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Lucullus

Lucullus – war das nicht der Gourmet, der die Süßkirschen nach Italien brachte? Unter anderem auch das, aber dass es zu kurz greift, das bewegte Leben des Lucius Licinius Lucullus auf den Aspekt des Genussmenschen zu reduzieren, möchte Peter Scholz in seiner Biographie Lucullus. Herrschen und genießen in der späten römischen Republik zeigen.

Der 118 v. Chr. geborene Lucullus ist für ihn vielmehr ein Musterbeispiel eines Aristokraten der späten römischen Republik, der im Rahmen des Ethos, in dem er aufgewachsen war, durchaus nach einem fairen Verhalten in der Politik wie im Krieg strebte, dessen Bildung und Kultiviertheit Zeitgenossen in Rom wie im griechischen Osten beeindruckten und dessen Prachtentfaltung (einschließlich exquisiter Speisen) weniger persönlichem Schwelgen im Luxus als einem ständischen Repräsentationsbedürfnis geschuldet war. Als enger Weggefährte Sullas früh den Optimaten zuzurechnen, bemühte sich Lucullus mit anderen wie Cicero und Cato dem Jüngeren um eine Bewahrung des althergebrachten politischen System, fand sich aber trotz militärischer Erfolge insbesondere gegen Mithridates immer weiter politisch ins Abseits gedrängt und starb Ende 57 oder Anfang 56 v. Chr. nach zwei gescheiterten Ehen an Gift (wobei unklar ist, ob der Mord tatsächlich von der Hand des Freigelassenen Kallisthenes im Zuge einer Beziehungstat geschah oder die Skandalgeschichte nur zur Verschleierung eines in Wirklichkeit politisch motivierten Anschlags diente). Da das literarische Werk des Lucullus, anders als das seiner Zeitgenossen Caesar und Cicero, nicht überliefert ist, sind Selbstzeugnisse von ihm heute nicht mehr greifbar, so dass die Einschätzung seines Charakters nur mittelbar über die Aussagen Dritter möglich ist.

Das Lucullus übergestülpte Bild des dekadenten Prassers, dem kulinarische Genüsse wichtiger gewesen seien als politische Fragen, sieht Scholz dabei in der Propaganda seiner Gegner aus dem Lager der Popularen schon zu Lebzeiten angelegt, bei dem im Umfeld Caesars wirkenden Historiker Sallust einflussreich ausgearbeitet und durch die spätere Rezeption zementiert. Gegen diese und nicht zuletzt gegen die seiner Meinung nach zu negative Einschätzung vieler moderner Historiker (begonnen mit Theodor Mommsen) schreibt Scholz dezidiert an und versucht nichts weniger als eine Ehrenrettung seines Protagonisten und letztlich auch der Optimaten allgemein. Die heutige Forschung – so seine Einschätzung – lasse sich zu stark vom modernen Demokratie- und Werteverständnis einerseits und von charismatischen und dementsprechend glorifizierten Gestalten wie Caesar aufseiten der Popularen andererseits blenden, um zu einem gerechten Urteil zu kommen.

Die Popularen wertet Scholz, begonnen mit den Gracchen, negativ und billigt ihnen, anders als etwa Charlotte Schubert, kein ernsthaftes Reformstreben zu. Vielmehr sieht er in ihrem Vorgehen die Folgen einer unheiligen Allianz zwischen geldgierigen Geschäftsleuten und zunehmend skrupellos agierenden Politikern, die das unvollkommene, aber immerhin auf Ausgleich bedachte republikanische System gezielt aus Macht- und Geldgier zu Fall brachten und durch autokratische Strukturen ersetzten. Es hätte aber eben auch durchaus anders kommen können, und wäre das geschehen, wäre möglicherweise auch das historische Urteil über einen Mann wie Lucullus anders ausgefallen.

Über eine reine Biographie hinaus bietet Lucullus daher eine Gesamtschau des einsetzenden Untergangs der römischen Republik. In vielen Punkten erlaubt dies bei allen Unterschieden der historischen Situation durchaus, Parallelen zu heute zu ziehen, gerade hinsichtlich der Verquickung wirtschaftlicher und politischer Interessen oder der Frage, ob jede Neuerung auch automatisch eine Verbesserung bedeutet und das Festhalten an Bewährtem notwendigerweise zu verdammen ist.

Gründlicher hätte an manchen Stellen das Lektorat sein können, denn bei den Angaben über die Lebensdaten einiger erwähnter Personen scheint etwas durcheinandergegangen zu sein. So soll etwa Cornelia Fausta, die Tochter Sullas, bei ihrer Heirat um 72 v. Chr. 15 Jahre alt gewesen sein (S. 191), allerdings schon 83 v. Chr. eine Villa, die Lucullus ihr später abkaufte, ersteigert haben (S. 214) – wenn sie das als Vierjährige im Alleingang geschafft hat, gebührt ihr höchster Respekt! Ebenso können die für Titus Pomponius Atticus angegebenen Lebensdaten „162–110 v. Chr.“ (S. 75) schwerlich zutreffen (wie schon bei dieser seiner ersten Erwähnung im Buch leicht daraus ersichtlich ist, dass gleich darauf erläutert wird, dass er ein literarisches Werk des Lucullus über den Bundesgenossenkrieg gelobt haben soll).

Angenehm dagegen ist der Stil der Biographie zu lesen, da Scholz flüssig schreibt, aber dabei dankenswerterweise auf gewollt umgangssprachliche Wendungen verzichtet, wie sie in letzter Zeit doch immer wieder manche Bücher zu verschiedenen historischen Themen durchziehen. Insgesamt lohnt sich daher die Lektüre, nicht nur, um Näheres über einen Römer der späten Republik zu erfahren, der, anders als seine noch berühmteren Zeitgenossen, der Nachwelt zu Unrecht nur für eines seiner Interessengebiete unter vielen in Erinnerung geblieben ist.

Peter Scholz: Lucullus. Herrschen und Genießen in der späten römischen Republik. Stuttgart, Klett-Cotta, 2024, 416 Seiten. 
ISBN: 978-3-608-98778-2


Genre: Biographie, Geschichte

Denisova

In der Altsteinzeit durchstreiften Neandertaler und frühe moderne Menschen die Welt, Erstere starben aber irgendwann aus, so dass nur noch wir übrig blieben – so lässt sich vereinfacht das Bild zusammenfassen, das man lange landläufig von der Urgeschichte hatte. Erst 2010 erkannte man, dass mit den sogenannten Denisova-Menschen oder Denisovanern noch eine dritte Menschenart zur selben Zeit lebte. Anders als für prähistorische Funde typisch, waren für die Bestimmung der neuen Art keine morphologischen Beobachtungen an Fossilien ausschlaggebend: Vielmehr war es die genetische Analyse eines optisch nicht weiter auffälligen Fingerknochens aus der namensgebenden Denisova-Höhle durch das Leipziger Forschungsteam des vor allem für die Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms berühmt gewordenen Svante Pääbo. Damit nicht genug: Ebenso, wie sich in heutigen Europäern einige Neandertalergene nachweisen lassen, haben Denisovaner-Gene in Asiaten überdauert. Ganz verschwunden ist auch der Denisova-Mensch also nicht, obwohl er so lange vergessen war.

