Wer schon länger auf Ardeija.de mitliest, weiß wahrscheinlich, dass ich eigentlich aus gutem Grund keine naturwissenschaftlichen Sachbücher vorstelle. Wie gesagt, eigentlich – denn einige Bücher aus diesem Bereich sind einfach viel zu schön und interessant, um sie nicht zu erwähnen, auch wenn keine ganzen Rezensionen daraus geworden sind. Mehr dazu hier.
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Neu rezensiert: Magie im Alltag
Die Grundidee von Karl-Heinz Götterts Magie im Alltag ist eigentlich überzeugend: Heutiger Aberglaube und Gewohnheiten wie das Daumendrücken, deren ursprünglichen Sinn kaum jemand mehr versteht, werden zum Ausgangspunkt genommen, in knappen Artikeln allerlei Aspekte der Kulturgeschichte der Magie zu beleuchten. Warum dennoch nicht alles daran zauberhaft ist, erfährt man in der neuen Rezension.
Neu rezensiert: Der Gefangene des Himmels
Carlos Ruiz Zafóns Der Gefangene des Himmels ist ein Jonglieren mit Versatzstücken der Weltliteratur vor dem düsteren Hintergrund des Franco-Regimes und zugleich ein gutes Beispiel für ein Buch, bei dem man die Handwerkskunst des Autors anerkennen muss, ohne subjektiv in große Begeisterungsstürme ausbrechen zu können. Mehr darüber in der neuen Rezension.
Lesetipps in Kurzform 2 (Bücher)
Spätestens am Mittwoch wird es doch eigentlich Zeit, sich Gedanken über die Wochenendgestaltung zu machen. Wer noch auf der Suche nach dem nötigen Lesestoff für die nächsten freien Tage ist, findet hier zwei Buchtipps.
Altes Land
Seit Dörte Hansens Roman die Bestsellerlisten im Sturm erobert hat, ist darüber schon so viel geschrieben worden, dass sich eine ausführliche Rezension kaum lohnt. Dennoch verdient die Geschichte um die unangepasste Vera von Kamcke, die als ostpreußisches Flüchtlingskind im Alten Land nahe Hamburg strandet, und ihre aus anderen Gründen vom Leben gebeutelte Nichte Anne, die es Jahrzehnte später ebenfalls dorthin verschlägt, immerhin eine kurze Erwähnung. Denn die Auseinandersetzung mit dem eigentlich sehr ernsten Thema, wie eine nie aufgearbeitete Vergangenheit noch die nachgeborenen Generationen belasten kann, ist unerwartet humorvoll und vergnüglich. Zu einem Gutteil ist das den herrlich sperrigen Charakteren zu verdanken, aber auch der atmosphärischen Schilderung von Veras altem Bauernhaus (das fast selbst eine Figur mit eigenem Willen zu sein scheint) und nicht zuletzt den bisweilen boshaften, aber durchaus treffenden Karikaturen verschiedener Menschentypen der Hamburger Gesellschaft. Eine klare Lesenempfehlung für alle, die es mögen, wenn ein Buch, das einen eben noch angerührt oder gar schockiert hat, auf der nächsten Seite schon wieder zum Schmunzeln reizt.
Dörte Hansen: Altes Land. München, Knaus, 2015, 288 Seiten.
ISBN: 9783813506471
Skriptorium
Zugegeben, man kann umfangreichere und ausführlichere Sachbücher zum Thema Paläographie finden, aber wohl kaum ein charmanteres als Vera Trosts unterhaltsame kleine Einführung in die mittelalterliche Buchherstellung. Man erfährt nicht nur das Grundlegendste über Schreiber, Pergament, Farben und Tinte, sondern kann sich auch an zahlreichen Abbildungen aus Handschriften und Inkunabeln erfreuen. Daneben gibt es Fotos von Schreibmaterialien zu bestaunen. Zahlreiche, oft auch zweisprachig wiedergegebene Zitate aus mittelalterlichen Quellen erschließen nicht nur überliefertes Wissen über Farbpigmente oder den pfleglichen Umgang mit Büchern, sondern lassen einen auch einen Blick auf den Alltag erhaschen, wenn etwa ein Schreiber in Wort und Bild über eine lästige Maus flucht.
