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Freunde und Feinde

Wer ein Werk mit dem Titel Freunde und Feinde bisher noch nicht mit Plutarch, dem griechischen Schriftsteller der römischen Kaiserzeit, in Verbindung gebracht hat, sollte sich weder um seine Allgemeinbildung sorgen noch auf eine spektakuläre Neuentdeckung hoffen: Wie der Untertitel verrät, handelt es sich bei der handlichen Zusammenstellung um Drei Schriften aus den Moralia, ausgewählt und übersetzt von Marion Giebel, die den Text auch durch Fußnoten erschließt und ihm ein kleines Literaturverzeichnis beigibt.

Enthalten ist in dem schmalen Bändchen nur die deutsche Übersetzung, die mit ihrer modernen, zugänglichen Sprache eine Leseausgabe für ein allgemeines Publikum bildet. Dieser Zielsetzung entspricht auch die knappe Einleitung, die sich Plutarch weniger unter hochspezifischen fachlichen Fragestellungen nähert, als ihn als Autor vorzustellen, der auch uns Heutigen noch einiges zu sagen hat und dessen Überlegungen alles andere als verstaubt sind, sondern sich sehr gut auf aktuelle Kontexte – wie etwa das Verhalten von Menschen in den sozialen Medien – übertragen lassen.

Aufgeteilt sind die präsentierten Auszüge aus den Moralia in drei Kapitel. Unter der Überschrift Soll man viele Freunde haben? geht es nicht nur darum, dass Qualität auch auf dem Gebiet der Freundschaft wichtiger als Quantität ist, sondern auch um das, was einen guten Freund ausmacht, und um die Verpflichtungen, die sich aus solch einer Beziehung ergeben. Denn damals wie heute lebt Freundschaft eben nicht allein von geteiltem Spaß; wichtiger ist letzten Endes die Bereitschaft, füreinander da zu sein.

Auch das zweite Kapitel verrät nicht nur, Wie man Nutzen zieht aus seinen Feinden, auch wenn durchaus Hinweise dazu gegeben werden, sondern richtet breiter gefasst den Blick darauf, wie man sich selbst in solch einem antagonistischen Verhältnis noch menschlich anständig verhalten kann (oder, wenn es gar nicht anders geht, zumindest seine unschönen Affekte nur an denen, die es wirklich böse mit einem meinen, und nicht am Rest seines Umfelds auslässt).

Sind Freunde und Feinde noch relativ leicht einzuordnen, gibt es aber auch Personen, die nicht vollständig in eine der beiden Kategorien fallen, und so ist der Frage, Wie man den Schmeichler vom Freund unterscheidet, wohl nicht ohne Grund das umfangreichste Kapitel gewidmet. Hier wird nicht allein davor gewarnt, sich vor denen zu hüten, die einem allzu gefällig nach dem Mund reden (und einen dabei vielleicht aus Eigennutz auch in moralisch Fragwürdigem bestärken), sondern auch erörtert, wie man als echter Freund bei Bedarf in angemessener Form Kritik üben kann.

All das kommt gleichwohl nicht als trockener philosophischer Lehrtext daher, sondern ziemlich unterhaltsam, denn Plutarch schreibt zitat- und anspielungsreich, mit Verweisen auf alle möglichen literarischen Werke und historischen Anekdoten, so dass man über das eigentliche Thema hinaus gleichsam rechts und links des Weges noch kleine Schätze entdecken kann. So tut das Büchlein mehr, als einen alten Text in heutige Sprache zu übertragen und seine zeitlosen Denkanstöße zu vermitteln: Es macht daneben auch Lust auf die Antike und ihre reiche Literatur.

Gerade in einer Zeit, in der klassische Bildung und die Geisteswissenschaften immer stärker mit Abwertung und Verachtung von verschiedenen Seiten konfrontiert sind, ist es wichtig, dass Bücher wie Freunde und Feinde erscheinen und im Bewusstsein halten, dass Gedanken aus dem Altertum auch heute noch relevant sein können und dass man auf viel Kluges, Hilfreiches und Vergnügliches verzichtet, wenn man ihnen keine Aufmerksamkeit schenken mag.

Marion Giebel (Hrsg.): Plutarch von Chaironeia: Freunde und Feinde. Drei Schriften aus den Moralia. Übersetzt von Marion Giebel. Speyer, Kartoffeldruck-Verlag, 2023 (Opuscula 6), 112 Seiten.
ISBN: 978-3-939526-53-7


Genre: Kunst und Kultur

THE hidden LÄND

In einer archäologischen Ausstellung ein ganzes Jahrtausend abzudecken und das Publikum von der Römerzeit bis kurz vor die Schwelle zum Hochmittelalter zu führen, ist keine ganz einfache Aufgabe. THE hidden LÄND. Wir im ersten Jahrtausend, die diesjährige Landesausstellung in Baden-Württemberg, stellt sich ihr, indem sie jeweils einen von fünf besonderen Fundplätzen exemplarisch eine bestimmte Epoche und einen mit ihr assoziierten Oberbegriff vertreten lässt – eine Gliederung, die sich auch in dem üppig bebilderten, lesenswerten Begleitband niederschlägt.

Alle Kapitel folgen dabei in ihrem Aufbau dem gleichen Schema: Nach einem einführenden Beitrag, der einen kompakten ereignis- und kulturhistorischen Überblick über jeweils zwei zusammen betrachtete Jahrhunderte bietet, wird im nächsten Text der beispielhaft hervorgehobene Fundort vorgestellt, während sich im Anschluss daran Artikel wechselnden Umfangs vertiefend weiteren Funden aus der jeweiligen Epoche, aber auch wissenschaftlichen Arbeitsmethoden (von archäologischer Prospektion bis hin zu molekulargenetischen Untersuchungen) oder geschichtsphilosophischen Überlegungen (so zum Begriff der Völkerwanderungszeit und der damit verknüpften modernen Mythenbildung) widmen.

Aufgrund der hohen Anzahl der von verschiedenen Forschenden verfassten, oft nur sehr kurzen Einzelbeiträge würde eine detaillierte Besprechung Aufsatz für Aufsatz den Rahmen dieser Rezension sprengen; ich beschränke mich daher auf eine Vorstellung der einzelnen Kapitel.