Die Paläoanthropologin Silvana Condemi und der Journalist François Savatier schildern in Denisova. Die Entdeckung einer neuen Menschenart nicht nur diesen wissenschaftlichen Erfolg, sondern zeichnen auch ganz allgemein die urzeitliche Besiedlung Asiens durch mehrere Wellen früher Menschen und die durch die insbesondere in den tropischen Regionen des Kontinents schwierigen Erhaltungsbedingungen für Fossilien alles andere als einfache Erforschung dieser prähistorischen Vorgänge nach, um dann schließlich ein Bild des Denisova-Menschen selbst und seiner Umgebung (die sich beileibe nicht nur auf den Altai, wo die ersten Funde gemacht wurden, beschränkte) zu entwerfen und Überlegungen anzustellen, welche bisher noch nicht genetisch untersuchten Fossilien womöglich ebenfalls Denisovanern zuzuordnen sind und so die eher schmale Fundbasis, die von dieser Menschenart zeugt, beträchtlich erweitern könnten.

Apropos Menschenart: Den beiden gelingt es in ihrem von Anna und Wolf Heinrich Leube angenehm übersetzten Buch dabei auch, Kompliziertes und aus Laiensicht erst einmal ziemlich Widersprüchliches allgemeinverständlich zu erläutern, so etwa, dass zwar heute meist das von Ernst Mayr geprägte Artkonzept der biologischen Art als Gemeinschaft, die sich untereinander fortpflanzen und fruchtbare Nachkommen zeugen kann, zur Abgrenzung einer Spezies angewandt wird, Homo sapiens, Neandertaler und Denisovaner, die genetisch nachweisbar in der Lage waren, miteinander fruchtbare Nachkommen zu zeugen, aber dennoch nicht als Unterarten einer einzigen Menschenart (wie sie es eigentlich nach dieser Definition sein müssten), sondern als drei getrennte Menschenarten gelten, weil bei der Bestimmung prähistorischer Arten eine rein morphologische Artdefinition zur Anwendung kommt – nicht zuletzt auch, weil bis zu den Fortschritten der Genetik in den letzten Jahrzehnten  ja überhaupt keine Möglichkeit bestand, bei ausgestorbenen Arten nach anderen Kriterien als dem äußeren Anschein zu entscheiden.

Auch sonst erfährt man viel Interessantes, manchmal sogar Amüsantes über die Tücken der Forschung, mag es nun um die verheerende Wirkung von Hyänen auf Knochen und deren spätere Untersuchbarkeit gehen oder um chinesische Bemühungen, zum Ruhm des eigenen Landes eine Entstehung des Menschen in China, nicht in Afrika, nachzuweisen.

Zusätzlichen Reiz gewinnt das Buch durch die sehr schönen Rekonstruktionszeichnungen von Benoit Clarys, die, teilweise als „Porträts“ konkreter Funde, Lebensbilder von Denisovanern und anderen frühen Menschen präsentieren und dabei dankenswerterweise auf das leider bis heute verbreitete Klischee der Urgeschichte als Musterbeispiel einer brutalen, ausschließlich von Jagd und Kampf geprägten Männerwelt verzichten. So zeigt eine Illustration, die alle drei Menschenarten darstellen soll, eine friedliche Runde aus drei Frauen (jeweils eine Neandertalerin, eine Homo-Sapiens-Frau und eine Denisovanerin), den von zweien von ihnen auf dem Rücken getragenen Babys und einem etwas größeren Kind, begleitet von der Bildunterschrift, die drei Menschenarten hätten „sich bestimmt gefreut, einander kennenzulernen“ (S. 66) – ein sympathisch positiver und optimistischer Blick darauf, dass zwischenmenschliche Kontakte eben nicht immer gleich identisch mit Konflikten sein müssen, sondern auch freundliche Szenarien denkbar sind.

Dementsprechend viel Freude macht dieser Ausflug in ferne Zeiten, obwohl oder gerade weil noch viele Fragen über die Denisova-Menschen offen sind.

Silvana Condemi, François Savatier: Denisova. Die Entdeckung einer neuen Menschenart. München, C. H. Beck, 2025, 256 Seiten.
ISBN: 978-3-406-82697-9


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Die wahre Geschichte der Germanen

Die „wahre“ Geschichte über irgendein historisches Thema zu erzählen, ist eine unlösbare Aufgabe, und so gibt auch Karl Banghard schon in seinem Vorwort zu, dass Die wahre Geschichte der Germanen trotz dieses plakativen Titels natürlich nicht genau das, sondern eben nur eine Annäherung unter den Bedingungen unserer Zeit ist. Zumindest ist dieses populärwissenschaftliche Buch aber eine wahrere Geschichte als manch eine andere, die über die Germanen erzählt wird, denn gegen deren ideologische Vereinnahmung von rechts und ihre Stilisierung zu vermeintlichen ersten Deutschen positioniert Banghard sich mit Nachdruck, nicht zuletzt, weil er als Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen immer wieder selbst mit entsprechenden Vorstellungen konfrontiert ist.

In der Sache gelingt es ihm auch glänzend, auf Basis seiner unverkennbar umfassenden Kenntnisse der Epoche solchen Fehlannahmen (oder bewussten Verfälschungen) ein dem heutigen Stand der Forschung entsprechendes Bild entgegenzusetzen und dabei auch immer wieder ehrlich aufzuzeigen, wenn in der Wissenschaft keine Einigkeit über bestimmte Themen herrscht. Eines allerdings steht fest: Die Germanen als einheitliche Entität gab es nicht, aber kulturell und sprachlich lässt sich eben doch vieles über die Menschen rekonstruieren, die unter diesem Begriff zusammengefasst werden.

Banghards Ansatz ist dabei oft praktischer Natur (und manchmal auch von einem gewissen Überlegenheitsgefühl der in dieser Hinsicht „handfesteren“ archäologischen Herangehensweise gegenüber der germanistischen oder althistorischen Textarbeit geprägt). So erfährt man viel über im Experiment Erprobtes, das in anderen Darstellungen eher zu kurz kommt, etwa, wie genau eine bei den frühen Germanen übliche Leichenverbrennung funktionierte oder warum es sich lohnen kann, Pferdehaar zusammen mit Wolle zu verweben. Vor allem aber lernt man anhand verschiedenster Fundorte und der dort gemachten Entdeckungen einiges über Alltagsthemen, ob nun Hausbau, Landwirtschaft, Ernährung, Verkehrswesen, Runenschrift, Begräbnissitten, Kleidung, Frisuren, Töpferei, Eisenverhüttung oder Mobilität (bis hin zu offenbar höchst erfolgreichen Einwanderern wie einem Mann aus dem Nahen Osten, der im 3. Jahrhundert in einem Prunkgrab in Thüringen beigesetzt wurde). Berühmtes (so die Siedlung von Feddersen Wierde, die Fibel von Meldorf, der Schatzfund von Neupotz oder die als „Roter Franz“ bezeichnete niedersächsische Moorleiche) steht dabei neben Unbekannterem und aus heutiger Sicht kurios Anmutendem wie etwa einem im Polen gefundenen Grab, in dem unter anderem 16 Gänse eine Frau ins Jenseits begleiteten.

