränkten Kapiteln zu Übergreifenden Aspekten der hellenistischen Zeit entfaltet Scholz ein Panorama einer Phase des Übergangs, die in der Mittelmeerwelt einen langfristigen Wandel der politischen Organisationsformen bewirkte: An die Stelle oft republikanisch geführter Stadtstaaten traten größere Monarchien, ein Prozess, der gegen Ende des Hellenismus in der Ausweitung des römischen Reichs und dem Anbruch der Kaiserzeit gipfelte.
Da diese Entwicklung ohne die makedonischen Eroberungen unter Philipp II. und Alexander dem Großen nicht zu verstehen ist, lässt Scholz seine Darstellung bereits mit diesen beiden Königen einsetzen. Gerade Alexander erfährt dabei eine höchst kritische Bewertung, die im Gegensatz zu weiten Teilen der Forschung steht (z.B. Robin Lane Fox oder Alexander Demandt). Hier erscheint persönliches Ruhmstreben als wesentliche Triebfeder seines Handelns, während ihm ein übergeordnetes strategisches oder politisches Konzept weitgehend abgesprochen wird.
Das Auseinanderbrechen seines heterogenen Reichs unmittelbar nach seinem Tod erscheint als logische Konsequenz dieses Mangels, doch von noch größerer Tragweite war sein Vorbild hinsichtlich der Legitimation seiner Nachfolger. Das Paradigma des siegreichen Eroberers, der seine Herrschaft allein militärischen Erfolgen verdankt, blieb für die folgenden Generationen bestimmend und fand nur eine unzureichende Ergänzung in der dynastischen Nachfolge. In Kombination mit der primär durch persönliche Bindungen an den König organisierten Regierung waren damit inneren Machtkämpfen ebenso Tür und Tor geöffnet wie ständigen Kriegen zwischen den verschiedenen Reichen. Als mit den Römern ab Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. ein durch gefestigtere staatliche Strukturen geprägter Akteur die Bühne betrat, erwies sich das hellenistische System – oder vielmehr die hellenistische Systemlosigkeit – als nicht überlebensfähig.
Die historische Bedeutung des Hellenismus sieht Scholz daher vor allem auf kulturellem Gebiet. Neben den bekannten künstlerischen und philosophischen Errungenschaften stand nicht nur die schiere Erweiterung der bekannten Welt durch Handels- und Entdeckungsreisen, sondern auch die Durchsetzung von Griechisch als Verkehrs- und Literatursprache überall um das östliche Mittelmeer. Diese Entwicklung begünstigte Jahrhunderte später nicht zuletzt auch die rasche Ausbreitung des Christentums und ist in ihren Auswirkungen daher mittelbar bis heute folgenreich.
Abgerundet wird die flüssig lesbare Darstellung durch hilfreiche Illustrationen (vor allem Landkarten, aber auch Kunstwerke und immer wieder Münzen, die als Mittel herrscherlicher Selbstdarstellung und Propaganda dienten). So werden die relevanten Fakten gut verständlich vermittelt, und die frischen Deutungen, die immer wieder auch Warnung vor einer Überhöhung und Romantisierung von Krieg und Aggression sind, wissen zu überzeugen.
Alles in allem bildet Der Hellenismus. Der Hof und die Welt einen gelungenen und sehr empfehlenswerten Einstieg in eine faszinierende Umbruchszeit.

Peter Scholz: Der Hellenismus. Der Hof und die Welt. München, C.H. Beck, 2015, 352 Seiten.
ISBN: 978-3406679117