Unter dem Schlagwort Integration steigt man ins 1. und 2. Jahrhundert ein, eine Epoche, in der im Zuge der Etablierung der römischen Herrschaft in Südwestdeutschland Menschen unterschiedlichster geographischer Herkunft dort eine neue Heimat fanden. Der hier zugeordnete Fundort ist Diersheim, wo zahlreiche germanische Brandgräber entdeckt wurden. Obwohl die zeitgenössische (Eigen-)Bezeichnung der dort Bestatteten für uns nicht mehr fassbar ist, könnte es sich um Sueben gehandelt haben. Die bewusst zerstörten Grabbeigaben verraten dabei enge kulturelle Kontakte zur römischen Welt, umfassen aber durchaus auch Kuriosa (etwa einen zu dem Zeitpunkt, als er einem Mann im 1. Jahrhundert mit ins Grab gelegt wurde, schon antiken keltischen Schlüssel). Herausragend unter den in diesem Kapitel behandelten weiteren Funden sind ein in einem germanischen Grab im ukrainischen Kariv entdeckter Bronzekessel, an dem als Verzierung drei Männer mit sogenanntem Suebenknoten dargestellt sind, und das römische Prunkportal von Ladenburg, das sich aus den als Hortfund erhaltenen Türbeschlägen rekonstruieren lässt, unter denen die als Türgriffe dienenden „Seeleoparden“ (nicht identisch mit den gleichnamigen Robben, sondern Mischwesen aus Raubkatze und Fisch) sicher die außergewöhnlichsten sind.

3. und 4. Jahrhundert stehen unter dem Oberbegriff Migration und rücken den vicus Güglingen als Fundort in den Mittelpunkt, an dem sich der tiefgreifende gesellschaftliche Wandel von der römischen Reichskrise des 3. Jahrhunderts bis zu den frühen Alamannen gut zeigen lässt: In den wildbewegten Zeiten änderten sich die Siedlungsstruktur und die kulturelle Identität der Menschen vor Ort beträchtlich, obwohl, anders als an anderen Fundstätten, nichts auf eine Zerstörung des vicus samt Ermordung seiner Bewohner bei den Plünderungszügen des 3. Jahrhunderts hindeutet. Weitere interessante Beiträge dieses Kapitels befassen sich mit archäobiologischer Forschung (die Veränderungen von Ackerbau, Viehzucht und sonstiger Tierhaltung zwischen römischer und alamannischer Zeit greifbar macht) und mit einem Grabstein aus Bad Cannstatt für zwei Kataphrakten (Panzerreiter), deren Herkunft aus dem Osten des römischen Reichs die hohe Mobilität von Individuen eindrucksvoll verdeutlicht.

Kommunikation ist das Schlagwort für das 5. und 6. Jahrhundert. Eine Form von Kommunikation ist ohne Zweifel die im Rahmen von Bestattungsbräuchen betriebene Repräsentation, und so überrascht es nicht, dass hier mit dem überregional bekannten alamannischen Gräberfeld von Lauchheim ein Fundort im Vordergrund steht, an dem sich an Grabbeigaben des Frühmittelalters viel darüber ablesen lässt, durch welche Gegenstände soziale Rollen und Hierarchien noch im Tod abgebildet wurden. Darüber hinaus spielen in diesem Kapitel aber auch anthropologische Untersuchungen eine große Rolle, so etwa zu den Bestatteten des Gräberfelds von Niederstotzingen, deren Verwandtschaftsverhältnisse sich dank DNA-Untersuchungen nachzeichnen lassen. Prunkstück unter den präsentierten Einzelfunden ist sicher die unbeschreiblich gut erhaltene, aus dem 6. Jahrhundert stammende Leier von Trossingen mit ihren kunstvoll geschnitzten Verzierungen, die dank einer Umzeichnung bis ins Detail zu erkennen sind.

Spielten Glaubensüberzeugungen (etwa durch Verweise auf Mithräen, Jupitergigantensäulen oder Verstorbenen mitgegebene Goldblattkreuze) schon in den vorherigen Kapiteln hier und da eine Rolle, wird Spiritualität zum Oberthema für den dem 7. und 8. Jahrhundert gewidmeten Abschnitt. Die Christianisierung als entscheidende Weichenstellung für die folgenden Jahrhunderte wird durch die Sülchenkirche von Rottenburg am Neckar bzw. eigentlich durch deren bei Sanierungsmaßnahmen zufällig entdeckten Vorgängerbau aus dem 7. bis 8. Jahrhundert repräsentiert. Mit der Hinwendung zum Christentum ging auch ein allmählicher Wandel der Bestattungsbräuche einher, der hier in verschiedenen Beiträgen differenziert nachgezeichnet wird. Das interessanteste besprochene Fundstück ist aber kein religiöses, sondern eine prunkvolle, mit einer Runeninschrift ausgestattete Fibel aus Neudingen, die zwar wahrscheinlich im Oberrheingebiet gefertigt wurde, aber künstlerische Einflüsse aus verschiedenen Regionen aufweist.

Haben die jeweils (zumindest lokal oder regional) Mächtigen einer Zeit auch schon bisher immer wieder Erwähnung gefunden, wird Herrschaft zum zentralen Thema des abschließenden, mit dem 9. und 10. Jahrhundert befassten Kapitels, in dem die Herausbildung des Herzogtums Schwaben und der Verfestigung einer für das Mittelalter prägenden Ständegliederung betont werden. Hier rückt Ulm, das in dieser Zeit als Zentralort und Königspfalz an Bedeutung gewann, in den Fokus, aber es fließt auch mit ein, was zum Machtaufbau und -erhalt beitrug (z. B. die in Dettingen unter Teck nachweisbare Eisenverhüttung). Einzelne Beiträge greifen dabei auch über die engen Grenzen des festgelegten Zeitraums hinaus, so etwa der über Schwerter und der über Ringe (jeweils über Jahrhunderte bedeutsame Statussymbole, über die sich diachron mehr aussagen lässt, als wenn man nur einen sehr kurzen Zeitabschnitt betrachtet). Den Kontrapunkt zu dieser Konzentration auf die Eliten bilden anthropologische Untersuchungen an den sterblichen Überresten der ländlichen Bevölkerung, die oft kein leichtes Leben hatte.