Eingebettet ist all dies in eine skizzenhafte Ereignisgeschichte der Germanen von den ersten als germanisch anzusprechenden Zeugnissen in Süddeutschland (wo aufgrund ihres Erscheinens zu einem spezifischen Zeitpunkt eine Eingrenzung leichter fällt als in dem Kontinuum weiter nördlich, bei dem unklar bleiben muss, ab wann genau es als „germanisch“ gelten kann) über verschiedene militärische Konflikte des Römischen Reichs mit germanischen Gruppen bis hin zum Übergang der antiken Welt ins Frühmittelalter. Abschließend richtet ein Kapitel noch einmal gezielt den Blick auf die Germanenrezeption der Rechten von der Nazizeit bis heute – eine Begeisterung, der ironischerweise auch das Freilichtmuseum Oerlinghausen überhaupt erst seine Existenz verdankt, auch wenn es heute dankenswerterweise zu den Institutionen gehört, die sich um eine andere Sichtweise bemühen.

Ein hochinteressantes und gelungenes Buch also? Ja – aber mit einer Einschränkung, denn ob man mit Banghards Erzählweise warm wird oder nicht, ist eine Frage des individuellen Geschmacks. Wer sich mit reichlich Umgangssprache (vom „Kulturwissenschafts-Klingonisch“, S. 191, bis zum „Scheißlegatus“, S. 54) und auch immer wieder mit etwas gewollt anmutendem Humor abfinden kann, wird es bei der Lektüre leichter haben als alle anderen. Zahlreiche Scherze wie der Kalauer, man könne den bis heute in der Forschung umstrittenen Ort der Varusschlacht vielleicht in Dissen am Teutoburger Wald vermuten, weil Varus ja lange nach seinem Tod von römischen Schriftstellern „gedisst“ worden sei (S. 58), bleiben einem nicht erspart, auch wenn ihre Dichte glücklicherweise im Verlauf des Buchs abnimmt.

Dabei kann Banghard eigentlich sehr gut schreiben und tut das oft auch über mehrere Seiten hinweg, ganz gleich, ob es nun um sachliche Angaben oder poetische Naturschilderungen (siehe etwa S. 119) geht, bis er dann wieder die nächste deftige umgangssprachliche Wendung, noch eine Popkultur-Anspielung oder einen eher platten Witz bringen zu müssen meint. So sehr das wissenschaftliche Trockenheit oder übertriebene Ehrfurcht zu vermeiden hilft, alles in allem ist es doch etwas zu viel des Guten. Aber vielleicht spricht dieser Stil ja manche Leute an, und möglicherweise auch gerade diejenigen, die besonders von diesem Buch profitieren können, weil es ihre Vorurteile so entschlossen geraderückt.

Angesichts des bemüht launigen Tonfalls wirkt es übrigens unfreiwillig komisch, dass im Bildtafelteil ausschließlich Fotos von Reenactment-Germanen enthalten sind, die so vollkommen todernst dreinsehen, als hätten sie nicht viel zu lachen (ob das nun eher eine Aussage über das Posieren für solche Aufnahmen oder über das Leben der historischen Germanen beinhalten soll, sei einmal dahingestellt). Andere Illustrationen fehlen leider bis auf eine Karte der erwähnten Fundorte komplett: Es gibt weder Bilder von archäologischen Funden noch Rekonstruktionszeichnungen. Gerade weil sich das Buch nicht primär an ein Fachpublikum richtet, wäre es schön gewesen, hieran nicht zu sparen.

Ein Gesamturteil über Die wahre Geschichte der Germanen fällt nicht leicht. Einerseits hat sie ohne Zweifel eine Fülle an Wissen und Aufklärungsarbeit zu bieten, und die Intention dahinter ist einem grundsympathisch. Andererseits wäre ein weniger effekthascherischer Ton angenehmer zu lesen gewesen als die forcierte Lockerheit. Eindeutig zu- oder abraten kann man also nicht; der Inhalt ist die Lektüre auf jeden Fall wert, aber inwieweit die Darreichungsform einem behagt, kann nur jeder selbst entscheiden.

Karl Banghard: Die wahre Geschichte der Germanen. 2. Aufl. Berlin, Propyläen (Ullstein), 2025, 272 Seiten.
ISBN: 978-3-549-10090-5


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Odin

Weisheitsschenker und Runenfinder, Heiler von Pferden wie von Menschen, Gott der Herrscher und der Krieger, aber auch der Skalden, Herr über ein Totenheer, düsterer Empfänger von Menschenopfern und vielleicht sogar Spender von Fruchtbarkeit – Odin hat viele Gesichter, die sich nicht alle mühelos miteinander in Einklang bringen lassen. Mit Odin widmet nun der Skandinavist Klaus Böldl dem weithin berühmten, aber unter den vielen kursierenden Fehlvorstellungen der Populärkultur letzten Endes doch ziemlich unbekannten Gott eine lesenswerte Monographie, die neben den Odin der frühen Quellen auch den der Rezeptionsgeschichte seit dem christlichen Mittelalter stellt.

Der erste Teil des zweigliedrigen Buchs, der sich dem widmet, was sich aus den Quellen aus über die wohl schon seit der Antike und dann im Frühmittelalter bis in die Wikingerzeit hinein verehrte Gottheit Odin (je nach Region auch als Wodan oder Woden bekannt) herauslesen lässt, macht vor allem eines deutlich: Die direkt aus heidnischen Zeiten stammende Überlieferung ist verschwindend gering, da fast alle erzählenden Texte, aus denen das Meiste dessen, was wir über Odin „wissen“ (oder wohl eher zu wissen glauben), stammt, erst nach der Christianisierung entstanden und viele heute als Allgemeinbildung über den Asen geltende Vorstellungen (einschließlich der vermeintlichen Funktionsweise von Walhall als Gefallenenjenseits) weitaus jünger sind, als man vermuten könnte. Die tatsächlichen frühen Glaubenswelten, auf die man Rückschlüsse ziehen kann, bleiben also oft diffuser und in ihrer Interpretation schwieriger als die bunt ausgemalten hochmittelalterlichen Geschichten.

Abseits der noch irgendwie, wenn auch gebrochen, auf paganen Ideen beruhenden Erzählungen macht – wie im zweiten Teil, der sich Odins Rezeptionsgeschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart widmet, erläutert wird – die Odinsgestalt in dieser Epoche eine gewaltige Wandlung durch, die sich in zwei Hauptstränge aufteilen lässt: Besteht einerseits das gelehrte Bestreben, Odin (den sich immerhin mehrere Herrscherhäuser als Ahnherrn zuschrieben) euhemeristisch zu einem menschlichen König aus grauer Vorzeit, der zu Unrecht göttlich verehrt worden sei, zu erklären, wird Odin aus anderer Perspektive zum dämonischen Wesen (im Gefolge des Teufels oder in Überschneidung mit diesem) und treibt in dieser Form nicht nur literarisch, sondern auch im volkstümlichen Aberglauben sein Unwesen (wobei Böldl gut herausarbeitet, dass beide Bereiche nicht so unabhängig voneinander sind, wie Mythenforscher des 19. Jahrhunderts, darunter auch Jacob Grimm, in ihrer Hoffnung auf pagane Relikte im Volksglauben gern annehmen wollten).

