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Ostia – Der Hafen Roms

Wenn es um gut erhaltene römische Städte in Italien geht, sind im allgemeinen Bewusstsein vor allem Pompeji und Herculaneum präsent. Weniger bekannt ist, dass man auch in Ostia, dem Hafen des antiken Rom, große Teile des Stadtgebiets mit eindrucksvollen Ruinen ergraben hat. Zwar bietet Ostia anders als die Vesuvstädte keine Momentaufnahme einer bestimmten Epoche, da es im Frühmittelalter allmählich aufgegeben wurde, statt schlagartig ein dramatisches Ende zu finden, aber dafür ist der Blick in die Antike hier auch nicht mit einer beispiellosen Katastrophe und dem damit einhergehenden Verlust an Menschenleben erkauft.
Marion Bolder-Boos zeichnet in Ostia – Der Hafen Roms die Stadtentwicklung chronologisch von der eher legendären Gründung durch den römischen König Ancus Marcius, der im 7. Jahrhundert v. Chr. geherrscht haben soll, über Republik und Kaiserzeit bis zum Niedergang in der Spätantike nach. Grundgerüst des Bildbands ist dabei eine minutiöse, durch zahlreiche Fotos und Grundrisse unterstützte Beschreibung der erhaltenen Baudenkmäler und deren Deutung, wobei so unterschiedliche Gebäudetypen wie Wohnhäuser, Tempel, Vereinsbauten, Gewerbebetriebe, Speicher und nicht zuletzt auch die unter den Kaisern Claudius und Trajan errichteten ausgedehnten Hafenanlagen vorgestellt werden, um die sich mit Portus eine eigenständige Siedlung entwickelte. Vieles kann dabei exemplarisch für Phänomene der gesamten römischen Welt stehen und wird dementsprechend zum Anknüpfungspunkt für thematisch orientierte Sonderseiten (z.B. zum Thermenwesen oder zum Mithraskult). Andere Bauwerke dagegen weisen für Ostia typische Besonderheiten auf: So war hier etwa die als klassisches römisches Stadthaus der Wohlhabenden bekannte domus seltener als anderswo. Da Baugrund knapp war, mussten auch die Begüterten oft mit Wohnungen in Mehrparteienhäusern vorliebnehmen, sogenannten medianum-Appartements, die durchaus luxuriös ausgestattet sein konnten, sich aber in der Raumaufteilung von den berühmten Atriumhäusern stark unterschieden.
Besonders spannend wird es natürlich immer dort, wo die Aktivitäten von Individuen oder Personengruppen fassbar werden, die als Stifter oder Erneuerer von Gebäuden inschriftlich belegt sind, denn neben Lokalgrößen und ortsansässigen Berufskollegien sind hier auch immer wieder stadtrömische Politiker nachgewiesen, und zwar nicht erst die Kaiser und ihr Umkreis: Schon in republikanischer Zeit genoss die für die Getreideeinfuhr ungeheuer wichtige Hafenstadt etwa die Aufmerksamkeit Ciceros und seines Gegners Clodius.
Durch den Umstand, dass Ostia so stark von Handel und Gewerbe geprägt war, ergeben sich aber abseits der großen Politik auch Einblicke in Wirtschafts- und Alltagsleben, von den Abläufen in einer Großbäckerei über die Aufstiegschancen von Freigelassenen bis hin zu deftigen Wand- und Fußbodendekorationen in Tavernen. Interessant ist in diesem Kontext aber vor allem die Erkenntnis, dass politische Krisen sich, soweit am archäologischen Befund ablesbar, nicht unbedingt auch in einem ökonomischen Zusammenbruch oder einem Sinken des Lebensstandards niederschlugen; gerade das 3. Jahrhundert n. Chr., das in der Geschichtswissenschaft untrennbar mit den Soldatenkaisern und dem Stichwort der „Reichskrise“ verknüpft ist, war für die Bewohner von Ostia wohl keine unbedingt schlechte Zeit. Erst der Bedeutungsverlust als Handelshafen ab dem 4. Jahrhundert leitete den schleichenden Niedergang der Stadt ein, die aber selbst das Ende des römischen Reichs noch überstand. Als im frühen Mittelalter Sarazeneneinfälle und ein nachhaltig gewandeltes Wirtschaftssystem die Bedingungen dauerhaft ungünstig machten, wurde sie schließlich aufgegeben und nur noch als Steinbruch genutzt, bis in der Renaissance den Spuren der Antike wieder stärkere Beachtung geschenkt wurde.
Eher knapp abgehandelt wird die Forschungsgeschichte, doch auch hier lernt man einige verblüffende Details, die einen in der Ansicht bestärken, dass Archäologie beileibe nicht immer unpolitisch ist: So ist z.B. die Tatsache, dass in Ostia heute vor allem kaiserzeitliche und republikanische Ruinen zu sehen sind, darauf zurückzuführen, dass der Diktator Mussolini im Hinblick auf eine geplante Weltausstellung in Rom (die wegen des Zweiten Weltkriegs nicht zustandekam) die Ausgrabung genau der Zeitabschnitte forcierte, die dem faschistischen Regime genehm waren, weil man sie als Höhepunkt der römischen Macht betrachtete. Nicht minder wichtige Überreste aus der Spätantike gingen dadurch unwiederbringlich verloren.
Ein Glossar mit den wichtigsten architektonischen und archäologischen Fachbegriffen und eine zum Textverständnis ungemein nützliche bebilderte Auflistung römischer Mauerwerkstypen runden den gelungenen Band ab. So ist Ostia – Der Hafen Roms nicht nur für alle speziell an diesem Ort Interessierten eine lohnende Lektüre, sondern auch eine gute Möglichkeit, einen Einstieg in die römische Architekturgeschichte zu finden.