Insgesamt entsteht so ein vielschichtiges und reizvoll die Balance zwischen Einzelbetrachtungen und übergeordneten Aspekten wahrendes Bild der Entwicklung Südwestdeutschlands im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung. Ein rundum gelungener und empfehlenswerter Ausstellungsbegleitband also? Nicht ganz, denn trotz aller unbestreitbaren Qualitäten gibt es doch einen Wermutstropfen.

Dieser in meinen Augen durchaus gewichtige Minuspunkt ist das eine unzureichend frisierte, misstrauisch dreinsehende Gestalt im trist gefärbten Umhang, die ihren Goldring zur Schau stellt, in Szene setzende Titelbild, das laut Angaben des Archäologischen Landesmuseums Baden-Württemberg im sozialen Netzwerk Bluesky mithilfe der Agentur Jung von Matt mittels KI generiert ist. Angesichts der Fülle gelungener Fundfotos im Buch (darunter übrigens auch eines von dem Ring, der für den KI-generierten Pate gestanden hat, S. 264), die prächtige Covermotive abgegeben hätten, bin ich doch ein wenig traurig und enttäuscht, dass die für die Gestaltung Verantwortlichen nicht lieber darauf zurückgegriffen haben. Aber auch abseits aller ethischen Fragen, die das Thema KI aufwirft, erschließt sich mir nicht ganz, warum man, wenn man schon diese Form der Bilderzeugung wählt, damit auch noch ausgerechnet ein Motiv herstellt, das bis zu einem gewissen Grade das Klischee von Ungepflegtheit und Wildheit in den vermeintlichen „Dark Ages“ Europas reproduziert. Dieses Buch, das inhaltlich einiges zu bieten hat und immer wieder auch mit Vorurteilen aufzuräumen versucht, hätte Besseres verdient gehabt.

Gabriele Graenert, K. Felix Hillgruber (Konzeption): THE hidden LÄND. Wir im ersten Jahrtausend. Hrsg. von Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg und dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. Oppenheim am Rhein, Nünnerich-Asmus, 2024, 288 Seiten.
ISBN: 978-2-96176-251-4


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Verschwundene Wörter des Mittelalters

Viele Wörter aus dem Mittelhochdeutschen erschließen sich einem relativ schnell, sind sie doch Vorformen heute noch gebräuchlicher Begriffe. Andere dagegen haben den Sprachwandel im Laufe der Zeit nicht überstanden, sondern sind irgendwann außer Gebrauch gekommen, und so sind es Verschwundene Wörter des Mittelalters, die Michael Schwarzbach-Dobson in den Mittelpunkt seines ebenso informativen wie vergnüglich zu lesenden Buchs stellt.

Zugegeben – einige der erläuterten Wörter sind nicht ganz so verschwunden, wie der Titel es suggeriert, denn auch wenn wir unsere heutigen Liebesbeziehungen wohl nicht mehr unter minne subsumieren würden und in aller Regel keine brünne tragen, können die meisten von uns im historischen Kontext noch etwas mit den Ausdrücken anfangen. Andere, etwa wert für „Insel“, sind zumindest noch Ortsnamen wie Kaiserswerth erhalten und dadurch nicht ganz unbekannt, aber spätestens bei lîtgebe (ein Wirt, der vielleicht auch lît, einen Obstwein, ausschenkt) oder kunter (ein Monster oder Tier, das allerdings sprachhistorisch nichts mit kunterbunt zu tun hat und ebendas dementsprechend auch nicht sein muss) wird es schon kniffliger.

Die verschiedenen Begriffe sind dabei zu sechs unterschiedlich umfangreichen Kapiteln zusammengefasst, in denen dann lexikonartig die einzelnen behandelten Wörter in alphabetischer Reihenfolge erscheinen. Passend zu dem, was die meisten mit dem (Hoch-)Mittelalter assoziieren, bilden den Einstieg Rittertum und Kampf, gefolgt von den Bereichen Familie und Soziales, Kultur und Religion, Alltag und Handwerk, Natur und Medizin sowie Liebe und andere Gefühle.

Wer befürchtet, dass solch eine Auflistung von Wörtern und zugehörigen Erklärungen notwendigerweise trocken und auf die Dauer zäh gerät, irrt übrigens, denn Schwarzbach-Dobson schreibt unterhaltsam und mit vielen Rückgriffen auf die spätere Mittelalterrezeption (von Wagner bis zum Herrn der Ringe), so dass sich auch für ein Publikum, das sich mit Epoche und Sprache noch nicht näher befasst hat, zahlreiche Anknüpfungspunkte finden.

Daher lassen sich die Verschwundenen Wörter des Mittelalters auch als zwangloser Einstieg ins Mittelhochdeutsche, die Welt, der es entstammt, und seine Literatur nutzen, denn der Autor erläutert nicht nur mit leichter Hand sprachliche Themen wie etwa die zweite Lautverschiebung, sondern zitiert auch immer wieder jeweils im Original und in Übersetzung aus allen möglichen mittelhochdeutschen Werken, wobei ein gewisser Schwerpunkt auf Heldenepik und Artusromanen zu liegen scheint (alle, die aus der germanistischen Mediävistik kommen, werden hier also viele alte Bekannte wiedertreffen, während fachfremde Interessierte erste Einblicke in die literarischen Welten des Mittelalters erhaschen können). Durch diese Auswahl wird noch einmal unterstrichen, was Schwarzbach-Dobson auch explizit hervorhebt: Das Mittelhochdeutsch, über das wir am meisten wissen, ist das einer größtenteils von Geistlichkeit und Adel geprägten Dichtung.