Noch wilder wird es allerdings mit dem in der Neuzeit erwachenden teils wissenschaftlichen, teils romantisierenden Interesse an Odin, denn abgesehen von Bildwerken unterschiedlichster Couleur, literarischen Arbeiten, die von der Verklärung bis zur Satire reichen, und der bekannten Popularisierung durch Wagners Ring des Nibelungen gibt es hier kuriose Forschungsthesen (nach denen Odin beispielsweise entweder mit Odysseus oder mit Buddha identisch sei), aber im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts leider auch bald die bis heute immer wieder aufflammende völkisch-nationalistische Vereinnahmung Odins mit einer Überbetonung des Kriegsgottaspekts und einer hässlichen Verquickung esoterischer und rassistischer Ideen (übrigens nicht allein im deutschsprachigen Raum, sondern z. B. auch in den USA). Dem gegenüber stehen radikal andere moderne Interpretationen, die Odin als Repräsentanten der Queerness, des Schamanismus oder gleich von beidem sehen. Ähnlich uneinheitlich ist das Bild in der abschließend analysierten Musik der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart (von Folk bis Heavy Metal), in der Odin nicht nur in den Liedern Rechtsextremer, sondern auch in weit harmloseren Texten besungen wird. Wie beim Odin der Literatur und der bildenden Kunst ist die Auswahl der vorgestellten Beispiele notwendigerweise selektiv (wahrscheinlich würde es den Umfang eines einzigen Buchs auch sprengen, auch nur annähernd die ganze Fülle der künstlerischen Odinrezeption wiedergeben zu wollen), auffällig ist allerdings, dass die Odindarstellung in neueren Medien (etwa im Film) ausgeklammert bleibt.

Insgesamt beeindruckt Böldls Darstellung jedoch nicht nur durch ihren Kenntnisreichtum über alle Epochen hinweg, sondern auch durch ihre Ausgewogenheit und Fairness im Urteil und ihren Verzicht auf überzogene Spekulationen. Denn letztlich, so zeigt sich, ist es unmöglich, aus den wenigen tatsächlich noch aus paganen Zeiten überlieferten Informationen die Religion, die sich mit Odin einmal verband, vollständig zu rekonstruieren – wobei es allerdings aufgrund des langen Zeitraums, des weiten geographischen Rahmens und der Schriftarmut der Odinverehrung die eine, kanonische Variante vermutlich gar nicht gab, sondern von Anfang an heterogene Vorstellungen existiert haben dürften. Was bleibt, ist am Ende also der Eindruck einer komplexen, vielschichtigen und nicht auf einen einfachen Nenner zu bringenden Gottheit, die gerade deshalb wohl auch weiterhin zu den unterschiedlichsten Annäherungen und Deutungen inspirieren wird – hoffentlich eher im Guten als im Schlechten.

Klaus Böldl: Odin. Der dunkle Gott und seine Geschichte. Von den Germanen bis Heavy Metal. München. C.H. Beck, 2024, 320 Seiten.
ISBN: 978-3-406-82168-4


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Karl Marx in Algier

Ob nun verehrt oder verhasst, Karl Marx ist heute im öffentlichen Bewusstsein oft eher als Symbolfigur präsent denn als reale historische Gestalt mit allen Licht- und Schattenseiten. Es ist aber gerade der Mensch Karl Marx, dem sich Uwe Wittstock in Karl Marx in Algier auf originelle Art zu nähern versucht. Bedauerlich ist dabei, dass das bereits 2018 zum ersten Mal erschienene Buch in seiner überarbeiteten Neuauflage seinen Originaltitel Karl Marx beim Barbier eingebüßt hat, denn ein wenig zurechtgestutzt wird Marx dieser Mischung aus Biographie und Reiseerzählung durchaus.

Zum Ausgangspunkt nimmt Wittstock dabei die Monate, die Karl Marx im Frühjahr 1882, ein Jahr vor seinem Tod und bereits schwer lungenkrank, in Algier verbrachte, das damals bei Europäern als klimatisch geeigneter Kurort für solche Leiden galt, eine Zeit, die er eigentlich zu einer Überarbeitung des Kapitals nutzen wollte, die dann gesundheitsbedingt doch nicht zustande kam. In wechselnden Kapiteln werden detailliert dieser Algerienaufenthalt und überblicksartiger Marx’ Leben und die Genese seines Werks geschildert. In der Auseinandersetzung mit seinem Denken ist Wittstock dabei nicht unkritisch, obwohl er Marx auch abseits der politischen Wirkmacht, die seine Ideen entfalten sollten, das unbestreitbare Verdienst zubilligt, die Geschichtswissenschaft für die Bedeutung ökonomischer Zusammenhänge sensibilisiert und die daraus resultierenden sozialen Probleme klar erkannt zu haben.

Wie auch in seinen die jüngere Vergangenheit behandelnden Büchern Februar 33 und Marseille 1940 erweist Wittstock sich dabei als großer Verlebendiger, der Wetter und Topographie Algiers ebenso greifbar heraufzubeschwören weiß wie die unter anderem durch seine regen Briefwechsel gut nachzuvollziehende innere Welt seines Protagonisten. Ein Heldenbild wird bei allem Einfühlungsvermögen aber aus seiner Darstellung von Marx wahrlich nicht, denn dieser hatte auch über verzeihliche menschliche Fehler und Schwächen hinaus widersprüchliche und negative Züge, sei es nun, dass er, ganz nach Herrenart, mit seinem Hausmädchen einen unehelichen Sohn zeugte, um den er sich dann nicht weiter kümmerte, oder dass er, obwohl selbst jüdischer Abstammung, einen auch für die Verhältnisse des diesbezüglich nicht gerade zimperlichen 19. Jahrhunderts extremen Antisemitismus pflegte und auch gegen Schwarze (übrigens einschließlich eines seiner eigenen Schwiegersöhne, der teilweise kubanischer Abstammung war) Vorurteile hegte, die aus heutiger Sicht fassungslos machen. Selbst wenn man sich schon mit Marx beschäftigt hat, erfährt man auf dieser persönlichen Ebene hier noch neue Details, da Wittstock als Quellen unter anderem auch noch unveröffentlichte Briefe nutzen konnte.

Während in den biographisch orientierten Kapiteln also immer wieder auch unangenehme Überraschungen warten, zeigen die den Wochen in Algier gewidmeten Teile einen nachdenklicheren, verletzlicheren Marx, der sich ebenso mit dem nicht lange zurückliegenden Tod seiner Frau wie mit den eigenen Gebrechen auseinandersetzen musste und wohl auf manches noch einmal eine andere Perspektive entwickelte als in jüngeren, arroganteren Jahren. Sinnbildlich dafür lässt Wittstock nicht zuletzt auch die Episode stehen, der das Buch seinen ursprünglichen Titel verdankt: Nachdem er sich ein letztes Mal mit seinem charakteristischen Rauschebart hatte fotografieren lassen, begab Marx sich kurz vor seinem Aufbruch aus Algier zu einem Barbier, um sich rasieren und die Haare schneiden zu lassen, und war so auf der Rückreise nach Europa zumindest äußerlich ein stark veränderter Mensch. Das passt recht gut dazu, das auch das Bild, das man sich von ihm macht, sich mit der Lektüre von Karl Marx in Algier wandelt und immer mehr von den vertrauten Klischees und Assoziationen löst.

