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Zeichnen für verkannte Künstler

Die künstlerischen Ambitionen sind groß – aber mangelnde Übung, Selbstzweifel und Unsicherheit, wie man mit Kritik umgehen soll, verhindern die Umsetzung? John Cassidy und der als Roald-Dahl-Illustrator bekannte Quentin Blake versprechen Abhilfe für verkannte Künstler jeglichen Alters. In der Tat kann wahrscheinlich jeder vom Grundschulkind bis zum Rentner großes Vergnügen an diesem etwas anderen Zeichenlehrgang haben, der einen animieren will, spontan „nach der Einfach-Drauf-Los-Methode“ ausdrucksvolle Skizzen hinzuwerfen.
Fotorealistische Zeichnungen werden einem auf diesem Wege zwar nicht gelingen, aber wer es darauf nicht abgesehen hat, findet hier viele Anregungen und am Rande sogar sehr sinnvolle Grundlagentipps zu Perspektive, Anatomie von Mensch und Tier, Mimik und Gestik oder Licht und Schatten. Selbst diese eigentlich ernsthaften Inhalte sind aber augenzwinkernd verpackt (so steht zum Üben des Schattenwurfs etwa ein Hase in unterschiedlichen Posen vor einem Scheinwerfer Modell).
Vor allem aber finden sich viele Zeichnungen zum Vervollständigen (der „grässliche, gefürchtete, 14-beinige Galumposaurus braucht noch ein Hinterteil“) und herrlich absurde Vorschläge (etwa der, „einen Eimer im Londoner Nebel“ aufs Papier zu bringen), die man dank reichlich Platz ggf. auch direkt im Buch umsetzen kann. Charmant wird dabei immer wieder vor übertriebenem Perfektionismus, harscher Selbstkritik und zu starker Orientierung am Urteil anderer gewarnt. Auch dies geschieht zwar in humorvoller und witziger Form, ist aber als Ermunterung und Ermutigung nicht nur beim Zeichnen, sondern bei allen kreativen Tätigkeiten erstaunlich wirkungsvoll.
Ein wenig schade ist allein, dass die Übersetzung dort, wo es gilt, lückentextartig den eigenen Namen einzusetzen, nicht in jedem Fall geschlechtsneutral formuliert ist oder zumindest mehrere Optionen offenhält. Hier würden sich sicher viele kleine und große Künstlerinnen wünschen, mit berücksichtigt worden zu sein.
Doch abgesehen von diesem Wermutstropfen, für den nicht die Autoren, sondern die Tücken der deutschen Grammatik und der Umgang damit verantwortlich sind, ist Zeichnen für verkannte Künstler einfach ein Riesenspaß, der einen auf jeder Seite zum Lachen bringt und einem dabei die Angst davor nimmt, in Sachen Kunst ohnehin ein hoffnungsloser Fall zu sein.

Quentin Blake, John Cassidy: Zeichnen für verkannte Künstler. München, Antje Kunstmann, 2010, 108 Seiten.
ISBN: 9783888976902


Genre: Kinderbuch, Kunst und Kultur

Die Ritter

Wenn eine Gestalt idealtypisch für das Mittelalter an sich steht, dann ist es wohl der Ritter. Ob als Held von Romanen und Filmen, Werbefigur oder Kinderspielzeug, er ist in der Vorstellungswelt bis heute sehr präsent und prägt das Bild einer ganzen Epoche. Genauso allgemein bekannt ist jedoch, dass die ritterliche Lebenswirklichkeit sich oft sehr von ihrer Überhöhung in Kunst und Literatur unterschied. Umso spannender ist der von Karl-Heinz Göttert gewählte Ansatz, sowohl reale als auch imaginäre Ritter zu untersuchen und aufzuzeigen, wie beide sich in Hoch- und Spätmittelalter gegenseitig beeinflussten und auch in die Erinnerungskultur der folgenden Jahrhunderte eingingen.
Die fortdauernde Faszination der Ritter führt Göttert dabei originellerweise auf ihre (Handlungs-)Freiheit zurück: Als Kämpfer, die sich aus eigenem Willen entscheiden, Abenteuer zu erleben oder sich für andere einzusetzen, eignen sie sich hervorragend als Projektionsfläche für eigene Wünsche und Sehnsüchte. Historisch war allerdings nicht jeder Ritter so ungebunden: Rein rechtlich betrachtet konnte es sich bei ihm durchaus um einen unfreien Ministerialen handeln. Bis aus der reinen Funktionsbezeichnung für einen Reiterkrieger ein ideelles Konzept und eine Standesbezeichnung wurden, war es ein weiter Weg, den sowohl religiöse Überzeugungen als auch höfische Kultur und Literatur stark beeinflussten.
Bei seiner Schilderung dieser Entwicklung stellt Göttert immer wieder die Überlieferung zu bestimmten Themen (wie z.B. Krieg, Turnier, Schwertleite oder höfisches Benehmen) in den historischen Quellen ihrer jeweiligen Behandlung in der fiktionalen Literatur gegenüber. Diese bildete die Realität nicht etwa nur geschönt ab, sondern wirkte auch auf sie zurück, ob nun eher allgemein durch das Entwerfen moralischer Vorbilder oder ganz konkret, wenn man sich von ihr z.B. zu „Tafelrundenturnieren“ inspirieren ließ und liebgewonnene Geschichten nachzustellen trachtete.
Deren Reiz ist durchaus auch für den modernen Leser erhalten, und Götterts humorvolle Inhaltsskizzen verschiedener Texte können als lockerer Einstieg in die Artusepik, aber auch in manch anderes Werk mit mehr oder minder ritterlichen Protagonisten dienen. Der Schwerpunkt liegt dabei eindeutig auf dem deutschsprachigen Raum.
Das Gleiche gilt übrigens für die Auseinandersetzung mit den historischen Rittern: Während in der internationalen Forschung oft sehr stark die Situation in England und Frankreich im Vordergrund steht, legt Göttert auch hier den Fokus auf Deutschland und zieht ein aus heutiger Perspektive eher regionalgeschichtlich bedeutendes Ereignis wie die Schlacht bei Worringen als Musterbeispiel für einen militärischen Konflikt des Hochmittelalters heran. Wenn es sich anbietet, richtet jedoch auch er den Blick immer wieder auf andere europäische Regionen (eine so bekannte und populäre Gestalt wie William Marshal darf natürlich auch hier nicht fehlen, wenn es um das Turnierwesen geht).
Bei allem merklichen Vergnügen an seinem Gegenstand spart der Verfasser nicht mit Kritik an Rittern wie Ritterromanen. Während bei Ersteren auf den ersten Blick deutlich wird, dass sie oft auch alles andere als löbliche Taten begingen (ob sie nun Massaker auf Kreuzzügen anrichteten oder als Raubritter kriminell wurden), werden bei Letzteren die negativen Züge gern übersehen. Doch selbst in der Darstellung idealer Ritter schwingt eine latente Heroisierung von Gewalt mit, und die Brutalität, mit der manch ein literarischer Held zu Werke geht, wirkt bei genauerer Betrachtung eher abschreckend als nachahmenswert.
Ihren Charme über die Jahrhunderte hinweg bewahrt haben dagegen viele der Ritter aus Miniaturen und Wandmalereien, Zierteppichen und Skulpturen. Das Buch kann daher mit einer Fülle von Illustrationen aufwarten, die zu betrachten großen Spaß macht und deren Analyse oft auch in Götterts Überlegungen einfließt. Aus den Informationen aller möglichen Quellengattungen und elegant eingeflochtenen Details ergibt sich so ein eindrucksvolles Panorama.
Bis auf wenige kleine Flüchtigkeitsfehler (so kann etwa die für das Porträt Maximilians I. auf S. 262 angegebene Datierung 1460/61 beim besten Willen nicht stimmen) bieten Die Ritter also einen spannenden und rundum gelungenen Einstieg in das kulturgeschichtliche Phänomen des Rittertums.