Ein lehrreiches, angenehm lesbares und oft auch humorvolles Buch also – aber noch mehr als das, denn der ansprechende Inhalt ist auch in eine besonders nette äußere Form gebracht worden. Die Buchgestaltung von Clara Neumann (die, gerade für ein Sachbuch eher ungewöhnlich, mit blauer Schrift arbeitet) und die Illustrationen von Adèle Verlinden, die leuchtend bunt auf moderne und frische Art mittelalterliche Vorbilder aufgreifen, machen Verschwundene Wörter des Mittelalters zu einem wahren Schmuckstück nicht nur für Mittelalterbegeisterte, sondern auch für alle anderen, die sich für Sprache und ihre enge Verflochtenheit mit Kultur interessieren, und für Bibliophile allgemein.

Michael Schwarzbach-Dobson: Verschwundene Wörter des Mittelalters. Köln, Greven Verlag, 2023, 222 Seiten.
ISBN: 978-3-7743-0963-0

 


Genre: Kunst und Kultur

Caspar David Friedrich und der weite Horizont

Caspar David Friedrich wurde 1774 geboren, und so ist 2024 ein Jubiläumsjahr, in dem zahlreiche Ausstellungen und Publikationen den berühmten Maler würdigen, darunter auch das äußerlich besonders ansprechend gestaltete Büchlein Caspar David Friedrich und der weite Horizont.

Die Kunsthistorikerin Kia Vahland legt damit keine Biographie im klassischen Sinne vor, sondern eher einen bisweilen philosophischen Streifzug durch Bild- und Lebenswelten des Künstlers und die Beschäftigung der Nachgeborenen mit ihm, von der unverdienten Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten bis zu den neuesten Perspektiven der modernen Forschung.

Vahland zeichnet Friedrich als durchaus widersprüchlichen Menschen: Einerseits war er frommer Protestant, experimentierfreudiger Kreativer, begeisterter Wanderer und neugieriger Erkunder von Außenwelt und Seelenleben, andererseits aber auch früh durch den Verlust von Mutter und Bruder traumatisiert, unglücklich bis hin zum (glücklicherweise gerade noch vereitelten) Suizidversuch und in späteren Jahren in seiner launischen Art für sein Umfeld, insbesondere auch seine Frau Caroline Bommer, nicht immer leicht zu ertragen.

Dass die in diesem Buch erfreulicherweise in Farbe wiedergegebenen (Landschafts-)Bilder, die solch ein sperriger Charakter malt, alles andere als rein dekorativ und gefällig sind und mancherlei Untiefen aufweisen, versteht sich fast schon von selbst. Vahland nähert sich ihnen einfühlsam und mit viel Scharfblick, ob nun den ganz berühmten wie dem Mönch am Meer und dem Wanderer über dem Nebelmeer oder eher unbekannten Skizzen wie der Flachlandschaft auf Rügen, die viel über Friedrichs Umgang mit dem Horizont verrät, der für Vahland „sein bester Freund“ (S. 35) ist und seine Gemälde wie kaum ein anderes Element prägt.

Doch die Horizonterweiterung, die Friedrich durch besonders weite Blickwinkel vornimmt, ist eben nicht nur eine rein wörtliche, sondern auch eine im übertragenen Sinne zu sehende, die den Menschen zum Nachdenken anregen soll und will. Welche Rolle dabei auch seine oft nur in Rückenansicht auftretenden Figuren spielen, die mehr als bloße Staffage sind und nicht nur auf den Kontrast zwischen (Stadt-)Leben und vermeintlich urwüchsiger Natur, sondern oft genug auch auf spirituelle Inhalte und auf die politischen Diskurse seiner Zeit verweisen, arbeitet Vahland mit einer angesichts des begrenzten Raums von nur 110 Seiten erstaunlichen Tiefe heraus.

Ihr auf ihrem Streifzug durch Friedrichs Welt zu folgen, macht daher nicht nur viel Vergnügen, sondern ist auch lehrreich und regt dazu an, sich vielleicht selbst noch genauer mit dem ein oder anderen Gemälde zu befassen.

Kia Vahland: Caspar David Friedrich und der weite Horizont. Berlin, Insel Verlag, 2024 (Insel-Bücherei Nr. 1535), 110 Seiten.
ISBN: 978-3-458-19535-1

 


Genre: Biographie, Kunst und Kultur

Die Geheimnisse des Tibers

Die Entstehung und die historische Entwicklung Roms sind ohne den Tiber kaum vorstellbar. Dennoch wird der Fluss in Betrachtungen der Stadtgeschichte – ganz gleich ob nun auf die Antike oder auf Mittelalter und Neuzeit bezogen – oft eher stiefmütterlich als bloßes Beiwerk behandelt. Birgit Schönau dreht in ihrem lesenswerten Buch Die Geheimnisse des Tibers diese Perspektive konsequent um und erzählt mit dem Tiber als Zentrum von Rom und seinen Menschen.

Die Darstellung ist dabei nicht chronologisch, sondern thematisch gegliedert, und das ist in diesem Fall äußerst sinnvoll. Denn bevor man ihn im späten 19. Jahrhundert zum Hochwasserschutz mit hohen Mauern, denen viele historische Bauwerke geopfert wurden, einhegte und damit bis zu einem gewissen Grade auch aus der Stadt verbannte, spielte der Tiber seine verschiedenen durchaus widersprüchlichen Rollen oft jahrhundertelang, so dass der epochenübergreifende Ansatz bestimmte Aspekte weitaus deutlicher hervortreten lässt, als eine Erzählung in strikt zeitlicher Folge es könnte.

So erfährt man vom Tiber als Naturgewalt, die oft genug verheerende Überschwemmungen brachte, aber auch von seiner Funktion als Wasserspender und Abwasserentsorger zugleich sowie als Verkehrsweg für Waren und Reisende und als Mühlenantrieb. Klingt dies alles noch mehr oder minder typisch für Flüsse allgemein, erfuhr der Tiber aber auch durch die Kultur an seinen Ufern ganz spezielle Deutungen und Nutzungen. Religiös zunächst als paganer Flussgott verehrt, dann von dem Päpsten zu einer Art zweitem Jordan uminterpretiert, waren er und seine Umgebung gar nicht so erhaben, wie man angesichts dieser spirituellen Überhöhung annehmen könnte: In die Uferbereiche des Tibers lagerten die Mächtigen der Stadt auch marginalisierte und missliebige Personen aller Art aus, entstanden dort doch das Ghetto, in das man die Juden unter erbärmlichen Bedingungen einpferchte, Kranken-, Armen- und Waisenhäuser, aber auch Gefängnisse.

