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Der Hellenismus. Der Hof und die Welt

Der Hellenismus ist zwar die Epoche der Antike, in der vieles, was wir heute spontan mit „den alten Griechen“ assoziieren, entstand oder seine endgültige Gestalt erhielt, ist aber dennoch im allgemeinen Bewusstsein weniger stark verankert als das klassische Griechenland der Jahrhunderte zuvor. Peter Scholz‘ kompakte Einführung könnte daran vielleicht etwas ändern, denn so kenntnisreich und klar strukturiert ist die politische Geschichte des an Wirren reichen und dementsprechend schwer überschaubaren Zeitalters selten erzählt worden.
In zwei ereignishistorischen Abschnitten (von Philipp II. von Makedonien bis zur Schlacht von Sellasia 222 v.Chr. einerseits und von Philipp V. von Makedonien bis zum Ende der Ptolemäerherrschaft in Ägypten 30 v. Chr. andererseits) und zwei damit verschränkten Kapiteln zu Übergreifenden Aspekten der hellenistischen Zeit entfaltet Scholz ein Panorama einer Phase des Übergangs, die in der Mittelmeerwelt einen langfristigen Wandel der politischen Organisationsformen bewirkte: An die Stelle oft republikanisch geführter Stadtstaaten traten größere Monarchien, ein Prozess, der gegen Ende des Hellenismus in der Ausweitung des römischen Reichs und dem Anbruch der Kaiserzeit gipfelte.
Da diese Entwicklung ohne die makedonischen Eroberungen unter Philipp II. und Alexander dem Großen nicht zu verstehen ist, lässt Scholz seine Darstellung bereits mit diesen beiden Königen einsetzen. Gerade Alexander erfährt dabei eine höchst kritische Bewertung, die im Gegensatz zu weiten Teilen der Forschung steht (z.B. Robin Lane Fox oder Alexander Demandt). Hier erscheint persönliches Ruhmstreben als wesentliche Triebfeder seines Handelns, während ihm ein übergeordnetes strategisches oder politisches Konzept weitgehend abgesprochen wird.
Das Auseinanderbrechen seines heterogenen Reichs unmittelbar nach seinem Tod erscheint als logische Konsequenz dieses Mangels, doch von noch größerer Tragweite war sein Vorbild hinsichtlich der Legitimation seiner Nachfolger. Das Paradigma des siegreichen Eroberers, der seine Herrschaft allein militärischen Erfolgen verdankt, blieb für die folgenden Generationen bestimmend und fand nur eine unzureichende Ergänzung in der dynastischen Nachfolge. In Kombination mit der primär durch persönliche Bindungen an den König organisierten Regierung waren damit inneren Machtkämpfen ebenso Tür und Tor geöffnet wie ständigen Kriegen zwischen den verschiedenen Reichen. Als mit den Römern ab Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. ein durch gefestigtere staatliche Strukturen geprägter Akteur die Bühne betrat, erwies sich das hellenistische System – oder vielmehr die hellenistische Systemlosigkeit – als nicht überlebensfähig.
Die historische Bedeutung des Hellenismus sieht Scholz daher vor allem auf kulturellem Gebiet. Neben den bekannten künstlerischen und philosophischen Errungenschaften stand nicht nur die schiere Erweiterung der bekannten Welt durch Handels- und Entdeckungsreisen, sondern auch die Durchsetzung von Griechisch als Verkehrs- und Literatursprache überall um das östliche Mittelmeer. Diese Entwicklung begünstigte Jahrhunderte später nicht zuletzt auch die rasche Ausbreitung des Christentums und ist in ihren Auswirkungen daher mittelbar bis heute folgenreich.
Abgerundet wird die flüssig lesbare Darstellung durch hilfreiche Illustrationen (vor allem Landkarten, aber auch Kunstwerke und immer wieder Münzen, die als Mittel herrscherlicher Selbstdarstellung und Propaganda dienten). So werden die relevanten Fakten gut verständlich vermittelt, und die frischen Deutungen, die immer wieder auch Warnung vor einer Überhöhung und Romantisierung von Krieg und Aggression sind, wissen zu überzeugen.
Alles in allem bildet Der Hellenismus. Der Hof und die Welt einen gelungenen und sehr empfehlenswerten Einstieg in eine faszinierende Umbruchszeit.

Peter Scholz: Der Hellenismus. Der Hof und die Welt. München, C.H. Beck, 2015, 352 Seiten.
ISBN: 978-3406679117


Genre: Geschichte

Die Etrusker

Jahrhundertelang waren die Etrusker der bestimmende politische Faktor in Mittelitalien und als Seemacht überregional bedeutend. Doch im Vergleich zu anderen bekannten Völkern der Antike blieb über sie nur eine äußerst schmale Quellenbasis erhalten: Ihre eigene Literatur einschließlich der Geschichtsschreibung ist verloren, ihre Sprache aufgrund des überwiegend auf knappe Inschriften beschränkten Textkorpus nur rudimentär zu entschlüsseln. Da Holz oder Textilien nur selten die Jahrtausende überdauern, sind auch weite Teile ihrer materiellen Kultur unwiederbringlich vergangen. Was bleibt, ist eine Fülle von Kunstwerken, von den berühmten Wandmalereien in den reich ausgestatteten Gräbern der Oberschicht über Statuen, Sarkophage und Urnen bis hin zu persönlichen Gegenständen wie Schmuck oder Spiegeln.
Folgerichtig lebt der opulente Bildband Die Etrusker auch vor allem von hervorragenden Aufnahmen dieser Schätze, ergänzt um Kartenmaterial, Abbildungen erhaltener Baudenkmäler und einzelne Landschaftsfotos aus Etrurien.
Wenn auch zuerst vor allem die Bilder beeindrucken, erweist sich der zugehörige Text als äußerst kenntnisreich und informativ. Friederike Bubenheimer-Erhart fährt zweigleisig, um ihren Lesern die Rasna – so die Eigenbezeichnung der Etrusker – näherzubringen. Grundgerüst ist eine chronologische Darstellung der etruskischen Geschichte von ihren Anfängen in der sogenannten Villanova-Kultur (9.-8. Jh. v. Chr.) über die Blütephase in archaischer und klassischer Antike bis hin zum Niedergang und zur im 1. Jh. v. Chr. abgeschlossenen Eingliederung ins römische Reich. Parallel dazu werden in Sonderseiten und Steckbriefen zeitlich übergreifende Themen (so etwa Religion, Kunsthandwerk oder Seefahrt) und interessante Persönlichkeiten noch einmal einzeln vorgestellt. Diese Aufteilung erhöht die Übersichtlichkeit und erleichtert es, spezielle Informationen gezielt zu finden. Bei einer durchgängigen Lektüre des Buchs ergeben sich jedoch einige Wiederholungen, da mehrere Passagen fast identisch (oder leicht paraphrasiert) im Fließtext und in den eingeschobenen Zusatzkapiteln erscheinen.
Insgesamt beeindruckt die Darstellung durch eine fundierte Einbeziehung des historischen und kulturellen Kontexts. Die Etrusker werden nicht etwa größtenteils isoliert in den Blick genommen, sondern immer wieder auch in ihrem Wechselspiel mit Griechen, Phöniziern, Römern und anderen Völkern gesehen, das sich nicht auf die politische und wirtschaftliche Ebene beschränkte, sondern auch zu handwerklichem und künstlerischem Austausch sowie zu synkretistischen Erscheinungen in der Religion führte.
Wie sehr (und vor allem wie lange) gerade diese nach der Assimilation der Etrusker im römischen Reich noch weiterzuwirken vermochte, verrät der Umstand, dass selbst der natürlich einem ganz anderen Glauben anhängende Papst Innozenz I. im Vorfeld der Eroberung Roms durch die Goten 410 einen nach etruskischem Muster arbeitenden Haruspex (Eingeweidebeschauer) konsultiert haben soll. Nach der Wiederentdeckung der Etrusker in der Renaissance dagegen war es vor allem ihre lebensvolle Kunst, die in vielfältiger Weise rezipiert wurde und ihnen auf diese Weise lange nach ihrem Verschwinden als ethnische und sprachliche Gemeinschaft ein Weiterwirken sicherte.
Dafür hat man schon nach einem flüchtigen Durchblättern des Buchs größtes Verständnis, denn so spannend sich Kultur- und Ereignisgeschichte der Etrusker zweifelsohne lesen, der ästhetische Reiz der Bilder bleibt unübertroffen.