Karl-Heinz Göttert: Die Ritter. Stuttgart, Reclam, 2011, 298 Seiten.
ISBN: 9783150108079


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Kunst der Vorzeit. Felsbilder aus der Sammlung Frobenius

Seit im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in Spanien und Frankreich steinzeitliche Höhlenmalereien entdeckt und als prähistorisch erkannt worden waren, wuchs nach und nach auch das Interesse der Forschung an Felsbildern auf anderen Kontinenten. Einer der Vorreiter der Beschäftigung damit war der Ethnologe Leo Frobenius, der zwischen 1904 und 1938 zahlreiche Expeditionen insbesondere nach Afrika ausrichtete, um Malereien und Steinritzungen zu untersuchen. Da er der Fotografie bis zu einem gewissen Grade misstraute, ließ er von Mitarbeitern seines Instituts unzählige, oft sehr großformatige Kopien der Felsbilder anfertigen. Sie stehen im Mittelpunkt von Kunst der Vorzeit, dem Katalog der gleichnamigen, von Januar bis Mai 2016 im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigten Ausstellung.
Der Titel ist allerdings etwas irreführend: Der prähistorischen Kunst selbst ist nur ein sehr kurzer Textabschnitt gewidmet. Im Mittelpunkt der verschiedenen hier versammelten Aufsätze stehen vielmehr Entstehungs-, Ausstellungs- und Wirkungsgeschichte der Kopien und die Lebenswege ihrer Schöpfer.
Die einprägsamste Gestalt ist sicher Leo Frobenius selbst, der als Persönlichkeit voller Widersprüche erscheint. Als exzentrischer Autodidakt wurde er zum international geachteten Ethnologen, der sich einerseits immer wieder mit den Mächtigen seiner Zeit (von Kaiser Wilhelm II. über Hindenburg bis hin zu Hitler) zu arrangieren wusste, um finanzielle Unterstützung für seine Expeditionen einzuwerben, andererseits aber seinem eigenen Weg treu blieb und dabei unkonventionelle und zum Teil erstaunlich modern wirkende Ansichten vertrat.
So beklagte er in einer Epoche, in der Außereuropäisches oft noch pauschal als rückständig und minderwertig wahrgenommen wurde, dass „unter dem Einflusse des europäischen Wirtschaftslebens jetzt die afrikanische Kultur zersetzt wird“. Seine Forschungen sah er auch als Möglichkeit, anhand ähnlicher Motive in prähistorischen Darstellungen die gemeinsamen Ursprünge und das Verbindende unterschiedlicher Kulturkreise und Kunstrichtungen zu betonen. Darüber hinaus ermöglichte er Malerinnen und Wissenschaftlerinnen, an seinem Institut und auf seinen Reisen gleichberechtigt mit ihren männlichen Kollegen zu arbeiten. Umgekehrt identifizierten sich besonders diese Frauen, deren Karrieremöglichkeiten anderswo eingeschränkter gewesen wären, sehr stark mit der Felsbildforschung und waren bereit, sich dafür aufzuopfern und große Risiken in Kauf zu nehmen.
Die oft abenteuerlichen Bedingungen, unter denen die Kopien vor Ort erstellt wurden, die eingesetzten künstlerischen Techniken und die – heute zum Teil überholten – Forschungsmeinungen von Frobenius und seinen Kollegen bilden aber nur einen der Schwerpunkte des Bandes. Mindestens ebenso wichtig ist die Wirkung, die von den Kopien in Europa und Nordamerika ausging, wo sie in Ausstellungen zu wahren Publikumsmagneten wurden.
Neben dem Interesse an den Felsbildern als historischen Zeugnissen, deren Originale oft in schwer zugänglichen Gebieten lagen, spielte dabei bald auch der künstlerische Blickwinkel eine Rolle. Viele zeitgenössische Maler insbesondere des Expressionismus (z.B. Ernst Ludwig Kirchner) kamen durch die Felsbildkopien mit prähistorischer Kunst in Kontakt und ließen sich davon inspirieren. Die mit dieser Thematik befassten Beiträge des Bands machen sehr schön sowohl die schöpferische Fruchtbarkeit dieser Auseinandersetzung als auch ihre Problematik deutlich, diente doch die Aneignung exotischer und vermeintlich „primitiver“ Kunstformen nicht selten der verfehlten Rückprojektion eigener Ideale.
So viel Spannendes und Anregendes sich aus Kunst der Vorzeit also lernen lässt, den eigentlichen Reiz des schönen Bildbands machen neben zahlreichen Fotos von Expeditionen und Ausstellungen vor allem die großformatigen Reproduktionen der Felsbildkopien aus. Der Verzicht auf eine Hochglanzoberfläche zugunsten eines matteren Papiers fängt die Anmutung der oft mit Aquarell- oder Leimfarben gefertigten Gemälde sehr gut ein, und ausklappbare Tafeln vermitteln zumindest ansatzweise einen Eindruck von der oft beachtlichen Ausdehnung. Daher lässt es sich auch wunderbar in dem Buch versinken, um einfach nur für eine Weile in den von ihrem Ursprung her sehr fernen, aber doch unmittelbar berührenden Bildern von Wildtieren, Menschen und merkwürdigen Mischwesen zu schwelgen.