Marion Bolder-Boos: Ostia – Der Hafen Roms. Philipp von Zabern/WBG, 2014, 144 Seiten.
ISBN: 978-3805348195


Genre: Geschichte

Am Beispiel der Gabel. Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge

Bee Wilsons Am Beispiel der Gabel ist eigentlich ein Buch, das man von Herzen gern mögen will: Die schöne Aufmachung verheißt Großes, der Ansatz, sich nicht nur den Speisen an sich, sondern primär den bei Zubereitung und Verzehr behilflichen Werkzeugen zu widmen, ist originell, und der charmante Plauderton der Autorin garantiert eigentlich eine leichte und unterhaltsame Lektüre. Wenn man dennoch den Eindruck gewinnt, keinen literarischen Leckerbissen, sondern eher ein halbgares Menü aus Zutaten sehr unterschiedlicher Qualität vor sich zu haben, so ist dies dem Inhalt geschuldet, der einen mehr als einmal staunen lässt – leider nicht immer nur im positiven Sinne.
Im Guten überrascht einen zunächst einmal die Fülle von Themen, die Wilson abdeckt: In den Kapiteln Töpfe und Pfannen, Messer, Feuer, Messen, Zerkleinern, Essen, Eis und Küche (zu denen jeweils noch teilweise sehr knappe Exkurse über Einzelaspekte wie Reiskocher, Eieruhren oder Kaffee hinzukommen) erfährt man eine bunte Auswahl von Einzelheiten über die historische Entwicklung von Kochmethoden und -geräten, Tischsitten und kulturellen Unterschieden. Der geographische Schwerpunkt liegt dabei auf der englischsprachigen Welt (insbesondere Großbritannien und Nordamerika) mit Abstechern nach Kontinentaleuropa und Asien; zeitlich stehen – wohl auch der Quellenlage geschuldet – die Jahrhunderte ab der frühen Neuzeit stark im Vordergrund. So erfährt man allerlei Erstaunliches und Amüsantes, beispielsweise, wie unterschiedliche Messertypen in Asien und Europa die Zubereitung des Essens und darüber wiederum die Tischsitten beeinflussen oder warum in den USA anders als in Europa auch feste Zutaten häufiger nach Volumen als nach Gewicht abgemessen werden. Breiten Raum nimmt die Entwicklung und Ausbreitung moderner Küchenhilfsmittel ein, die sich oft erst gegen Vorurteile und Ängste der Bevölkerung durchsetzen mussten; daneben liest man aber auch von interessanten Experimenten von Foodhistorikern, die z.B. alte Garmethoden (wie etwa das Braten am Spieß) im Vergleich zu heutigen (Bratpfanne und Ofen) erproben.
Wenn Wilsons Buch sich darauf beschränken würde, könnte man es so gut wie uneingeschränkt empfehlen. Leider endet das Vergnügen jedoch sehr schnell an den Stellen, an denen die Autorin über die Wiedergabe von Sachinformationen hinausgeht, um sich an Erklärungen zu versuchen, denn hier vertritt sie mehrfach gelinde gesagt merkwürdige Theorien. Dass sie etwa die Tatsache, dass Frauen in Europa erst relativ spät als professionelle Köche in Erscheinung traten, nicht mit Vorurteilen und dem gängigen Rollenbild erklärt, sondern damit, dass aufgrund ihrer langen Röcke die Arbeit nahe am Feuer zu gefährlich für sie gewesen wäre, ist einigermaßen haarsträubend (zumal sie durchaus erwähnt, dass im häuslichen Rahmen primär Frauen kochten). Auch gibt sie den Thesen des Anthropologen Charles Loring Brace breiten Raum, der erkannt zu haben meint, dass die heute normale Zahnstellung mit einem leichten Überbiss sich erst ab dem 18. Jahrhundert allmählich dank der Einführung der Gabel entwickelt hätte (und in China aufgrund des Essstäbchengebrauchs entsprechend früher), weil vorher die Menschen ihr Gebiss verformt hätten, indem sie sich überwiegend von Fleisch ernährten, das sie mit den Zähnen festhielten, um gleichzeitig Stücke davon abzuschneiden.
Ob die postulierten Beobachtungen zum Gebiss an sich zutreffen, ist für einen Laien schwer zu beurteilen, auch wenn auffällt, dass andere Forscher bei Untersuchungen von Schädeln aus vormodernen Gesellschaften nicht derart flächendeckende Abweichungen vom Neutralbiss feststellen (so findet sich etwa bei den im Rahmen der kroatischen Studie Orthodontic anomalies and malocclusions in Late Antique and Early Mediaeval period in Croatia  – Vodanovic et al. 2012 – untersuchten Skeletten aus Spätantike und Frühmittelalter in der Mehrzahl aller Fälle eine normale Gebissstellung). Die von Loring Brace und Wilson favorisierte Erklärung für mögliche Anomalien ist jedoch auch unabhängig von den Ausgangsbeobachtungen problematisch und spekulativ, da sie sich weder mit dem, was wir über historische Tischsitten wissen, noch mit den Ernährungsmöglichkeiten weiter Teile der Bevölkerung (die es sich in vielen Epochen kaum leisten konnten, hauptsächlich von Fleisch zu leben), in Einklang bringen lässt.
Darüber hinaus haben sich zahlreiche Tipp- oder Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen, bei denen sich nicht auf den ersten Blick feststellen lässt, ob sie schon im Original standen oder ob das Versehen erst bei Erstellung der deutschen Ausgabe geschehen ist: So werden z.B. die Canterbury Tales des im Jahre 1400 verstorbenen Geoffrey Chaucer auf 1475 datiert, während der Untergang von Pompeji auf 79 v. Chr. (statt 79 n. Chr) vorverlegt wird. Einige Schnitzer gehen aber eindeutig auf Wilsons eigenes Konto, so etwa, wenn sie die Entstehung der Wassermusik in der Regierungszeit des englischen Königs Karls II., der von 1660 bis 1685 herrschte, ansiedelt und einen so ungewollt über die stramme Leistung des jungen Georg Friedrich Händel staunen lässt, der anscheinend schon vor seiner Geburt Meisterwerke komponierte.
Doch Spaß und Bosheit beiseite: Ein paar Irrtümer sind angesichts des breiten Gebiets, das Wilson abzudecken versucht, sicherlich verzeihlich. Gehäuft werfen sie nur unweigerlich die Frage auf, wie sauber die übrigen Fakten recherchiert sind und wie sehr man nun eigentlich seinem neuerworbenen kulturhistorisch-kulinarischen Wissen trauen sollte. Wer sichergehen will, wirklich tragfähige Informationen über die Küche früherer Zeiten zu erhalten, ist mit manch einem älteren Titel weit besser bedient (etwa mit der Kulturgeschichte des Essens und Trinkens von Gert von Paczensky und Anna Dünnebier aus den 90er Jahren).