Friederike Bubenheimer-Erhart: Die Etrusker. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2014, 191 Seiten.
ISBN: 978-3805348058


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Die Hunnen. Ein Reitervolk in Europa

Kaum ein Volk der Spätantike hat bis heute einen solchen Bekanntheitsgrad und einen derart furchterregenden Ruf wie die Hunnen. Umso überraschender mutet es an, dass über das Reitervolk in Europa – so der Untertitel von Michael Schmauders spannendem Bildband – eigentlich wenig Gesichertes bekannt ist. Eine eindeutige ethnische oder sprachliche Zuordnung ist nicht möglich, die oft postulierte Identität mit den aus der chinesischen Überlieferung bekannten Xiongnu nicht letztgültig zu belegen. Man kennt nur eine kurze Reihe hunnischer Herrscher, die bis auf den berühmten Attila als Persönlichkeiten allenfalls schemenhaft fassbar werden, und es lassen sich nur wenige archäologische Funde (z.B. ein spezieller Kesseltyp oder ein diademähnlicher Frauenkopfschmuck) als spezifisch hunnisch ansprechen.
Das geringe Maß an gesicherten Informationen über die Hunnen an sich bettet Michael Schmauder kenntnisreich und quellennah mit umfangreichen Auszügen aus Werken spätantiker und frühmittelalterlicher Historiker in den Kontext der gesamten Völkerwanderungszeit ein. In den Fließtext eingeschobene Kurzinformationen zu zentralen Persönlichkeiten und Fachbegriffen sowie Kästen zu Spezialthemen bereiten den nicht immer unkomplizierten Stoff auch für Laien gut verständlich auf.
Schmauders Augenmerk gilt dabei zunächst schwerpunktmäßig der longue durée. Von den Kimmerern und Skythen der Antike bis zu den Mongolen des Hochmittelalters schildert er Kontinuitäten in der Lebensweise der eurasischen Steppenvölker und ihrer Konflikte mit den sesshaften Bewohnern Asiens und Europas. Als Konstanten über die Jahrtausende hinweg erscheinen dabei eine spezifische Form des Reiterkriegertums und ein nicht territorial, sondern personal geprägtes Herrschaftsverständnis, das die flexible Bildung größerer Verbände um charismatische Anführergestalten ebenso begünstigte wie eine rasche Auflösung vermeintlicher „Völker“ nach dem Wegfallen eines solchen Fixpunkts. Zum Machterhalt waren steppennomadische Eliten daher oft gezwungen, einen permanenten Zustrom von Kriegsbeute oder Tributzahlungen zu garantieren, um für ihr Gefolge attraktiv zu bleiben, das sich nicht unbedingt durch eine ethnisch oder ideologisch motivierte Verbundenheit auszeichnete.
Eine Fallstudie dieser Art von personenzentrierter Herrschaft entwickelt Schmauder anhand der lebendig gezeichneten Gestalt Attilas, dem es gelang, eine Stammeskonföderation beispiellosen Ausmaßes unter sich zu vereinen, der aber, um ihren Zusammenhalt zu gewährleisten, letztlich vor der Alternative stand, immer wieder Plünderungskriege zu führen oder nach einer stabilisierenden Einbindung in die vermeintlich festgefügten Strukturen des römischen Reichs zu streben. Dass er stattdessen durch seine Aktionen beträchtlich zum Untergang Westroms beitrug, lag vermutlich nicht in seiner Absicht. Doch auch die hunnische Hegemonie überdauerte seinen Tod nicht, da sich kein Gesamtnachfolger durchsetzen konnte und der Völkerverband rasch zerfiel.
Für ein relativ kurzfristiges historisches Phänomen war den Hunnen jedoch ein eindrucksvolles Nachleben beschieden: Von Heiligenviten über die hierzulande vor allem in Form des Nibelungenlieds bekannten Sagen bis hin zur Vereinnahmung in den Ursprungslegenden moderner Nationen ist bis heute eine rege Rezeption festzustellen.
Abgerundet und unterstützt wird der Text von reichhaltigem Bildmaterial, das neben Fundstücken, künstlerischen Darstellungen aus verschiedensten Zeiten und Karten auch Fotos von Landschaften und Angehörigen heutiger Nomadenvölker umfasst und so die historisch ferne Epoche ungeahnt verlebendigt.
Einzige Schwäche des rundum gelungenen Bandes sind zahlreiche Flüchtigkeitsfehler insbesondere bei den lateinischen Begriffen. Davon sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen, denn ansonsten ist die Lektüre unbedingt empfehlenswert.