Uwe Wittstock: Karl Marx in Algier. Leben und letzte Reise eines Revolutionärs. München, C. H. Beck, 2025, 256 Seiten.
ISBN: 978-3-406-83072-3

 


Genre: Biographie, Geschichte

Fischer, Perle, Walrosszahn

In der Geschichtswissenschaft steht das Meer häufig nur dann im Mittelpunkt, wenn auf ihm Handelsschifffahrt oder militärische Unternehmungen stattfinden – eine Verengung des Blicks, der Nikolas Jaspert mit Fischer, Perle, Walrosszahn. Das Meer im Mittelalter eine andere, stärker durch das Meer als Ökosystem und Alltagswelt geprägte Perspektive entgegensetzt, und das auf gut lesbare und bei allem Ernst unterhaltsame Weise. In drei großen Kapiteln – Meer und Mensch, Reale und fiktive Meereslebewesen sowie Schätze des Meeres – geht es um das Leben vom und mit dem Meer, religiöse und literarische Deutungen, die ihm und seinen Bewohnern beigelegt wurden, Kunstwerke mit Meeresbezug und noch viel mehr. Ausnahmslos alle Meeresthemen können natürlich auch hier nicht abgehandelt werden (zu Sturmfluten, die wahrscheinlich allen aus Norddeutschland Stammenden beim Stichwort „Meer“ spontan einfallen, gibt es etwa keinen eigenen Abschnitt), aber die Fülle unterschiedlicher Aspekte, die zur Sprache kommen, beeindruckt und überzeugt.

Sympathisch ist dabei, dass Jaspert dafür plädiert, nicht in der arroganten Manier eines vermeintlich klügeren Nachgeborenen über die Epoche zu urteilen, sondern mittelalterliche Ordnungs- und Deutungskategorien dort, wo es sich anbietet, gelten zu lassen und selbst zu verwenden. So ist z. B. die Koralle, die im Mittelalter gern als Gestein betrachtet wurde, unter die Schätze eingeordnet, statt sich bei den Lebewesen zu finden, zu denen sie, wie wir heute wissen, zählt. Denn trotz aller naturwissenschaftlichen Fortschritte sind wir nicht unbedingt schlauer, wurden doch aus menschlichem Fehlverhalten resultierende Probleme wie Überfischung durchaus schon im Mittelalter erkannt, ohne dass man seither gelernt hätte, besser und nachhaltiger zu handeln (eher im Gegenteil). Mag einen auch manches aus moderner Sicht eher amüsieren, wie etwa die Fülle von Fabelwesen von der Sirene bis zum Meermönch, die im Mittelalter im Meer verortet wurde, erweist sich in erstaunlich vielen Punkten, dass bestimmte heutige Meinungen über das Meer und seine Tiere ihre Wurzeln schon im Mittelalter oder, durch dieses tradiert, gar in der Antike haben, etwa der gute Ruf, den Delfine, nicht unbedingt ganz zu Recht, immer noch genießen, während sich die Assoziation der mit ihnen verwandten Wale mit Teuflischem und Unheimlichem zum Glück verloren hat.

Geographisch liegt der Schwerpunkt der Darstellung auf dem christlich, islamisch und jüdisch geprägten Bereich Europas und angrenzender Gebiete, vor allem auf dem Mittelmeerraum sowie Nord- und Ostsee. Deutlich wird dabei, dass es zwischen Angehörigen aller drei Religionen nicht nur einen Austausch von Wissen und Vorstellungen gab, sondern auch die Arbeit mit dem Meer und den daraus gewonnenen Produkten über Glaubensgrenzen hinweg verlaufen konnte (wenn etwa jüdische Handwerker aus Korallen Rosenkränze für den christlichen Markt fertigten). Ohnehin räumt die Quellennähe des Buchs, die gerade durch juristische Texte wie Protokolle oder Verträge immer wieder einen Blick auf das Leben einfacher Menschen zulässt, mit vielen Vorurteilen auf, wenn etwa der Lehrling eines solchen Korallenverarbeiters verpflichtet wird, seinem Meister auch bei der Kinderbetreuung von dessen kleiner Tochter zu helfen. Was man, modern gesprochen, unter Care-Arbeit zusammenfassen würde, war also keine rein weibliche Domäne, wie umgekehrt in anderen Fällen durchaus auch Mädchen als Lehrlinge erscheinen, also eine Berufsausbildung erhielten. Manchmal ist das Geschilderte auch nicht ohne Situationskomik, beispielsweise, wenn es im spätmittelalterlichen Barcelona zu heftigen Handgreiflichkeiten kommt, weil ein Gewerbeaufseher den örtlichen Steuereintreiber dabei ertappt, mit den Fischverkäuferinnen bei Preistreibereien durch künstliche Warenverknappung gemeinsame Sache zu machen, und ihn daraufhin unter vollem Körpereinsatz aus der Markthalle wirft.

Eindringlich wird aber auch immer wieder aufgezeigt, dass die vom Meer abhängige Wirtschaft oft ausbeuterische Züge hatte, nicht nur, was den Umgang mit der Natur betraf, sondern auch in Bezug auf die Behandlung der beteiligten Menschen. Unrühmliche Beispiele sind etwa die Bernsteinfischerei des Deutschen Ordens, der nicht nur Leibeigene und Hörige unter erbarmungswürdigen Bedingungen dazu heranzog, sondern auch mittels drakonischer Strafen erzwang, jeden noch so kleinen Bernsteinfund bei ihm abzuliefern, und die Meersalzgewinnung auf Ibiza, für die man als Arbeitskräfte gezielt Menschen aus Nordafrika entführen ließ und versklavte.

In scharfem Kontrast zu dieser bitteren Realität stehen die zahlreichen wunderbaren Kunstwerke des Mittelalters, die entweder das Meer zeigen oder aus Meeresmaterialien (vom titelgebenden Walrosszahn bis zum Purpur) gestaltet wurden. Der prachtvolle Tafelteil und eine Reihe von Schwarzweißabbildungen machen auch diese schöne Seite des mittelalterlichen Umgangs mit dem Meer erfahrbar, wie ohnehin die gelungene Buchgestaltung hervorzuheben ist. Bereits der Umschlag, der Fische und Fabelwesen aus Bildern des 12. und 13. Jahrhunderts effektvoll in Szene setzt, macht Lust auf mehr (oder Meer?), und das Buch erfüllt die geweckten Hoffnungen voll und ganz. Für alle Meeresbegeisterten und Mittelalterinteressierten kann – nein, muss – also von ganzem Herzen eine Leseempfehlung ausgesprochen werden.

Nikolas Jaspert: Fischer, Perle, Walrosszahn. Das Meer im Mittelalter. Berlin, Propyläen, 2025, 592 Seiten.
ISBN: 978-3-549-10084-4


Genre: Geschichte

Die Entstehung des Christentums

Um die Ursprünge des Christentums ranken sich unzählige Legenden. Jens Schröter unternimmt in seiner knappen Einführung Die Entstehung des Christentums den Versuch, auszuloten, was eigentlich historisch wahrscheinlich ist und wie sich Stück für Stück spezifisch christliche Formen der Theologie, Liturgie und Organisation herausbildeten. Der zeitliche Rahmen ist laut Untertitel Von den Anfängen bis zu Konstantin dem Großen gespannt, wobei der gewählte Endpunkt allerdings nur äußerst knapp abgehandelt wird und der Fokus stärker auf der Entwicklung bis dorthin als auf den näheren Umständen, unter denen das Christentum schließlich nicht nur toleriert, sondern von der Führungsebene des römischen Reichs protegiert wurde, liegt.