 

Bee Wilson: Am Beispiel der Gabel. Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge. Insel Verlag, 2014, 374 Seiten.
ISBN: 978-3458176190


Genre: Geschichte

Brot und Spiele. Alltag im alten Rom

Der folgende Beitrag ist eine Gastrezension von Fenja Schmidt, die als freie Journalistin regelmäßig Sachbücher rezensiert.

Das Leben der „kleinen Leute“ in 23 Facetten
Gastrezension von Fenja Schmidt

Viele der Erfindungen, die unseren heutigen Alltag prägen, haben ihren Ursprung im Alten Rom – vom Karnevalstreiben bis hin zur Kanalisation. Aber wie sah der Alltag der Menschen aus, die damals lebten? Mit dieser Leitfrage werden verschiedenste Lebensbereiche vorgestellt. Anstatt bedeutende Persönlichkeiten und Geschichtsschreiber in den Fokus zu stellen, wie es in der populärwissenschaftlichen Literatur oft der Fall ist, stehen die „normalen“ Durchschnittsbürger im Vordergrund – die Menschen, die das mächtige Imperium am Laufen gehalten haben, ohne schriftliche Zeugnisse zu hinterlassen.

Die Aufsatzsammlung besteht aus 23 Beiträgen. Zu den insgesamt 15 Autoren zählen Historiker, Archäologen und Wissenschaftsjournalisten. Dadurch wechseln Schreibstile und Detailgenauigkeit von Beitrag zu Beitrag, passen jedoch meist gut zum jeweiligen Thema. Wissenschaftlich-nüchterne Texte wie der zu den antiken Methoden der Landvermessung wechseln sich ab mit leichter verdaulichen Themen, die auch mal mit einem Augenzwinkern beschrieben werden – etwa die „Geschäftemacherei“ auf den öffentlichen Latrinen oder der Stadtbummel auf Freiersfüßen. Angelehnt an Empfehlungen von Ovid werden hier Orte vorgestellt, an denen man im Alten Rom ein ungezwungenes Kennenlernen arrangieren konnte. Inhaltlich ähnliche Aufsätze folgen aufeinander, sodass der Zusammenhang verstärkt und Wiederholungen vermieden werden.

Auch Themen, die ansonsten weniger beachtet werden, finden ihren Raum. Einige Berufe werden vorgestellt, die sonst eher ins Hintertreffen geraten. Der harte Alltag der Schauspielerinnen und Prostituierten wird ebenso beschrieben wie das Leben der Bauern, die anfangs auch als Teilzeit-Soldaten dienen mussten.

Das erklärte Ziel, den Alltag der „kleinen Leute“ genauer zu beleuchten, erfüllen nicht alle Aufsätze gleichermaßen – manche sind zu speziell, etwa zum Thema des antiken Tunnelbaus, andere doch auf die Elite fokussiert, beispielsweise zu deren Ferienkultur in Baiae. Alle zusammen tragen aber dazu bei, einen vielfältigen Blick auf das Leben im Römischen Reich zu werfen, und bei der Bandbreite der Themen sollte für jeden Leser etwas Interessantes dabei sein.

Einzelne Beiträge umfassen nur wenige Seiten und sind damit zu kurz, um wirklich in das Thema einzuführen. Dafür ist Abwechslung garantiert. Auch das Layout passt dazu: Ähnlich wie in einer Zeitschrift ist der Text in Spalten gesetzt und wird teilweise durch Info-Kästen und Grafiken aufgelockert. Viele passige Fotografien ergänzen die Aufsätze.

Karin Schlott (Hg.): Brot und Spiele. Alltag im Alten Rom. Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2014, 148 Seiten, 19,80 €
ISBN: 978-3515101721


Genre: Geschichte

Der Tee. Anbau, Sorten, Geschichte.