Michael Schmauder: Die Hunnen. Ein Reitervolk in Europa. Darmstadt, Primus, 2009, 168 Seiten.
ISBN: 978-3896783424


Genre: Geschichte

Ritterburgen. Bauwerk, Herrschaft, Kultur

Kaum ein Gebäudetyp steht im allgemeinen Bewusstsein so sehr für das Mittelalter schlechthin wie die Burg. Schon begrifflich oft eng mit dem Rittertum verbunden, ist sie mit zahlreichen Assoziationen verknüpft, von denen mach eine jedoch mehr mit Idealisierungen und Schauermärchen des 19. und 20. Jahrhunderts zu tun hat als mit der historischen Realität. Dementsprechend leitet Joachim Zeune seine aufschlussreiche Darstellung, deren geographischer Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Raum liegt, auch mit der heutigen Mittelalterrezeption ein und ist in der Folge bemüht, die tatsächlichen Burgen vom Ballast aller Mythen und veralteten Theorien zu befreien.
Kritik übt er vor allem an der weitverbreiteten Vorstellung von einem primär blutigen und düsteren Mittelalter, die dazu verführt, in der Burg ausschließlich einen Wehrbau zu sehen und ihre politischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt auch repräsentativen Funktionen zu vernachlässigen. Fehden und Belagerungen regten zwar die Phantasie der Nachwelt besonders an, waren aber nicht der Normalzustand. Im Vordergrund standen bei der Auswahl des Bauplatzes und der architektonischen Gestaltung daher häufig nicht militärische Kriterien, sondern der Wunsch nach einer optischen Machtdemonstration. Auch das Ende einer Burg war meist nicht kriegerischen Einwirkungen geschuldet, sondern Unglücksfällen wie etwa Bränden oder Erdbeben. Doch selbst wenn es nicht gar so dramatisch kam, waren immer wieder Instandsetzungsarbeiten oder Umbauten erforderlich.
Diese Passagen, in denen es um die Burg als Bauwerk geht, gehören zu den besten von Zeunes Buch: Minutiös wird anhand erhaltener Burgen bzw. Burgruinen, aber auch mithilfe zeitgenössischer Bild- und Schriftquellen nachgezeichnet, was an Zeit, Material, Geräten und Aufwand nötig war, um die verschiedensten Burgenformen zu errichten und zu erhalten. Auch der Aussagewert moderner Burgenbauprojekte (das bekannteste dürfte wohl Guédelon sein) erfährt in diesem Kontext eine kritische Würdigung.
Darüber hinaus wird deutlich, dass nicht nur Katastrophen aller Art und Gleichgültigkeit für Burgen verhängnisvoll werden können, sondern auch die falschverstandene Liebe zu ihnen. Von Wiederaufbauten des 19. Jahrhunderts, die historisch Gewachsenes zerstörten, über unreflektierte Denkmalschutzmaßnahmen (bei denen z.B. moderne Materialien in Wechselwirkung mit den historischen ungeahnte Schäden verursachen) bis hin zu fragwürdigen Nutzungs- und Tourismuskonzepten werden viele Spielarten eines gutgemeinten, aber verfehlten Umgangs mit Burgen angeprangert. Naturgemäß spielt auch hier das verzerrte Mittelalterbild späterer Epochen immer wieder eine Rolle, und es ist Zeune hoch anzurechnen, dass er bei allem Unmut über die problematischen Aspekte dieser oft naiven Rückschau Verständnis für den ihr zugrundeliegenden Eskapismus aufbringt.
So haben die Ritterburgen unbestreitbar viel Gutes und Lesenswertes zu bieten. Ein Wermutstropfen nicht nur aus germanistischer Sicht ist allerdings, dass Zeune abseits seines Kerngebiets einige Fehler unterlaufen. Bisweilen sind das nur kleinere Versehen, die das Lektorat hätte ausmerzen können, sei es nun, dass Hartmann von Aue auch als „Hartmut von Aue“ erscheint und ebenso wie einige andere mittelalterliche Dichter konsequent das Genitiv-S an der falschen Stelle (nach dem Beinamen) verpasst bekommt oder dass Goethes Theaterstück Götz von Berlichingen als einer der „frühen Ritterromane“ kategorisiert wird. Teilweise werden aber auch veraltete Forschungsmeinungen perpetuiert, so etwa die Annahme, ein voll ausgeprägtes Lehnswesen habe schon seit der Karolingerzeit bestanden (zur Kritik an dieser überkommenen Sicht siehe etwa Steffen Patzold, Das Lehnswesen, ISBN: 978-3406632358).
Daneben finden sich auch einige Thesen, die erstaunlich wirken und bei denen man sich wünscht, Zeune hätte angeführt, worauf sie fußen. Wenn er z.B. die Aussage trifft, „dass es im Mittelater ungleich mehr Linkshänder gab als heute“, wüsste man gern, auf welchen Statistiken dieses Pauschalurteil beruht. Zwar gibt es durchaus diesbezügliche Studien an Skeletten wie denen aus der berühmten englischen Wüstung Wharram Percy, doch kranken Vergleiche mit modernen Populationen daran, dass bei Letzteren Links- oder Rechtshändigkeit oft an der nicht immer freiwillig gewählten Schreibhand festgemacht wird, während der tatsächliche Linkshänderanteil bei Ermittlung z.B. durch Geschicklichkeitstests höher liegt und sich nicht signifikant von den mittelalterlichen Werten unterscheidet.
Mit Burgenbau und -symbolik hat all das zwar nur am Rande zu tun, aber wenn ein Autor explizit antritt, um die „zwölf schlimmsten Irrtümer über Burgen“ zu korrigieren, stechen einem die Missverständnisse, denen er selbst erliegt, natürlich besonders stark ins Auge.
Dementsprechend zwiespältig fällt das Urteil über die Ritterburgen am Ende aus. Wer vor allem an den ersten beiden im Untertitel aufgezählten Aspekten, Bauwerk und Herrschaft, interessiert ist, erhält hier eine Fülle von überzeugenden Informationen und wird Burgen künftig mit anderen Augen betrachten. Im Bereich Kultur dagegen wäre größere Gründlichkeit wünschenswert gewesen, denn hier bleibt der Leser im schlimmsten Fall mit einigen Fehlschlüssen, im besten dagegen mit mehr Fragen als Antworten zurück.

Joachim Zeune: Ritterburgen. Bauwerk, Herrschaft, Kultur. München, C.H. Beck, 2015, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406660917