Hélène Ivanoff, Karl-Heinz Kohl, Richard Kuba (Hrsg.): Kunst der Vorzeit. Felsbilder aus der Sammlung Frobenius. München, Prestel, 2016, 270 Seiten.
ISBN: 9783791355030


Genre: Kunst und Kultur

Magie im Alltag. Warum wir immer noch Daumen drücken und auf Holz klopfen

Zauberei, Dämonenglaube, Geisterfurcht – all das scheint mittlerweile zumindest hierzulande der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen sehr fern zu sein. Doch in gewissem Maße ist das ein Trugschluss, wie der Germanist Karl-Heinz Göttert aufzeigt, nimmt er doch in seiner Sammlung kleiner Artikel (die zum Teil zunächst für seine Zeitungskolumne entstanden) heutige Relikte magischen Denkens zum Ausgangspunkt, um mit leichter Hand durch die Kulturgeschichte der abendländischen Magie zu führen. Während er einerseits vor jedem Aberglauben warnt, möchte er andererseits auch Reiz und Schönheit eines magischen Weltbilds erfahrbar machen. Das gelingt über weite Strecken durchaus, wenn auch mit gewichtigen Abstrichen.
Zunächst einmal darf man nicht den Fehler begehen, irgendeine Form von rotem Faden oder allzu scharfer Kategorisierung zu erwarten. Die Artikelsammlung ist locker in Oberkapitel aufgeteilt, die Texte zu bestimmten Praktiken (wie etwa Wahrsagerei) oder Gestalten bündeln (z.B. Große Magier, unter denen historische Persönlichkeiten ebenso vertreten sind wie literarische Figuren). Eine fortlaufende Argumentation ist aber nicht angestrebt, und so bleibt es bei kleinen Häppchen von ungefähr zwei Seiten Länge, in denen ein buntes Sammelsurium unterschiedlichster Themen abgehandelt wird. Hier lässt sich mancherlei entdecken, das amüsiert, erstaunt und unverständlich Gewordenes erklärt (z.B., warum es sich nicht gehört, mit dem Finger auf andere Menschen zu zeigen, oder gegen welche Gefahr das Daumendrücken eigentlich helfen soll).
Durchgängig erkennbar ist Götterts Bemühen, möglichst humorvoll und vergnüglich zu schreiben. Während die augenzwinkernden Formulierungen einem tatsächlich das ein oder andere Schmunzeln entlocken, wirken einige der Scherze allzu bemüht und haben eine etwas unglückliche Tendenz. So beklagt der Autor zwar die mittelalterliche Misogynie, zieht aber an anderer Stelle selbst genüsslich darüber her, dass doch so gut wie jede Frau einen Schuhtick habe und ihrem Mann damit auf die Nerven falle – ein müdes Klischee, das zwar sicher witzig gemeint ist, einen aber eher zum resignierten Kopfschütteln als zum Lächeln reizt.
Wohl der geringen Artikellänge geschuldet ist zudem manches arg verkürzt und undifferenziert dargestellt, interessanterweise sogar dort, wo Götterts eigentliches Spezialgebiet, die Germanistik, betroffen ist. Wenn er etwa die „Merseburger Zaubersprüche, mit denen man Vieh heilte“ erwähnt, will man ihm gern glauben, dass der zweite Merseburger Zauberspruch, der eine Pferdeheilung schildert, auch bei anderen Tieren angewandt wurde. Man fragt sich allerdings, wie weit man mit dem ersten, der eine Gefangenenbefreiung zum Inhalt hat, wohl im Kuhstall kommen würde. Andere Informationen sind sogar schlicht fehlerhaft, wie etwa die Behauptung, der römische Kaiser Valens habe „in der Schlacht von Adrianopel gegen die Perser“ gekämpft, denn eigentlich waren es die Goten. Ebenso erstaunt liest man hier von der „Wahl von Samuel zum ersten König der Israeliten“ – dass dann doch Saul den Thron bestieg, war demnach wohl ein über die Jahrtausende geschickt vertuschter Staatsstreich.
Gerade aufgrund solcher Ungenauigkeiten und Schnitzer ist es bedauerlich, wenn auch in Anbetracht der Entstehungsgeschichte des Buchs erklärlich, dass sowohl auf Fußnoten als auch auf eine umfangreiche Bibliographie verzichtet wurde. Die kleinen Literaturhinweise im Nachwort geben zwar eine Richtung vor, wenn man sich mit dem Themenspektrum von Magie im Alltag noch etwas tiefer auseinandersetzen möchte, helfen aber nicht dabei, zu rekonstruieren, wie einzelne kritikwürdige Aussagen zustandegekommen sind.
So ertappt man sich alles in allem bei dem Wunsch, die an sich so nette Idee, ein buntes Kaleidoskop der Alltagsmagie in Geschichte und Gegenwart zu bieten, wäre mit etwas mehr Sorgfalt umgesetzt worden. Ganz abzuraten ist von der Lektüre sicher nicht, hat sie doch ihren Unterhaltungswert und ihre lehrreichen Augenblicke. Aber wie so vieles im Bereich von Zauberei und Aberglauben ist eben auch Magie im Alltag mit Vorsicht zu genießen.