Vor diesem Hintergrund ist es dann kaum noch ein Wunder, dass nahe am Tiber auch immer wieder grausame Hinrichtungen und brutale (Lynch-)Morde stattfanden, gelegentlich auch gleich mit Entsorgung der Getöteten im Fluss. Im krassen Gegensatz dazu steht der Tiber als Ort des Vergnügens sowohl der Oberschicht, die in Antike wie Renaissance Paläste und Gärten in Tibernähe errichten ließ, als auch der kleinen Leute, die hier lange dem Badespaß frönten (womit es heute allerdings vorbei ist) und auch Treffpunkte zu Geselligkeit und Beziehungsanbahnung fanden.

Es überrascht nicht, dass ein derart allgegenwärtiger Fluss auch zu Kunst aller Art inspirierte und inspiriert, so dass Birgit Schönau dem Tiber „in Malerei, Literatur und Film“ abschließend noch ein ganz eigenes Kapitel widmet – unter besonderer Berücksichtigung von Pier Paolo Pasolini, dessen Wirken mit dem Tiber ebenso eng verknüpft ist wie sein bis heute nicht vollständig aufgeklärter Tod.

Obwohl also auch immer wieder mit klarem Blick Schattenseiten des Lebens in Rom einst und jetzt benannt werden, merkt man der Autorin ihre Begeisterung für den Tiber und seine Stadt deutlich an, und sie versteht sie in einem so gut lesbaren und unterhaltsamen Stil zu vermitteln, dass das Buch selbst ein wenig wie ein Fluss wirkt: mitreißend, gelegentlich auch zum tieferen Eintauchen einladend, aber vor allem immer in Bewegung und niemals langweilig.

Bild- und Kartenmaterial, eine Zeittafel der wichtigsten Ereignisse und ein Überblick über Roms Tiberbrücken, die gar nicht einmal so zahlreich sind, wie man annehmen könnte, runden den durch und durch empfehlenswerten Band ab und laden dazu ein, sich mit bestimmten angerissenen Themen noch ein bisschen tiefergehend zu befassen.

Birgit Schönau: Die Geheimnisse des Tibers. Rom und sein ewiger Fluss. München, C.H. Beck, 2023, 320 Seiten.
ISBN: 978-3-406-80837-1


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Februar 33

Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 war nicht nur ein gravierender politischer Einschnitt mit fatalen Folgen für ganz Deutschland, sondern markierte zugleich einen Wendepunkt für viele literarisch Tätige, ob sie nun Schriftstellerinnen, Kritiker, Journalistinnen oder Verleger waren. Die wenigen Wochen bis zum Reichstagsbrand (27. Februar) und den Wahlen (5. März), die die Herrschaft der Nationalsozialisten endgültig zementierten, entschieden über Karrieren und oft auch über Leben und Tod, denn es gab vieles, was den neuen Machthabern ein Dorn im Auge war und selbst prominenten Persönlichkeiten des kulturellen Lebens zum Verhängnis werden konnte, von jüdischer Herkunft über kommunistische Überzeugungen bis hin zum schlichten Eintreten für Demokratie und Freiheit.

Uwe Wittstock zeichnet diesen Februar 33 auf Basis von Quellen wie Tagebüchern, Briefen und Zeitungsnachrichten Tag für Tag nach und folgt dabei den Spuren verschiedener Menschen im Literaturbetrieb, unter denen die Familie Mann, in der so viele Mitglieder in irgendeiner Form schrieben, eine zentrale Rolle einnimmt. Was leichtfüßig und launig mit einer Schilderung des letzten Berliner Presseballs vor der Machtübernahme der Nazis beginnt, auf dem Carl Zuckmayer und der Flieger Ernst Udet gerade noch davon abgehalten werden können, zum Spaß öffentlich ihre Hinterteile zu entblößen, wird bald immer beklemmender, und das nicht nur, weil den Abschluss jedes Tageskapitels eine protokollartige Auflistung der oft tödlichen Gewalttaten bildet, mit denen die Nazis in Straßenkämpfen und Angriffen z. B. auf Lokale oder Wohnungen insbesondere Linke terrorisierten und ihre Macht festigten. Fassungslos macht daran unter anderem auch, wie häufig neben den gezielt attackierten Opfern völlig Unbeteiligte, die einfach nur vorüberkamen oder in der jeweiligen Gegend wohnten, verletzt oder getötet wurden. Alle Heutigen, die sich selbst für unpolitische Menschen halten und glauben, dadurch in unruhigen Zeiten relativ sicher zu sein, werden hier hoffentlich eines Besseren belehrt.

Einen weitaus breiteren Raum nehmen jedoch die schlaglichtartigen Blicke auf Schicksale aus der literarischen Welt des deutschen Sprachraums ein. Eindringlich wird greifbar, dass bis auf einzelne Vorausschauende (wie etwa Joseph Roth) viele lange unterschätzten, wie schlimm die Situation sich entwickeln würde, und so erst spät – in manchen Fällen leider auch zu spät – daran dachten, sich in Sicherheit zu bringen. Während beispielsweise Alfred Kerr, Heinrich Mann oder Else Lasker-Schüler gerade noch rechtzeitig ins Ausland entkommen konnten und Einzelne – so Egon Erwin Kisch und Manès Sperber – nach einer Verhaftung nur dank ihrer nichtdeutschen Staatsbürgerschaft glimpflich mit einer Abschiebung davonkamen, fanden allzu viele, die blieben (sei es aus Überzeugung, wie Carl von Ossietzky, oder schlicht aus Geldmangel, wie Erich Mühsam), ein schreckliches Ende. Das Maß von Willkür, Gewalt und entsetzlichsten Misshandlungen, das schon in diesem Anfangsstadium der Nazidiktatur aufscheint, verweist auf die späteren Gräuel voraus und ist eine Mahnung, niemals zu unterschätzen, wie weit antidemokratische Kräfte zu gehen bereit sind, wenn man ihnen Gelegenheit dazu gibt.