Tee ist ein faszinierendes und verblüffend vielfältiges Getränk, das leider gerade in Deutschland immer noch zu sehr im Schatten des allgegenwärtigen Kaffees steht. Umso schöner, dass der Kulturhistoriker und Teesommelier Peter Rohrsen dem Tee ein ganzes Buch widmet, das in der bewährten Tradition der Reihe C. H. Beck Wissen kompakt und allgemeinverständlich in das Thema einführt. Rohrsens flüssiger, oft unterschwellig humorvoller Schreibstil garantiert dabei eine angenehme Lektüre und sorgt dafür, dass man das Bändchen schnell verschlungen hat.
Nach einer knappen Vorstellung der Teepflanze (camellia sinensis) und ihrer Biologie schildert Rohrsen zunächst Teeanbau und Teeherstellung, die in ganz verschiedenen Endprodukten resultieren können: Weißer, grüner, schwarzer und gelber Tee sowie Oolong und Pu Erh werden in eigenen kleinen Abschnitten beschrieben, während der Schlussteil des Kapitels ein Bewusstsein für die Logistik weckt, die erforderlich ist, um den Tee aus seinen Anbaugebieten zu Verbrauchern hierzulande zu transportieren.
Die anschließende Einführung in die wichtigsten Anbaugebiete und die für sie charakteristischen Teesorten vereint verblüffend viele Aspekte. Im Vordergrund steht die historische Entwicklung des Teeanbaus, der seinen Ursprung in China nahm und unter sehr unterschiedlichen Vorzeichen in andere Gebiete eingeführt wurde – in Japan aus eigenem Antrieb, in Indien, Sri Lanka, Indonesien und Kenia dagegen durch die europäischen Kolonialherren, die sich vom Handel mit China unabhängig machen wollten. Zugleich behält Rohrsen jedoch die aktuelle Entwicklung im Blick und erläutert, inwieweit der Tee für die erwähnten Länder immer noch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist und wie sein Anbau sozial- und umweltverträglich gestaltet werden kann (z.B. durch Fair-Trade-Modelle). Eingestreut ist aber auch eine Fülle von charmanten, überraschenden und amüsanten Details: So erfährt man beispielsweise, dass die chinesische Bezeichnung für das, was für uns schwarzer Tee ist, übersetzt eigentlich „roter Tee“ lautet.
Umfassend wird sodann noch einmal der Aspekt des Teehandels und seiner Logistik aufgegriffen, erst unter historischer Perspektive (die einem Bewunderung für die Menschen abnötigt, die auf strapaziösen See- und Karawanenrouten unterwegs waren, und deutlich macht, dass Tee nicht nur im Zuge der Boston Tea Party zum Politikum wurde), dann auf den modernen globalen Teemarkt bezogen.
Nachdem – so könnte man formulieren – der Tee an dieser Stelle des Buchs endlich bei denen, die ihn trinken möchten, angekommen ist, befassen sich die letzten drei Kapitel konsequenterweise auch mit dem, was geschieht, wenn das Handelsgut zum Getränk geworden ist: Zunächst werden gesundheitliche Aspekte abgehandelt, bevor eine weitere kleine Weltreise Einblick in verschiedene Teekulturen ermöglicht, die sich auch abseits der klassischen Teeanbaugebiete entwickelten (z.B. in Russland oder der Türkei, aber auch in Ostfriesland). Den Abschluss bilden praktische Tipps zur Teezubereitung, und sich nach der theoretischen Beschäftigung mit dem Thema zu guter Letzt eine schöne Tasse Tee zu gönnen, ist auch nur zu empfehlen. Appetit darauf hat man nach dem Lesen garantiert, es sei denn, man ist ein unverbesserlicher Teeverächter, der es mit Liselotte von der Pfalz hält, deren von Rohrsen wiedergegebene Einschätzung hier ausdrücklich ohne jede Zustimmung zitiert sei: „Thee kombt mir vor wie Heu und Mist, mon Dieu, wie kann sowas Bitteres und Stinkendes erfreuen?“

Peter Rohrsen: Der Tee. Anbau, Sorten, Geschichte. C.H.Beck 2013, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406654176


Genre: Geschichte

Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift.