Karl-Heinz Göttert: Magie im Alltag. Warum wir immer noch Daumen drücken und auf Holz klopfen. Stuttgart, Reclam, Neuausgabe 2014 (Original: 2003), 239 Seiten.
ISBN: 9783150203613


Genre: Kunst und Kultur

Der Gallische Krieg. Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk

Gallia est omnis divisa in partes tres … Einen bekannteren Buchanfang als den Eingangssatz von Caesars Commentarii de Bello Gallico gibt es in der antiken Literatur wohl kaum, und auch das Werk selbst ist bis heute erstaunlich präsent. Ob Lateinschüler, Historiker oder Asterix-Fan, fast jeder hatte vermutlich schon einmal in irgendeiner Form mit dem Gallischen Krieg zu tun. Über die vielfältigen Rollen des Texts als Übersetzungsübung, Geschichtsquelle und Inspiration der Populärkultur vergisst man jedoch schnell, dass man es auch und vor allem mit Literatur zu tun hat. Diese Perspektive wiederzueröffnen und Caesar als Schriftsteller in den Mittelpunkt zu rücken, ist das Anliegen von Markus Schauers spannender Untersuchung Der Gallische Krieg. Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk.
Gewiss – auch der Blick auf den Literaten Caesar kommt ohne eine Einordnung in den geschichtlichen Kontext nicht aus, und so stellt Schauer der literaturwissenschaftlichen Studie einen Überblick über die politischen Verhältnisse der späten römischen Republik und über Caesars Herkunft und sein Leben bis zum Konsulat voran. Literarisch durchaus ansprechend gestaltet (so beginnen etwa alle Kapitelüberschriften in diesem Buchteil mit „Aus-“ bzw. „Außer-“ ) lehnt sich die historische Skizze inhaltlich streckenweise sehr eng an Martin Jehnes Caesar-Biographie an, gelangt jedoch dabei zu einer eigenständigen Bewertung der Akteure (so ist z.B. Schauers Einschätzung von Cicero nicht unkritisch, aber bei weitem nicht so spöttisch-vernichtend wie die in Jehnes Caesar). Caesar erscheint als machtbewusster, aber im Rahmen seiner für heutige Begriffe fragwürdigen Ehrvorstellungen konsequenter Angehöriger der römischen Nobilität, der den Gegensatz zwischen Optimaten und Popularen ebenso für sich zu nutzen wusste wie die Spielräume, die sich erfolgreichen Feldherren boten.
Dass ein zeitgeschichtlich-autobiographisches Werk eines solchen Menschen nicht unpolitisch sein kann, versteht sich, und so ist Caesar als Erzähler ein genialer Selbstdarsteller, der sich vor allem durch indirekte Mittel als fähiger Stratege und zuverlässiger Staatsmann in Szene setzt – und das einschließlich nicht gerade rühmlicher Taten, die aus moderner Sicht Kriegsverbrechen sind und schon zu Caesars Lebzeiten nicht unumstritten waren.
Wie Caesar diese subtile Lesermanipulation bewerkstelligt, analysiert Schauer ebenso spanend wie schlüssig. So liegt die erste Täuschung etwa schon in der Tatsache, dass Caesar sein Werk in die Gattung der commentarii einordnet, also der eher schlicht gehaltenen Aufzeichnungen zur Vorbereitung einer literarisch ambitionierten historischen Darstellung. Die dadurch suggerierte Sachlichkeit und Kunstlosigkeit ist so nicht gegeben. Selbst der berühmte nüchterne Sprachstil hat es in sich und offenbart in pointierter Wortwahl und rhetorischen Mitteln einige Überraschungen. Noch packender aber sind die Beobachtungen zur inhaltlichen Komposition.
Schon im Kleinen lenkt Caesar seine Leserschaft äußerst geschickt (wenn etwa ein landeskundlicher Exkurs eingeschoben wird, um einen eigentlich kurzen Zeitraum in der Erzählung unmerklich in die Länge zu ziehen). Doch vor allem der Gesamtaufbau, der auf die Konfrontation mit Vercingetorix als würdigem Gegenspieler zusteuert und die Belagerung von Alesia zum Finale der Eroberung Galliens stilisiert, offenbart viel darüber, wie eine einzige Schilderung die Geschichtswahrnehmung über Jahrhunderte hinweg prägen kann. Denn dass der Gallische Krieg als historisches Ereignis keineswegs zu dem Zeitpunkt abgeschlossen war, zeigt schon die Fortsetzung der commentarii durch Aulus Hirtius, in der Caesar keineswegs ein befriedetes Gallien zurücklässt.
Eine nützliche Übersicht des Inhalts der einzelnen Bücher des Gallischen Kriegs ist im Anhang enthalten und erleichtert es, den Überblick über relevante Ereignisse und Personen zu bewahren und Schauers Argumente nachzuvollziehen. Einziger Schwachpunkt des ansonsten überzeugenden Buchs ist die Gestaltung der Anmerkungen. Da auf klassische Fuß- bzw. Endnoten verzichtet wurde, finden sich im Anhang nur Sammelanmerkungen zu den einzelnen Kapiteln. Wer gezielt nach weiterführenden Informationen zu einem speziellen Thema sucht, entdeckt die nötigen Verweise zwar früher oder später, muss aber sehr genau hinschauen. Abgesehen davon ist Der Gallische Krieg. Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk jedoch rundum empfehlenswert.

