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Ritterburgen. Bauwerk, Herrschaft, Kultur

Kaum ein Gebäudetyp steht im allgemeinen Bewusstsein so sehr für das Mittelalter schlechthin wie die Burg. Schon begrifflich oft eng mit dem Rittertum verbunden, ist sie mit zahlreichen Assoziationen verknüpft, von denen mach eine jedoch mehr mit Idealisierungen und Schauermärchen des 19. und 20. Jahrhunderts zu tun hat als mit der historischen Realität. Dementsprechend leitet Joachim Zeune seine aufschlussreiche Darstellung, deren geographischer Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Raum liegt, auch mit der heutigen Mittelalterrezeption ein und ist in der Folge bemüht, die tatsächlichen Burgen vom Ballast aller Mythen und veralteten Theorien zu befreien.
Kritik übt er vor allem an der weitverbreiteten Vorstellung von einem primär blutigen und düsteren Mittelalter, die dazu verführt, in der Burg ausschließlich einen Wehrbau zu sehen und ihre politischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt auch repräsentativen Funktionen zu vernachlässigen. Fehden und Belagerungen regten zwar die Phantasie der Nachwelt besonders an, waren aber nicht der Normalzustand. Im Vordergrund standen bei der Auswahl des Bauplatzes und der architektonischen Gestaltung daher häufig nicht militärische Kriterien, sondern der Wunsch nach einer optischen Machtdemonstration. Auch das Ende einer Burg war meist nicht kriegerischen Einwirkungen geschuldet, sondern Unglücksfällen wie etwa Bränden oder Erdbeben. Doch selbst wenn es nicht gar so dramatisch kam, waren immer wieder Instandsetzungsarbeiten oder Umbauten erforderlich.
Diese Passagen, in denen es um die Burg als Bauwerk geht, gehören zu den besten von Zeunes Buch: Minutiös wird anhand erhaltener Burgen bzw. Burgruinen, aber auch mithilfe zeitgenössischer Bild- und Schriftquellen nachgezeichnet, was an Zeit, Material, Geräten und Aufwand nötig war, um die verschiedensten Burgenformen zu errichten und zu erhalten. Auch der Aussagewert moderner Burgenbauprojekte (das bekannteste dürfte wohl Guédelon sein) erfährt in diesem Kontext eine kritische Würdigung.
Darüber hinaus wird deutlich, dass nicht nur Katastrophen aller Art und Gleichgültigkeit für Burgen verhängnisvoll werden können, sondern auch die falschverstandene Liebe zu ihnen. Von Wiederaufbauten des 19. Jahrhunderts, die historisch Gewachsenes zerstörten, über unreflektierte Denkmalschutzmaßnahmen (bei denen z.B. moderne Materialien in Wechselwirkung mit den historischen ungeahnte Schäden verursachen) bis hin zu fragwürdigen Nutzungs- und Tourismuskonzepten werden viele Spielarten eines gutgemeinten, aber verfehlten Umgangs mit Burgen angeprangert. Naturgemäß spielt auch hier das verzerrte Mittelalterbild späterer Epochen immer wieder eine Rolle, und es ist Zeune hoch anzurechnen, dass er bei allem Unmut über die problematischen Aspekte dieser oft naiven Rückschau Verständnis für den ihr zugrundeliegenden Eskapismus aufbringt.
So haben die Ritterburgen unbestreitbar viel Gutes und Lesenswertes zu bieten. Ein Wermutstropfen nicht nur aus germanistischer Sicht ist allerdings, dass Zeune abseits seines Kerngebiets einige Fehler unterlaufen. Bisweilen sind das nur kleinere Versehen, die das Lektorat hätte ausmerzen können, sei es nun, dass Hartmann von Aue auch als „Hartmut von Aue“ erscheint und ebenso wie einige andere mittelalterliche Dichter konsequent das Genitiv-S an der falschen Stelle (nach dem Beinamen) verpasst bekommt oder dass Goethes Theaterstück Götz von Berlichingen als einer der „frühen Ritterromane“ kategorisiert wird. Teilweise werden aber auch veraltete Forschungsmeinungen perpetuiert, so etwa die Annahme, ein voll ausgeprägtes Lehnswesen habe schon seit der Karolingerzeit bestanden (zur Kritik an dieser überkommenen Sicht siehe etwa Steffen Patzold, Das Lehnswesen, ISBN: 978-3406632358).
Daneben finden sich auch einige Thesen, die erstaunlich wirken und bei denen man sich wünscht, Zeune hätte angeführt, worauf sie fußen. Wenn er z.B. die Aussage trifft, „dass es im Mittelater ungleich mehr Linkshänder gab als heute“, wüsste man gern, auf welchen Statistiken dieses Pauschalurteil beruht. Zwar gibt es durchaus diesbezügliche Studien an Skeletten wie denen aus der berühmten englischen Wüstung Wharram Percy, doch kranken Vergleiche mit modernen Populationen daran, dass bei Letzteren Links- oder Rechtshändigkeit oft an der nicht immer freiwillig gewählten Schreibhand festgemacht wird, während der tatsächliche Linkshänderanteil bei Ermittlung z.B. durch Geschicklichkeitstests höher liegt und sich nicht signifikant von den mittelalterlichen Werten unterscheidet.
Mit Burgenbau und -symbolik hat all das zwar nur am Rande zu tun, aber wenn ein Autor explizit antritt, um die „zwölf schlimmsten Irrtümer über Burgen“ zu korrigieren, stechen einem die Missverständnisse, denen er selbst erliegt, natürlich besonders stark ins Auge.
Dementsprechend zwiespältig fällt das Urteil über die Ritterburgen am Ende aus. Wer vor allem an den ersten beiden im Untertitel aufgezählten Aspekten, Bauwerk und Herrschaft, interessiert ist, erhält hier eine Fülle von überzeugenden Informationen und wird Burgen künftig mit anderen Augen betrachten. Im Bereich Kultur dagegen wäre größere Gründlichkeit wünschenswert gewesen, denn hier bleibt der Leser im schlimmsten Fall mit einigen Fehlschlüssen, im besten dagegen mit mehr Fragen als Antworten zurück.

Joachim Zeune: Ritterburgen. Bauwerk, Herrschaft, Kultur. München, C.H. Beck, 2015, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406660917