Genre: Geschichte

Die römische Kaiserzeit. Die Legionen und das Imperium

Die Legionen und das Imperium – mit diesem Untertitel versieht Armin Eich seine Geschichte der römischen Kaiserzeit vom Prinzipat des Augustus bis zur Reichskrise des 3. Jahrhunderts und benennt damit das in seinen Augen Prägende der Epoche: Damit ein einzelner Mensch die Macht im zuvor oligarchisch-republikanisch geprägten römischen Staat behaupten konnte, war er zwingend auf die Unterstützung des Militärs angewiesen. Da die Stellung des „Kaisers“ (ein Begriff, den Eich in diesem Kontext als Anachronismus entlarvt) nie eine formalrechtliche Absicherung erfuhr, sondern wenigstens in der Theorie immer irregulär und durch fiktive Notstände gerechtfertigt blieb, konnten sich weder eine von der militärischen Tüchtigkeit unabhängige Machtlegitimation noch eine rein dynastische Nachfolgeregelung entwickeln. Infolgedessen behielten die Soldaten, insbesondere auch die Prätorianer als Eliteeinheit, über Jahrhunderte hinweg ihre Rolle als Kaisermacher. Sich die Legionen durch finanzielle Zuwendungen, durch die Selbststilisierung zum erfolgreichen Feldherrn und nicht zuletzt auch durch Beschäftigung und Beute verheißende Eroberungskriege gewogen zu halten, war daher für so gut wie alle römischen Kaisern unverzichtbar.
Dieses Fundament der Herrschaft stellte jedoch zugleich ihre größte Gefährdung dar, und das nicht etwa nur, weil ein Kaiser, der die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllte, sich sehr schnell durch einen den Truppen genehmeren Usurpator verdrängt finden konnte. Vielmehr waren der Unterhalt der für antike Verhältnisse riesigen Berufsarmee und vor allem die zahlreichen kostspieligen Feldzüge ein Verlustgeschäft. Wie ein roter Faden ziehen sich daher die aus überhöhten Militärausgaben resultierenden Finanzprobleme durch Eichs Darstellung, die dank ihrer Synthese von biographischen Skizzen der einzelnen Kaiser mit zeitübergreifend thematisch ausgerichteten Abschnitten die Ereignisgeschichte gut in ihren gesellschaftlichen und kulturellen Kontext einbettet.
Deutlich wird dabei vor allem, dass selbst relative Friedensphasen unter um Konsolidierung bemühten Kaisern (wie etwa Antoninus Pius) nur sehr bedingt als „goldenes Zeitalter“ gelten können, da gravierende soziale Probleme regelmäßig ungelöst blieben und neben den ohnehin entrechteten und Willkürakten ausgesetzten Sklaven auch weite Teile der freien Unterschicht ein recht perspektivloses Dasein führten, aus dem allenfalls die Verpflichtung zur Armee einen Ausweg versprach.
Als positiven Gegenentwurf zu diesem von Ungleichheit und Gewaltakten geprägten Tableau versucht Eich das entstehende Christentum zu zeigen, das als „pazifistisches Netzwerk“ zu einer Art unpolitischem Staat im Staate herangereift sei und nicht nur durch die Einbeziehung Marginalisierter, sondern auch im Kontrast zur untrennbar mit Eroberung und Unterdrückung assoziierten römischen Religion mit ihrem von den Herrschenden aufoktroyierten Kaiserkult stetig an Attraktivität gewonnen habe.
Hier stellt sich dann doch die Frage, ob Eich nicht zu sehr aus der Rückschau argumentiert und in Kenntnis der historischen Entwicklung das Christentum schon etwas zu früh als zwangsläufiges Erfolgsmodell betrachtet, denn gerade in der neueren Forschung mehren sich Stimmen, die durchaus anzweifeln, dass an der flächendeckenden Christianisierung kein Weg vorbeigeführt hätte (siehe etwa die ebenfalls in diesem Blog besprochenen Werke von Eberhard Sauer und Rene Pfeilschifter).
Den entscheidenden Faktor für die Destabilisierung des römischen Reichs, das im 3. Jahrhundert aus der Rolle der expandierenden Hegemonialmacht in die permanente Defensive gedrängt wurde, sieht allerdings auch Eich nicht im Erstarken des Christentums, sondern im durch die sogenannte Antoninische Pest (ohne dass dieses Stichwort je fallen würde) in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts ausgelösten demographischen Einbruch innerhalb des Imperiums, dem zeitgleich ein massives Bevölkerungswachstum im Barbaricum gegenübergestanden habe. Allerdings räumt der Autor selbst ein, dass diese Theorie spekulative Elemente hat, da sich mithilfe der Siedlungsarchäologie allenfalls punktuell Belege dafür finden lassen und verlässliche Statistiken fehlen.
An manch einer Stelle möchte man Die römische Kaiserzeit daher mit einem Fragezeichen versehen und eher als Gedankenanstoß denn als definitive Interpretation eines vielschichtigen Zeitalters betrachten. Aufgrund von Eichs pointierten Formulierungen und seiner Fähigkeit, selbst komplizierte Zusammenhänge allgemeinverständlich zu umreißen, bleibt das lohnende Sachbuch jedoch auch dann ein Lesegenuss, wenn es gerade zu Widerspruch reizt.

Armin Eich: Die römische Kaiserzeit. Die Legionen und das Imperium. München, C.H. Beck, 2014, 304 Seiten.
ISBN: 978-3406660122


Genre: Geschichte

Villa rustica. Leben und Arbeiten auf römischen Landgütern

Die römische Zivilisation wird oft primär als städtisch wahrgenommen. Der Stadtstaat als zentrale politische Organisationsform trägt dazu sicher ebenso bei wie die Tatsache, dass in kontinuierlich seit der Antike besiedelten Städten Straßenverlauf und partiell oder vollständig erhaltene Bauwerke zur Bewahrung der Erinnerung über die Jahrhunderte hinweg beitragen konnten. Doch ein Großteil der Bevölkerung des römischen Reichs lebte auf dem Land. Eine prächtig bebilderte, insbesondere an der landwirtschaftlichen Technik interessierte Einführung in diesen Aspekt der Römerzeit bietet Ursula Heimbergs Villa rustica. Leben und Arbeiten auf römischen Landgütern.
Der Untertitel weckt dabei in zweierlei Hinsicht etwas zu weitgespannte Erwartungen, denn zum einen geht es nicht um die gesamte römische Welt, sondern schwerpunktmäßig um die germanischen und gallischen Provinzen; zum anderen steht von den angesprochenen Bereichen „Leben“ und „Arbeiten“ eindeutig letzterer im Vordergrund. Über die Wohnverhältnisse im ländlichen Raum wird nur relativ knapp informiert, und über die Sozialstruktur erfährt man neben einigen Hinweisen zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung eigentlich nur, dass in den nördlichen Gebieten des römischen Reichs anders als im Mittelmeerraum keine großen, von zahlreichen Sklaven bewirtschafteten Latifundien, sondern kleine bis mittlere Familienbetriebe vorherrschten, die von Angestellten, Pächtern und Tagelöhnern unterstützt wurden. Wie familiäre Beziehungen, individuelle Lebensläufe oder auch nur typische Tage auf einem römischen Landgut sich gestaltet haben mögen, bleibt dagegen größtenteils der Phantasie des Lesers überlassen. Selbst den Nutztieren ist nur ein recht kurzer Abschnitt gewidmet.
Eine wahre Schatztruhe dagegen ist das Buch im Hinblick auf alles, was sich mithilfe von archäologischen Funden, Bildquellen und Texten römischer Schriftsteller (wie Cato, Varro oder Columella) über Gerätschaften und Vorgehensweisen bei Acker-, Wein- und Gartenbau rekonstruieren lässt. Ob Brunnen oder Kornspeicher, Weinpresse oder Sichel, Wassermühle oder gallische Erntemaschine, die materielle Kultur römischer Landwirtschaft wird äußerst detailfreudig und liebevoll beschrieben und dank der glänzenden Illustrationen auch wirklich sichtbar gemacht. Antike Darstellungen (so etwa die auf dem Titelbild gezeigten Mosaiken mit landwirtschaftlichen Tätigkeiten) wechseln mit Fotos archäologischer Funde und schematischen Zeichnungen ab, wobei die einzelnen Bildkategorien sich oft gegenseitig ergänzen und gerade in der Zusammenschau aufschlussreich sind.
Im Zuge ihrer gründlichen Untersuchung römischer Geräte und Techniken räumt Heimberg auch mit zahlreichen Vorurteilen auf, so etwa mit dem, die antike Landwirtschaft sei rein auf Sklavenarbeit gegründet und deshalb innovationsresistent gewesen, oder mit der immer wieder zu lesenden Forschungsmeinung, Pferde wären aufgrund einer ungünstigen Schirrung nur eingeschränkt als Zugtiere einzusetzen gewesen (ein Fehlurteil, das mittlerweile experimentell widerlegt wurde). Besonders zentral ist in diesem Kontext auch Heimbergs Feststellung, dass der oft postulierte Bruch zwischen antiker und mittelalterlicher Landwirtschaft so nicht gegeben war, sondern durchaus Kontinuitäten von der römischen Zeit bis ins 19. Jahrhundert aufzuzeigen sind, in dem mit der Industrialisierung neue technische Möglichkeiten erschlossen wurden. Unter dieser Perspektive verweist Villa rustica über die römische Epoche hinaus auf das vormoderne Landleben allgemein.