Beim Stichwort „Geschichte der Menschheit“ denken selbst historisch Interessierte wohl vorwiegend an die letzten zweieinhalb bis drei Jahrtausende. Geschichte, so möchte man meinen, erstreckt sich vom alten Ägypten und Mesopotamien über die griechische und römische Antike bis hin zum europäischen Mittelalter und der Neuzeit, in der allmählich auch der Rest der Welt – soweit von Europäern „entdeckt“ und kolonisiert – in den Blick gerät. Vielleicht denkt man nebenbei noch an einzelne Kulturen in Asien, ans Perserreich, die Herausbildung des Islam, die chinesischen Dynastien, die indischen Moghulen oder das alte Japan. Mehr hat man in der Regel nicht parat und übersieht dabei, dass diese durch Schriftquellen überlieferte und erschlossene Geschichte eigentlich nur einen verschwindend geringen Abschnitt der Menschheitsentwicklung umfasst.
Eine Erweiterung der Perspektive strebt Hermann Parzinger mit Die Kinder des Prometheus an. Der Titel beschwört mit seinem Verweis auf den Titanen, der in der griechischen Sage nicht nur die Menschen formte, sondern ihnen auch das Feuer brachte, mythische Dimensionen herauf. Das ist nicht verfehlt, ist Parzingers Ansatz doch nicht nur global, sondern zugleich auch auf große Zeiträume ausgerichtet, die sich dem menschlichen Begriffsvermögen eigentlich entziehen: Vom ersten Auftreten früher Hominiden in Afrika bis zum Übergang von der prähistorischen Periode in die schriftlich fassbare Geschichte umspannt die Darstellung Millionen von Jahren und behandelt davon Jahrzehntausende genauer.
Ein ehrgeiziges Projekt also, das aber bei Hermann Parzinger, dem wahrscheinlich bekanntesten deutschen Prähistoriker, in den denkbar besten Händen ist. Wenn überhaupt jemand über das profunde Wissen und die Vision verfügt, die Vorgeschichte weltweit hinsichtlich der longue durée in den Blick zu nehmen, dann er, und er meistert die selbstgewählte Herausforderung bravourös und in auch für Laien gut verständlicher Form.
Die Erfindung der Schrift ist dabei allenfalls als sehr vager terminus ante quem zu begreifen, denn weder setzt Parzinger mit der ersten Erfindung einer Schrift weltweit einen klaren Schnitt, noch schildert er die Entwicklung jeder Kultur bis zu dem Zeitpunkt, zu dem sie Schriftzeichen entwickelte oder übernahm. Weniger griffig, aber etwas genauer wäre wohl die Angabe, dass er eine Geschichte der Menschheit bis etwa zum Ende der (Jung-)Steinzeit bietet – und deren Dauer unterschied sich je nach geographischer Region erheblich. So ergibt sich eine gewisse Schieflage: Während der Abschnitt über Europa beispielsweise mit dem 2. Jahrtausend v. Chr. endet, führen die Kapitel über Japan oder das südliche Afrika bis in die Jahrhunderte kurz vor Christi Geburt, und wenn es schließlich um die Besiedlung Ozeaniens geht, bewegt man sich in einer Epoche, in der anderswo schon längst das Mittelalter angebrochen war. Aufgrund der sehr heterogenen Entwicklung der verschiedenen Gebiete ist das verständlich, doch die Möglichkeit eines synchronen Blicks auf verschiedene Weltgegenden ist so natürlich gerade in den späteren behandelten Zeitabschnitten nur noch begrenzt gegeben.
Ohnehin ist man aber nicht gezwungen, sich mit dem Gesamtbild zu befassen, wenn man nur gezielt an einer einzelnen Region interessiert ist: Während die ersten beiden Kapitel zur biologischen und kulturellen Evolution des Menschen in der Altsteinzeit übergreifend gestaltet sind, werden im Anschluss daran geographische Großräume jeweils so behandelt, dass man die Abschnitte auch als in sich abgeschlossene Darstellungen lesen kann. Naturgemäß lassen sich dabei einige Wiederholungen nicht vermeiden (so werden z.B. bestimmte Fachbegriffe mehrfach erklärt), doch selbst wenn man das Buch von Anfang bis Ende verschlingt, macht einem das wenig aus. Zu faszinierend ist das gewaltige Panorama der (selbstverständlich nicht überall erfolgten) Entwicklung vom nomadischen Wildbeutertum zu unterschiedlichsten Formen des produzierenden Wirtschaftens, die oft, aber nicht immer mit Sesshaftigkeit einhergehen, und zu frühen Hochkulturen.
Parzingers Interpretationen bleiben dabei immer wohltuend zurückhaltend. Wiederholt warnt er davor, insbesondere im sozialen und religiösen Bereich unreflektiert Beobachtungen aus späteren Epochen auf prähistorische Zeiten zu übertragen. So wissen wir z.B. über Geschlechterrollen in der Altsteinzeit so gut wie nichts, so dass man das Klischee von der scharfen Abgrenzung zwischen den Sphären jagender Männer und sammelnder Frauen zumindest mit einem Fragezeichen versehen sollte; geschlechtsspezifische Grabbeigaben, die dahingehende Vermutungen erlauben, sind zumindest erst sehr viel später überliefert. Für ähnlich fragwürdig hält Parzinger die Tendenz, jegliches Auftauchen von Tierdarstellungen in einem möglicherweise kultischen Kontext sofort als Hinweis auf schamanistische Vorstellungen zu verbuchen.
Noch häufiger mahnt er aber dazu, den für viele Regionen erschreckend bruchstückhaften Forschungsstand im Gedächtnis zu behalten, der oft genug nur punktuelle Aussagen ermöglicht. Während in Europa, im Vorderen Orient und manchen Teilen Asiens – ironischerweise also gerade in den Gegenden, in denen die Vorgeschichte dank des frühen Einsetzens von Schriftlichkeit kürzer ist als anderswo – relativ viele Fundstellen bekannt und Entwicklungslinien gut zu verfolgen sind, ist es in Nord- und Südamerika, Afrika oder auch Australien oft gar nicht möglich, ein auch nur ansatzweise flächendeckendes Bild zu zeichnen. Die Erkenntnis, wie lückenhaft deshalb das Wissen über ganze Jahrtausende der Menschheitsgeschichte ist, lässt die weitverbreiteten Klagen über die Quellenarmut zahlreicher historischer Epochen in neuem Licht erscheinen. Auch wenn man als Historiker bedauern mag, über bestimmte Details schlecht informiert zu sein, wissen wir in Wirklichkeit über die letzten paar Jahrhunderte erstaunlich viel, wenn man bedenkt, wie viel schon vorausgegangen und wirklich unwiederbringlich im Dunkel der Geschichte versunken ist.
Gerade angesichts dessen ist es umso beeindruckender, dass einiges trotz allem schlüssig rekonstruiert werden kann. Die einzelnen Fundstellen, aus denen sich das Gesamtbild mosaikartig zusammensetzt, erfahren dabei eine recht ausführliche Würdigung. So ist man am Ende restlos von der Vielfalt menschlichen (Er-)Lebens beeindruckt und zugleich ein wenig ernüchtert, zieht sich doch die Vergänglichkeit selbst der erfolgreichsten Kulturen wie ein roter Faden durch das ganze Buch. Allerdings stimmt das Fazit, zu dem Parzinger gelangt, einen im Endeffekt doch wieder hoffnungsvoll: Der Mensch muss sich zwar auf seine Umwelt einstellen, um überleben zu können, und wird dementsprechend auch von ihr geprägt, aber es lässt sich nicht beobachten, dass bestimmte Rahmenbedingungen zwangsläufig zu einer spezifischen Entwicklung führen. Vielmehr erweisen sich menschliche Kreativität und Individualität als das letztlich Beständige – und das ist eine Perspektive, die einem trotz aller Schattenseiten älterer wie jüngerer Geschichte Mut macht.

Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. C.H. Beck 2014, 848 Seiten.
ISBN: 978-3406666575


Genre: Geschichte

Das römische Köln. Der historische Stadtführer

Als Sitz des Statthalters der Provinz Niedergermanien war Köln schon zu römischer Zeit eine bedeutende Stadt und ist an Funden aus der Antike wahrscheinlich reicher als die meisten anderen Orte in Deutschland. Die archäologische Erforschung begann zwar schon früh (erste systematische Sammlungsbestrebungen sind im 16. Jahrhundert zu erkennen), doch bis heute erweitern immer wieder zufällige Entdeckungen und gezielte Grabungen das Wissen über die antike Stadt. Insbesondere der Bau der Nord-Süd-Stadtbahn, der leider für zwei Kölner tödlich endete und das Stadtarchiv zerstörte, hatte in archäologischer Hinsicht sein Gutes, da er zahlreiche Neufunde ermöglichte.Thomas Fischer und Marcus Trier präsentieren sowohl die dadurch gewonnenen neuen Erkenntnisse als auch die Ergebnisse älterer Forschungen in ihrem historischen Stadtführer durch Das römische Köln einem breiten Publikum.
Der reich bebilderte Band setzt mit der prähistorischen Besiedlung des Kölner Raums ein und führt über das Oppidum Ubiorum und die Blütezeit als Colonia Claudia Ara Agrippinensium (oder CCAA, wie man schon in der Antike abkürzte) bis in die Spätantike, in der die Stadt schließlich an die Franken fiel. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der CCAA, die in mehreren thematisch geordneten Kapiteln (z.B. über die Infrastruktur, den Hafen, die Friedhöfe oder verschiedene Gebäudetypen, aber auch über das Umland) ausführlich vorgestellt wird. Die Fülle von bau- und alltagshistorischen Informationen, die dabei vermittelt werden, ist beeindruckend. Neben dem Fließtext werden zudem in farblich abgesetzten Kästen knapp bestimmte Einzelheiten noch einmal gesondert hervorgehoben: Für die Stadtgeschichte bedeutende Persönlichkeiten (wie etwa die Namenspatronin Agrippina) werden ebenso behandelt wie besonders spektakuläre Funde bzw. Fundplätze und so unterschiedliche Themen wie Religion, Glasherstellung oder Archäobotanik. Bei einer kontinuierlichen Lektüre des Buchs stört dies ein wenig, weil man nach dem Lesen eines längeren Kastens oft etwas blättern muss, um den Anschluss im Haupttext wiederzufinden, aber für denjenigen, der sich nur einen schnellen Überblick über ein spezielles Detail verschaffen möchte, sind diese Kurzinformationen natürlich ideal.
Dank der zahlreichen Illustrationen ist zudem alles sehr anschaulich gestaltet und auch für Laien gut nachvollziehbar: Grabungsfotos, Rekonstruktionen, Kunstwerke, Alltagsgegenstände, Grundrisspläne und Landkarten (von denen einige helfen, die antike Bebauung in Beziehung zur modernen zu verorten) lassen keine Wünsche offen. Da auch im Text immer wieder Bezug auf neuzeitliche Gebäude und Straßennamen genommen wird, fällt die Orientierung ohnehin leicht, und es macht Spaß, zu entdecken, was sich in der Römerzeit an vertrauten Stellen befand.
Dennoch wäre die Annahme verfehlt, dass es sich um eine Publikation von ausschließlich regionalhistorischem Interesse handelt. Da sich viele Aussagen über Kunst, Baustil und -technik, Alltagskultur und militärische Organisation so oder so ähnlich auf andere römische Provinzen übertragen lassen, kann das Buch auch gut als erster Einstieg in die römische Welt allgemein dienen.
Wer übrigens neugierig ist, wie es nach der hier behandelten Epoche mit Köln weiterging, findet die Antwort in dem Band Colonia – Stadt der Franken, der mit Marcus Trier (der für das Frankenbuch mit Carl Dietmar zusammenarbeitete) einen Autor mit dem Römischen Köln gemein hat und ebenfalls üppig illustriert und unterhaltsam zu lesen ist.

Thomas Fischer, Marcus Trier: Das römische Köln. Der historische Stadtführer. J.P. Bachem Verlag, Köln, 2014, 384 Seiten.
ISBN: 978-3761624692


Genre: Geschichte

Die Franken. Geschichte, Gesellschaft, Kultur

Im Jahre 814 starb Karl der Große, und so hat das Jubiläumsjahr 2014 eine Fülle neuer Veröffentlichungen nicht nur über den berühmten Herrscher, sondern auch über sein Umfeld und über die Franken allgemein hervorgebracht. Zu diesen Büchern zählt auch Bernhard Jussens Die Franken. Geschichte, Gesellschaft, Kultur, ein kleines, aber informatives Bändchen, das wieder einmal den guten Eindruck bestätigt, den man über die Jahre von der Reihe C.H. Beck Wissen gewonnen hat.