Deutlich wird dabei vor allem eines: Das eine, homogene Christentum gab es von Anfang an nicht, sondern vielmehr eine Fülle verschiedener Glaubensüberzeugungen, gottesdienstlicher Praktiken und alltäglicher Lebensweisen, von denen beileibe nicht alle bis in spätere Epochen überdauerten. Erscheint manches davon (z. B. die Abhaltung liturgischer Tänze) nur ungewohnt, aber nicht unbedingt in einem grundsätzlichen Widerspruch zu dem, was man heute unter Christentum versteht, gab es in anderen Fällen, vor allem unter den Gnostikern, auch inhaltlich erhebliche Abweichungen vom dem, worüber sich die christlichen Konfessionen der Gegenwart im Großen und Ganzen einig sind. Schröter zeichnet die frühen theologischen Debatten nach und macht auch deutlich, in welcher spezifischen Situation bestimmte Schriften des Neuen Testaments jeweils entstanden und dass der Kanon der Bibel nicht von vornherein feststand.

Die innere Heterogenität war jedoch nicht der einzige prägende Faktor für das frühe Christentum; noch entscheidender war seine Auseinandersetzung mit seiner jüdischen und paganen Umwelt. Diente die Abgrenzung vom Judentum zunächst vor allem der Herausbildung einer eigenen Identität des Christentums als etwas anderes als eine Spielart jüdischen Glaubens, artete sie leider oft in Polemik aus und trug so letztlich schon den Keim des bis heute immer wieder aufflammenden Antisemitismus in sich. Ambivalent blieb die Beziehung zum Heidentum, denn sie nur auf die Christenverfolgungen im römischen Reich zu reduzieren, greift zu kurz. Vielmehr übernahm das entstehende Christentum trotz aller Konflikte auch einiges aus der griechischen und römischen Kultur. So orientierten sich beispielsweise apologetische christliche Schriften formal oft eng an den gängigen philosophischen Dialogen, die eine ganz andere Weltsicht vertraten. In der Art des Disputierens über Religion und Lebensführung blieb daher vieles erhalten, was seine Ursprünge außerhalb jüdischer und christlicher Tradition hatte.

Viele dieser Aspekte werden aufgrund der Kürze des Buchs eher angerissen als detailliert ausgeführt, aber um einen ersten Überblick zu gewinnen, ist es hervorragend geeignet. Wie schon die vom selben Autor stammende Einführung über den historischen Jesus zeichnet sich auch die vorliegende durch ihre Arbeit eng an den Texten aus. Positiv fallen diesbezüglich auch immer wieder Jens Schröters umfassende Kenntnisse der Apokryphen auf, die hier stärkere Berücksichtigung finden als in manchen thematisch ähnlich gelagerten Büchern und zu dem Eindruck beitragen, dass das Christentum in all seiner Vielfalt sich möglicherweise auch ganz anders hätte entwickeln können, als es dann tatsächlich der Fall war.

Jens Schröter: Die Entstehung des Christentums. Von den Anfängen bis zu Konstantin dem Großen. München, C.H. Beck, 2024, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-82272-8


Genre: Geschichte

Mordsache Caesar

Kann man einen historischen Mord analysieren wie einen modernen Kriminalfall? Einen Versuch, ebendas zu tun, unternimmt Michael Sommer in Mordsache Caesar. Die letzten Tage des Diktators. Den Untertitel darf man dabei nicht allzu wörtlich nehmen, denn obwohl dem unmittelbaren Vorfeld von Caesars Ermordung besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird, zeichnet das Buch im Prinzip Caesars kompletten Werdegang und die Entwicklung seines Verhältnisses zu den Personen, die sich am Ende gegen ihn verschworen, nach.

Im Aufbau erinnert die Darstellung dabei noch am ehesten an mit Spielszenen aufgelockerte populäre Fernsehdokumentationen zu historischen Themen: Den einzelnen Kapiteln sind kurze, mehr oder minder quellennah gestaltete fiktive Szenen, die jeweils eine bestimmte Person in den Vordergrund rücken, vorangestellt, und den Fließtext selbst unterbricht hier und da ein „Aktenvermerk des Historikers“, um bestimmte Fragestellungen und spekulative Überlegungen hervorzuheben.

Die Grundthese, die Sommer dabei im Abwägen der verschiedenen Quellen, aber auch in Auseinandersetzung mit dem Caesarbild bei William Shakespeare, Martin Jehne und Christian Meier entwickelt, lässt sich in etwa wie folgt zusammenfassen: Das ständige Wetteifern der Nobilität um Ämter und Ruhm, das die römische Republik entscheidend prägte, bildete einerseits den Nährboden, auf dem ein ehrgeiziger Einzelner wie Caesar es aus der relativen Bedeutungslosigkeit bis zur Alleinherrschaft bringen konnte, barg aber andererseits auch den Keim für seinen Untergang, da seinen Standesgenossen durch seinen dauerhaften Verbleib an der Spitze die Möglichkeit genommen war, jemals höher als bis an die zweite Stelle im Staat aufzusteigen.

Den Hauptgrund für das politische Scheitern der Caesarmörder, die durch ihre Tat letztlich nur dem späteren Augustus eine bessere Ausgangsposition im anschließenden Machtkampf verschafften und damit den Weg zur dauerhaften Etablierung einer Monarchie ebneten, sieht Sommer denn auch in der Tatsache, dass bei vielen der Verschwörer eher egoistische Motive in Spiel waren und die wenigen beteiligten Idealisten (zu denen er etwa Marcus Iunius Brutus zählt) allein keinen Entwurf für einen Neubeginn der Republik zu entwickeln vermochten, der breitere Kreise überzeugt und mitgerissen hätte.

Das alles schildert Sommer mit viel Verve und Gespür für Dramaturgie, vor allem aber in dem Bemühen um eine Verlebendigung seiner Protagonisten. Packend ist die Lektüre also ohne jede Frage, aber inwieweit man den gewählten Sprachstil als angenehm lässig oder doch eher als manchmal zu gewollt flapsig empfindet, hängt wohl vom persönlichen Geschmack ab: Das Rad der Geschichte kann man hier „mit Schmackes“ (S. 15) drehen, damit, dass es im Senat „Stunk“ (S. 260) gibt, ist zu rechnen, nach der Schlacht von Pharsalos ist für die Republikaner „der Drops gelutscht“ (S. 194), und später stellen Brutus und Cassius ihr „Team Tyrannenmord“ (S. 224) zusammen. Auch abseits davon wirkt mancher Ausdruck einfach zu modern für das, was gemeint sein könnte (denn verschickte man Briefe in der römischen Antike wirklich schon in einem „Kuvert“, so S. 190 in einer der imaginären Szenen?).