Markus Schauer: Der Gallische Krieg. Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk. München, C. H. Beck, 2016, 271 Seiten.
ISBN: 9783406687433


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Geformt mit göttlichem Atem. Römisches Glas

Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit von Glas sind sprichwörtlich. Umso erstaunlicher ist es, dass sich aus der römischen Antike zahlreiche gläserne Objekte erhalten haben, vom Trinkgefäß über die Lampe bis hin zur Schmuckperle.
Wie Andrea Rottloff in ihrer flüssig zu lesenden Darstellung deutlich macht, beschränkt sich der Wert dieser Gegenstände nicht auf ihren unbestreitbaren ästhetischen Reiz, der seine Wirkung auch auf heutige Betrachter nicht verfehlt. Vielmehr lässt sich an ihnen und am jeweiligen Fundkontext bemerkenswert viel über das Alltagsleben der Römer ablesen. Je nach Qualität konnte Glas Massenware oder Luxusgut sein und kam auf dem Tisch ebenso zum Einsatz wie als Grabbeigabe (hier genügte oft Ware zweiter Wahl) oder als Souvenir bei einem der populären Wagenrennen. Da Rohglasgewinnung, Weiterverarbeitung und Verkauf an die Endkunden oft getrennt erfolgten, lässt sich an erhaltenen Gläsern und den Orten, an denen sie überdauerten, auch Spannendes zu Handelswegen und regionalen Besonderheiten beobachten.
Nicht zuletzt jedoch stehen die Techniken der römischen Glasbläser und Glasbläserinnen im Vordergrund (denn wie man hier erfährt, sind in diesem Beruf tatsächlich neben zahlreichen Männern auch einige Frauen durch Herstellermarken namentlich belegt). Bei vielen der minutiös gegeneinander abgegrenzten gängigen Gefäßformen lässt sich relativ gut rekonstruieren, wie sie angefertigt worden sein müssen. Dagegen stellen einzelne Stücke, wie etwa die kostbaren mehrschichtigen Diatrete oder Netzbecher, die Forschung noch vor ein Problem: Zwar gibt es verschiedene experimentalarchäologische Ansätze, ihre Herstellung nachzuvollziehen, doch scheint das letzte Wort hier trotz einiger Erfolge noch nicht gesprochen zu sein. Der abschließende Ausblick auf den Wandel der Glasproduktion im Frühmittelalter ist etwas knapp geraten, macht aber durchaus Lust darauf, sich mit dem Thema näher zu befassen, und ein nützliches Glossar zur Fachterminologie der Glasherstellung rundet das Buch ab.
Leider können jedoch die für einen Bildband so entscheidenden Illustrationen mit der Qualität des Texts nicht ganz mithalten. Hier hat man den Eindruck, dass an entscheidender Stelle (zu) sehr gespart wurde. Die meisten Zeichnungen stammen von der Autorin selbst und zeigen zwar inhaltlich das Notwendige, sind aber in ihrer Ausführung als Druckvorlagen nicht ideal; viele wirken wie mit Bleistift oder mit Folienmarker erstellt, so dass die Linien im Druck nicht gestochen scharf hervortreten. Bei den Fotos von Fundstücken ist viel gemeinfreies Material zum Einsatz gekommen, aber vor allem fällt auf, dass eine ganze Reihe von Abbildungen eine Doppelverwendung als Kapiteltitelblatt und dann noch einmal als identische oder allenfalls in der Größe leicht veränderte Illustration im Fließtext erfahren hat. Den dadurch verschenkten Platz hätte man gern anders genutzt gesehen (so hat es z.B. ein so wichtiges Fundstück wie der Lykurgusbecher zwar aufs Buchcover geschafft, nicht aber in den Innenteil des Buchs). Hier hat der Verlag die Chance verschenkt, die eine liebevollere Anordnung des verfügbaren Bildmaterials auch bei einem begrenzten Budget geboten hätte.
So lässt sich letzten Endes nur eine bedingte Empfehlung aussprechen. Wenn es einem primär darauf ankommt, sich über die Entwicklung der römischen Glasherstellung von der hellenistischen Zeit bis in die Spätantike zu informieren, ohne dass man auf schmückendes Beiwerk großen Wert legt, erhält man hier einen umfassenden Überblick. Wer dagegen vor allem an einem gut und abwechslungsreich bebilderten Band über antikes Glas interessiert ist, wird an anderen Publikationen mehr Freude haben (z.B. am aktuellen Sonderheft der Zeitschrift Archäologie in Deutschland).