Der Zugang, den Jussen zu der fernen Epoche wählt, ist dabei durchaus originell: Die Einleitung ist mit der Frage „Was gehen uns ‚Die Franken‘ an?“ überschrieben und identifiziert acht Kernaspekte der fränkischen Kultur, die sich bis heute auf das Leben in Westeuropa auswirken (unter anderem geht es hier um das Ehe- und Familienverständnis, die Rolle der Kunst, das politische System und das gemeinschaftliche Selbstbild).

Mit diesen Themenfeldern im Hinterkopf wird man zunächst unter der Überschrift „Koordinaten – Bedingungen – Vorgeschichten“ in das Umfeld eingeführt, in dem sich die fränkische Herrschaftsbildung vollzog, und erfährt einiges über das Ende des römischen Reichs und den mentalitätsgeschichtlichen und politischen Wandel, der damit einsetzte. Das Folgekapitel „Politische Ereignisse: Von Arbogast dem General zu Ludwig dem Nichtstuer“ greift zentrale Wendepunkte heraus, um die historische Entwicklung vom ersten Auftreten fränkischer Militärs in römischen Diensten bis zum Ende der karolingischen Dynastie nachzuzeichnen, und hinterfragt dabei manch vermeintliche historische Gewissheit (so etwa die genauen Vorgänge beim Übergang der Macht von den Merowingern auf die Karolinger). Diese episodische Struktur liegt in Jussens Entscheidung begründet, auf die oft spekulative „gebastelte Ereignisgeschichte der Historiker“ (S. 50) zu verzichten, hat aber natürlich den Nachteil, dass dieses Kapitel nicht völlig der Rolle als Einführung gerecht wird, die man von C.H. Beck Wissen sonst gewohnt ist: Da keine kontinuierliche „Geschichte“ im Wortsinn geboten wird, sind hier Leser im Vorteil, die schon ein grobes (wenn auch vielleicht geschöntes) Bild der Abläufe im Kopf haben, während ein völliger Laie, der sich einen ersten Überblick über das Frühmittelalter verschaffen möchte, durchaus ins Schwimmen geraten könnte.

Im Abschnitt „Politische und soziale Strukturen, Administration und Wissenskulturen“ kommt Jussen dann noch einmal explizit auf die am Anfang angerissenen Themen zurück, die indirekt allerdings auch schon in den ereignishistorischen Teilen immer wieder mit angeklungen sind: Die Umformung der gallorömischen Welt durch die Franken und das erstarkende Christentum begünstigten eine Aufwertung der monogamen Ehe als Zentrum der Familie (unter Verdrängung alter Clanstrukturen), ein Spannungsfeld aus weltlicher Herrschaft und kirchlicher Hierarchie (die zwar vielfach verflochten, aber eben nicht miteinander identisch waren), ein Streben nach einer klaren Organisation von Bildung und Wissen sowie Wirtschaftsformen, die das antike System der Sklaverei unrentabel werden ließen. In dieser Gemengelage sieht Jussen den Keim vieler Kennzeichen der westeuropäischen Kultur (darunter etwa die im weltweiten Vergleich relativ starke Stellung der Frau, die Möglichkeit einer Trennung von Staat und Kirche oder die recht freie Entwicklung der Künste) und warnt davor, darin ausschließlich Errungenschaften des Zeitalters der Aufklärung zu sehen.

Vermutlich würde nicht jeder Historiker seine Theorie bis in alle Einzelheiten unterschreiben, und manches ist wohl auch ein wenig zu überspitzt dargestellt, ergaben sich doch in den letzten 1200 Jahren durchaus noch Rückschritte und Brüche, so dass der Weg von den Franken bis zu uns verschlungener ist, als Jussens pointierte Darstellung einen glauben machen könnte. Dennoch bietet sie hochinteressante Denkansätze und schärft ungemein das Bewusstsein dafür, dass es ein Fehler ist, bei der Frage nach den historischen Wurzeln heutiger Phänomene den Blick nur auf die letzten paar Jahrhunderte zu richten, statt älteren Grundlagen nachzuspüren.

Der oben schon angedeutete Wermutstropfen aber bleibt: Ganz ohne Vorkenntnisse hat man vermutlich weniger von der Lektüre, als wenn man die neuen Interpretationsansätze bereits in ein Grundgerüst des Wissens über die Franken und ihre Zeit einordnen kann.

Bernhard Jussen: Die Franken. Geschichte, Gesellschaft, Kultur. München, C. H. Beck, 2014, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406661815