Ursula Heimberg: Villa rustica. Leben und Arbeiten auf römischen Landgütern. Darmstadt/Mainz, Philipp von Zabern (WBG), 2011, 176 Seiten.
ISBN: 978-3805343183


Genre: Geschichte

Die Spätantike. Der eine Gott und die vielen Herrscher

Über den Untergang des (west-)römischen Reichs und seine Ursachen sind im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Theorien entwickelt worden. Rene Pfeilschifter vertritt diesbezüglich eine eindeutige Meinung. Zwar betont er im Gefolge der jüngeren englischsprachigen Forschung (Peter Heather, Bryan Ward-Perkins) den gewaltsamen Charakter des Umbruchs, der durch Angriffe von außen bewirkt wurde, sieht aber den eigentlichen Grund dafür, dass Rom sich dagegen nicht erfolgreich zur Wehr setzen konnte, in der Reichsteilung, die den stärker bedrohten und strukturschwächeren Westen die Ressourcen des Ostens kostete, der sich entsprechend länger zu halten vermochte.
Deshalb betrachtet er als Hauptcharakteristikum der Epoche neben dem Erstarken des Christentums (dem der eine Gott des Untertitels Rechnung trägt) die vielen Herrscher. Vor diesem Hintergrund erzählt er die historische Entwicklung von der Machtübernahme Diokletians im Jahre 284 bis zur Entstehung des Islam, die er als eigentlichen Endpunkt der Antike sieht, vor allem als Kaisergeschichte und stellt die Gestaltungsmöglichkeiten des mächtigen Einzelnen und ihre weitreichenden Konsequenzen heraus. Der Weg in die Tetrarchie, die den ersten Schritt zum Auseinanderbrechen des Reichs bildete, und zur Christianisierung erscheint unter dieser Perspektive nicht vorgezeichnet und unvermeidlich, sondern in hohem Maße als Produkt der Entschlüsse herausgehobener Individuen und nicht zuletzt auch bloßer Zufälle (wie etwa des unerwarteten Todes wichtiger Entscheidungsträger, an deren Stelle anders ausgerichtete Nachfolger traten).
Diese Sichtweise schlägt sich auch in der Bewertung nieder, die Pfeilschifter seinen Protagonisten angedeihen lässt: Oft ist sie etwas gegen den Strich des konventionellen historischen Urteils gebürstet. So schildert er den sonst als Christenverfolger und schlechten Wirtschaftspolitiker vielgescholtenen Diokletian sowie Julian Apostata, dessen Versuch einer Rückwendung zum Heidentum er durchaus Erfolgsaussichten einräumt, in recht positivem Licht als weitsichtige und nicht unrealistische Politiker, deren letztendliches Scheitern nicht zwangsläufig war. Umgekehrt werden gemeinhin populäre Figuren wie Konstantin der Große und Justinian zwar als einflussreich für den Lauf der Geschichte gewürdigt, aber beileibe nicht zu visionären Lichtgestalten verklärt.
Trotz dieses Blicks überwiegend von oben ist durchgängig Pfeilschifters Bemühen spürbar, seinen Lesern die Spätantike nahezubringen und nachvollziehbar zu machen, was bestimmte historische Vorgänge für die Betroffenen bedeuteten. Gelegentlich gelingt ihm dies sehr sensibel, wenn er etwa anmahnt, sich vorzustellen, welch entsetzliches Leid ein doch recht abstrakter Begriff wie „Plünderung“ eigentlich umschreibt.
In sprachlicher Hinsicht erscheint sein Feingefühl dagegen nicht ganz so treffsicher wie in menschlicher, denn hier und da gleitet sein Bemühen, durch Vergleiche aus der Moderne historische Sachverhalte begreiflich zu machen, in unfreiwillige Komik ab, ob nun ein zeitgenössischer Kritiker von Diokletian „das Bild eines antiken Dagobert Duck“ zeichnet oder Konstantins Aufstieg zum Kaisertum lapidar mit dem inhaltlich sicher nicht ganz falschen, von der Formulierung her aber gewöhnungsbedürftigen Satz zusammengefasst wird, dass sich „der gerissenste Gangster durchgesetzt hatte“. Allerdings können solche Anachronismen bisweilen durchaus zum Verständnis beitragen, wenn z.B. ein in Konstantinopel berühmter Wagenlenker als „ein Lionel Messi des Hippodroms“ geschildert wird – hier wirkt die Parallele überzeugend genug, um nicht gleich zum Schmunzeln zu reizen.
Mit der gewissen Vereinfachung, die darin liegt, muss man sich auch insgesamt abfinden, denn an einigen Stellen rafft Pfeilschifter stark und konzentriert sich auf die großen Entwicklungslinien, so dass manches glatter und übersichtlicher erscheint, als es wohl in der Realität war.
Daher wird man hier vor allem fündig, wenn man ein klares, zeitweise plakatives Bild der Spätantike sucht, das mit einigen originellen Deutungsansätzen aufzuwarten weiß. Leser, denen es eher um einen detaillierten, auch vor Widersprüchen und komplizierten Verwicklungen nicht zurückscheuenden Einstieg in die Epoche geht, sind dagegen mit dem im selben Verlag erschienenen Standardwerk von Alexander Demandt (Geschichte der Spätantike, ISBN: 978-3406572418) besser beraten.