Vera Trost: Skriptorium. Stuttgart, Belser, 2011, 48 Seiten.
ISBN: 9783763025947
Neu rezensiert: Der Gallische Krieg. Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk
Caesars Gallischer Krieg ist ein derart bekanntes Werk, dass man fälschlich vermuten könnte, es wäre schon alles darüber gesagt. Doch weit gefehlt. Wie viel es zu entdecken gibt, wenn man sich dem Text gezielt von der literarischen Seite nähert, beweist Markus Schauers spannende Studie, die mit ihrem Objekt den (deutschen) Titel teilt. Die neue Rezension ist hier zu finden.
Neu rezensiert: Das zerstörte Leben des Wes Trench
Ardeija.de wünscht allen Lesern frohe Ostern und lädt nebenbei zu einem Ausflug in die sumpfigen Niederungen der Romanliteratur ein: Wie es um Das zerstörte Leben des Wes Trench in der amerikanischen Provinz bestellt ist, erfährt man in der neuen Rezension.
Neu rezensiert: 1177 v. Chr.
1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation hält zwar nicht hundertprozentig, was es auf den ersten Blick zu versprechen scheint, bietet aber dennoch einen spannenden Ausflug in die Bronzezeit mit all ihren fremdartigen wie verblüffend modernen Zügen. Mehr darüber in der neuen Rezension.
Neu rezensiert: Geformt mit göttlichem Atem
Unter den Funden aus der Römerzeit zählen Glasgegenstände oft zu den schönsten. Wie viel sich an ihnen über ihren künstlerischen Wert hinaus ablesen lässt, schildert die Archäologin Andrea Rottloff in Geformt mit göttlichem Atem, einem hochinteressanten Buch, das aber leider als Bildband seine Schwächen hat. Die neue Rezension ist hier zu finden.
Neu rezensiert: Aus Liebe zum Buch
Ironischerweise habe ich ausgerechnet Ann Patchetts Aus Liebe zum Buch, ein Büchlein, in dem es um die Gründung einer Buchhandlung und den Zauber solcher Läden geht, keinem Einkauf im Buchladen zu verdanken, sondern einem Gewinnspiel. Ein Zufallsbuch also, das sich aber gut liest – mehr darüber in der neuen Rezension.
Der Reigen unrezensierter Bücher
In meinen allgemeinen Bemerkungen zum Rezensieren habe ich einmal erklärt, dass nicht jedes Buch, das ich lese, auch auf Ardeija.de besprochen wird. Warum darunter auch manch eines ist, das inhaltlich eigentlich gut zu den anderen im Blog passen würde, soll hier rasch an einigen Beispielen aus meiner Lektüre der letzten Wochen erläutert werden.
Das erste unrezensierte Buch, Harry Sidebottoms militärhistorische Studie Der Krieg in der antiken Welt (ISBN 9783150203972), ist eigentlich lesenswert, geht es darin doch weniger ums schiere Hauen und Stechen als um die kulturelle Bedeutung des Kriegs für Selbst- und Fremdbild der Menschen des Altertums und für die Entwicklung bestimmter sozialer Phänomene, daneben aber auch um die moderne Rezeption antiker Kriege und mögliche Fehlannahmen darüber. Doch naturgemäß gibt es weitreichende thematische Überschneidungen mit Armin Eichs vor kurzem besprochenen Söhnen des Mars, die – umfangreicher und von der Perspektive her grundsätzlicher ausgerichtet – noch ein wenig mehr zu bieten haben. Nach der Betrachtung von Eichs Buch wäre eine tiefergehende Beschäftigung mit Sidebottoms Werk daher nicht sonderlich abwechslungsreich gewesen, und so ist es als kurzer Tipp am Rande besser aufgehoben.