Genre: Geschichte

Wie war Ihr Tag, Caesar? Eine römische Kulturgeschichte in Interviews

Karl-Wilhelm Weeber ist seit langem für seine Veröffentlichungen zur römischen (Kultur-)Geschichte bekannt. Seit einigen Jahren legt er dabei neben klassischen Sachbüchern auch immer wieder Werke vor, die eher auf Humor und Unterhaltsamkeit abzielen (so etwa seine „Zeitreiseführer“ nach Rom und Pompeji, die auf der Fiktion beruhen, sich an ein römerzeitliches Publikum zu richten). In Wie war Ihr Tag, Caesar? nutzt er die in der Antike eigentlich unbekannte Textgattung des Interviews, um in fiktiven Gesprächen dem heutigen Leser Gestalten des alten Rom nahezubringen.
Wie viel Freude man daran hat, steht und fällt damit, ob man sich überwinden kann, über die bewusst modern gehaltene Sprache hinwegzulesen, die den historischen Personen in den Mund gelegt wird. Weeber ist in seinem Vorwort bemüht, jeder Kritik daran vorab den Wind aus den Segeln zu nehmen: „Die interviewten Personen sprechen Deutsch – und zwar kein künstlich latinisiertes, sondern das Deutsch, das sie heute sprächen (…). Deshalb sind Begriffe wie ‚Job‘ oder ’sich outen‘ keine Fremdkörper.“
Ob das in jedem Fall verhindern kann, dass einem die Haare zu Berge stehen, wenn man über einen Ausdruck stolpert, den man als viel zu modern empfindet, sei dahingestellt (besonders, da sich trefflich darüber streiten lässt, inwieweit Sprache und Denken einander bedingen, so dass die Verwendung manch eines anachronistischen Worts vielleicht auch ahistorische Gedankengänge unterstellt). Aber spätestens, wenn Caesar auf die Frage nach ganz speziellen gallischen Widerständlern „Asterix? Kenne ich nicht“ äußern darf, muss wohl jeder ein wenig schmunzeln. Das Stichwort „Asterix“ ist vielleicht nicht das schlechteste, um Weebers Ansatz zu umreißen: Es geht ihm in diesem Buch nicht um eine strikt realistische Darstellung einer fernen Epoche, sondern darum, die Römerzeit durch eine (Über-)Betonung der Analogien zur Moderne für ein breites Publikum unmittelbarer zu erschließen, als es in einem reinen Sachbuch möglich wäre. Wenn man sich bereitwillig auf diese Vorgehensweise einlässt (oder sich auch nur zähneknirschend damit abfindet), wird einem ein durchaus unterhaltsamer und mit zahlreichen spannenden Details gespickter Ausflug ins Alte Rom geboten, bei dem man auf bekannte wie unbekannte, historisch belegte wie fiktive Gestalten trifft.
Die erste Hälfte des Buchs nehmen dabei mit den „Prominenten“ historische Persönlichkeiten ein, deren Leben relativ gut dokumentiert ist: Neben dem Titelhelden Caesar werden etwa auch Cato der Ältere, Plinius der Jüngere, die übel beleumundete Kaisergattin Messalina oder Cornelia, die Mutter der Gracchen, interviewt. Die „Weniger Prominenten“ der zweiten Buchhälfte umfassen neben Personen, die nur über ihre Grabinschriften oder kurze Erwähnungen in historischen Texten dokumentiert sind (wie etwa die Ärztin und Hebamme Valeria Verecunda oder der Räuberhauptmann Bulla Felix), auch völlig fiktive Figuren, die für bestimmte Menschentypen insbesondere der Unterschicht stehen, aus der Individuen aufgrund der Quellenlage kaum noch fassbar sind.
Indem Weeber diese Gestalten Fragen über ihren Tag (und ihr Leben allgemein) beantworten lässt, kann er ein buntes Panorama der römischen Kulturgeschichte ausbreiten, das eine Fülle von Informationen zu Politik, sozialen Beziehungen, Arbeitsleben und Freizeitgestaltung in verschiedenen Epochen der römischen Geschichte bietet. Hier und da werden die Fakten naturgemäß um Extrapoliertes oder Spekulatives erweitert, aber dank Weebers umfangreicher Kenntnisse immer auf solider Basis. Dem breitgefächerten Querschnitt durch die Gesellschaft, den er dabei vorstellt, ist es zu verdanken, dass man, auch wenn man schon einiges über die Antike weiß, noch etwas über Einzelheiten dazulernen kann, über die man sich bisher vielleicht keine Gedanken gemacht hat – wer, der kein Experte für antike Wirtschaftsgeschichte ist, hat sich z.B. schon näher mit den Vorgängen in einem Berufskollegium der Sandalenschuster befasst?
Das romanhaft Hinzuerfundene reißt einen dabei manchmal emotional fast stärker mit als das historisch Belegte. Wenn etwa die aus Graffitti in Pompeji bekannte Wirtshaussklavin Iris als Kellnerin und Zwangsprostituierte geschildert wird, deren Lebenstraum die Eröffnung einer eigenen Kneipe ist, erhält das Gespräch mit ihr, das um 75 n.Chr. angesiedelt ist, einen leicht bitteren Beigeschmack, sofern man sich bewusst macht, dass sie wohl eher wenige Jahre später beim Vesuvausbruch ums Leben kommen wird, als je die ersehnte Freiheit und berufliche Unabhängigkeit zu erleben.
Aber vielleicht liegt gerade in der Erzeugung von Mitgefühl – und sei es mittels einer Kunstfigur! – die Leistung von Weebers Buch. In seiner augenzwinkernden Herangehensweise schärft es ungemein das Bewusstsein dafür, die alten Römer trotz aller Eigenheiten ihrer Kultur, die uns heute fremd oder ablehnenswert erscheinen mögen, auch und vor allem als Mitmenschen zu empfinden und ernstzunehmen. Und das ist eine Perspektive, die einem eigentlich bei der Beschäftigung mit jeder historischen Epoche nur weiterhelfen kann.

Karl-Wilhelm Weeber: Wie war Ihr Tag, Caesar? Eine römische Kulturgeschichte in Interviews. Theiss/WBG, 2014, 176 Seiten.
ISBN: 978-3806229448


Genre: Geschichte