Rene Pfeilschifter: Die Spätantike. Der eine Gott und die vielen Herrscher. München, C.H. Beck, 2014, 304 Seiten.
ISBN: 978-3406660146


Genre: Geschichte

Grenzenlose Gaumenfreuden. Römische Küche in einer germanischen Provinz

Beim Stichwort „Römische Küche“ stehen einem schnell Bilder von zügellosen Gelagen nach dem Muster von Petronius‘ Gastmahl des Trimalchio vor Augen, von wüsten Exzessen und für den heutigen Geschmack eher exotisch wirkenden Speisen.
Solche Extravaganzen spielen jedoch bei Tünde Kaszab-Olschweski und Jutta Meurers-Balke allenfalls ganz am Rande eine Rolle; der Archäologin, der Archäobotanikerin und ihren zahlreichen Mitstreitern geht es vielmehr darum, den weit weniger glamourösen kulinarischen Alltag in der römischen Provinz Germania Inferior und vor allem in ihrem Hauptort, dem späteren Köln, fassbar zu machen. Bei aller Betonung der zeitlichen Distanz und der Fremdheit bestimmter Aspekte römischer Ernährung und Tischkultur ist dabei die Zielrichtung erkennbar, Kontinuitäten bis in die Gegenwart aufzuzeigen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass manch eine vertraute Obst-, Gemüse- oder Kräutersorte hierzulande erst von den Römern eingeführt wurde. Dabei ist ein breites Publikum angesprochen, was sich auch im Bemühen um übertrieben launige Überschriften niederschlägt. Doch von Titeln wie Die Kölner Ährengarde oder Der letzte Broiler – Hühnchen in römischen Gräbern sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn die eigentlichen Sachtexte sind nicht so krampfhaft auf Humor gebürstet und vermitteln durchaus seriöse Informationen.
Nach einer Einführung, die nicht nur die Region und ihre römerzeitliche Bevölkerungsstruktur kurz vorstellt, sondern auch leicht verständlich mit den verschiedenen Quellengattungen vertraut macht und die römische Esskultur allgemein skizziert, werden zunächst Orte des Essens untersucht, zu denen neben Speisezimmern und Küchen mit ihrem jeweiligen Inventar auch Vorratskeller und Speicherbauten zählen.
Der daran anschließende Löwenanteil des Buchs ist den Lebensmitteln selbst gewidmet, von in der Gegend angebauten Grundnahrungsmitteln wie Getreide oder Gemüse bis hin zu von weither eingeführten Produkten wie Datteln oder Austern. Deutlich wird hier vor allem, dass archäologische Funde zur Rekonstruktion der Ess- und Trinkgewohnheiten unverzichtbar sind, ist doch nicht immer klar, welche Speisen genau in den Schriftquellen mit bestimmten Begriffen bezeichnet werden. Das gilt nicht nur für das mysteriöse, schon im 1. Jahrhundert n. Chr. ausgestorbene Silphium, das Paradebeispiel für einen zu Spekulationen einladenden Pflanzennamen. Auch andere Ausdrücke sind für uns heute nicht mehr mühelos verständlich, weil sich ihre Bedeutung verengt oder verschoben hat (z.B. konnte asparagus nicht nur den Spargel bezeichnen, sondern auch die Triebe anderer Pflanzensorten, und für das in den einschlägigen Wörterbüchern mit Feldsalat gleichgesetzte siser werden hier als Alternativen auch Pastinaken und Zuckerwurz diskutiert). Der Nachweis, was tatsächlich um das römische Köln herum angebaut oder eingelagert wurde, kann in solchen Fällen zur Klärung beitragen, aber nicht alle Zweifel ausräumen.
Denn auch die Interpretation archäologischer Funde ist nicht ohne Tücken, wie Günther E. Thürys spannender Beitrag zu römischen Feuerstellen und Herden beweist: Funktion und Bedienung erhaltener Gerätschaften erschließen sich oft erst mithilfe von zeitgenössischem Schilderungen oder Bildern (die hier dazu herangezogen werden, zu belegen, dass die Römer nicht etwa nur offene Feuerstellen, sondern auch schon von unten zu befeuernde Herde kannten). Hinzu kommt, dass zwar Samen, verkohlte Pflanzenreste, Knochen von Schlachtvieh, Lagerbehältnisse, Koch- und Essgeschirr davon zeugen, welche Zutaten vorhanden waren, wie man sie aufbewahrte und mit welchen Hilfsmitteln man sie zubereitete und servierte, die Speisen selbst aber natürlich in aller Regel nicht erhalten sind.
Überlieferte Rezepte (vor allem aus dem berühmten Kochbuch des Apicius), die, erfreulicherweise immer zweisprachig, in Kästen in den Text eingestreut sind, schaffen hier Abhilfe, daneben aber auch Artikel über experimentalarchäologische Versuche (so etwa der von Wolfgang Gaitzsch über Käseherstellung nach antiken Rezepten in nachgebauten Formen). Besonders in diesem Kontext ist man dankbar für die reiche Bebilderung des Buchs mit Fotos und Zeichnungen, auf denen neben archäologischen Funden und modernen Rekonstruktionen nicht zuletzt auch die Nahrungsmittel selbst (insbesondere verschiedene Pflanzen) schön präsentiert werden.
Nicht nur aufgrund dieser visuellen Erfahrung bleibt man am Ende mit dem Eindruck zurück, dass hier eine recht unmittelbarere Annäherung an einen wichtigen Teilbereich der römischen Lebenswirklichkeit geglückt ist. Essen war und ist eben nicht nur notwendige Erfahrung für alle Menschen in jeder historischen Epoche, sondern, wie der kurze Ausklang aufzeigt, zugleich ein Bereich der materiellen Kultur, in dem bei allen Veränderungen bestimmte Grundkonstanten sehr beharrlich sein können. So machen die Grenzenlosen Gaumenfreuden besser als jedes ereignishistorische Buch deutlich, wie sehr für jeden Einzelnen von uns auch für selbstverständlich Gehaltenes und Alltägliches von Weichenstellungen in der Vergangenheit abhängt.