Genre: Geschichte

Die Etrusker

Jahrhundertelang waren die Etrusker der bestimmende politische Faktor in Mittelitalien und als Seemacht überregional bedeutend. Doch im Vergleich zu anderen bekannten Völkern der Antike blieb über sie nur eine äußerst schmale Quellenbasis erhalten: Ihre eigene Literatur einschließlich der Geschichtsschreibung ist verloren, ihre Sprache aufgrund des überwiegend auf knappe Inschriften beschränkten Textkorpus nur rudimentär zu entschlüsseln. Da Holz oder Textilien nur selten die Jahrtausende überdauern, sind auch weite Teile ihrer materiellen Kultur unwiederbringlich vergangen. Was bleibt, ist eine Fülle von Kunstwerken, von den berühmten Wandmalereien in den reich ausgestatteten Gräbern der Oberschicht über Statuen, Sarkophage und Urnen bis hin zu persönlichen Gegenständen wie Schmuck oder Spiegeln.
Folgerichtig lebt der opulente Bildband Die Etrusker auch vor allem von hervorragenden Aufnahmen dieser Schätze, ergänzt um Kartenmaterial, Abbildungen erhaltener Baudenkmäler und einzelne Landschaftsfotos aus Etrurien.
Wenn auch zuerst vor allem die Bilder beeindrucken, erweist sich der zugehörige Text als äußerst kenntnisreich und informativ. Friederike Bubenheimer-Erhart fährt zweigleisig, um ihren Lesern die Rasna – so die Eigenbezeichnung der Etrusker – näherzubringen. Grundgerüst ist eine chronologische Darstellung der etruskischen Geschichte von ihren Anfängen in der sogenannten Villanova-Kultur (9.-8. Jh. v. Chr.) über die Blütephase in archaischer und klassischer Antike bis hin zum Niedergang und zur im 1. Jh. v. Chr. abgeschlossenen Eingliederung ins römische Reich. Parallel dazu werden in Sonderseiten und Steckbriefen zeitlich übergreifende Themen (so etwa Religion, Kunsthandwerk oder Seefahrt) und interessante Persönlichkeiten noch einmal einzeln vorgestellt. Diese Aufteilung erhöht die Übersichtlichkeit und erleichtert es, spezielle Informationen gezielt zu finden. Bei einer durchgängigen Lektüre des Buchs ergeben sich jedoch einige Wiederholungen, da mehrere Passagen fast identisch (oder leicht paraphrasiert) im Fließtext und in den eingeschobenen Zusatzkapiteln erscheinen.
Insgesamt beeindruckt die Darstellung durch eine fundierte Einbeziehung des historischen und kulturellen Kontexts. Die Etrusker werden nicht etwa größtenteils isoliert in den Blick genommen, sondern immer wieder auch in ihrem Wechselspiel mit Griechen, Phöniziern, Römern und anderen Völkern gesehen, das sich nicht auf die politische und wirtschaftliche Ebene beschränkte, sondern auch zu handwerklichem und künstlerischem Austausch sowie zu synkretistischen Erscheinungen in der Religion führte.
Wie sehr (und vor allem wie lange) gerade diese nach der Assimilation der Etrusker im römischen Reich noch weiterzuwirken vermochte, verrät der Umstand, dass selbst der natürlich einem ganz anderen Glauben anhängende Papst Innozenz I. im Vorfeld der Eroberung Roms durch die Goten 410 einen nach etruskischem Muster arbeitenden Haruspex (Eingeweidebeschauer) konsultiert haben soll. Nach der Wiederentdeckung der Etrusker in der Renaissance dagegen war es vor allem ihre lebensvolle Kunst, die in vielfältiger Weise rezipiert wurde und ihnen auf diese Weise lange nach ihrem Verschwinden als ethnische und sprachliche Gemeinschaft ein Weiterwirken sicherte.
Dafür hat man schon nach einem flüchtigen Durchblättern des Buchs größtes Verständnis, denn so spannend sich Kultur- und Ereignisgeschichte der Etrusker zweifelsohne lesen, der ästhetische Reiz der Bilder bleibt unübertroffen.

Friederike Bubenheimer-Erhart: Die Etrusker. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2014, 191 Seiten.
ISBN: 978-3805348058


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Die Hunnen. Ein Reitervolk in Europa