Genre: Geschichte

Die römische Kaiserzeit. Die Legionen und das Imperium

Die Legionen und das Imperium – mit diesem Untertitel versieht Armin Eich seine Geschichte der römischen Kaiserzeit vom Prinzipat des Augustus bis zur Reichskrise des 3. Jahrhunderts und benennt damit das in seinen Augen Prägende der Epoche: Damit ein einzelner Mensch die Macht im zuvor oligarchisch-republikanisch geprägten römischen Staat behaupten konnte, war er zwingend auf die Unterstützung des Militärs angewiesen. Da die Stellung des „Kaisers“ (ein Begriff, den Eich in diesem Kontext als Anachronismus entlarvt) nie eine formalrechtliche Absicherung erfuhr, sondern wenigstens in der Theorie immer irregulär und durch fiktive Notstände gerechtfertigt blieb, konnten sich weder eine von der militärischen Tüchtigkeit unabhängige Machtlegitimation noch eine rein dynastische Nachfolgeregelung entwickeln. Infolgedessen behielten die Soldaten, insbesondere auch die Prätorianer als Eliteeinheit, über Jahrhunderte hinweg ihre Rolle als Kaisermacher. Sich die Legionen durch finanzielle Zuwendungen, durch die Selbststilisierung zum erfolgreichen Feldherrn und nicht zuletzt auch durch Beschäftigung und Beute verheißende Eroberungskriege gewogen zu halten, war daher für so gut wie alle römischen Kaisern unverzichtbar.
Dieses Fundament der Herrschaft stellte jedoch zugleich ihre größte Gefährdung dar, und das nicht etwa nur, weil ein Kaiser, der die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllte, sich sehr schnell durch einen den Truppen genehmeren Usurpator verdrängt finden konnte. Vielmehr waren der Unterhalt der für antike Verhältnisse riesigen Berufsarmee und vor allem die zahlreichen kostspieligen Feldzüge ein Verlustgeschäft. Wie ein roter Faden ziehen sich daher die aus überhöhten Militärausgaben resultierenden Finanzprobleme durch Eichs Darstellung, die dank ihrer Synthese von biographischen Skizzen der einzelnen Kaiser mit zeitübergreifend thematisch ausgerichteten Abschnitten die Ereignisgeschichte gut in ihren gesellschaftlichen und kulturellen Kontext einbettet.
Deutlich wird dabei vor allem, dass selbst relative Friedensphasen unter um Konsolidierung bemühten Kaisern (wie etwa Antoninus Pius) nur sehr bedingt als „goldenes Zeitalter“ gelten können, da gravierende soziale Probleme regelmäßig ungelöst blieben und neben den ohnehin entrechteten und Willkürakten ausgesetzten Sklaven auch weite Teile der freien Unterschicht ein recht perspektivloses Dasein führten, aus dem allenfalls die Verpflichtung zur Armee einen Ausweg versprach.
Als positiven Gegenentwurf zu diesem von Ungleichheit und Gewaltakten geprägten Tableau versucht Eich das entstehende Christentum zu zeigen, das als „pazifistisches Netzwerk“ zu einer Art unpolitischem Staat im Staate herangereift sei und nicht nur durch die Einbeziehung Marginalisierter, sondern auch im Kontrast zur untrennbar mit Eroberung und Unterdrückung assoziierten römischen Religion mit ihrem von den Herrschenden aufoktroyierten Kaiserkult stetig an Attraktivität gewonnen habe.
Hier stellt sich dann doch die Frage, ob Eich nicht zu sehr aus der Rückschau argumentiert und in Kenntnis der historischen Entwicklung das Christentum schon etwas zu früh als zwangsläufiges Erfolgsmodell betrachtet, denn gerade in der neueren Forschung mehren sich Stimmen, die durchaus anzweifeln, dass an der flächendeckenden Christianisierung kein Weg vorbeigeführt hätte (siehe etwa die ebenfalls in diesem Blog besprochenen Werke von Eberhard Sauer und Rene Pfeilschifter).
Den entscheidenden Faktor für die Destabilisierung des römischen Reichs, das im 3. Jahrhundert aus der Rolle der expandierenden Hegemonialmacht in die permanente Defensive gedrängt wurde, sieht allerdings auch Eich nicht im Erstarken des Christentums, sondern im durch die sogenannte Antoninische Pest (ohne dass dieses Stichwort je fallen würde) in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts ausgelösten demographischen Einbruch innerhalb des Imperiums, dem zeitgleich ein massives Bevölkerungswachstum im Barbaricum gegenübergestanden habe. Allerdings räumt der Autor selbst ein, dass diese Theorie spekulative Elemente hat, da sich mithilfe der Siedlungsarchäologie allenfalls punktuell Belege dafür finden lassen und verlässliche Statistiken fehlen.
An manch einer Stelle möchte man Die römische Kaiserzeit daher mit einem Fragezeichen versehen und eher als Gedankenanstoß denn als definitive Interpretation eines vielschichtigen Zeitalters betrachten. Aufgrund von Eichs pointierten Formulierungen und seiner Fähigkeit, selbst komplizierte Zusammenhänge allgemeinverständlich zu umreißen, bleibt das lohnende Sachbuch jedoch auch dann ein Lesegenuss, wenn es gerade zu Widerspruch reizt.

Armin Eich: Die römische Kaiserzeit. Die Legionen und das Imperium. München, C.H. Beck, 2014, 304 Seiten.
ISBN: 978-3406660122


Genre: Geschichte

Villa rustica. Leben und Arbeiten auf römischen Landgütern

Die römische Zivilisation wird oft primär als städtisch wahrgenommen. Der Stadtstaat als zentrale politische Organisationsform trägt dazu sicher ebenso bei wie die Tatsache, dass in kontinuierlich seit der Antike besiedelten Städten Straßenverlauf und partiell oder vollständig erhaltene Bauwerke zur Bewahrung der Erinnerung über die Jahrhunderte hinweg beitragen konnten. Doch ein Großteil der Bevölkerung des römischen Reichs lebte auf dem Land. Eine prächtig bebilderte, insbesondere an der landwirtschaftlichen Technik interessierte Einführung in diesen Aspekt der Römerzeit bietet Ursula Heimbergs Villa rustica. Leben und Arbeiten auf römischen Landgütern.
Der Untertitel weckt dabei in zweierlei Hinsicht etwas zu weitgespannte Erwartungen, denn zum einen geht es nicht um die gesamte römische Welt, sondern schwerpunktmäßig um die germanischen und gallischen Provinzen; zum anderen steht von den angesprochenen Bereichen „Leben“ und „Arbeiten“ eindeutig letzterer im Vordergrund. Über die Wohnverhältnisse im ländlichen Raum wird nur relativ knapp informiert, und über die Sozialstruktur erfährt man neben einigen Hinweisen zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung eigentlich nur, dass in den nördlichen Gebieten des römischen Reichs anders als im Mittelmeerraum keine großen, von zahlreichen Sklaven bewirtschafteten Latifundien, sondern kleine bis mittlere Familienbetriebe vorherrschten, die von Angestellten, Pächtern und Tagelöhnern unterstützt wurden. Wie familiäre Beziehungen, individuelle Lebensläufe oder auch nur typische Tage auf einem römischen Landgut sich gestaltet haben mögen, bleibt dagegen größtenteils der Phantasie des Lesers überlassen. Selbst den Nutztieren ist nur ein recht kurzer Abschnitt gewidmet.
Eine wahre Schatztruhe dagegen ist das Buch im Hinblick auf alles, was sich mithilfe von archäologischen Funden, Bildquellen und Texten römischer Schriftsteller (wie Cato, Varro oder Columella) über Gerätschaften und Vorgehensweisen bei Acker-, Wein- und Gartenbau rekonstruieren lässt. Ob Brunnen oder Kornspeicher, Weinpresse oder Sichel, Wassermühle oder gallische Erntemaschine, die materielle Kultur römischer Landwirtschaft wird äußerst detailfreudig und liebevoll beschrieben und dank der glänzenden Illustrationen auch wirklich sichtbar gemacht. Antike Darstellungen (so etwa die auf dem Titelbild gezeigten Mosaiken mit landwirtschaftlichen Tätigkeiten) wechseln mit Fotos archäologischer Funde und schematischen Zeichnungen ab, wobei die einzelnen Bildkategorien sich oft gegenseitig ergänzen und gerade in der Zusammenschau aufschlussreich sind.
Im Zuge ihrer gründlichen Untersuchung römischer Geräte und Techniken räumt Heimberg auch mit zahlreichen Vorurteilen auf, so etwa mit dem, die antike Landwirtschaft sei rein auf Sklavenarbeit gegründet und deshalb innovationsresistent gewesen, oder mit der immer wieder zu lesenden Forschungsmeinung, Pferde wären aufgrund einer ungünstigen Schirrung nur eingeschränkt als Zugtiere einzusetzen gewesen (ein Fehlurteil, das mittlerweile experimentell widerlegt wurde). Besonders zentral ist in diesem Kontext auch Heimbergs Feststellung, dass der oft postulierte Bruch zwischen antiker und mittelalterlicher Landwirtschaft so nicht gegeben war, sondern durchaus Kontinuitäten von der römischen Zeit bis ins 19. Jahrhundert aufzuzeigen sind, in dem mit der Industrialisierung neue technische Möglichkeiten erschlossen wurden. Unter dieser Perspektive verweist Villa rustica über die römische Epoche hinaus auf das vormoderne Landleben allgemein.