Denn – auch das wird schmerzlich deutlich – nicht alles wurde von den Nazis unmittelbar erzwungen; manchen Veränderungen zum Schlechteren wurde auch durch den vorauseilenden Gehorsam verschiedenster Menschen und Institutionen Vorschub geleistet, ob sie sich nun, wie etwa Gottfried Benn, durch eine Anbiederung bei den neuen Herren im Land persönliche Vorteile erhofften oder schlicht nichts riskieren wollten und darum missliebige Artikel lieber nicht mehr druckten oder heikle Theaterstücke vom Spielplan nahmen. Daneben gab es zwar auch Beispiele von Mut, Mitmenschlichkeit und Solidarität, aber sie halfen oft allenfalls punktuell und reichten insgesamt gesehen bei weitem nicht aus, um der beginnenden Schreckensherrschaft etwas entgegenzusetzen.

Wittstocks Buch ist 2021 erschienen, und schon aus der damaligen Perspektive konstatiert er, dass sich zwischen 1933 und unserer Zeit trotz aller Unterschiede durchaus Parallelen ziehen lassen. Die seitdem eingetretenen Entwicklungen scheinen nicht geeignet, ihn zu widerlegen, und so sollte man seine Mahnung, sich vor Augen zu führen, wie schnell eine Demokratie zur Diktatur werden kann, unbedingt beherzigen. Wittstocks anschauliche und lebendige Vergegenwärtigung der noch keine hundert Jahre zurückliegenden Katastrophe ist vor diesem Hintergrund nicht nur eine packende Lektüre, sondern auch ein wichtiger Denkanstoß.

Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur. 6. Aufl. München, C. H. Beck, 2021, 288 Seiten.
ISBN: 978-3-406-77693-9


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Ein deutsches Versprechen

Ob Bach, Goethe, Liszt oder die Bauhaus-Anfänge – Weimar war über Jahrhunderte eine Stadt, in der Größen aus Kunst und Kultur wirkten. Für Helge Hesse versinnbildlicht es damit insbesondere in der Epoche der Weimarer Klassik Ein deutsches Versprechen, das nämlich, einen weltoffenen Ort für Austausch, Kreativität und geistigen Fortschritt zu bieten. Welches Potenzial in dem Zusammentreffen verschiedener wirkmächtiger Personen und Bewegungen in Weimar steckte und wie es dennoch dazu kommen konnte, dass das Versprechen nicht eingelöst wurde, sondern nur gut hundert Jahre nach Goethes Tod mit der Naziherrschaft eher – wenn trotz des bitterernsten Themas ein schlechtes Wortspiel gestattet ist – das deutsche Verbrechen schlechthin begann, zeichnet Hesse in seinem klugen Buch nach, das, so der Untertitel, Weimar 1756 – 1933 in den Blick nimmt, mithin vom Einzug der kunstsinnigen Herzogin Anna Amalia in Weimar bis zum Einsetzen einer sehr düsteren Zeit für Deutschland.

Den Schwerpunkt (mit 155 von 284 Seiten) bildet dabei das von Goethe, Herder, Wieland, Schiller und ihren Zeitgenossen geprägte Weimar der zweiten Hälfte des 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts. Auch wer meint, darüber schon so manches zu wissen, sollte das Buch nicht leichtfertig verschmähen, denn Helge Hesse versteht es wie kaum ein anderer, die Bedeutung der Topographie für die Erfahrungswelt der Menschen, die in Weimar lebten, und für ihre Beziehungen untereinander deutlich zu machen. Wie weit Goethe es etwa von seinem jeweiligen Wohnsitz aus zu verschiedenen Bekannten hatte, wie die Umgebung von Schillers Haus geartet war oder was Paul Klee auf dem Weg zur Arbeit im Bauhaus alltäglich zu sehen bekam, wird einem ebenso greifbar vor Augen geführt wie die bewusste Schaffung von Erinnerungsorten in verschiedenen Zeiten. Die Stadt ist so nicht nur Bühne des Geschehens, sondern fast ein weiterer Akteur, dessen Einfluss man nicht unterschätzen darf.

Bei aller Bewunderung für das klassische Weimar verklärt Hesse die dort Lebenden und Wirkenden jedoch nicht, sondern schildert auch menschliche Schwächen, Ehrgeiz, Kleinlichkeit und Eifersüchteleien, die vielleicht allein schon verhindert hätten, aus dem titelgebenden Versprechen mehr als das werden zu lassen, wenn nicht noch andere, Weimar allein weit übersteigende Kräfte am Werk gewesen wären. Die napoleonischen Kriege, die den Keim des später so verheerenden Nationalismus in sich trugen, nimmt man dabei als Einschnitt deutlich wahr, doch ebenso bedeutsam war wohl das Beharrungsvermögen überkommener Einstellungen sowohl im Herrscherhaus als auch in der Bevölkerung: Mochte man sich auch mit Literaten, Musikern und bildenden Künstlern schmücken (und gerade auch das Gedenken an die schon verstorbenen unter ihnen hochhalten), ging damit doch keine generelle Überwindung von Engstirnigkeit und Pochen auf das Althergebrachte einher – zuletzt dann mit fatalen politischen Folgen.

Die Erkenntnis, dass auch höchste kulturelle Leistungen kein Garant sind, dass der ihnen zugrundeliegende Geist dauerhaft beherzigt wird, sondern immer auch und vielleicht gerade an den künstlerisch blühendsten Orten mit einem Rückfall in Tyrannei und Barbarei gerechnet werden muss, stimmt auch angesichts derzeitiger Entwicklungen nachdenklich. Doch Helge Hesse lässt sein Buch nicht in Düsternis enden, sondern ruft vielmehr in Form einer stimmungsvollen Beschreibung eines Spaziergangs ausgehend von Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm dazu auf, sich zu vergegenwärtigen, dass es so nicht kommen muss, sondern Vergangenes, das nicht zum bloßen Jubiläum erstarrt, auch als Anregung genommen werden kann. Vielleicht ist es also an uns Heutigen, zu versuchen, das Versprechen – das, wie Hesse selbst einräumt, letzten Endes dann doch nicht allein ein deutsches, sondern ein allgemein menschliches und überzeitliches ist – nach besten Kräften einzulösen.