Andrea Rottloff: Geformt mit göttlichem Atem. Römisches Glas. Mainz, Nünnerich-Asmus, 2015, 128 Seiten.
ISBN: 9783943904765


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Aus Liebe zum Buch

Ann Patchetts Aus Liebe zum Buch als „Buch“ zu bezeichnen, vermittelt den falschen Eindruck, handelt es sich doch vielmehr um einen charmanten Essay, der, ansprechend in Miniaturbuchform gestaltet, ein Loblied auf unabhängige Buchhandlungen singt und die Entstehung einer davon, Parnassus Books in Nashville, schildert.
Als nämlich dort nicht nur kleine Buchläden, sondern nach und nach auch die Filialen großer Ketten schließen, ergreift die Romanautorin Ann Patchett mit zwei Geschäftspartnerinnen die Initiative und wird selbst zur Unternehmensgründerin.
Für sie bietet, wie sie mitreißend schildert, ein Buchladen weit mehr als nur die Möglichkeit, sich mit neuer Lektüre einzudecken. Buchhändlerempfehlungen mit Herzblut, ungestörtes Stöbern, Autorenlesungen und nicht zuletzt Wertschätzung für die Literatur über ihre Rolle als bloße Ware hinaus helfen, die lebenslange Liebe zum Lesen zu wecken und zu kultivieren.
All das fehlt dem immer weiter erstarkenden Versandhandel natürlich, doch auch die großen stationären Buchhandelsketten habe ihre Tücken, und sei es nur, dass einer für sich betrachtet erfolgreichen Filiale die Pleite der gesamten Firma zum Verhängnis wird.
Ist es also die Lösung, wie Patchett mutig hinzugehen und dort, wo eine Buchhandlung fehlt, einfach eine aus dem Boden zu stampfen? Ja und nein. Bei aller Sympathie, die man dem Herzensprojekt der Schriftstellerin entgegenbringt, wird auch deutlich, dass der Erfolg ihrer Gründung zumindest teilweise Faktoren zu verdanken ist, die eher die Ausnahme als die Regel sind. Ein Bestsellerautorin, die nicht nur über die nötigen finanziellen Mittel für beträchtliche Investitionen verfügt, sondern auch über Werbemöglichkeiten (wie etwa eine Vorstellung ihrer Pläne in bekannten Fernsehsendungen) und über vorzügliche Kontakte zu Größen der Buchbranche, kann natürlich in ganz anderen Dimensionen denken und handeln als der durchschnittliche Literaturenthusiast.
So bleibt man nach der Lektüre mit etwas zwiespältigen Gefühlen zurück, denn so überzeugend Ann Patchett auch ihre Begeisterung zu vermitteln weiß, stimmt es einen doch wehmütig, dass sie keinen Weg gegen das Buchhandlungssterben aufzeigt, der immer und für jeden gangbar wäre.

Ann Patchett: Aus Liebe zum Buch. Hamburg, Atlantik (Hoffmann und Campe), 2016, 52 Seiten.
ISBN: 9783455370287


Genre: Kunst und Kultur

Tatort Kunst. Über Fälscher, Betrüger und Betrogene

Kunstwerke haben nicht nur einen ästhetischen, sondern oft auch einen erheblichen materiellen Wert. Gefälschte Kunst an Sammler oder Museen zu verkaufen, kann daher ein lukratives Geschäft sein – nicht nur für die Fälscher selbst, sondern auch für betrügerische Händler und für Experten aller Art, die sich die Zuschreibung an einen bestimmten Urheber vergüten lassen. Von ihnen allen, ihren kriminellen Machenschaften und nicht zuletzt auch ihrer Selbstdarstellung handelt Tatort Kunst, ein locker und amüsant geschriebenes, mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen ausgestattetes Buch.
Die Kunsthistorikerin Susanna Partsch legt den Schwerpunkt dabei auf die Zeit vom späten 19. bis zum 21. Jahrhundert, denn obwohl es schon aus Antike und Renaissance Berichte über Kunstfälschungen gibt, sind viele davon laut Partsch selbst nur „falsche Geschichten“, mithin nur Anekdoten und Legenden über ein Phänomen, das sich erst in jüngerer Zeit deutlich nachverfolgen lässt. Das ist nicht allein der Quellenlage geschuldet, die natürlich für die letzten anderthalb Jahrhunderte besser ist als für frühere Epochen. Entscheidender ist der Wandel des Kunstverständnisses und damit auch des Kunstmarkts: Das Verhältnis zwischen Auftragsarbeiten und dem Erwerb nicht speziell für den Käufer geschaffener Werke hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte immer stärker zu Ungunsten Ersterer verschoben, parallel zu einer Aufwertung des Künstlers, die der Eigenhändigkeit eines Originals größere Bedeutung denn je zukommen lässt.
NIcht alles, was begehrt ist, lässt sich jedoch problemlos fälschen, sei es, dass die Imitation leicht durch naturwissenschaftliche Methoden aufzudecken ist (weil z.B. Materialien verwendet wurden, die für die angebliche Entstehungszeit unpassend sind), sei es, dass ein Künstler (wie etwa Paul Klee) so akribisch über seine eigenen Werke Buch geführt hat, dass ihm unmöglich ein falsches unterzuschieben ist. Wie Fälscher diese Probleme zu umgehen versuchen, wird bei Partsch ausführlich geschildert, von der Auswahl von Malern oder Bildhauern mit unübersichtlichem Œuvre bis hin zum vorgetäuschten Altern eines Bilds im Backofen.
Ebenso faszinierend wie die eigentlichen Fälschungsaktivitäten sind die verschiedenen Spielarten ihrer Rezeption. Neben Spott über die Fehlbarkeit vermeintlicher Experten, der sich etwa an den satirischen Reaktionen von Kurt Tucholsky und Alfred Kerr auf einen Skandal um gefälschte Van-Gogh-Gemälde ablesen lässt, ist auch immer wieder eine gewisse Bewunderung der Öffentlichkeit für die Fälscher zu beobachten, deren Betrug gern als Kavaliersdelikt gesehen wird – eine Einschätzung, gegen die Partsch sich entschieden verwahrt.
Anhand der Biographien bekannter ertappter Fälscher wie etwa Han van Meegeren, Lothar Malskat oder Wolfgang und Helene Beltracchi versucht sie vielmehr nachzuweisen, dass die romantisierte Sichtweise auf den Fälscher als verkanntes Genie, der eigentlich ganz recht daran tut, überhebliche Kunstkenner zu narren, oft mehr mit Selbststilisierung zu tun hat als mit der meist von schnöden finanziellen Interessen bestimmten Realität. Eitelkeit und der Wunsch nach Anerkennung sind – so erkannt man rasch – bei Betrügern wie Betrogenen und manchmal gar bei den Aufdeckern einer Fälschung im Spiel.
Ganz kann jedoch selbst die kritische Susanna Partsch dem Reiz der erfundenen Provenienz nicht widerstehen, wenn auch nur in augenzwinkernder Form. Da ein „Buch über Fälschungen  (…) ohne Fälschung kein wirkliches Buch über Fälschungen“ wäre, bietet sie anstelle eines Nachworts eine humorvolle Quellenfiktion, in der eine anagrammatisch nach ihr benannte Künstlerin ein unvollendetes Manuskript hinterlässt, das den Kern von Tatort Kunst gebildet haben soll. Solch eine sich selbst bewusst entlarvende Fälschung lässt man sich zum Abschluss des gelungenen Bands natürlich gern gefallen.