Ursula Heimberg: Villa rustica. Leben und Arbeiten auf römischen Landgütern. Darmstadt/Mainz, Philipp von Zabern (WBG), 2011, 176 Seiten.
ISBN: 978-3805343183


Genre: Geschichte

Die Spätantike. Der eine Gott und die vielen Herrscher

Über den Untergang des (west-)römischen Reichs und seine Ursachen sind im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Theorien entwickelt worden. Rene Pfeilschifter vertritt diesbezüglich eine eindeutige Meinung. Zwar betont er im Gefolge der jüngeren englischsprachigen Forschung (Peter Heather, Bryan Ward-Perkins) den gewaltsamen Charakter des Umbruchs, der durch Angriffe von außen bewirkt wurde, sieht aber den eigentlichen Grund dafür, dass Rom sich dagegen nicht erfolgreich zur Wehr setzen konnte, in der Reichsteilung, die den stärker bedrohten und strukturschwächeren Westen die Ressourcen des Ostens kostete, der sich entsprechend länger zu halten vermochte.
Deshalb betrachtet er als Hauptcharakteristikum der Epoche neben dem Erstarken des Christentums (dem der eine Gott des Untertitels Rechnung trägt) die vielen Herrscher. Vor diesem Hintergrund erzählt er die historische Entwicklung von der Machtübernahme Diokletians im Jahre 284 bis zur Entstehung des Islam, die er als eigentlichen Endpunkt der Antike sieht, vor allem als Kaisergeschichte und stellt die Gestaltungsmöglichkeiten des mächtigen Einzelnen und ihre weitreichenden Konsequenzen heraus. Der Weg in die Tetrarchie, die den ersten Schritt zum Auseinanderbrechen des Reichs bildete, und zur Christianisierung erscheint unter dieser Perspektive nicht vorgezeichnet und unvermeidlich, sondern in hohem Maße als Produkt der Entschlüsse herausgehobener Individuen und nicht zuletzt auch bloßer Zufälle (wie etwa des unerwarteten Todes wichtiger Entscheidungsträger, an deren Stelle anders ausgerichtete Nachfolger traten).
Diese Sichtweise schlägt sich auch in der Bewertung nieder, die Pfeilschifter seinen Protagonisten angedeihen lässt: Oft ist sie etwas gegen den Strich des konventionellen historischen Urteils gebürstet. So schildert er den sonst als Christenverfolger und schlechten Wirtschaftspolitiker vielgescholtenen Diokletian sowie Julian Apostata, dessen Versuch einer Rückwendung zum Heidentum er durchaus Erfolgsaussichten einräumt, in recht positivem Licht als weitsichtige und nicht unrealistische Politiker, deren letztendliches Scheitern nicht zwangsläufig war. Umgekehrt werden gemeinhin populäre Figuren wie Konstantin der Große und Justinian zwar als einflussreich für den Lauf der Geschichte gewürdigt, aber beileibe nicht zu visionären Lichtgestalten verklärt.
Trotz dieses Blicks überwiegend von oben ist durchgängig Pfeilschifters Bemühen spürbar, seinen Lesern die Spätantike nahezubringen und nachvollziehbar zu machen, was bestimmte historische Vorgänge für die Betroffenen bedeuteten. Gelegentlich gelingt ihm dies sehr sensibel, wenn er etwa anmahnt, sich vorzustellen, welch entsetzliches Leid ein doch recht abstrakter Begriff wie „Plünderung“ eigentlich umschreibt.
In sprachlicher Hinsicht erscheint sein Feingefühl dagegen nicht ganz so treffsicher wie in menschlicher, denn hier und da gleitet sein Bemühen, durch Vergleiche aus der Moderne historische Sachverhalte begreiflich zu machen, in unfreiwillige Komik ab, ob nun ein zeitgenössischer Kritiker von Diokletian „das Bild eines antiken Dagobert Duck“ zeichnet oder Konstantins Aufstieg zum Kaisertum lapidar mit dem inhaltlich sicher nicht ganz falschen, von der Formulierung her aber gewöhnungsbedürftigen Satz zusammengefasst wird, dass sich „der gerissenste Gangster durchgesetzt hatte“. Allerdings können solche Anachronismen bisweilen durchaus zum Verständnis beitragen, wenn z.B. ein in Konstantinopel berühmter Wagenlenker als „ein Lionel Messi des Hippodroms“ geschildert wird – hier wirkt die Parallele überzeugend genug, um nicht gleich zum Schmunzeln zu reizen.
Mit der gewissen Vereinfachung, die darin liegt, muss man sich auch insgesamt abfinden, denn an einigen Stellen rafft Pfeilschifter stark und konzentriert sich auf die großen Entwicklungslinien, so dass manches glatter und übersichtlicher erscheint, als es wohl in der Realität war.
Daher wird man hier vor allem fündig, wenn man ein klares, zeitweise plakatives Bild der Spätantike sucht, das mit einigen originellen Deutungsansätzen aufzuwarten weiß. Leser, denen es eher um einen detaillierten, auch vor Widersprüchen und komplizierten Verwicklungen nicht zurückscheuenden Einstieg in die Epoche geht, sind dagegen mit dem im selben Verlag erschienenen Standardwerk von Alexander Demandt (Geschichte der Spätantike, ISBN: 978-3406572418) besser beraten.

Rene Pfeilschifter: Die Spätantike. Der eine Gott und die vielen Herrscher. München, C.H. Beck, 2014, 304 Seiten.
ISBN: 978-3406660146


Genre: Geschichte

Grenzenlose Gaumenfreuden. Römische Küche in einer germanischen Provinz

Beim Stichwort „Römische Küche“ stehen einem schnell Bilder von zügellosen Gelagen nach dem Muster von Petronius‘ Gastmahl des Trimalchio vor Augen, von wüsten Exzessen und für den heutigen Geschmack eher exotisch wirkenden Speisen.
Solche Extravaganzen spielen jedoch bei Tünde Kaszab-Olschweski und Jutta Meurers-Balke allenfalls ganz am Rande eine Rolle; der Archäologin, der Archäobotanikerin und ihren zahlreichen Mitstreitern geht es vielmehr darum, den weit weniger glamourösen kulinarischen Alltag in der römischen Provinz Germania Inferior und vor allem in ihrem Hauptort, dem späteren Köln, fassbar zu machen. Bei aller Betonung der zeitlichen Distanz und der Fremdheit bestimmter Aspekte römischer Ernährung und Tischkultur ist dabei die Zielrichtung erkennbar, Kontinuitäten bis in die Gegenwart aufzuzeigen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass manch eine vertraute Obst-, Gemüse- oder Kräutersorte hierzulande erst von den Römern eingeführt wurde. Dabei ist ein breites Publikum angesprochen, was sich auch im Bemühen um übertrieben launige Überschriften niederschlägt. Doch von Titeln wie Die Kölner Ährengarde oder Der letzte Broiler – Hühnchen in römischen Gräbern sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn die eigentlichen Sachtexte sind nicht so krampfhaft auf Humor gebürstet und vermitteln durchaus seriöse Informationen.
Nach einer Einführung, die nicht nur die Region und ihre römerzeitliche Bevölkerungsstruktur kurz vorstellt, sondern auch leicht verständlich mit den verschiedenen Quellengattungen vertraut macht und die römische Esskultur allgemein skizziert, werden zunächst Orte des Essens untersucht, zu denen neben Speisezimmern und Küchen mit ihrem jeweiligen Inventar auch Vorratskeller und Speicherbauten zählen.
Der daran anschließende Löwenanteil des Buchs ist den Lebensmitteln selbst gewidmet, von in der Gegend angebauten Grundnahrungsmitteln wie Getreide oder Gemüse bis hin zu von weither eingeführten Produkten wie Datteln oder Austern. Deutlich wird hier vor allem, dass archäologische Funde zur Rekonstruktion der Ess- und Trinkgewohnheiten unverzichtbar sind, ist doch nicht immer klar, welche Speisen genau in den Schriftquellen mit bestimmten Begriffen bezeichnet werden. Das gilt nicht nur für das mysteriöse, schon im 1. Jahrhundert n. Chr. ausgestorbene Silphium, das Paradebeispiel für einen zu Spekulationen einladenden Pflanzennamen. Auch andere Ausdrücke sind für uns heute nicht mehr mühelos verständlich, weil sich ihre Bedeutung verengt oder verschoben hat (z.B. konnte asparagus nicht nur den Spargel bezeichnen, sondern auch die Triebe anderer Pflanzensorten, und für das in den einschlägigen Wörterbüchern mit Feldsalat gleichgesetzte siser werden hier als Alternativen auch Pastinaken und Zuckerwurz diskutiert). Der Nachweis, was tatsächlich um das römische Köln herum angebaut oder eingelagert wurde, kann in solchen Fällen zur Klärung beitragen, aber nicht alle Zweifel ausräumen.
Denn auch die Interpretation archäologischer Funde ist nicht ohne Tücken, wie Günther E. Thürys spannender Beitrag zu römischen Feuerstellen und Herden beweist: Funktion und Bedienung erhaltener Gerätschaften erschließen sich oft erst mithilfe von zeitgenössischem Schilderungen oder Bildern (die hier dazu herangezogen werden, zu belegen, dass die Römer nicht etwa nur offene Feuerstellen, sondern auch schon von unten zu befeuernde Herde kannten). Hinzu kommt, dass zwar Samen, verkohlte Pflanzenreste, Knochen von Schlachtvieh, Lagerbehältnisse, Koch- und Essgeschirr davon zeugen, welche Zutaten vorhanden waren, wie man sie aufbewahrte und mit welchen Hilfsmitteln man sie zubereitete und servierte, die Speisen selbst aber natürlich in aller Regel nicht erhalten sind.
Überlieferte Rezepte (vor allem aus dem berühmten Kochbuch des Apicius), die, erfreulicherweise immer zweisprachig, in Kästen in den Text eingestreut sind, schaffen hier Abhilfe, daneben aber auch Artikel über experimentalarchäologische Versuche (so etwa der von Wolfgang Gaitzsch über Käseherstellung nach antiken Rezepten in nachgebauten Formen). Besonders in diesem Kontext ist man dankbar für die reiche Bebilderung des Buchs mit Fotos und Zeichnungen, auf denen neben archäologischen Funden und modernen Rekonstruktionen nicht zuletzt auch die Nahrungsmittel selbst (insbesondere verschiedene Pflanzen) schön präsentiert werden.
Nicht nur aufgrund dieser visuellen Erfahrung bleibt man am Ende mit dem Eindruck zurück, dass hier eine recht unmittelbarere Annäherung an einen wichtigen Teilbereich der römischen Lebenswirklichkeit geglückt ist. Essen war und ist eben nicht nur notwendige Erfahrung für alle Menschen in jeder historischen Epoche, sondern, wie der kurze Ausklang aufzeigt, zugleich ein Bereich der materiellen Kultur, in dem bei allen Veränderungen bestimmte Grundkonstanten sehr beharrlich sein können. So machen die Grenzenlosen Gaumenfreuden besser als jedes ereignishistorische Buch deutlich, wie sehr für jeden Einzelnen von uns auch für selbstverständlich Gehaltenes und Alltägliches von Weichenstellungen in der Vergangenheit abhängt.

Jutta Meurers-Balke, Tünde Kaszab-Olschewski (Hrsg.): Grenzenlose Gaumenfreuden. Römische Küche in einer germanischen Provinz. Mainz, Philipp von Zabern, 2010, 168 Seiten.
ISBN: 978-3805342414


Genre: Geschichte

Die römische Republik. Forum und Expansion

Über das republikanische Rom ist so viel geschrieben worden, dass die Frage berechtigt erscheint, ob eine Überblicksdarstellung dem Thema überhaupt noch neue Aspekte abgewinnen kann. Wolfgang Blösel gelingt dieses Kunststück in Die römische Republik. Forum und Expansion. In dem kompakten Werk bringt er den Spagat fertig, einerseits eine sehr solide und allgemeinverständliche Einführung in die Epoche zu liefern, andererseits aber durchaus originelle Interpretationen vorzuschlagen.
Anders als der dem Archaischen Griechenland gewidmete Beitrag der Reihe C.H. Beck Geschichte der Antike mit seinem sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Schwerpunkt bietet der Band zur römischen Republik eine streng chronologisch geordnete Ereignis- und Verfassungsgeschichte, die sich von der Königszeit bis zum Beginn der Kaiserzeit spannt und vor allem auf die Gesellschaftsschicht der Nobilität fokussiert ist.
Diese, so Blösels zentrale These, hätte durch ihr Ethos, das von frühesten Zeiten an Kriegsruhm als zentralen Gradmesser des Ansehens festsetzte, einerseits die Entstehung des römischen Weltreichs und die im Titel beschworene fortwährende Expansion gefördert, da sich der einzelne Politiker nur durch Eroberungen profilieren und damit dauerhaften Einfluss auf dem heimatlichen Forum sichern konnte. Das Festhalten an der Überhöhung des Militärischen sei aber in dem Moment fatal geworden, als große Teile der Führungsschicht die Lust daran verloren, sich persönlich kriegerisch zu betätigen, da sich so eine kleine Zahl talentierter Feldherren eine Machtbasis schaffen konnte, die das der Republik zugrundeliegende System einer meritokratischen Oligarchie sprengte und in die Monarchie einmünden musste.
Beim Nachzeichnen dieser jahrhundertelangen Entwicklungslinien spart Blösel nicht mit Kritik an der Tendenz vieler moderner Historiker, seit langem etablierte Forschungsmeinungen insbesondere dann unkritisch zu übernehmen, wenn sie von Größen des Fachs wie z.B. Theodor Mommsen stammen. Seiner Ansicht nach stützen die Quellen bei unvoreingenommener Betrachtung einige vermeintliche Tatsachen gar nicht, so etwa die regelhafte Übernahme einer Provinzstatthalterschaft durch ehemalige Prätoren und Konsuln – in Wirklichkeit entzog sich wohl manch einer der lästigen Pflicht, vor allem, wenn kein finanzieller Gewinn zu erwarten war. Blösel lehnt auch die weitverbreitete Deutung ab, im Bundesgenossenkrieg (91-89 v. Chr.) sei es den socii der Römer um die Erstreitung des römischen Bürgerrechts gegangen. In dessen Verleihung an die unterlegenen Bundesgenossen sieht er vielmehr einen geschickten Schachzug, um die Eigenidentität der italischen Bevölkerungsgruppen auszuhöhlen, denen es im Krieg um ihre Unabhängigkeit von der Hegemonialmacht Rom gegangen sei.
Neben einem frischen Blick auf die antiken Geschichtsschreiber zieht Blösel zur Untermauerung seiner Argumentation immer wieder auch in Fotos oder Umzeichnungen wiedergegebene Bildquellen heran. Zumeist handelt es sich um Münzen, eines der Propagandamittel der Antike schlechthin, doch bisweilen sind auch Grabmalereien ungeahnt aufschlussreich, so etwa die aus der etruskischen Tomba François (4. Jh. v. Chr.) aus Vulci, auf denen unter anderem ein Konflikt zwischen Etruskern und Römern dargestellt ist, der sich mit Informationen aus viel späteren Schriftquellen in Verbindung bringen lässt.
Vieles davon überrascht – und überzeugt dennoch. Doch so klar und bestechend einfach, wie alles zunächst einmal wirken mag, ist es letzten Endes nicht, denn leider haben sich auch einige missverständliche Aussagen eingeschlichen. Wenn etwa von „M. Antonius‘ Bruder Lucius (…) und dessen Frau Fulvia“ die Rede ist, könnte das zu dem Fehlschluss führen, Fulvia sei mit Lucius und nicht – wie es historisch tatsächlich der Fall war – mit Marcus Antonius verheiratet gewesen. Auch die Feststellung, der junge Caesar sei, obwohl er Anhänger des Marius war, „von Sulla verschont worden“, ist zwar formal richtig, verleitet aber in ihrer extremen Verkürzung zu der trügerischen Annahme, es habe keinerlei Konflikt zwischen Sulla und Caesar gegeben. Dass Letzterer unter Sulla zunächst durch seine Weigerung, sich von seiner damaligen Frau Cornelia, der Tochter Cinnas, scheiden zu lassen, in eine überaus heikle Lage geriet, lässt sich aus Blösels Darstellung jedenfalls nicht erschließen.
Am Ende überwiegt dennoch der positive Eindruck, wenn auch mit kleinen Einschränkungen. Wolfgang Blösel ist ein Buch gelungen, das informativ ist und mahnt, sicher geglaubte Fakten mit offenen Augen zu hinterfragen, einen aber zugleich zwingt, solch eine aufmerksame Haltung auch dieser Lektüre selbst gegenüber nicht zu vergessen.

Wolfgang Blösel: Die römische Republik. Forum und Expansion. München, C.H. Beck, 2015, 304 Seiten.
ISBN: 978-3406674136


Genre: Geschichte

The Archaeology of Religious Hatred in the Roman and Early Medieval World

In den letzten Monaten häufen sich Berichte über religiös motivierte Zerstörungen von Kunstwerken und historischen Gebäuden im Nahen Osten. Dass dieses Phänomen weder neu noch auf die islamische Kultur beschränkt ist, belegt eindrucksvoll Eberhard Sauers The Archaeology of Religious Hatred in the Roman and Early Medieval World.
Eine Betrachtung von Spätantike und Frühmittelalter unter einem solchen Blickwinkel ist gerade deshalb hochinteressant, weil diese Epoche kaum jemals als Paradebeispiel für religiöse Verblendung im Christentum angeführt wird. Schattenseiten wie Juden- und Ketzerverfolgung, Kreuzzüge und eben auch Bilderstürmerei (z.B. im Zuge der Reformation) kennt man primär aus späteren Zeiten.
Die Christianisierung Europas ist dagegen sowohl im allgemeinen Bewusstsein als auch in weiten Teilen der Forschung neutral bis positiv konnotiert, wohl nicht zuletzt deshalb, weil man sich selbst mehr oder minder in der dadurch begründeten Tradition verortet. Zwar ist bekannt, dass der neue Glaube teilweise mit Gewalt durchgesetzt wurde (wie z.B. von Karl dem Großen bei den Sachsen), aber zumeist wird das Positive betont: Das Christentum, so heißt es oft, habe die spirituellen Bedürfnisse breiter Bevölkerungsschichten besser zu befriedigen vermocht als das angeblich ohnehin schon im Niedergang begriffene Heidentum, und die mit der Christianisierung einhergehenden Verbesserungen im ethischen und sozialen Bereich seien so erstrebenswert gewesen, dass sie unschöne Begleiterscheinungen im Endeffekt mehr als aufgewogen hätten (siehe z.B. Lutz E. von Padberg, Die Christianisierung Europas im Mittelalter, ISBN 978-3150186411).
Einer solchen Interpretation setzt Sauer auf Basis seiner archäologischen Forschungen, aber auch der Auswertung von Schrift- und Bildquellen eine ganz andere entgegen, die weit nachdenklicher stimmt. Ohne das Christentum in Bausch und Bogen zu verdammen, weiß er zu belegen, dass es nur dort zur dominanten und schließlich einzig gültigen Religion wurde, wo dies einerseits im Interesse der Obrigkeit lag (wie etwa in der Endphase der römischen Kaiserzeit), andererseits aber auch Eiferer handfest gegen Kultbauten und -bilder älterer Religionen vorgingen. Letzteres fand seinen Niederschlag nicht nur in Texten (so etwa in Heiligenviten wie denen des Columban oder des Gallus, denen die Zerstörung von Götzenbildern zugeschrieben wird), sondern lässt sich auch archäologisch nachweisen.
Wie der Verfasser selbst einräumt, hatten nicht alle Zerstörungen von Tempeln oder Götterstatuen ihren Ursprung im Glauben; Plünderungen und Vandalismus kamen auch im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen vor, und viele Kunstwerke wurden schlicht deshalb als Spolien wiederverwendet, weil es an Baumaterial mangelte. Die Indizien, anhand derer Sauer solche ungezielten Vernichtungsaktionen von religiösem Zerstörungswahn abgrenzt, wirken aber überzeugend. Plünderer und Steinräuber hatten es auf Materielles abgesehen und handelten praktisch orientiert. Wenn dagegen leicht auffindbare Wertsachen (z.B. geopferte Münzen) bei der Verwüstung eines Heiligtums zurückgelassen und mit viel Arbeitsaufwand planvolle Beschädigungen vorgenommen wurden (etwa das Zerschlagen insbesondere der Gesichter und Köpfe von Götterstatuen, während rein dekorative Elemente weniger übel zugerichtet wurden), ist davon auszugehen, dass Hass und Intoleranz eine Rolle spielten – insbesondere auch dann, wenn etwa ein unkenntlich gemachtes Relief mit einem Symbol der eigenen Religion überschrieben wurde.
Für entsprechende Befunde führt Sauer unter Verwendung reichen Bildmaterials Beispiele aus den unterschiedlichen Gebieten des römischen Reichs an, vom griechisch geprägten Osten bis in die germanischen Provinzen. Einen besonderen Schwerpunkt bilden die Stätten des Mithraskults, doch auch Spuren in anderen Tempeln und Heiligtümern finden Berücksichtigung. Wie rabiat die Täter vorgingen, unterschied sich durchaus: Wurde in einem Quellheiligtum im rheinland-pfälzischen Kindsbach z.B. nur ein Kultbild so umgestürzt, dass die Darstellung nicht mehr sichtbar war, wurden im ägyptischen Dendara die Götter aus dem kompletten Reliefschmuck eines großen Tempels herausgemeißelt.
Unbestreitbar war jedoch der Ikonoklasmus überall in der spätrömischen Welt verbreitet, und man kann man gar nicht umhin, sich zu fragen, ob manch eine schadhafte Skulptur, die man selbst schon im Museum gesehen hat, vielleicht nicht nur dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen ist, sondern auch dem Angriff eines Fanatikers.
Die Täter selbst waren dabei wohl nicht nur in ihrem Bestreben, die neue Religion zu verbreiten, überzeugt, ein gutes Werk zu vollbringen: Da im frühen Christentum insbesondere Götterstatuen nicht als reine Kunstwerke, sondern als potentielle Heimstätte von Dämonen galten, mögen die frommen Zerstörer geglaubt haben, eine reale Gefahr zu beseitigen.
Doch auch die Unterstellung guter Absichten macht Vorgang und Ergebnis nicht erträglicher, zumal die oft nur an Gebäuden und ihrer Ausstattung ausgelassene Wut sich auch gegen Menschen richten konnte. Sauer bleibt mit der gebotenen wissenschaftlichen Distanz in seinen Vermutungen sehr zurückhaltend und betont, dass Gewalttaten in diesem Zusammenhang wohl die Ausnahme blieben. Die Einzelfälle, die er anführt, stimmen dennoch betroffen, insbesondere ein Fund in Sarrebourg, der nahelegt, dass bei der Verwüstung des dortigen Mithräums ein in Ketten gelegter Mann lebendig begraben wurde, indem man den Schutt der zerschmetterten Kultbilder über ihn häufte. Spätestens angesichts eines solchen Mords ist die Beschönigung, dass die Kunstvernichtung ja wenigstens „nur“ Gegenständen zum Verhängnis wurde, nicht mehr möglich, zeigt er doch, wie viel Menschenverachtung zumeist in radikalen Überzeugungen schlummert.
Umso ernüchternder ist der Bogen zurück in die Gegenwart, den Sauer unter Verweis auf die Sprengung der berühmten Buddhastatuen von Bamiyan durch die Taliban schlägt. So wird als Ergebnis der Studie vor allem eines überdeutlich: Keine Religion hat ein Monopol auf Zerstörungswut und Gewalt, und beide können auch in Fällen auftreten, in denen der Fanatismus keinem Glauben an höhere Mächte, sondern einer weltlichen Ideologie gilt (z.B. im Zuge der chinesischen Kulturrevolution). Wenn eine bestimmte Gruppe meint, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein – eine Gefahr, die Sauer bei monotheistischen Religionen vielleicht nicht zu Unrecht stärker gegeben sieht als bei anderen Weltanschauungen -, kann bei ihr leicht die Annahme entstehen, dass der Zweck die Mittel heilige. Dementsprechend kommt Sauer abschließend zu der pessimistischen Einschätzung, dass der Drang zur Bilderstürmerei zwar zeitweise ruhen mag, aber unter den passenden Rahmenbedingungen überall und jederzeit wieder hervorbrechen kann – eine Vorhersage, die seit Erscheinen des Buchs durch die Exzesse des IS im Irak und in Syrien ihre traurige Bestätigung gefunden hat.

Eberhard Sauer: The Archaeology of Religious Hatred in the Roman and Early Medieval World. The History Press, unveränderter Nachdruck, Stroud 2009 (Original: 2003), 192 Seiten.
ISBN: 978-0752425306


Genre: Geschichte

Das archaische Griechenland: Die Stadt und das Meer

Die Stadt und das Meer – der Untertitel von Elke Stein-Hölkeskamps im Rahmen der Reihe Geschichte der Antike erschienenen Überblicksdarstellung hat eine poetische Qualität, die Bilder heraufbeschwört und eher an schöne Literatur als an nüchterne Geschichtsschreibung denken lässt; eine Assoziation, die, wie sich im Laufe der Lektüre zeigt, nicht ganz verfehlt ist. Von der Epochenbezeichnung Das archaische Griechenland sollte man sich hingegen nicht täuschen lassen, denn wer glaubt, dass hier nur im strengen Sinne die Archaik (ca. 750-500 v. Chr.) behandelt wird, muss sich bald eines besseren belehren lassen. Stein-Hölkeskamp legt großen Wert auf die longue durée, und so holt sie weit aus und setzt schon mit der bronzezeitlichen mykenischen Kultur an, um dann allerdings tatsächlich um 500 v. Chr. zu enden.
Diesen langen Zeitraum mit seinen zahlreichen Verwerfungen und Wandlungen rekonstruiert sie nicht etwa nur unter Rückgriff auf archäologische Quellen, Aussagen der antiken Geschichtsschreiber und Gebrauchstexte (wie z.B. Gesetze). Es ist über weite Strecken vor allem ein literarisches Griechenland, das einem hier entgegentritt. Ob nun die homerischen Epen als Spiegel einer frühen Aristokratie herangezogen werden, in der ein König allenfalls ein primus inter pares ist, die Werke und Tage des Hesiod einen Blick in die bäuerliche Wirklichkeit gestatten oder Preisgedichte auf Sieger in sportlichen Wettkämpfen (Selbst-)Darstellung und Repräsentationsbedürfnis der Oberschicht gegen Ende des behandelten Zeitalters erfahrbar machen – das, was die Griechen zu Vortrags- und Unterhaltungszwecken über sich und ihresgleichen schrieben, durchzieht fast leitmotivisch das Buch. Besonders im Kapitel über die griechischen Koloniegründungen überall im Mittelmeerraum fühlt man sich durch die enge Verquickung von Historie und Mythen phasenweise etwas an Robin Lane Fox‘ Reisende Helden erinnert, die gleichwohl in den Literaturempfehlungen nicht auftauchen.
Dem Ansatz geschuldet überwiegen die Mentalitäts- und Strukturgeschichte gegenüber der Ereignisgeschichte, die in sogenannten „Fallstudien“ eingeflochten ist (und eher punktuell einzelne Orte herausgreift, als den Versuch zu unternehmen, den gesamten geographischen Raum abzudecken). Somit ist es auch nur konsequent, dass Stein-Hölkeskamp die Gliederung zwar durchaus chronologisch aufbaut, aber noch stärker an verschiedenen „Welten“ ausrichtet (wie etwa der Welt der Polis, der Welt der Bauern oder der Welt der Tyrannen).
Die Reihenfolge ist dabei laut Einleitung bisweilen gezielt gegen den Strich gebürstet (so erscheint z.B. die Kolonisation vor der Entwicklung der Poleis im Mutterland), und es lässt sich wohl nicht vermeiden, dass einige Themen zu kurz kommen, die in der Wahrnehmung der von der Autorin in den Mittelpunkt gerückten Menschen keine zentrale Rolle spielten. Wer (noch) keine eigene literarische Stimme hatte, wie etwa Kinder oder Sklaven, wird bestenfalls am Rande erwähnt (wie etwa, wenn Hesiod Betrachtungen über die wirtschaftliche Nützlichkeit beider Gruppen Betrachtungen anstellt).
Die Schwerpunktsetzung hat also ihre Schwächen, ermöglicht aber, wenn man sich ihrer bewusst bleibt, durchaus ein differenziertes und lebendiges Blid einer Epoche im Spannungsfeld zwischen Traditionsverhaftung und sozialen Umbrüchen zu gewinnen. Stein-Hölkeskamp arbeitet überzeugend das schon bei Homer geschilderte Konkurrenzdenken insbesondere innerhalb der Oberschicht, das sich nicht nur in Kämpfen oder sportlichen Wettbewerben, sondern auch im Streben nach politischer Vorherrschaft Bahn brach, als eine Grundkonstante des Lebens im archaischen Griechenland heraus, die jedoch zugleich zur Triebfeder großer Veränderungen wurde. Während sie einerseits konsequent auf die Spitze getrieben im System der Tyrannis gipfelte, wurde sie andererseits direkt oder indirekt zum Ausgangspunkt von Neuerungen, die das rücksichtslose Machtstreben Einzelner eindämmen sollten.
Zu den bekanntesten Bestrebungen dieser Art zählen sicher die des Atheners Kleisthenes, mit denen Stein-Hölkeskamp ihr Buch ausklingen lässt: Obwohl selbst Enkel eines Tyrannen leitete er mit der Phylenreform eine Maßnahme ein, die letzlich den Weg zu demokratischeren Verhältnissen in der klassischen Zeit ebnete.
Ein ausführliches Fazit aus der Gesamtdarstellung bleibt die Autorin einem jedoch schuldig, so dass man sich am Ende wieder auf ihr Vorwort zurückgeworfen sieht, in dem sie selbst das Hinterfragen und Umdeuten vermeintlicher Gewissheiten anmahnt – eine Haltung, zu der vielleicht nicht nur die Forscherin, sondern auch der Leser aufgefordert ist. Lust auf eine tiefergehende Beschäftigung mit der bewegten Epoche hat man nach diesem anregenden Buch auf jeden Fall, aber es bleibt das Gefühl, nur einen Ausschnitt des archaischen Griechenland zu sehen bekommen zu haben, allerdings einen kenntnisreich gewählten und elegant umrissenen.

Elke Stein-Hölkeskamp: Das Archaische Griechenland: Die Stadt und das Meer. München, C.H. Beck, 2015, 302 Seiten.
ISBN: 978-3406673788


Genre: Geschichte

Buchtipps: Mittelalter

Das Mittelalter umfasst vom Untergang des weströmischen Reichs am Ende der Spätantike bis zum Anbruch der Frühen Neuzeit, die man gemeinhin in etwa mit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus und mit der Reformation einsetzen lässt, um die 1000 Jahre, und Bücher, die sich mit der gesamten Epoche oder mit irgendeinem Teilaspekt davon beschäftigen, gibt es wie Sand am Meer. Gerade die Publikationen, die sich nicht an ein reines Fachpublikum richten, bedienen jedoch gern gewisse Klischees und lassen einen manchmal aus dem Blick verlieren, dass es auf dem sattsam beackerten Feld auch abseits von Ritterromantik einerseits und Schreckensszenarien um Pest und Gewalt andererseits einiges zu entdecken gibt. Die folgenden Buchtipps sollen den Einstieg in ein ganz anderes Mittelalter als das in der populärwissenschaftlichen Literatur so oft beschworene erleichtern.

1. Steffen Patzold: Ich und Karl der Große. Das Leben des Höflings Einhard. Stuttgart, Klett-Cotta 2013, 407 Seiten.
ISBN:978-3608947649

Das Frühmittelalter wird gern auf die Themen Krieg und Glauben reduziert, und selbst beim Stichwort „karolingische Renaissance“ hat man meist wohl vor allem gebildete Geistliche vor Augen. Mit Einhard, der heute vor allem als Biograph Karls des Großen bekannt ist, präsentiert Steffen Patzold jedoch einen weltlichen Gelehrten, der abseits ausgetretener Pfade Karriere machte und dessen Weg ihn durch ganz verschiedene Umfelder führte, von der Welt der vermögenden Landbesitzer über das Kloster (wo er seine Ausbildung erhielt) bis zum Herrscherhof. Neben einem Blick auf eine facettenreiche und ungewöhnliche Persönlichkeit lässt einen die quellennah gearbeitete Biographie deshalb auch den ein oder anderen Blick auf die unterschiedlichsten Formen des Alltags zur Karolingerzeit erhaschen, ganz gleich, ob gerade Reliquien gestohlen werden, ein Trauerfall brieflich aufgearbeitet wird oder ein mit einer freien Frau durchgebrannter Leibeigener Fürsprache benötigt. Einhards Lebensbeschreibung gegenübergestellt sind dabei umfangreiche Auszüge aus seiner Karlsvita, die Kontrastprogramm und ständiger Bezugspunkt zugleich ist. Karl, so wird deutlich, prägte Einhard entscheidend – doch umgekehrt hat dieser bis heute großen Einfluss auf die Wahrnehmung des Königs und Kaisers.
Wer neugierig auf Einhard geworden ist, findet übrigens meine ausführlichere Rezension dieses Titels als Gastbeitrag im Textmultiversum.

2. Arnold Esch: Wahre Geschichten aus dem Mittelalter. Kleine Schicksale selbst erzählt in Schreiben an den Papst. München, C.H. Beck 2012, 223 Seiten.
ISBN: 978-3406630958

Interessante Alltäglichkeiten hat auch das Spätmittelalter zu bieten, und sie sind wohl in kaum einem Buch so unmittelbar nachzuempfinden wie in Arnold Eschs Auseinandersetzung mit Bittschriften an den Papst, in denen Menschen der verschiedensten Stände ihre Probleme schildern, um irgendetwas zu erreichen, sei es nun die Lossprechung von einer Buße, die Erlaubnis zum Umzug in ein anderes Kloster oder die Auflösung einer erzwungenen Ehe. Angesichts der teilweise betroffen stimmenden Schicksale ist es tröstlich, dass Esch schon eingangs auf Folgendes hinweist: „Die registrierten Suppliken sind alle positiv entschieden worden, wenn auch teilweise mit Auflagen“. Obwohl der Autor quellenkritisch darauf hinweist, dass man bei dieser Textgattung natürlich bedenken muss, dass die Verfasser sich selbst im günstigsten Licht darstellen wollen, hat man das Gefühl großer Authentizität. Was einem hier in winzigen Versatzstücken entgegentritt, ist bisweilen tragisch, oft auch amüsant, immer spannend und häufig unerwartet, aber vor allem sehr, sehr menschlich. Fast bedauert man, dass jeder einzelne Fall nur sehr knappe Erwähnung findet, aber natürlich lebt das Gesamtbild gerade von der Fülle der unterschiedlichen Begebenheiten, die Esch an einem vorüberziehen lässt. Anlesetipp für alle (aber insbesondere für diejenigen, die das Mittelalter bisher primär für eine langweilige Epoche halten): Die Geschichte um den rabiaten Mönch und Gelegenheitssöldner, den Priester, das gestohlene Pferd und die resolute Großmutter auf S. 112f.

3. Leah Otis-Cour: Lust und Liebe. Geschichte der Paarbeziehungen im Mittelalter. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch 2000, 232 Seiten.
ISBN: 978-3596601073

Das moderne Bild von Liebesbeziehungen und Ehen im Mittelalter ist oft verzerrt und vielfach stärker von der Rückprojektion eigener Wunsch- oder Angstvorstellungen geprägt als von einer Auseinandersetzung mit den Quellen. Wenn es ein Buch gibt, das man gern all denen in die Hand drücken möchte, die entweder hehren Träumen von ritterlicher Minne nachhängen oder dem diametral entgegengesetzten Irrglauben verfallen sind, dass düstere Historien- und Fantasyschinken mit ihren Welten voller Vergewaltigungen und Zwangsheiraten eine besonders realistische Darstellung der Vergangenheit bieten, dann dieses. Leah Otis-Cour sieht die Ursprünge des heutigen Liebes-, Ehe- und Familienverständnisses bereits im westeuropäischen Mittelalter angelegt, macht aber vor allem deutlich, dass es schon damals eine Fülle unterschiedlicher Abstufungen des Umgangs von Paaren miteinander gab und dass Einzelne oftmals die Dinge entspannter sahen, als es der geistlichen oder weltlichen Obrigkeit recht war. Die relative Kürze der Darstellung, die eine lange historische Entwicklung (mit Schwerpunkt auf dem Hochmittelalter) und einen recht großen geographischen Raum in den Blick nimmt, bedingt natürlich, dass manche Details nur angerissen werden, aber als Denkanstoß taugt die Untersuchung allemal, macht sie doch deutlich, dass es dort, wo oft primär Exotik, Märchenhaftes und Grauenvolles vermutet werden, auch viel unaufgeregte Normalität gab.

4. Marina Münkler: Marco Polo. Leben und Legende. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage München, C. H. Beck 2015, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406676826

Zugegeben, ein Werk über Marco Polo scheint in einer Auflistung ungewöhnlicher Zugänge zum Mittelalter erst einmal fehl am Platze zu sein; auch über ihn ist schließlich schon viel geschrieben worden. Marina Münklers Werk hebt sich jedoch positiv vom Durchschnitt ab, weil sie deutlich zu machen versteht, dass das Spektakuläre an dem berühmten Venezianer eigentlich nicht seine lange Reise an sich war (da in der Hinsicht zahlreiche italienische Kaufleute derselben Epoche mit ihm mithalten konnten), sondern dass er einen Bericht darüber verfasste bzw. schreiben ließ. Münkler spricht Marco Polo seinen Asienaufenthalt dabei nicht ab (und verwahrt sich auch eindeutig gegen die insbesondere von Frances Wood popularisierte These, er sei nur ein Hochstapler gewesen), und man erfährt aus ihrem Buch durchaus einiges über die Geschichte der Mongolen, ihre Kontakte mit Europäern und die venezianische Handelstätigkeit allgemein. Vor allem aber ist Marco Polo. Leben und Legende eine glänzende Darstellung der Art, wie im Mittelalter Texte produziert wurden und wie sie in übersetzter und vielfach umgeschriebener Form ihre Wirkung über Jahrhunderte hinweg entfalten konnten – in diesem speziellen Fall bis hin zu Kolumbus, dessen Exemplar von Marco Polos Reisebericht samt Anmerkungen erhalten ist.

Nicht nur das letzte Beispiel, das den Bogen zur Neuzeit schlägt, macht deutlich, wie prägend das Mittelalter bis heute für die europäische Kultur und Geschichte ist – und das nicht immer nur in offensichtlicher Hinsicht. Ein Abstecher auch in die unbekannteren Winkel dieser fernen Zeit lohnt sich also, und vielleicht bietet dieser Beitrag ja ein paar erste Anregungen dazu.


Genre: Geschichte

Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Weingarten

Das Frühmittelalter ist eine an Schriftquellen relativ arme Epoche, und was sich aus dem Vorhandenen rekonstruieren lässt, betrifft oft primär die Ereignisgeschichte, politische und rechtliche Belange. Um einen Blick auf die Lebenswirklichkeit der Menschen am Übergang zwischen Antike und Mittelalter zu erhaschen, sind wir daher stark auf archäologische Funde angewiesen, unter denen Gräbern eine besondere Bedeutung zukommt: Sie erlauben nicht nur eine Untersuchung der menschlichen Überreste selbst, an denen sich viel über Alter, Gesundheitszustand, Herkunft und Ernährung der Bestatteten ablesen lässt, sondern enthalten oft umfangreiche Beigaben (unter anderen Waffen und Trachtbestandteile), die viel über den Alltag, aber auch über die soziale Schichtung sowie religiöse Vorstellungen und deren Wandel verraten.
Der in den 1950er Jahren entdeckte alamannische Reihengräberfriedhof von Weingarten (Landkreis Ravensburg) ist in dieser Hinsicht besonders ergiebig, da hier über 800 Bestattungen aus dem 5. bis 8. Jahrhundert ergraben werden konnten, die zwar nur einen Teil des ursprünglichen Gräberfelds darstellen, aber in ihrer Fülle doch ausreichen, detaillierte Aussagen über Bevölkerungsstruktur und historische Entwicklung zu treffen.
Die Archäologinnen Claudia Theune-Vogt und Constanze Cordes stellen in Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Weingarten diesen spannenden Fundplatz vor und geben einen Überblick über die Ergebnisse seiner Erforschung. Nach einer Einführung in die Ausgrabungen selbst und ihre archäologische und anthropologische Auswertung wird ein kurzer Abriss zur Geschichte der allem Anschein nach recht heterogenen Gruppe der Alamannen bis zu ihrer Eingliederung ins Frankenreich gegeben. Im Anschluss daran unterrichten jeweils einem speziellen Thema gewidmete Kapitel über das, was sich aus den Grabfunden über das Leben im frühmittelalterlichen Weingarten schließen lässt.
Während viele Überlegungen (so etwa zu Handelsbeziehungen und Handwerkstechniken, aber auch zum jeweiligen Rollenbild von Mann und Frau oder zur allmählichen Christianisierung) sich aus den Beigabenfunden ergeben und so zum Teil seit Jahrzehnten feststehen, sind andere Erkenntnisse noch recht neu. So deuten etwa die an einem Teil der gefundenen Skelette bis 2002 vorgenommenen DNA-Analysen auf eine patrilokale Gesellschaft hin, in der miteinander verwandte Männer am Ort blieben (also möglicherweise Söhne Land von ihren Vätern erbten), während Frauen einzeln von außen zuzogen (also vermutlich einheirateten). Isotopenanalysen der Knochen geben Aufschluss über die Ernährung, bei der sich der durch Beigaben ausgewiesene Wohlstand einzelner Individuen auch in abwechslungsreicherem Essen mit besserem Zugang zu Fleisch und Milchprodukten widerspiegelt.
In manchen Fällen erfolgt der Forschungsfortschritt jedoch auch einfach durch eine Neubewertung bekannter Fakten. Die Verfasserinnen melden beispielsweise Zweifel am für Weingarten (wo 13% der Toten weniger als 14 Jahre alt geworden waren) und andere frühmittelalterliche Fundstätten in älteren Veröffentlichungen gern pauschal postulierten „Kinderdefizit“ an: Die Annahme, dass die Kindersterblichkeit zur damaligen Zeit höher gewesen sein müsste und deshalb ein gewisser Anteil von Kinderbestattungen auf den Friedhöfen „fehlt“, basiert auf Vergleichen mit Zahlen aus späteren Epochen (insbesondere dem 19. Jahrhundert), in denen aber aufgrund der gestiegenen Bevölkerungsdichte Infektionskrankheiten weitaus schneller um sich greifen konnten, als es im alamannischen Weingarten der Fall gewesen sein dürfte, so dass die Rückprojektion wahrscheinlich verfehlt ist.
Obwohl aufgrund des Überblickscharakters und der Kürze der Darstellung überwiegend allgemeine Informationen im Vordergrund stehen, wird dennoch schlaglichtartig der ein oder andere Fund beleuchtet, der Einzelpersonen im Rahmen des Möglichen etwas stärker hervortreten lässt. So rührt es beispielsweise an, zu erfahren, dass bei einem dreijährigen Mädchen abgenutzte, für eine Erwachsene gefertigte Fibeln gefunden wurden, womöglich also jemand seinen eigenen Schmuck dem Kind mit ins Grab legte. Auch die wenigen Namen, die in Runeninschriften auf Gegenständen erhalten sind, machen Individuen fassbar: So ist auf einer Fibel ein „Dado“ überliefert, während eine andere mit „Alirgunth“ nicht nur die Besitzerin nennt, sondern auch festhält, dass eine „Feha“ die Runen schrieb. Lust darauf, sich noch genauer mit dem Gräberfeld von Weingarten und ähnlichen Funden des Frühmittelalters zu befassen, wird so auf alle Fälle geweckt, und die kleine, thematisch gegliederte Literaturübersicht am Ende des Buchs bietet hier durchaus Ansatzpunkte.
Eines fällt für eine Publikation, die sich offenkundig an ein breites Publikum richtet, jedoch negativ auf: Was archäologische Fachbegriffe angeht, muss man entweder ein bisschen Vorwissen oder viel Geduld mitbringen. Wer einen „Ango“ oder eine „Vierpassfibel“ nicht gleich einordnen kann, erhält zwar in den späteren Kapiteln noch Aufschluss darüber, was er sich konkret darunter vorzustellen hat, wird aber in der ersten Hälfte des Buchs zunächst mit den für viele Leser sicher unvertrauten Ausdrücken alleingelassen. Ein Glossar wäre daher eine sinnvolle Ergänzung gewesen.

Claudia Theune-Vogt, Constanze Cordes: Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Weingarten (Führer zu archäologischen Denkmälern in Baden-Württemberg 26). Stuttgart, Theiss (WBG), 2009, 92 Seiten.
ISBN: 978-3806223736


Genre: Geschichte