Jutta Meurers-Balke, Tünde Kaszab-Olschewski (Hrsg.): Grenzenlose Gaumenfreuden. Römische Küche in einer germanischen Provinz. Mainz, Philipp von Zabern, 2010, 168 Seiten.
ISBN: 978-3805342414


Genre: Geschichte

Die römische Republik. Forum und Expansion

Über das republikanische Rom ist so viel geschrieben worden, dass die Frage berechtigt erscheint, ob eine Überblicksdarstellung dem Thema überhaupt noch neue Aspekte abgewinnen kann. Wolfgang Blösel gelingt dieses Kunststück in Die römische Republik. Forum und Expansion. In dem kompakten Werk bringt er den Spagat fertig, einerseits eine sehr solide und allgemeinverständliche Einführung in die Epoche zu liefern, andererseits aber durchaus originelle Interpretationen vorzuschlagen.
Anders als der dem Archaischen Griechenland gewidmete Beitrag der Reihe C.H. Beck Geschichte der Antike mit seinem sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Schwerpunkt bietet der Band zur römischen Republik eine streng chronologisch geordnete Ereignis- und Verfassungsgeschichte, die sich von der Königszeit bis zum Beginn der Kaiserzeit spannt und vor allem auf die Gesellschaftsschicht der Nobilität fokussiert ist.
Diese, so Blösels zentrale These, hätte durch ihr Ethos, das von frühesten Zeiten an Kriegsruhm als zentralen Gradmesser des Ansehens festsetzte, einerseits die Entstehung des römischen Weltreichs und die im Titel beschworene fortwährende Expansion gefördert, da sich der einzelne Politiker nur durch Eroberungen profilieren und damit dauerhaften Einfluss auf dem heimatlichen Forum sichern konnte. Das Festhalten an der Überhöhung des Militärischen sei aber in dem Moment fatal geworden, als große Teile der Führungsschicht die Lust daran verloren, sich persönlich kriegerisch zu betätigen, da sich so eine kleine Zahl talentierter Feldherren eine Machtbasis schaffen konnte, die das der Republik zugrundeliegende System einer meritokratischen Oligarchie sprengte und in die Monarchie einmünden musste.
Beim Nachzeichnen dieser jahrhundertelangen Entwicklungslinien spart Blösel nicht mit Kritik an der Tendenz vieler moderner Historiker, seit langem etablierte Forschungsmeinungen insbesondere dann unkritisch zu übernehmen, wenn sie von Größen des Fachs wie z.B. Theodor Mommsen stammen. Seiner Ansicht nach stützen die Quellen bei unvoreingenommener Betrachtung einige vermeintliche Tatsachen gar nicht, so etwa die regelhafte Übernahme einer Provinzstatthalterschaft durch ehemalige Prätoren und Konsuln – in Wirklichkeit entzog sich wohl manch einer der lästigen Pflicht, vor allem, wenn kein finanzieller Gewinn zu erwarten war. Blösel lehnt auch die weitverbreitete Deutung ab, im Bundesgenossenkrieg (91-89 v. Chr.) sei es den socii der Römer um die Erstreitung des römischen Bürgerrechts gegangen. In dessen Verleihung an die unterlegenen Bundesgenossen sieht er vielmehr einen geschickten Schachzug, um die Eigenidentität der italischen Bevölkerungsgruppen auszuhöhlen, denen es im Krieg um ihre Unabhängigkeit von der Hegemonialmacht Rom gegangen sei.
Neben einem frischen Blick auf die antiken Geschichtsschreiber zieht Blösel zur Untermauerung seiner Argumentation immer wieder auch in Fotos oder Umzeichnungen wiedergegebene Bildquellen heran. Zumeist handelt es sich um Münzen, eines der Propagandamittel der Antike schlechthin, doch bisweilen sind auch Grabmalereien ungeahnt aufschlussreich, so etwa die aus der etruskischen Tomba François (4. Jh. v. Chr.) aus Vulci, auf denen unter anderem ein Konflikt zwischen Etruskern und Römern dargestellt ist, der sich mit Informationen aus viel späteren Schriftquellen in Verbindung bringen lässt.
Vieles davon überrascht – und überzeugt dennoch. Doch so klar und bestechend einfach, wie alles zunächst einmal wirken mag, ist es letzten Endes nicht, denn leider haben sich auch einige missverständliche Aussagen eingeschlichen. Wenn etwa von „M. Antonius‘ Bruder Lucius (…) und dessen Frau Fulvia“ die Rede ist, könnte das zu dem Fehlschluss führen, Fulvia sei mit Lucius und nicht – wie es historisch tatsächlich der Fall war – mit Marcus Antonius verheiratet gewesen. Auch die Feststellung, der junge Caesar sei, obwohl er Anhänger des Marius war, „von Sulla verschont worden“, ist zwar formal richtig, verleitet aber in ihrer extremen Verkürzung zu der trügerischen Annahme, es habe keinerlei Konflikt zwischen Sulla und Caesar gegeben. Dass Letzterer unter Sulla zunächst durch seine Weigerung, sich von seiner damaligen Frau Cornelia, der Tochter Cinnas, scheiden zu lassen, in eine überaus heikle Lage geriet, lässt sich aus Blösels Darstellung jedenfalls nicht erschließen.
Am Ende überwiegt dennoch der positive Eindruck, wenn auch mit kleinen Einschränkungen. Wolfgang Blösel ist ein Buch gelungen, das informativ ist und mahnt, sicher geglaubte Fakten mit offenen Augen zu hinterfragen, einen aber zugleich zwingt, solch eine aufmerksame Haltung auch dieser Lektüre selbst gegenüber nicht zu vergessen.

Wolfgang Blösel: Die römische Republik. Forum und Expansion. München, C.H. Beck, 2015, 304 Seiten.
ISBN: 978-3406674136


Genre: Geschichte

The Archaeology of Religious Hatred in the Roman and Early Medieval World

In den letzten Monaten häufen sich Berichte über religiös motivierte Zerstörungen von Kunstwerken und historischen Gebäuden im Nahen Osten. Dass dieses Phänomen weder neu noch auf die islamische Kultur beschränkt ist, belegt eindrucksvoll Eberhard Sauers The Archaeology of Religious Hatred in the Roman and Early Medieval World.
Eine Betrachtung von Spätantike und Frühmittelalter unter einem solchen Blickwinkel ist gerade deshalb hochinteressant, weil diese Epoche kaum jemals als Paradebeispiel für religiöse Verblendung im Christentum angeführt wird. Schattenseiten wie Juden- und Ketzerverfolgung, Kreuzzüge und eben auch Bilderstürmerei (z.B. im Zuge der Reformation) kennt man primär aus späteren Zeiten.
Die Christianisierung Europas ist dagegen sowohl im allgemeinen Bewusstsein als auch in weiten Teilen der Forschung neutral bis positiv konnotiert, wohl nicht zuletzt deshalb, weil man sich selbst mehr oder minder in der dadurch begründeten Tradition verortet. Zwar ist bekannt, dass der neue Glaube teilweise mit Gewalt durchgesetzt wurde (wie z.B. von Karl dem Großen bei den Sachsen), aber zumeist wird das Positive betont: Das Christentum, so heißt es oft, habe die spirituellen Bedürfnisse breiter Bevölkerungsschichten besser zu befriedigen vermocht als das angeblich ohnehin schon im Niedergang begriffene Heidentum, und die mit der Christianisierung einhergehenden Verbesserungen im ethischen und sozialen Bereich seien so erstrebenswert gewesen, dass sie unschöne Begleiterscheinungen im Endeffekt mehr als aufgewogen hätten (siehe z.B. Lutz E. von Padberg, Die Christianisierung Europas im Mittelalter, ISBN 978-3150186411).
Einer solchen Interpretation setzt Sauer auf Basis seiner archäologischen Forschungen, aber auch der Auswertung von Schrift- und Bildquellen eine ganz andere entgegen, die weit nachdenklicher stimmt. Ohne das Christentum in Bausch und Bogen zu verdammen, weiß er zu belegen, dass es nur dort zur dominanten und schließlich einzig gültigen Religion wurde, wo dies einerseits im Interesse der Obrigkeit lag (wie etwa in der Endphase der römischen Kaiserzeit), andererseits aber auch Eiferer handfest gegen Kultbauten und -bilder älterer Religionen vorgingen. Letzteres fand seinen Niederschlag nicht nur in Texten (so etwa in Heiligenviten wie denen des Columban oder des Gallus, denen die Zerstörung von Götzenbildern zugeschrieben wird), sondern lässt sich auch archäologisch nachweisen.
Wie der Verfasser selbst einräumt, hatten nicht alle Zerstörungen von Tempeln oder Götterstatuen ihren Ursprung im Glauben; Plünderungen und Vandalismus kamen auch im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen vor, und viele Kunstwerke wurden schlicht deshalb als Spolien wiederverwendet, weil es an Baumaterial mangelte. Die Indizien, anhand derer Sauer solche ungezielten Vernichtungsaktionen von religiösem Zerstörungswahn abgrenzt, wirken aber überzeugend. Plünderer und Steinräuber hatten es auf Materielles abgesehen und handelten praktisch orientiert. Wenn dagegen leicht auffindbare Wertsachen (z.B. geopferte Münzen) bei der Verwüstung eines Heiligtums zurückgelassen und mit viel Arbeitsaufwand planvolle Beschädigungen vorgenommen wurden (etwa das Zerschlagen insbesondere der Gesichter und Köpfe von Götterstatuen, während rein dekorative Elemente weniger übel zugerichtet wurden), ist davon auszugehen, dass Hass und Intoleranz eine Rolle spielten – insbesondere auch dann, wenn etwa ein unkenntlich gemachtes Relief mit einem Symbol der eigenen Religion überschrieben wurde.
Für entsprechende Befunde führt Sauer unter Verwendung reichen Bildmaterials Beispiele aus den unterschiedlichen Gebieten des römischen Reichs an, vom griechisch geprägten Osten bis in die germanischen Provinzen. Einen besonderen Schwerpunkt bilden die Stätten des Mithraskults, doch auch Spuren in anderen Tempeln und Heiligtümern finden Berücksichtigung. Wie rabiat die Täter vorgingen, unterschied sich durchaus: Wurde in einem Quellheiligtum im rheinland-pfälzischen Kindsbach z.B. nur ein Kultbild so umgestürzt, dass die Darstellung nicht mehr sichtbar war, wurden im ägyptischen Dendara die Götter aus dem kompletten Reliefschmuck eines großen Tempels herausgemeißelt.
Unbestreitbar war jedoch der Ikonoklasmus überall in der spätrömischen Welt verbreitet, und man kann man gar nicht umhin, sich zu fragen, ob manch eine schadhafte Skulptur, die man selbst schon im Museum gesehen hat, vielleicht nicht nur dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen ist, sondern auch dem Angriff eines Fanatikers.
Die Täter selbst waren dabei wohl nicht nur in ihrem Bestreben, die neue Religion zu verbreiten, überzeugt, ein gutes Werk zu vollbringen: Da im frühen Christentum insbesondere Götterstatuen nicht als reine Kunstwerke, sondern als potentielle Heimstätte von Dämonen galten, mögen die frommen Zerstörer geglaubt haben, eine reale Gefahr zu beseitigen.
Doch auch die Unterstellung guter Absichten macht Vorgang und Ergebnis nicht erträglicher, zumal die oft nur an Gebäuden und ihrer Ausstattung ausgelassene Wut sich auch gegen Menschen richten konnte. Sauer bleibt mit der gebotenen wissenschaftlichen Distanz in seinen Vermutungen sehr zurückhaltend und betont, dass Gewalttaten in diesem Zusammenhang wohl die Ausnahme blieben. Die Einzelfälle, die er anführt, stimmen dennoch betroffen, insbesondere ein Fund in Sarrebourg, der nahelegt, dass bei der Verwüstung des dortigen Mithräums ein in Ketten gelegter Mann lebendig begraben wurde, indem man den Schutt der zerschmetterten Kultbilder über ihn häufte. Spätestens angesichts eines solchen Mords ist die Beschönigung, dass die Kunstvernichtung ja wenigstens „nur“ Gegenständen zum Verhängnis wurde, nicht mehr möglich, zeigt er doch, wie viel Menschenverachtung zumeist in radikalen Überzeugungen schlummert.
Umso ernüchternder ist der Bogen zurück in die Gegenwart, den Sauer unter Verweis auf die Sprengung der berühmten Buddhastatuen von Bamiyan durch die Taliban schlägt. So wird als Ergebnis der Studie vor allem eines überdeutlich: Keine Religion hat ein Monopol auf Zerstörungswut und Gewalt, und beide können auch in Fällen auftreten, in denen der Fanatismus keinem Glauben an höhere Mächte, sondern einer weltlichen Ideologie gilt (z.B. im Zuge der chinesischen Kulturrevolution). Wenn eine bestimmte Gruppe meint, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein – eine Gefahr, die Sauer bei monotheistischen Religionen vielleicht nicht zu Unrecht stärker gegeben sieht als bei anderen Weltanschauungen -, kann bei ihr leicht die Annahme entstehen, dass der Zweck die Mittel heilige. Dementsprechend kommt Sauer abschließend zu der pessimistischen Einschätzung, dass der Drang zur Bilderstürmerei zwar zeitweise ruhen mag, aber unter den passenden Rahmenbedingungen überall und jederzeit wieder hervorbrechen kann – eine Vorhersage, die seit Erscheinen des Buchs durch die Exzesse des IS im Irak und in Syrien ihre traurige Bestätigung gefunden hat.

Eberhard Sauer: The Archaeology of Religious Hatred in the Roman and Early Medieval World. The History Press, unveränderter Nachdruck, Stroud 2009 (Original: 2003), 192 Seiten.
ISBN: 978-0752425306


Genre: Geschichte