Susanne Partsch: Tatort Kunst. Über Fälscher, Betrüger und Betrogene. München, C.H. Beck, 2. Aufl. 2015, 260 Seiten.
ISBN: 978-3406676116


Genre: Kunst und Kultur

Zeit. Eine Kulturgeschichte

Die Zeit ist für uns alle naturgemäß eine Selbstverständlichkeit, aber wenn es sie und den mit ihr einhergehenden stetigen Wandel nicht gäbe, würde sich auch die Geschichte und mit ihr jegliche Geschichtsschreibung erübrigen. So ist es vielleicht kein Wunder, dass mit Alexander Demandt ein renommierter Historiker das Phänomen Zeit in den Blick nimmt und unter kulturgeschichtlicher Perspektive der Genese unserer Zeitrechnung und unseres Zeitverständnisses nachspürt. Geographisch liegt der Schwerpunkt dabei auf Europa und dem vorderen Orient, während andere bedeutende Hochkulturen (wie etwa in China oder Altamerika) allenfalls flüchtig behandelt werden.
Der gewählte Einstieg mit dem Kapitel Zeitbegriffe und Zeitmetaphern ist thematisch nachvollziehbar, bietet aber vielleicht nicht den leserfreundlichsten Zugang, sind die ersten vierzig Seiten so doch relativ zähe philosophische Kost. Hat man sich jedoch erfolgreich durch diesen etwas verschlungenen theoretischen Unterbau gearbeitet, entfaltet sich ein ebenso informatives wie spannendes Panorama des Umgangs mit der Zeit von der Antike bis heute, das sich weit flüssiger und unterhaltsamer liest.
Demandt weiß die komplizierten Verflechtung von natürlichen und menschengemachten Zeiteinteilungen genau so einleuchtend zu schildern wie das Ineinandergreifen linearer und zyklischer Zeitmodelle, für die es ebenfalls in der Natur Vorbilder gibt (so etwa das unumkehrbar fortschreitende Lebensalter eines Menschen oder die sich immer wiederholende Abfolge von Jahreszeiten). Die Erkenntnis, dass der von uns noch heute genutzte Kalender und viele andere Besonderheiten der Zeitrechnung und -messung vor allem von römischen Traditionen geprägt sind, die vom Christentum übernommen und weiterentwickelt wurden, ist zwar an sich nicht neu, aber die verschwenderische Informationsfülle, mit der Demandt diesen Weg nachzeichnet, birgt doch so manche Überraschung und Entdeckung.
Gerade in den Abschnitten, die sich nicht mit Stunden, Tagen, Monaten, Jahren und Jahreszählung im strikten Sinne befassen, sondern Randgebiete wie z.B. Geplante Erinnerung aufgreifen, verstecken sich bisweilen interessante und unerwartete Details. So kann man hier etwa erfahren, dass im 2. Jahrhundert n. Chr. ein Mann namens Diogenes, der sich sehr für Epikur begeisterte, dessen Philosophie an die Nachwelt weitergeben wollte, indem er sie auf einer kleinasiatischen Stadtmauer niederschreiben ließ (wobei er die spätere Zerstörung der Mauer anscheinend nicht vorausahnte). Umgekehrt verdankt manch heute noch bekanntes Werk aus der Antike sein Überdauern eher dem Zufall als planvoller Erhaltung – Grund genug, sich die Frage nach der tatsächlichen Wirksamkeit von gezielter Überlieferung zu stellen.
Demandts Kenntnisreichtum und seine Freude auch an scheinbar entlegenen Einzelheiten stehen also außer Zweifel. Angesichts des schier unüberschaubaren Materials ist es allerdings kein Wunder, dass sich hier und da kleinere Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen haben (z.B. kann eine Uhr, die 1585 entstand, nicht, wie hier behauptet, „wahrscheinlich als Tafelaufsatz für August den Starken geschaffen“ worden sein, der erst 1670 geboren wurde). Solche Versehen fallen jedoch insgesamt kaum ins Gewicht und schmälern den positiven Gesamteindruck nur unbeträchtlich.
Geschmackssache ist dagegen, wie es einem gefällt, dass Demandt als Autor nicht hinter seinem Thema zurücktritt, sondern sich immer wieder stark selbst einbringt: Von persönlichen Anekdoten über dezidiert vorgetragene Meinungen (die man vielleicht nicht in jedem Fall unterschreiben möchte) bis hin zum wiederholten Kokettieren mit dem eigenen vorgerückten Alter ist er immer auch als Mensch überaus präsent. Ein objektiver Qualitätsmangel ist das gewiss nicht, aber doch eine Tatsache, die je nach Lesevorliebe die eigene Reaktion auf das Buch in hohem Maße mitbestimmen wird.
Verschwendet jedoch ist die Zeit, die man der Lektüre von Zeit. Eine Kulturgeschichte widmet, auf keinen Fall.

Alexander Demandt: Zeit. Eine Kulturgeschichte. Berlin, Propyläen (Ullstein), 2015, 588 Seiten.
ISBN: 978-3549074299


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Trolls. An Unnatural History

Trolle bevölkern Märchen und Fantasyromane und erfreuen sich als Souvenirs oder als Kinderspielzeug beträchtlicher Popularität. Zum Gegenstand seriöser Forschung werden sie allerdings nur selten. Abhilfe schafft John Lindows Trolls. An Unnatural History, ein Buch, das trotz seines amüsanten Untertitels eine ernsthafte und anspruchsvolle Untersuchung des Trollphänomens in Literatur und Kultur von der Wikingerzeit bis heute bildet.
Sachkundig und belesen, zugleich aber stets mit viel Humor und Wortwitz schildert der Skandinavist Darstellung und Funktion der oft als äußerlich grotesk beschriebenen Fabelwesen, die sehr ambivalente Rollen übernehmen können. Denn obwohl Trolle gerade in frühen Texten häufig als düster-dämonische, mit dem Tod oder den Naturgewalten assoziierte Geschöpfe in Erscheinung treten, können sie in manchen Zusammenhängen als Instanz dienen, die, wenn auch mit rabiaten Methoden, über die Einhaltung von Werten und Normen wacht. Gelegentlich wirken sie sogar hilfreiche Magie und erweisen sich als gute Nachbarn, wenn man anständig mit ihnen umgeht – vielleicht ein Ansatzpunkt dafür, dass in jüngerer Zeit neben dem älteren bedrohlichen Trollbild das eines harmlosen und sympathischen Wesens steht, so etwa bei Tove Janssons Mumintrollen .
Neben den in stattlicher Anzahl vorgestellten und zitierten literarischen Trollschilderungen haben auf die Vorstellung, die man sich gemeinhin von einem typischen Troll macht, jedoch auch Werke der bildenden Kunst großen Einfluss, allen voran die skandinavischen Märchenillustrationen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (etwa von Theodor Kittelsen oder John Bauer), die ebenfalls analysiert werden.
All dies ist für Liebhaber des Phantastischen und Fabulierfreudigen schon spannend und unterhaltsam genug, doch Lindows größte Leistung in dieser Studie besteht vielleicht darin, indirekt aufzuzeigen, weshalb man sich hüten sollte, das vermeintlich Unrealistische leichtfertig als irrelevant für das wahre Leben abzutun. Imaginäre Entitäten sind nicht nur eine ideale Projektionsfläche für das, was Einzelne oder ganze Gesellschaften bewegt, sondern als fester Teil der Vorstellungswelt auch immer an die Wirklichkeit rückgekoppelt.
Deutlich wird das in diesem speziellen Fall vor allem an Lindows Beobachtung, dass die abfällige Bezeichnung „Troll“ für andere Menschen nicht erst in Zeiten des Internets entstanden ist, sondern schon bei den Wikingern zum Einsatz kam. Gelegentlich traf sie als diskriminierender Vergleich Unschuldige, die man als andersartig einstufte (wie etwa Behinderte oder Inuit), doch in vielen Fällen zielte sie ganz wie heute auf diejenigen ab, die ein wenig sozialverträgliches Verhalten an den Tag legten.
Trolle – so zeigt Lindow nicht zuletzt an diesem übertragenen Gebrauch des Begriffs – repräsentieren damit immer auch etwas, wovon man sich abgrenzen möchte, einerseits das Fremde und Unverständliche, andererseits aber auch die dunkleren Seiten menschlicher Natur, von denen niemand völlig frei ist. Wenn der Autor also abschließend die Frage Could there be a bit of troll in each of us? stellt, ist das sicherlich mit einem Augenzwinkern zu verstehen, hat aber zugleich einen ernsten Hintergrund. Wollen wir also hoffen, dass es sich bei den meisten von uns um einen eher freundlichen Trollanteil handelt, der nicht viel Schaden anzurichten gedenkt!

John Lindow: Trolls. An Unnatural History. London, Reaktion Books, 2015 (Original: 2014), 160 Seiten.
ISBN: 978-1780235653


Genre: Kunst und Kultur, Märchen und Mythen