Kaum ein Volk der Spätantike hat bis heute einen solchen Bekanntheitsgrad und einen derart furchterregenden Ruf wie die Hunnen. Umso überraschender mutet es an, dass über das Reitervolk in Europa – so der Untertitel von Michael Schmauders spannendem Bildband – eigentlich wenig Gesichertes bekannt ist. Eine eindeutige ethnische oder sprachliche Zuordnung ist nicht möglich, die oft postulierte Identität mit den aus der chinesischen Überlieferung bekannten Xiongnu nicht letztgültig zu belegen. Man kennt nur eine kurze Reihe hunnischer Herrscher, die bis auf den berühmten Attila als Persönlichkeiten allenfalls schemenhaft fassbar werden, und es lassen sich nur wenige archäologische Funde (z.B. ein spezieller Kesseltyp oder ein diademähnlicher Frauenkopfschmuck) als spezifisch hunnisch ansprechen.
Das geringe Maß an gesicherten Informationen über die Hunnen an sich bettet Michael Schmauder kenntnisreich und quellennah mit umfangreichen Auszügen aus Werken spätantiker und frühmittelalterlicher Historiker in den Kontext der gesamten Völkerwanderungszeit ein. In den Fließtext eingeschobene Kurzinformationen zu zentralen Persönlichkeiten und Fachbegriffen sowie Kästen zu Spezialthemen bereiten den nicht immer unkomplizierten Stoff auch für Laien gut verständlich auf.
Schmauders Augenmerk gilt dabei zunächst schwerpunktmäßig der longue durée. Von den Kimmerern und Skythen der Antike bis zu den Mongolen des Hochmittelalters schildert er Kontinuitäten in der Lebensweise der eurasischen Steppenvölker und ihrer Konflikte mit den sesshaften Bewohnern Asiens und Europas. Als Konstanten über die Jahrtausende hinweg erscheinen dabei eine spezifische Form des Reiterkriegertums und ein nicht territorial, sondern personal geprägtes Herrschaftsverständnis, das die flexible Bildung größerer Verbände um charismatische Anführergestalten ebenso begünstigte wie eine rasche Auflösung vermeintlicher „Völker“ nach dem Wegfallen eines solchen Fixpunkts. Zum Machterhalt waren steppennomadische Eliten daher oft gezwungen, einen permanenten Zustrom von Kriegsbeute oder Tributzahlungen zu garantieren, um für ihr Gefolge attraktiv zu bleiben, das sich nicht unbedingt durch eine ethnisch oder ideologisch motivierte Verbundenheit auszeichnete.
Eine Fallstudie dieser Art von personenzentrierter Herrschaft entwickelt Schmauder anhand der lebendig gezeichneten Gestalt Attilas, dem es gelang, eine Stammeskonföderation beispiellosen Ausmaßes unter sich zu vereinen, der aber, um ihren Zusammenhalt zu gewährleisten, letztlich vor der Alternative stand, immer wieder Plünderungskriege zu führen oder nach einer stabilisierenden Einbindung in die vermeintlich festgefügten Strukturen des römischen Reichs zu streben. Dass er stattdessen durch seine Aktionen beträchtlich zum Untergang Westroms beitrug, lag vermutlich nicht in seiner Absicht. Doch auch die hunnische Hegemonie überdauerte seinen Tod nicht, da sich kein Gesamtnachfolger durchsetzen konnte und der Völkerverband rasch zerfiel.
Für ein relativ kurzfristiges historisches Phänomen war den Hunnen jedoch ein eindrucksvolles Nachleben beschieden: Von Heiligenviten über die hierzulande vor allem in Form des Nibelungenlieds bekannten Sagen bis hin zur Vereinnahmung in den Ursprungslegenden moderner Nationen ist bis heute eine rege Rezeption festzustellen.
Abgerundet und unterstützt wird der Text von reichhaltigem Bildmaterial, das neben Fundstücken, künstlerischen Darstellungen aus verschiedensten Zeiten und Karten auch Fotos von Landschaften und Angehörigen heutiger Nomadenvölker umfasst und so die historisch ferne Epoche ungeahnt verlebendigt.
Einzige Schwäche des rundum gelungenen Bandes sind zahlreiche Flüchtigkeitsfehler insbesondere bei den lateinischen Begriffen. Davon sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen, denn ansonsten ist die Lektüre unbedingt empfehlenswert.

Michael Schmauder: Die Hunnen. Ein Reitervolk in Europa. Darmstadt, Primus, 2009, 168 Seiten.
ISBN: 978-3896783424


Genre: Geschichte