Auch im Falle der beiden im 18. Jahrhundert angesiedelten Historienkrimis von Petra Oelker, Die Schwestern vom Roten Haus (ISBN 9783499246111) und Die Nacht des Schierlings (ISBN 9783499254390), ist es nicht im engeren Sinne eine Frage der Qualität, dass sie es nicht zu einer Rezension gebracht haben. Das Problem ist ein ganz anderes: Obwohl die beiden Romane als getrennte Episoden der auf relativ in sich abgeschlossene Einzelbände angelegten Serie um die Schauspielerin Rosina verkauft werden, gehören sie eng zusammen und können kaum getrennt gelesen oder besprochen werden. Fast hat man den Verdacht, dass hier – vielleicht von Verlagsseite? – aus Umfangsgründen eine einzige lange und verwickelte Geschichte mehr schlecht als recht in zwei Teile gespalten wurde, ohne den Zusammenhang äußerlich kenntlich zu machen. So aber bleiben in den Schwestern zentrale Fragen eines ganzen Handlungsstrangs ungeklärt, während in der Nacht das erst sehr spät eingeführte Mordmotiv wie ein deus oder vielmehr diabolus ex machina wirkt, wenn man das vorhergehende Buch nicht kennt, in dem die Grundlagen zum Verständnis des folgenden Falls geschaffen werden. Was also tun? Eine Doppelrezension für zwei zwar solide und unterhaltsame, aber auch nicht herausragende Krimis konzipieren oder aber ganz auf eine Besprechung verzichten? Ich habe mich für die zweite Variante entschieden.
Dagegen ist es Ari Turunens Kann mir bitte jemand das Wasser reichen? Eine kurze Geschichte der Arroganz (ISBN 9783312006717) zum Verhängnis geworden, dass jede Kritik unweigerlich zu einem halben Verriss geraten wäre. Das mochte ich dem Buch dann auch wieder nicht antun, denn im Prinzip ist Turunens Grundidee löblich: Er zeigt auf, dass viele katastrophale Fehlentscheidungen in der Geschichte und im heutigen Wirtschaftsleben auf Arroganz und Selbstüberschätzung zurückzuführen sind.
Problematisch daran ist jedoch, dass er ohne jegliche Quellenkritik Anekdoten als historische Wahrheit kolportiert oder schlicht falsche Feststellungen trifft. Am besten lässt sich sein sehr freier Umgang mit den Fakten veranschaulichen, wenn man seine Angaben über einen konkreten Vorfall mit dem vergleicht, was darüber tatsächlich in Erfahrung zu bringen ist. So liest man etwa bei Turunen mit Befremden: „Der spanische König Philipp II. verbrannte vor seinem Kamin, weil sein Hofstaat den Beamten, dessen Aufgabe es war, den Sessel des Königs zu verrücken, nicht schnell genug fand.“
Eine Quelle für diese wilde Geschichte gibt Turunen nicht an, aber der Bericht, der ihn inspiriert haben dürfte, hat Philipp III. (und nicht etwa seinen Vater) zum Protagonisten und findet sich in den Memoiren des François de Bassompierre, der aus seiner Perspektive als französischer Gesandter am spanischen Hof die dortige Besessenheit von Etikette und Rangfolgen karikiert. Doch bei allem unterschwelligen Spott über die spanischen Gebräuche stellt Bassompierre den Sachverhalt nicht ganz so dramatisch dar: Hier fordert der gesundheitlich bereits schwer angeschlagene König einen anwesenden Herzog auf, ein Kohlenbecken zu verschieben, dessen Hitze ihm lästig wird, woraufhin der Angesprochene auf die Zuständigkeit eines anderen verweist, der erst umständlich herbeigeholt wird. Die lange Wärmeeinwirkung wird als Grund dafür angegeben, dass sich beim König am Folgetag Fieber und Hautausschlag entwickeln, denen er letzten Endes erliegt.
Sollte es sich tatsächlich so zugetragen haben, bietet auch diese Version noch reichlich Anlass zu Kritik an den Zwängen des Hofzeremoniells und am individuellen Verhalten Beteiligter, aber von der Schauermär über einen aus reinem Hochmut in Flammen aufgegangenen Herrscher ist sie weit entfernt.
Die Versuchung, auch andere Aussagen Turunens ähnlich auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen, wäre bei einer Rezension sehr groß gewesen, und hätte vielleicht auch in Eifer des Gefechts zu mehr Spott verleitet, als ihn das eigentlich gut gemeinte und immerhin anregend und flüssig geschriebene Buch verdient hätte.
So bleibt allen vier Werken also auf Ardeija.de nur die Rolle, vor Augen zu führen, welche Überlegungen einer Besprechung im Wege stehen können.