Etwas gründlicher hätte das Lektorat sein können, denn leider sind einige missverständliche oder schlicht falsche Formulierungen stehen geblieben. Unter anderem erfährt man so, dass Caesar eine Leichenrede „auf seine Witwe“ (S. 142) hielt – eine stramme Leistung, aber einem so entschlossenen Mann sollte man wohl zutrauen, zu dem Zweck aus dem Jenseits zurückzukehren (oder realistischer, aber deutlich langweiliger annehmen, dass mit der „Witwe“ eigentlich Caesars verstorbene erste Frau gemeint ist).

Nur partiell gelungen ist auch die digitale Rekonstruktion des Forum Romanum im hinteren Vorsatz, denn so nett der Gesamteindruck der Architektur auch sein mag, ist doch arg offensichtlich, dass in der Menschenmenge im Vordergrund dieselben Figuren immer wieder an verschiedenen Stellen und in unterschiedlichen Größen auftreten und offensichtlich nur per Kopieren und Einfügen über das Bild verteilt wurden. Eine klassische zeichnerische Rekonstruktion hätte deutlich mehr Charme gehabt.

So bleibt der Gesamteindruck am Ende durchwachsen. Unterhaltsam und spannend schreibt Sommer allemal, und seine Analyse des Zustandekommens von Caesars Ermordung ist durchaus gelungen und interessant, ganz gleich, ob man ihm nun in jedem Detail zustimmen möchte oder nicht. Wie sehr einem die äußere Verpackung dieser Forschungsergebnisse liegt, wird sich aber je nach individueller Disposition unterscheiden.

Michael Sommer: Mordsache Caesar. Die letzten Tage des Diktators. München, C.H. Beck, 2024, 320 Seiten.
ISBN: 978-3-406-82133-2


Genre: Biographie, Geschichte

Exil im Paradies

Die Geschichte des deutschsprachigen Exils während der Nazizeit wird nicht selten vor allem als eine Geschichte von Männern erzählt. Ursel Braun wählt gezielt eine andere Perspektive: In Exil im Paradies stellt sie sechs Frauen in den Mittelpunkt, die in Los Angeles und seinen Vororten, sei es für immer oder nur auf Zeit, eine neue Heimat fanden, und schildert ihr Leben in den Jahren 1940 bis 1945.

Salka Viertel, Katia Mann, ihre Schwippschwägerin Nelly Kröger-Mann, Marta Feuchtwanger, Alma Mahler-Werfel und Helene Weigel hatten vor ihrer jeweiligen Emigration sehr unterschiedliche, nicht zuletzt durch ihre jeweilige soziale Herkunft bestimmte Lebenswege, waren aber alle mit bekannten deutschsprachigen Autoren verheiratet und ab einem bestimmten Zeitpunkt Teil derselben Exilgemeinschaft, die für einige Jahre unter dem Spitznamen „New Weimar“ zahlreiche Größen aus Kunst, Literatur, Musik und Schauspiel an der Pazifikküste versammelte.

Neben dem Ort, an den ihre Flucht (bzw. in Viertels Fall eine gerade noch rechtzeitige Auswanderung vor dem völligen Entgleisen der Verhältnisse in Europa) sie geführt hatte, einte die sechs aber noch etwas: Leicht hatten sie es alle nicht, ganz gleich, ob sie ein materiell komfortables Leben führen konnten, wie die finanziell gut ausgestattete Katia Mann, oder vielmehr wie Helene Weigel, die in ihrem Beruf als Schauspielerin in den USA nicht Fuß zu fassen vermochte, von Geldsorgen geplagt waren. Als Geflüchtete spätestens seit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten immer wieder mit Vorurteilen, rechtlichen Einschränkungen oder gar Bespitzelung konfrontiert, mussten sie um in Europa zurückgebliebene Angehörige und Bekannte bangen. Zumeist blieb es auch allein an den Frauen hängen, sämtliche praktische Seiten des Ehe- und Familienalltags zu organisieren und ihren teilweise mit der neuen Lebenssituation fremdelnden bis überforderten Männern den Rücken für ihre literarische Arbeit freizuhalten, ohne unbedingt viel Dank und Anerkennung dafür zu bekommen.

Denn eines wird bei den Schilderungen von Alltag, Gesellschaftsleben und kleinen Freuden inmitten schwerer Zeiten leider auch deutlich: Trotz ihres fürchterlichen und unverdienten Schicksals waren nicht alle von den Nazis in Exil Getriebenen unbedingt durch und durch sympathische Gestalten. Die ihre Frauen oft munter rechts und links betrügenden und ein beträchtliches Anspruchsdenken an den Tag legenden Schriftsteller sind allerdings nicht die Einzigen, die nicht gerade als moralische Vorbilder taugen. Auch über die ungeachtet ihrer Ehe mit dem Juden Franz Werfel an antisemitischen Vorurteilen festhaltende und ohnehin in fast schon grotesker Überheblichkeit schwelgende Alma Mahler-Werfel schüttelt man bei der Lektüre mehr als einmal den Kopf.

Von solchen Merkwürdigkeiten, der über allem schwebenden Ungewissheit um Kriegsausgang und eigene Zukunftsaussichten, aber auch von Amüsantem wie einer Heimatgefühle weckenden Sachertorte nach Spezialrezept, einer am Wegesrand aufgelesenen Schildkröte und dem Kulturschock aus Europa in das ihnen sehr fremde Amerika Verpflanzter erzählt Ursel Braun in einem gut lesbaren, flüssigen Stil, vor allem aber auch mit viel Sachkenntnis und Einfühlungsvermögen. Fotos von ihren Protagonistinnen und deren Angehörigen (teilweise in der Zeit des Exils, manchmal auch schon in früheren Jahren aufgenommen) lockern den Text auf und illustrieren bestimmte Detailbeobachtungen. Vorn und hinten im Einband bietet darüber hinaus ein Stadtplan, in dem die jeweiligen Frauen ihren Wohnorten zugeordnet sind, Zusatzinformationen (ein Manko an diesem Plan ist allerdings die leider etwas kontrastarm geratene Farbgebung von Karte und Schrift; man braucht schon sehr gute Beleuchtung am Leseplatz, um die Straßen- und Ortsnamen entziffern zu können)

Ein Epilog skizziert den weiteren Weg der fünf Frauen, die über die im Detail geschilderte Zeit hinaus noch am Leben blieben (die von ihrer Situation sehr belastete und von den Verwandten ihres Mannes Heinrich Mann immer abgelehnte Nelly Kröger-Mann hatte 1944 Suizid begangen), und eine kurze Bibliographie gibt eine nach den jeweiligen Frauen geordnete Übersicht über die Literatur zu ihnen, so dass man, wenn man durch Exil im Paradies neugierig geworden ist, noch tiefer in die Lektüre über sie einsteigen kann.

Hervorhebenswert ist darüber hinaus auch die hübsche äußere Gestaltung des in der Reihe blue notes erschienenen Buchs, das ein kleine Schmuckstück im Regal ist und es verdient hat, mehr als einmal daraus hervorgezogen zu werden, und das nicht nur aus historischem Interesse. Gerade angesichts der Tatsache, dass das titelgebende Paradies derzeit eher als von den Waldbränden um Los Angeles schwer gezeichnete Flammenhölle Schlagzeilen macht und es nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika zu politischen Verwerfungen kommt, drängen sich Kontraste und Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf, die dem Buch eine besondere Aktualität verleihen und es auch abseits jedes speziellen Interesses an den Porträtierten und ihrem Umfeld lesenswert machen.