Helge Hesse: Ein deutsches Versprechen. Weimar 1756 – 1933. Ditzingen, Reclam, 2023, 284 Seiten.
ISBN: 978-3-15-011-436-0


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Michelangelo

Michelangelo Buonarroti zählt auch heute, fünfhundert Jahre nach seiner Zeit, zu den bekanntesten Künstlern überhaupt. Wer eine eingängig lesbare Einführung in Leben und Werk des Mannes sucht, dessen Gemälde und Skulpturen immer noch unmittelbar anzusprechen vermögen, wird bei Claudia Echinger-Maurach fündig, der es in Michelangelo gelingt, auf nur 128 Seiten anschaulich das Wichtigste zusammenzufassen, was man über die vielschichtige Persönlichkeit wissen muss.

In eine geachtete, aber nicht übertrieben reiche Florentiner Familie hineingeboren, setzte Michelangelo seine Ausbildung zum Künstler gegen den Willen seines Vaters durch und war, bis er mit fast 89 Jahren starb, über Jahrzehnte ununterbrochen auf vielen Gebieten aktiv und erfolgreich, ob nun als Bildhauer, Maler, Architekt oder Dichter. Seinem allein schon in seinem Umfang, aber auch und vor allem natürlich in seiner Qualität eindrucksvollen Schaffen widmet Echinger-Maurach sich mit großem Einfühlungsvermögen und mit einer spürbaren Begeisterung für ihr Thema, die umso ansteckender ist, weil sie in den letzten Jahren insbesondere in den Geisteswissenschaften selten geworden und, wenn überhaupt, allenfalls noch im Nature Writing, aber kaum bei kunsthistorischen Gegenständen zu finden ist. Weltbekanntes wie die Fresken in der Sixtinischen Kapelle oder den David, aber auch Kleineres und dem allgemeinen Publikum nicht so Vertrautes, wie etwa Zeichnungen oder einzelne Gedichte Michelangelos, stellt sie liebevoll und, soweit im Rahmen der Buchlänge möglich, durchaus ausführlich vor.

Neben den in zahlreichen Abbildungen (einschließlich zweier farbiger Tafelteile) präsenten Kunstwerken wird aber immer wieder auch der Mensch Michelangelo, der durch Selbst- und Fremdzeugnisse für jemanden seiner Epoche außergewöhnlich gut fassbar ist, in den Mittelpunkt gerückt: Voller Schaffensdrang, aber ebenso voller Bereitschaft, Begonnenes auch einfach abzubrechen, wohlhabend, aber ohne großen Hang zum Materiellen, mit viel gelegentlich beißendem Humor gesegnet, auch schon einmal unglücklich in einen etwa 40 Jahre Jüngeren verliebt und mit seinen immer wieder auf finanzielle Unterstützung hoffenden Brüdern nicht jederzeit auf bestem Fuß, tritt er einem sehr lebendig entgegen. Um ihn als zentrale Gestalt herum entsteht dabei ganz nebenbei das Panorama einer bewegten Epoche voll kriegerischer Päpste, politischer Intrigen und großer Kunst nicht nur von Michelangelos Hand.

So hat man nach der Lektüre das Gefühl, einen unterhaltsamen und zugleich lehrreichen Streifzug durch die italienische Renaissance unternommen zu haben, und fühlt sich ermuntert, sich vielleicht noch tiefer mit einzelnen Werken Michelangelos zu befassen.

Claudia Echinger-Maurach: Michelangelo. München, C.H. Beck, 2023, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-80703-9


Genre: Biographie, Kunst und Kultur

Mann vom Meer

Das Meer spielt nicht nur in den Werken Thomas Manns eine große Rolle, sondern war für den Schriftsteller auch sein Leben lang ein immer wieder gern aufgesuchter Ort von einer gewissen Ambivalenz: Stand es für ihn einerseits, begonnen mit der schon in seiner Kindheit kennengelernten Ostsee, für Ruhe, Erholung und Entspannung fern aller Zwänge, war es ihm andererseits auch ein Bild für dunkle und zerstörerische Strömungen, ob nun in der eigenen Psyche oder auf politischer und gesellschaftlicher Ebene.

So ist es ein komplexer Gegenstand, dessen sich Volker Weidermann in seinem herrlich mehrdeutig (oder vielleicht eher „meerdeutig“?) betitelten Mann vom Meer nicht ohne Anspruch, aber doch mit leichter Hand annimmt. Mit der Beziehung zum Meer als rotem Faden bietet er eine schlaglichtartige Biographie und eine zitatreiche Werkschau Thomas Manns, allerdings ergänzt um biographische Grundzüge von Manns in ihren ersten Lebensjahren an der brasilianischen Küste aufgewachsenen Mutter Julia da Silva-Bruhns und seiner als Seerechtsexpertin bekannt gewordenen Tochter Elisabeth Mann Borgese, deren jeweiliger Bezug zum Meer von dem des berühmten Sohnes bzw. Vaters für Weidermann nicht zu trennen ist.

Diese Entscheidung hat ihren tieferen Sinn, denn die Auseinandersetzung mit dem Meer ist bei Mann – literarisch wie real – immer auch mit dem Ringen mit und oft zugleich Scheitern an familiären wie gesellschaftlichen Erwartungen verknüpft. Ironischerweise ist in der Familie Mann die Freiheitssuche am Strand und im Wasser von einem über die Generationen immer wieder erlittenen und doch in unterschiedlicher Weise gnadenlos weitergegebenen Anpassungsdruck nicht zu trennen. Besonders in Thomas Manns Fall nimmt es wunder, dass er es zwar selbst als quälend empfand, Neigungen wie die seinerzeit noch verpönte Homosexualität unterdrücken zu müssen, und sich, etwa in den Buddenbrooks oder in Tonio Kröger, als hellsichtiger Schilderer der geistigen Enge einer individuellen Wünschen gegenüber kaum aufgeschlossenen städtischen Oberschicht zeigt, es aber seinen eigenen Kindern auch nicht unbedingt leicht machte, so dass selbst seine erklärte Lieblingstochter Elisabeth in der Angst leben musste, ihn zu enttäuschen.

Eingedenk dessen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier neben großer literarischer Schönheit oft ebenso große menschliche Hässlichkeit steht, auch wenn Mann auf einigen Gebieten in späteren Jahren noch umschwenkte (so beispielsweise in politischer Hinsicht, als er sich gegen das Naziregime wandte). Manns Weg, der von der Ostsee über Nordsee,  Mittelmeer und Atlantik bis ins Exil am Pazifik führt und mit dem Bodensee, dem „Schwäbischen Meer“, auch noch einen meerartigen Binnensee von einiger Bedeutung zu bieten hat, ist daher auch einer, der immer wieder Untiefen bereithält (und ob man mit Weidermanns Einschätzung mitgehen möchte, dass zumindest in der Literatur das Düstere und Tragische stets das Wahrere und daher dem Idyllischen überlegen sei, ist wohl in hohem Maße eine Frage des eigenen Temperaments und Charakters).

Die selbst phasenweise romanhaft erzählte Synthese aus Biographischem, Literarischem und klug Beobachtetem ist aber insgesamt gelungen, und gerade, wenn man selbst schon einige von Thomas Manns Texten gelesen hat, macht es Vergnügen, sie hier noch einmal ganz neu aus Weidermanns Sicht unter dem Meeresaspekt mitzubetrachten.

Volker Weidermann: Mann vom Meer. Thomas Mann und die Liebe seines Lebens. 2. Aufl. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2023, 240 Seiten.
ISBN: 978-3-4620-0231-7

 

 


Genre: Biographie, Kunst und Kultur

Schöner schimpfen auf Latein

Wer die Antike für besonders erhaben und ihre überlieferte Literatur für durchgängig anspruchsvoll hält, hat sich noch nicht mit ihrem eindrucksvollen Bestand an Schimpfwörtern und Obszönitäten befasst. Abhilfe schaffen kann da Karl-Wilhelm Weebers Schöner schimpfen auf Latein, ein handliches Büchlein, das allerdings den Rahmen über die eigentlichen Kraftausdrücke, die der Titel erwarten lässt, hinaus erweitert und auch allerlei verwandte Bereiche des Böswilligen und Unanständigen abdeckt.

Die genutzten Quellen sind dabei vielfältig: Von den Komödien des Plautus (in dessen Werk mit deglupta maena – „gehäutete Sardine“ – auch mein Favorit unter den aufgelisteten Beschimpfungen überliefert ist) über Reden Ciceros, der geradezu lustvoll Gegner zerlegt, Schleuderbleie mit Verunglimpfungen von Bürgerkriegsgegnern und Fluchtäfelchen (von denen ein auf Maultiere spezialisierter Tierarzt aus unbekannten Gründen gleich vier auf sich zog) bis hin zu Graffiti aus Pompeji sind alle möglichen Varianten schriftlich festgehaltener Äußerungen unfreundlicher Art dabei. Andere zitierte Textpassagen zielen dagegen nicht darauf ab, eine (lebende) Person direkt zu attackieren, sondern suhlen sich einfach nur in Unflat und Pornographie, ob nun Gedichte über die dauererregte Gottheit Priapus, deren Abbild mit mächtigem Glied apotropäische Wirkung zugesprochen wurde, oder ein sonderbarer Wandbildzyklus aus Ostia, der den Sieben Weisen Lehren zuschreibt, die sich auf körperliche Ausscheidungen konzentrieren. Daneben lernt man einiges Vokabular zu den entsprechenden Bereichen kennen. Harmloser, aber durchaus amüsant ist die Beobachtung, dass erstaunlich viele römische Cognomina unschmeichelhafte Eigenschaften beschreiben oder zumindest erahnen lassen.

Wie aus Karl-Wilhelm Weebers immer lesenswerten Büchern gewohnt, gelingt es dem Autor auch hier wieder gut, Kontinuitäten und Zeitloses herauszuarbeiten und mit dem zu kontrastieren, was spezifisch römisch war und hier und heute in den meisten Kontexten zum Glück in dieser Form oder doch in einem solchen Ausmaß eher unüblich ist: Die Art etwa, wie in Senatsreden in drastischer Wortwahl die angebliche sexuelle Devianz politischer Gegenspieler angeprangert wurde, würde im modernen Parlamentsbetrieb wohl für einen handfesten Skandal sorgen.

Aber nicht nur bezüglich des in bestimmten Situationen als hinnehmbar Betrachteten war manches am römischen Schmähen und Schimpfen schlicht anders gewichtet als im heutigen Deutsch: Fäkalsprache gab es zwar durchaus, aber sie kam in weitaus geringerem Maß zu Beleidigungszwecken zum Einsatz, als wir es kennen. Dagegen scheint sich an der Tendenz, unliebsame Menschen als dumm oder verrückt zu bezeichnen, in den letzten Jahrtausenden wenig geändert zu haben.

Weeber schreibt wie immer allgemeinverständlich und in Teilen umgangssprachlich, mit viel Humor und spürbarer Begeisterung für seinen Gegenstand. Charmant ist, dass sogar Grammatiktipps für die korrekte Anwendung lateinischer Schimpfwörter gegeben werden: Will man jemandem eine ganz besonders üble Beleidigung an den Kopf werfen, dann doch bitte im angemessenen Vokativ! Dank netter Details dieser Art ist der Abstieg in die Niederungen des Lateinischen und die zugehörigen menschlichen Abgründe trotz der teilweise eher unappetitlichen Themen ein großes Lesevergnügen.

Karl-Wilhelm Weeber: Schöner schimpfen auf Latein. Stuttgart, Reclam, 2022, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-15-014308-7

 

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur