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Die Katzenäugige 2: Kinder des Krieges

Das hier besprochene Buch ist Band 2 einer Reihe. Die Rezension von Band 1 ist hier zu finden.

Seit Monaten ist die Katzenäugige in der Menschenstadt gefangen. Der Priester Yanta, der sie mit einer Mischung aus Verachtung und Begehren behandelt, hat sich immer schlechter in der Gewalt, und nicht nur das sorgt dafür, dass sie endlich die Kraft findet, sich aufzulehnen. Die Herrscherin Paqari dagegen bekommt es mit dem fremden Besucher Cahal zu tun, der Menschen geschickt zu manipulieren weiß und dessen Anwesenheit stärker denn je deutlich werden lässt, dass die vordergründige Harmonie in der Stadt nur eine schöne Fassade ist. Als die Katzenäugige einen Fluchtversuch unternimmt und Paqari eingreift, führt das zu einer entscheidenden Änderung im Verhältnis der beiden jungen Frauen zueinander …

Der zweite Band von Judith C. Vogts Fantasyreihe um Die Katzenäugige schließt nahtlos an den ersten an und ist nicht als unabhängige Erzählung zu lesen. Die Kinder des Krieges sind aber eine würdige Fortsetzung des Waldes der Welt, in der sich die Geschichte ebenso spannend wie düster, oft genug auch ziemlich gewalttätig, weiter entfaltet. Immer deutlicher treten die Parallelen zwischen der Katzenäugigen und Paqari hervor, die sich trotz ihrer auf den ersten Blick so unterschiedlichen Stellung – hier die entrechtete Gefangene, dort die erhabene Herrscherin – letzten Endes in einer ähnlich hilflosen Situation befinden.

Während die Katzenäugige dem immer verstörenderen Verhalten Yantas ausgeliefert ist, wird Paqaris Autorität heimlich von mehr als nur einer Person untergraben, ganz zu schweigen davon, dass ein Mensch in der Stadt auch um ein Geheimnis weiß, das sie leicht ganz die Macht kosten könnte. Kein Wunder also, dass beide Frauen im Laufe der Handlung auf jeweils eigene Art einen Ausbruch wagen – und im Zuge dessen an (vermeintliche) Helfer geraten, die Hintergedanken haben und nicht halb so vertrauenerweckend sind, wie sie gern wirken wollen. Insbesondere der auch als Erzählerfigur in einer Rahmenhandlung fungierende und nicht notwendigerweise zur Bescheidenheit neigende Cahal spielt hier eine wichtige Rolle. Fast noch bedrohlicher ist aber insbesondere für die Katzenäugige die Erkenntnis, dass leidvolle Erfahrungen und Erlebnisse einen nicht unverändert lassen. Die Frau, die hier den Aufstand probt, ist nicht mehr dieselbe, die aus dem Wald in die Menschenwelt verschleppt worden ist, und ihr Ringen mit diesem ungewollten Wandel ist glaubhaft geschildert. Das könnte deprimierend sein, aber glücklicherweise lockert hier und da ein Anflug von trockenem Humor die Erzählung auf.

Die vom Kontrast zwischen Stadt und Wald geprägte Welt bildet weiterhin eine lebendige und eindrucksvolle Kulisse, die man nicht immer nur durch die Augen der Hauptfiguren betrachten darf. Hier sieht man sie z.B. auch aus der Perspektive der harpyienhaften Vogelkinder, von denen eines auch das Cover ziert. Apropos Cover: Diesbezüglich ist es besonders schade, dass es keine gedruckte Fassung der Katzenäugigen gibt, denn dass das zweite Cover quasi das erste fortsetzt und beide zusammen den Beginn eines Bildteppichs ergeben, wie er in der Geschichte eine wichtige Rolle spielt, würde sicher noch besser zur Geltung kommen, wenn man die Titelbilder physisch aneinanderlegen könnte. Aber so oder so ist diese Gestaltung eine nette Idee, die der Katzenäugigen einen hübschen äußeren Rahmen verleiht. Vor allem aber hat es natürlich der Text selbst in sich, und nicht nur eine finstere Vorausdeutung kurz vor dem Ende macht einen neugierig auf die folgenden Bände.

Vogt, Judith C.. Die Katzenäugige 2: Kinder des Krieges, o. O. 2021. E-Book (über Amazon zu beziehen).
ASIN: B09H9885BZ


Genre: Roman

Anarchie Déco

Im Berlin der 1920er Jahre wird ein kommunistischer Politiker tot aufgefunden. Die Umstände seines Ablebens sind nur mit einem jüngst entdeckten Phänomen zu erklären: Magie, die noch kaum erforscht ist, aber offenbar auch schon abseits der Universitätslabore erfolgreich praktiziert wird. Die Polizei braucht Unterstützung, und so steckt die junge Physikerin Nike Wehner, die sich in ihrer Dissertation mit der Magie befasst und von ihrem Doktorvater in die Rolle der Hilfskraft für den alternden Kommissar Seidel gedrängt wird, bald tief in den Ermittlungen. Mit dem zweiten Magieexperten, der Seidel zugeordnet wird, dem heimlichen Anarchisten und nicht ganz so heimlichen Teetrinker Sandor Černý, muss sie sich erst zusammenraufen. Als dann eine Vermisste versteinert aufgefunden wird und sich herausstellt, dass sich auch die aufstrebenden Nazis der Magie bedienen, droht die Situation Nike und Sandor vollends zu überfordern. Kann vielleicht die geheimnisvolle Georgette mehr ausrichten, die Sandor ihre Hilfe in Sachen Magie anträgt? Aber wem ist in einer Stadt, in der sich politische und persönliche Konflikte immer weiter zuspitzen, überhaupt noch zu trauen?

Was das Autorenduo Judith und Christian Vogt mit Anarchie Déco vorlegt, ist eine spannende und temporeiche Mischung aus Krimi und Urban-Fantasy-Abenteuer. Der Handlungsort – das Berlin der Weimarer Republik – ist dabei mehr als bloße Kulisse, auch wenn Nachtleben und großstädtischer Bauboom effektvoll geschildert werden. Vielmehr prägen politische Verwerfungen und soziale Ungleichheit die Schicksale der Figuren. Am differenziertesten ausgestaltet ist dies bei Nike, die als uneheliches Kind einer ägyptischen Mutter und eines deutschen Vaters in Armut aufgewachsen ist, aber dank ihrer Bildung – sie denkt sogar bisweilen in Physikvergleichen! – Zugang zu Akademikerkreisen hat, die ihr oft Steine in den Weg legen. Ernüchternd ist dabei die Erkenntnis, dass viele damalige Probleme wie Wohnungsnot, Bauspekulation, koloniale Raubkunst, Antisemitismus und die Diskriminierung von Frauen und Minderheiten auch hundert Jahre nach der Handlungszeit des Romans noch aktuell sind.

Ein wichtiges Thema ist in diesem Kontext das Ausloten der Geschlechtsidentität (ohne dass den Figuren dabei schon das differenzierte Vokabular der heutigen Gender Studies zur Verfügung stünde). Nike, die hinter ihrem betont unkonventionellen Auftreten einiges an Verletzlichkeit und Minderwertigkeitskomplexen versteckt, kämpft nicht nur gegen die einschränkende Frauenrolle an, sondern muss sich im Laufe des Romans auch damit auseinandersetzen, wie sie sich selbst im Spannungsfeld zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit verorten kann und möchte. Georgette, die sich im Beruf zwar als Mann präsentiert, ansonsten aber ihre weibliche Seite auslebt, ist nicht nur in Sachen Magie schon einen Schritt weiter. Obwohl der Roman also eine Lanze für Diversität und individuelle Lebensentwürfe bricht, werden nicht alle, die (noch) in Traditionen und altmodischen Überzeugungen feststecken, negativ gezeichnet: Am Beispiel von Seidel und Nikes Mutter Rabea Gamal wird deutlich, dass nicht jede Biographie die nötigen Freiräume lässt, um radikal aufzubegehren und sich frühzeitig auszuprobieren.

Vieles davon würde auch in einen reinen historischen Roman passen, zumal auch reale Personen wie Marie Curie, Lise Meitner, Albert Einstein und Albert Speer ihren Auftritt haben. Aber in das Panorama der Epoche bricht eben mit voller Wucht die Magie ein, die in Anarchie Déco nur im Zusammenwirken von Naturwissenschaft und Kunst entstehen kann und zudem jeweils männliche und weibliche Anteile erfordert. Leider ist allerdings weder in der Magie noch im Lektorat jemand aus der Romanistik mit von der Partie, sonst wäre vielleicht aufgefallen, dass die framboises im Namen eines für die Handlung wichtigen Lokals eher fraises sein sollten, um den „Erdbeeren“ der deutschen Übersetzung zu entsprechen (aber Himbeeren sind ja auch etwas Schönes). Dem Gesamteindruck tun solche Kleinigkeiten aber keinen Abbruch, zumal sie an vielen Stellen durch herrlich pointierte Formulierungen aufgewogen werden: Dass die Gegend, in der Nike lebt, „besonders exklusiv heruntergekommen“ (S. 130) ist, und die „Urangst vor Kernseife und Staubwedel“ (S. 270), die Rabea mit ihrem überkommenen Rollenverständnis Männern pauschal zuschreibt, prägen sich ein. Auf amüsanterer Ebene geht es einem auch mit den „pseudoägyptischen Kajalmassakern“ (S. 48) einer feiernden Menge so.

Das facettenreiche Buch, das so nahe an der historischen Wirklichkeit beginnt, ist am Ende nicht zuletzt aufgrund der prononcierten Fantasyelemente, die in einem bombastischen Finale kulminieren, auf einem ganz anderen Weg. Dementsprechend bieten sich zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine mögliche Fortsetzung. Aber auch als Einzelroman liest sich die wilde Reise durch ein alternatives Berlin flott und packend weg und ist allein schon aufgrund des oft von bissigem Humor geprägten Erzählstils bemerkenswert.

Judith und Christian Vogt: Anarchie Déco. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, 2021, 480 Seiten.
ISBN: 978-3-596-00221-4


Genre: Roman

Die Katzenäugige 1: Der Wald der Welt

Von einem Luchsweibchen großgezogen, lebt ein Mädchen mit Katzenaugen in einem Wald, der eine isoliert gelegene Stadt umschließt. Als deren junge Herrscherin Paqari, um sich zu beweisen, auf die Jagd geht, kostet das die Luchstochter nicht nur ihre Mutter, sondern auch die Freiheit. Der Arzt und Priester Yanta nimmt sich ihrer nicht ganz uneigennützig an. Obwohl sie mit seiner Hilfe die Menschen zumindest sprachlich verstehen lernt, scheint ihre Lage erst einmal ausweglos. Doch so leicht gibt die Luchstochter nicht auf, und als sie auf einen Bildteppich stößt, der eine besondere Geschichte erzählt, eröffnet sich ihr eine neue Sicht auf die Dinge …

Die Katzenäugige 1: Der Wald der Welt von Judith C. Vogt ist der Auftakt einer neuen Fantasyreihe. Trotz seiner Kürze hat das düstere, atmosphärische Buch viel Inhalt zu bieten und besticht vor allen Dingen durch seinen originellen Weltenbau, der mittel- und südamerikanische Inspirationen nicht verleugnen kann (so gibt es etwa einen Jaguar, eine Knotenschrift und einen lichtzentrierten Opferkult). Dieser nuanciert ausgemalten Zivilisation steht der magisch aufgeladene Wald gegenüber, der neben einer ganz eigenen Kultur seiner Wesen auch einen Schmetterling, der es in sich hat, und manch weitere Rätsel zu bieten hat. Der Konflikt zwischen Stadt und Wald ist dabei mit interessanten Zwischentönen geschildert, denn es erweist sich, dass auch Menschen, die selbst schon mit Völkermord und – so kann man vermuten – Eroberung konfrontiert waren, daraus nicht unbedingt lernen, ihren Umgang mit der Natur nicht als gnadenlose Kolonisierung zu gestalten.

Ungeachtet dieses beständig mitschwingenden Hintergrundthemas erscheint der Roman zunächst primär wie eine mit Kontrasten und Parallelen arbeitende Erzählung um zwei junge Frauen, die sich bei aller Verschiedenheit in einer ähnlichen Situation befinden: Beide müssen mit dem plötzlichen Tod ihrer jeweiligen Mutter und weiteren Verlusten zurechtkommen und sind gezwungen, sich in einem Spannungsfeld aus Macht und Hilflosigkeit zu behaupten, das ihre Handlungsmöglichkeiten beschränkt. Zudem zwingt ihre Andersartigkeit – im einen Fall der Herkunft aus dem Wald, im anderen der übermenschlich aufgeladenen Herrscherrolle geschuldet – die Luchstochter wie Paqari, mit Furcht und Zurückscheuen ihrer Umgebung zurechtzukommen. Für die Folgebände deuten sich allerdings epischere Entwicklungen an, bei denen auch noch ein geheimnisvoller Reisender eine Rolle spielt, der die Isolation der Stadt durchbricht und das begrenzte Figurenensemble erweitert.

Das alles ist oft blutig und brutal, manchmal aber auch ungeahnt humorvoll erzählt, immer aber intensiv, wozu auch die ungewohnten Schilderungen aus der Perspektive der Luchstochter beitragen, für die z.B. der Geruchssinn eine weit größere Rolle spielt als für den Durchschnittsmenschen.

Die durchdachte Sprache des Romans verrät viel Spaß an poetischen Wendungen und vor allem auch an bedeutsamen Antonomasien. Zudem gibt es eine Besonderheit: Die Katzenäugige wird explizit damit beworben, in geschlechtergerechter Sprache verfasst zu sein. Das wird all diejenigen freuen, die sich in diesem Bereich Veränderungen wünschen. Aber auch wer (wie die Rezensentin) mit dem generischen Maskulinum gut leben kann, wird hier nicht über sperrige Konstruktionen stolpern. Judith C. Vogt macht vor, wie ein geschicktes, einem literarischen Werk angemessenes Gendern, das den Lesefluss nicht hemmt, aussehen kann.

Bedauerlich ist nur, dass dieser erste Teil schon endet, kaum dass die Figuren einem vertraut geworden sind. Die spannenden Wendungen kurz vor Schluss lassen einen wünschen, gleich weiterlesen zu können, statt schon am Ende des Buchs angelangt zu sein. Aber vielleicht erscheint ja in nicht allzu ferner Zukunft der nächste Band und lässt einen wieder in abenteuerliche Geschehnisse in Stadt und Wald eintauchen …

Vogt, Judith C.. Die Katzenäugige 1: Der Wald der Welt, o. O. 2021. E-Book (über Amazon und Judith C. Vogts Website zu beziehen).
ASIN: B096SLXM5H


Genre: Roman