Ursel Braun: Exil im Paradies. Von Marta Feuchtwanger bis Helene Weigel. Berlin, ebersbach & simon, 2025, 144 Seiten.
ISBN: 978-3-86915-311-7


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Sachbuch allgemein

Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis

Ohne den Buchdruck und die dadurch ermöglichte massenhafte Verbreitung von Flugblättern und ähnlichen Schriften, die aktuelle Themen aufgreifen konnten, hätte es den Bauernkrieg ebenso wenig wie die eng mit ihm verflochtene Reformation gegeben – das ist die Prämisse, von der Thomas Kaufmann in seinem umfangreichen Werk Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis ausgeht, um den Umgang der Druckwerke der Zeit mit dem Bauernkrieg speziell, aber auch mit Bauern allgemein unter die Lupe zu nehmen.

Eine Einführung in den Bauernkrieg an sich ist das Buch gleichwohl nicht: Dass sein Lesepublikum die Grundzüge der Ereignisse und ihre wichtigsten Akteure kennt, setzt Kaufmann ebenso voraus wie ein gewisses Maß von Vertrautheit mit Fachausdrücken und alten Sprachen. Hervorhebenswert ist das vor allem deshalb, weil Der Bauernkrieg sich damit in gewisser Weise in eine Tradition einreiht, die der Autor auch schon für die zeitgenössische Publizistik konstatiert: Von einzelnen Ausnahmen wie den Zwölf Artikeln und der Memminger Bundesordnung einmal abgesehen fangen die überlieferten Druckwerke nicht die Stimmen der Bauern selbst ein und haben diese auch nicht als hauptsächliche Zielgruppe, sondern sind eher Zeugnisse von Äußerungen über Bauern aus Sicht zumeist in der Geistlichkeit oder in einem städtischen Umfeld zu verortender Gebildeter.

Zeigt schon der weitgespannte Rezeptions- und Forschungsüberblick, den Kaufmann einleitend bietet, dass in der Historiographie bei aller Kritik am gewaltsamen Vorgehen der Bauern früh Verständnis dafür aufkam, dass sie sich gegen unhaltbare Zustände zur Wehr gesetzt hatten, lässt auch der Blick auf die im Vorfeld und während des Bauernkriegs und kurz darauf veröffentlichten Werke kein einheitlich negatives Bauernbild, sondern von Anfang an eine gewisse Ambivalenz erkennen. Denn neben den Bauern als tumben und ungeschliffenen Rüpel und potenziellen Unruhestifter trat in der Literatur der Zeit mit der Reformation verstärkt der mit gesundem Menschenverstand und Selbstbewusstsein gesegnete einfache Mann, der als Gegenüber und Diskussionspartner ernst genommen werden musste.

Nicht jeder wollte freilich das, was man im philosophisch-theologischen Bereich auf einmal gelten zu lassen bereit war, auch auf politische Belange übertragen, so dass bei weitem nicht alle der Reformatoren, deren Wirken erheblich mit zu der Gemengelage beigetragen hatte, in der es zu einer überregionalen Aufstandsbewegung kommen konnte, auf die Anliegen der Bauern verständnisvoll reagierten. Martin Luthers wüste Invektiven sind diesbezüglich als Negativbeispiel bekannt, aber an ihnen zeigt Kaufmann auch auf, wie es Gegnern aus dem katholischen Lager glückte, durch Nachdrucke aus dem Kontext gerissener Textteile Luthers Äußerungen noch schlimmer erscheinen zu lassen, als sie ohnehin schon waren – ein Vorgehen, das einen durchaus an die in modernen Internetdebatten gern genutzten Tricks erinnern kann.

In den Publikationsstrategien, auf die man zurückgriff, um Widersacher und Rivalen möglichst schlecht dastehen zu lassen, sieht Kaufmann auch den Grund dafür, dass die Bedeutung einzelner Persönlichkeiten des Bauernkriegs, über die viel veröffentlicht wurde, von der Nachwelt überschätzt wurde. So stuft er beispielsweise den Einfluss Thomas Müntzers auf das Gesamtgeschehen weitaus geringer ein, als es in der früheren Literatur bisweilen übrig war (durchaus aber im Einklang mit neueren Darstellungen wie Gerd Schwerhoffs Bauernkrieg). Müntzer hatte wohl schlicht das Pech, dass sich die Wittenberger Reformatoren bereitwillig auf ihn einschossen, um den Einfluss ihrer eigenen Ideen auf die Aufstände herunterzuspielen.

Auch wenn diese letztlich in den meisten Fällen blutig niedergeschlagen wurden und nur in einigen Gebieten, etwa in der Ortenau, durch Verhandlungslösungen tatsächlich Verbesserungen für die Bauern erreicht wurden, wirkten die im Bauernkrieg entwickelten Ideen jedoch fort, sei es in radikalen Utopien, deren Verbreitung im Druck den Verantwortlichen schnell zum Verhängnis werden konnte, oder immerhin in latenten Sympathien, wie sie etwa bei Albrecht Dürer zu vermuten sind, dessen als Lehrstück, nicht als Entwurf für ein konkretes Denkmal konzipierte Bauernsäule einen hinterrücks erstochenen Bauern in Denkerpose so prominent in Szene setzt, dass man dahinter unterschwellige Kritik an den Massakern vermuten kann.

Ob vor, in oder nach dem Bauernkrieg entstanden, vielen Zeugnissen ist gemein, dass neben Überlegungen über die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse und Erfahrungen mit früheren bäuerlichen Aufstandsversuchen auch religiöse Überzeugungen, aber auch in einem heute kaum noch nachempfindbaren Maße abergläubische Vorstellungen etwa von vermeintlichen astrologischen Einflüssen in die Einschätzung der Lage mit einflossen. Über das spezifische Thema des Bauernkriegs hinaus erlaubt Kaufmanns Buch so Einblicke in die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vorherrschende Weltsicht und Mentalität.

Viel Freude macht die üppige Bebilderung, denn die besprochenen, oft mit Holzschnitten illustrierten Druckwerke gleich vor Augen zu haben und die darüber getroffenen Aussagen so unmittelbar nachvollziehen zu können, ist ungemein hilfreich. Im Großen und Ganzen ist die Bildqualität hinreichend, nur bei den Abbildungen aus der Petrarca-Ausgabe Von der Artzney bayder Glück sind die Bilder, vielleicht aus Platzgründen oder mangels besseren Ausgangsmaterials, teilweise so klein, dass es schwierig wird, die erwähnten Details darin zu erspähen.

Das aber ist nur ein kleiner Kritikpunkt, der das, was Der Bauernkrieg zu bieten hat, insgesamt nicht schmälert. Bei Interesse an der Epoche sollte man sich also auf das Medienereignis einlassen, denn ganz gleich, ob man jeder Wertung des Autors folgen mag oder nicht, sein Buch ist schon allein dank der eingeflossenen Materialfülle eine lohnende Lektüre.

Thomas Kaufmann: Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis. Freiburg im Breisgau, Herder, 2024, 544 Seiten.
ISBN: 978-3-451-39028-9


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur