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Helenas Töchter

Unter Althistorikern gilt Mode- und Kostümgeschichte oft allenfalls als Nischenthema. Wie grundfalsch es jedoch ist, Kleidung, Accessoires und ihren raschen oder langsamen Wandel als bloße Oberflächlichkeit abzutun, zeigen Klaus Junker und Sina Tauchert in ihrem schönen, reich illustrierten Band Helenas Töchter. Frauen und Mode im frühen Griechenland.
Herstellung und Pflege von Textilien waren im alten Griechenland mit seiner ausgeprägten Geschlechterrollenverteilung ein zentrales Aufgabenfeld der Frauen. Doch Kleidung machte nicht nur Arbeit, sondern war auch ein unverzichtbares Element weiblicher Selbstdarstellung in einer Welt, die Frauen ansonsten abgesehen von bestimmten religiösen Funktionen nur wenige Möglichkeiten einräumte, sich öffentlich zu präsentieren und auszudrücken.
Weil Kleider in aller Regel die Jahrtausende gar nicht oder allenfalls fragmentarisch überdauern, ist zur Rekonstruktion der Mode der hier behandelten archaischen bis frühklassischen Zeit ein Rückgriff auf Text- und vor allem Bildquellen notwendig. Neben Vasenbildern, die gerade im früheren Teil der Epoche oft stark stilisiert und deshalb nur bedingt aussagekräftig sind, spielen Reliefs und Statuen eine große Rolle. Da Reste ihrer ursprünglichen Bemalung mit modernen Methoden wieder sichtbar gemacht werden können, geben sie nicht nur Aufschluss über die Art der Gewänder, sondern auch über Farbgebung, Muster und Ornamente.
Deutlich wird vor allem ein beharrlicher Grundzug, der im Vergleich zur heutigen Kleidung, aber auch zu der zeitgleicher Kulturen (etwa im alten Orient) überrascht: In der altgriechischen Mode wurde so wenig wie möglich genäht und kaum etwas zugeschnitten. Der wichtigste Herstellungsschritt war das Weben, bei dem gern schon Verzierungen eingefügt wurden; die Stoffbahnen drapierte man dann mithilfe von Gürteln und Gewandnadeln am Körper. Die so entstandenen Kleidergrundformen Chiton und Peplos existierten jahrhundertelang, wurden aber in Stoffqualität und Trageweise und mit allerlei Accessoires erstaunlich vielfältig variiert.
Einfluss auf die Mode hatten dabei nicht nur individuelle Vorlieben, obwohl auch sie immer wieder aufscheinen. Vielmehr waren auch kultureller Austausch und politische Situation von nicht zu unterschätzender Bedeutung. So zeigen Junker und Tauchert etwa am Beispiel der durch Fernhandel reich gewordenen Inselpolis Samos, wie ägyptische und kleinasiatische Vorbilder in der griechischen Damenmode abgewandelt wurden. Die Entwicklung in Athen dagegen zeigt die Abhängigkeit dessen, was als angemessene Kleidung galt, von der jeweiligen Herrschaftsform: Während man unter der Tyrannis der Peisistratiden versuchte, sich gegenseitig durch prunkvolle Gewänder, reichen Schmuck und üppige Frisuren zu übertrumpfen, wandelte sich die Mode mit dem Erstarken der Demokratie und des Gleichheitsgedankens grundlegend. Nun waren schlichtere Kleider aus oft ungemusterten Stoffen und unkompliziert hochgebundene Haare gefragt. Mit den Perserkriegen schließlich erreichten modische Anregungen aus dem Orient auch das griechische Festland: Plötzlich sind auch hier tunikaähnliche Kleidungsstücke mit langen Ärmeln nachweisbar.
Zur Ergänzung des spannenden Bilds, das sich aus den vielen akribischen Einzelbeobachtungen ergibt, hätte man sich nur zweierlei noch gewünscht: ein genaueres Eingehen auf die nur ganz am Rande erwähnte Fußbekleidung (oder ihr gelegentliches Fehlen) und einen Ausblick in die spätere Klassik und die hellenistische Zeit (für die allerdings die Quellenbasis dürftiger ist, wie die Autoren selbst erläutern). Ein wenig entschädigt für das Fehlen der weiteren antiken Entwicklung allerdings ein Exkurs, der auf die moderne Rezeption altgriechischer Kleidung eingeht, deren charakteristische Elemente Anfang des 20. Jahrhunderts der spanische Designer Fortuny mit dem Delphos-Kleid aufgriff.
Der schönste Schluss, den man aus der vergnüglichen und bereichernden Lektüre ziehen kann, ist also vielleicht der, dass sich die Beschäftigung mit der Antike nicht nur aus historischem Interesse lohnt, sondern auch reichlich ästhetische Inspiration zu bieten hat.

Klaus Junker, Sina Tauchert: Helenas Töchter. Frauen und Mode im frühen Griechenland. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2015, 136 Seiten.
ISBN: 9783805348584


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Pantheon

Schon auf dem schön gestalteten Umschlag verspricht Jörg Rüpkes Pantheon eine Geschichte der antiken Religionen. Titel und Untertitel führen jedoch in die Irre, und das nicht nur, weil der geographische Schwerpunkt allein auf Italien und insbesondere Rom liegt, so dass etwa die Religion in Griechenland bis auf wenige Erwähnungen am Rande ausgespart bleibt. Vor allem ist es der Begriff „Pantheon“, der die falschen Assoziationen weckt, denn wer detaillierte Informationen über die Götterwelt der Antike und die mit den verschiedenen Gottheiten verbundenen Mythen, Bildwerke und Bräuche erwartet, wird hier nicht fündig. Rüpke geht es gerade nicht darum, Sagen nachzuerzählen oder bis in alle Einzelheiten die Praktiken individueller Kulte auszuloten. Vielmehr fragt er nach den großen Entwicklungslinien und dem Wesen von Religion an sich und ist dabei bemüht, einengende Denkschablonen aufzubrechen.

Religion ist für ihn primär die Kommunikation des Einzelnen mit höheren Mächten, zugleich aber auch mit anderen Menschen, deren Billigung, Duldung oder Ablehnung des individuellen religiösen Handelns zu allen Zeiten einen entscheidenden Faktor bildete. Mehr oder minder öffentlich gelebte Religiosität war daher immer auch Selbstdarstellung – sei es ganz unverhohlen in Form von Stifterinschriften oder Grabbauten, sei es mittelbar durch die Übernahme spezifischer Rollen im kultischen Kontext, den Vollzug bestimmter Rituale oder die Betonung eines besonders engen Verhältnisses zu ausgewählten Gottheiten.

Die entscheidende Entwicklung, die sich dabei zwischen der nur bruchstückhaft zu rekonstruierenden Religiosität der Eisenzeit und der Spätantike mit ihren Mysterienkulten und der Genese des Christentums vollzog, ist für Rüpke der Wandel von einem Primat situativ angemessenen rituellen Handelns zur identitätsstiftenden, aber auch ab- und ausgrenzenden Zugehörigkeit zu einer Religion.

Parallel zu dieser Entwicklung wurden religiöse Kenntnisse immer stärker systematisiert und dogmatisiert: Standen am Anfang ein Lernen durch Beobachtung von und Teilnahme an religiösen Handlungen und eine gewisse Offenheit, bemühte man sich schon in der späten Republik und in der Kaiserzeit, Überliefertes schriftlich festzuhalten und zu ordnen, während mit dem aufkommenden Christentum die Texte selbst zum konstituierenden Element einer Glaubensüberzeugung werden konnten. Mit dieser allmählichen Herausbildung eines theologischen Expertenwissen gingen auch eine Einschränkung der religiösen Kompetenz, die man Individuen zubilligte, und eine fortschreitende Institutionalisierung und Hierarchisierung religiöser Gemeinschaften einher. Am Ende der Antike bestand dann in den Grundzügen bereits etwas, das unserem heutigen Verständnis von Religion nahekam, aber von den Anfängen sehr weit entfernt war.

Diese Geschichte erzählt Jörg Rüpke ungemein kenntnisreich, mit spürbarer Begeisterung für sein Thema und unter Verwendung zahlreicher einleuchtender Beispiele aus literarischen und archäologischen Quellen. Besonders erfreulich ist, dass er den Blick auf religiöse Ausdrucksformen und Handlungsspielräume von Männern und Frauen gleichermaßen lenkt und hier auch deutlich macht, wie stark soziale und religiöse Rollenzuschreibungen sich beeinflussen konnten (z.B. bei der Zuweisung des doch recht einschränkenden Vestalinnenamtes allein an Frauen oder bei deren Verdrängung aus dem christlichen Episkopat).

Allein stilistisch wird es bisweilen ein wenig sperrig. Man hat durchaus Verständnis dafür, dass Rüpke in seinem Bemühen, einen ungewohnten Zugang zur Religion in der Antike zu suchen, gezielt differenzierte Formulierungen wählt und neue Begrifflichkeiten etablieren möchte. Aber begegnet man zum wiederholten Male z.B. den „nicht unbezweifelbar plausiblen Akteuren“ – so Rüpkes Sammelbegriff für Götter, Ahnen und andere übernatürliche Adressaten religiösen Handelns -, sehnt man sich doch insgeheim nach einem unkomplizierteren Ausdruck.

Davon sollte man sich jedoch von der Lektüre nicht abschrecken lassen, denn um die Denkanstöße, die einem sonst entgehen würden, wäre es schade. Ein spannendes und intellektuell anregendes Buch!

Jörg Rüpke: Pantheon. Geschichte der antiken Religionen. München, C. H. Beck, 2016, 559 Seiten.
ISBN: 9783406696411


Genre: Geschichte

1066. Der Kampf um Englands Krone

Die Schlacht bei Hastings im Jahre 1066 und die hauptsächliche Bildquelle dazu – der Teppich von Bayeux – sind sicher den meisten historisch Interessierten ein Begriff. Die Assoziationen, die sich damit verbinden, sind aber oft noch stark von einer nationalistisch orientierten Geschichtsschreibung geprägt, die in der Eroberung Englands durch die Normannen primär das Ergebnis eines Konflikts zweier Völker sah.
Eine zeitgemäßere Perspektive, die den tatsächlichen mittelalterlichen Verhältnissen besser gerecht wird, bietet Jörg Peltzers packend erzähltes Buch 1066. Zwar wählt er das titelgebende Jahr mit seinen drei entsetzlichen Schlachten bei Fulford Gate, Stamford Bridge und schließlich Hastings als Kristallisationspunkt seiner Schilderung, doch im Mittelpunkt stehen die Voraussetzungen, unter denen es überhaupt zu diesen Auseinandersetzungen kommen konnte.
Zentral für das Verständnis der Vorgänge sind die drei wesentlichen Protagonisten, die nach dem Tod Eduards des Bekenners im Kampf um Englands Krone (so der Untertitel) aufeinandertrafen: Wilhelm der Eroberer, der trotz seiner unehelichen Geburt seinem Vater früh als Herzog der Normandie nachfolgte und seine Position in zahlreichen Kriegen festigte, Harold Godwinson, der als Repräsentant einer der führenden angelsächsischen Adelsfamilien nach der Herrschaft griff, und Harald Hardrada, der nach einem abenteuerlichen Leben schon die norwegische Krone errungen hatte und nun auch noch England seinem Einflussbereich hinzuzufügen trachtete.
In ihrer Bereitschaft zu skrupellosem Vorgehen (teilweise auch zulasten ihrer jeweiligen Familienangehörigen) schenkten alle drei sich wenig. Folgerichtig schildert Peltzer die fast gleichzeitigen Angriffe Haralds und Wilhelms auf England und Harolds gegen Ersteren erfolgreiche, gegen Letzteren aber gescheiterte Abwehr auch primär als Ringen dreier brutaler Machtmenschen, das in einen größeren Kontext der Transformation und Konsolidierung von Herrschaft im 11. Jahrhundert einzubetten ist.
Dass diese Prozesse trotz aller regionalen kulturellen Unterschiede in England, Nordfrankreich und Skandinavien ähnlich verliefen, erklärt sich unter anderem auch daraus, dass der Nordseeraum in dieser Epoche ein eng vernetztes Gebilde darstellte, in dem familiäre Bindungen und Handelsbeziehungen, aber auch Söldnertum und Raubzüge ständige Kontakte schufen. Während Rechts- und Ehrvorstellungen teilweise differierten und gerade zu dieser Zeit in einem Umbruchsprozess begriffen waren, blieben die administrativen Strukturen überall stark personenzentriert.
Überspitzt ausgedrückt gelang die normannische Eroberung Englands deshalb vor allem, weil es Wilhelm anders als seinen beiden Rivalen glückte, bis zum Ende der Kämpfe und darüber hinaus am Leben zu bleiben – und weil auch der Widerstand gegen ihn in den folgenden Jahrzehnten eher von den Partikularinteressen einzelner Führungsgestalten bestimmt war, als eine geschlossene Front zu bilden. Wenngleich nach und nach eine quasi vollständige Verdrängung der alten angelsächsischen Elite durch normannische Große erfolgte, agierten auch einige von diesen selbst auf englischem Boden gegen den König, um eigene Ansprüche durchzusetzen. Wie wichtig deshalb neben der Abwehr weiterer skandinavischer Eroberungsversuche auch die Legitimation nach innen für Wilhelm blieb, zeigt ein genaues Studium der zeitgenössischen historiographischen Quellen und ihrer Argumentationsstrategien, die hier klarsichtig durchleuchtet werden.
Das alles liest sich spannender und lebendiger, als eine trockene Inhaltsskizze vermitteln kann, denn Peltzer erweist sich im Laufe des Buchs als hervorragender Erzähler, der bei aller wissenschaftlichen Seriosität viel Freude an atmosphärischen Beschreibungen und an charmanten Details erkennen lässt (z.B. erfährt man am Rande auch, dass Haralds Kettenhemd „Emma“ hieß). Kartenmaterial und zahlreiche Abbildungen (unter anderem von archäologischen Funden und Gebäuden, aber auch von Ausschnitten des Teppichs von Bayeux) komplettieren den schönen Band. Mitreißend wie ein Roman und auch für Laien gut verständlich, ohne je in Anspruchslosigkeit abzugleiten, ist 1066 ein rundum gelungener Ausflug ins Mittelalter.

Jörg Peltzer: 1066. Der Kampf um Englands Krone. München, C. H. Beck, 2016, 432 Seiten.
ISBN: 9783406697500

 


Genre: Geschichte

Die Skythen

Von allen Nomaden, die als Zeitgenossen der antiken Griechen Eurasien bevölkerten, haben sich die Skythen den höchsten Bekanntheitsgrad bewahrt – ein erstaunliches Faktum, wenn man bedenkt, dass sie selbst schriftlos waren und man ihre vom 8. bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. fassbare Geschichte nur ansatzweise aus Nachrichten Außenstehender rekonstruieren kann. Zu ihrer bis heute andauernden Popularität tragen in erheblichem Maße aber auch die eindrucksvollen Funde aus ihren Kurganen (Grabhügeln) bei.
Dabei ist der Begriff „Skythen“ sowohl in der Antike als auch in der modernen Forschung mehrdeutig. Bezeichnet er einerseits eine spezifische Ethnie nördlich des Schwarzen Meers, über deren Lebensweise wir relativ umfassend informiert sind, wird er andererseits oft auch auf eine ganze Reihe von Völkern im eurasischen Steppengürtel ausgedehnt. Sauromaten, Massageten, Saken, Issedonen und noch manch andere pflegten die gleiche materielle Kultur wie die eigentlichen Skythen, unterschieden sich aber in Rechtsverständnis und Sozialstruktur teilweise stark von ihnen (z.B., was die jeweilige Stellung von Mann und Frau betraf). Die Schriftquellen in Deckung mit den archäologischen Funden zu bringen, ist nicht immer ganz einfach (etwa hinsichtlich der geographischen Verortung einzelner Siedlungsgebiete).
Hermann Parzinger macht das Beste aus dieser komplizierten Gemengelage. Nach einer für den begrenzten Rahmen des Buchs ausführlichen Vorstellung der historiographischen Quellen behandelt er zunächst die unter dem weitgefassten Skythenbegriff subsumierten Kulturen Sibiriens und Mittelasiens, bevor er ausführlich auf die eigentlichen (Schwarzmeer-)Skythen eingeht, über die sich, unter anderem dank Herodot, die genauesten Aussagen zu Wirtschaftsformen, Gesellschaft, Religion und Begräbnisriten treffen lassen. Ein kurzer Ausblick befasst sich mit dem skythischen Einfluss am Ostrand Mitteleuropas.
So entsteht ein spannendes Bild einer faszinierenden, wenn auch aus heutiger Sicht teilweise sehr fremden Lebenswelt, deren Bräuche Totenfolge und blutige Opferriten aller Art einschlossen, die aber zugleich auch Kontakte nach Griechenland, Persien und China unterhielt und mit ihrem charakteristischen Tierstil eine Kunst hervorbrachte, die zeitlos lebendig und ansprechend wirkt.
Einige Teile des Inhalts werden allen bekannt vorkommen, die schon Die frühen Völker Eurasiens aus der Feder desselben Autors gelesen haben, denn Die Skythen bieten in vielen Fällen eine verkürzte Variante von Fundbeschreibungen, die schon im umfangreicheren Buch Verwendung gefunden haben. Auch die Interpretationen sind im vorliegenden Werk entsprechend komprimiert und oft auch – wohl der breiteren Zielgruppe angepasst – vereinfacht und vereindeutigt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Beschreibung der Doppelbestattung aus dem Kurgan II von Pazyryk, bei der hier konventionell der offenbar gewaltsam umgekommene Mann als fürstlicher Grabherr dargestellt wird, dem die Frau (deren Todesursache unklar ist) im Rahmen des auch literarisch belegten Totenfolgebrauchs beigegeben wurde. In den Frühen Völkern Eurasiens wird dagegen zusätzlich die Möglichkeit diskutiert, dass für eine eines natürlichen Todes gestorbene hochgestellte Frau ein niederrangiger Mann als Grabbeigabe getötet worden sein könnte. Die Verengung auf die gewissermaßen klassische der beiden Alternativen ist angesichts der Kürze des Buchs verständlich, suggeriert aber natürlich auch eine Eindeutigkeit des Befunds, die vielleicht gar nicht gegeben ist.
Karten, Rekonstruktionen und Fundzeichnungen runden den kompakten Band ab. Auf Fotos wurde dagegen leider abgesehen von der Coverabbildung verzichtet; sie hätten noch eine sinnvolle Ergänzung bilden können, bestechen doch viele skythische Funde (ob nun die Werke der Goldschmiedekunst oder die im Dauerfrostboden erhaltenen Textilien und Holzschnitzereien) vor allem durch ihr Material und ihre Farbenpracht.
Doch auch ohne die Unterstützung solcher Bilder versteht Parzinger die Faszination der skythischen Kultur greifbar zu machen, und wer nach der Lektüre dieser gelungenen Einführung neugierig geworden ist, findet in den knappen Literaturhinweisen gute Anregungen für eine tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema.

Hermann Parzinger: Die Skythen. München. C. H. Beck, 3. Aufl. 2009, 128 Seiten.
ISBN: 9783406508424


Genre: Geschichte

Im Schatten der Paläste

Standen traditionell eher das klassische Athen oder der Hellenismus im Fokus der Forschung über die Griechen der Antike, ist seit einigen Jahren ein verstärktes Interesse an der archaischen Epoche zu beobachten (man denke etwa an Robin Lane Fox‘ Reisende Helden oder an Elke Stein-Hölkeskamps Die Stadt und das Meer). Auch Klaus Bringmann nimmt sich nun in Im Schatten der Paläste der Archaik und der vorausgehenden Dunklen Jahrhunderte an, in denen sich nach dem Ende der Mykenischen Kultur allmählich das herausbildete, was wir als spezifisch griechisch begreifen.
Große Einheitlichkeit ist damit freilich nicht impliziert, denn Griechenland war in der Antike alles andere als ein politisch homogenes Gebilde und bestand aus über 1000 zumindest nominell unabhängigen Gemeinwesen, die sich in ihrer inneren Organisation, ihren Dialekten und in ihrem Selbstbild oft erheblich voneinander unterschieden. Für die meisten dieser Poleis ist die Quellenlage weit dürftiger als für die bekannten Beispiele Athen und Sparta, die spätestens mit dem Ende der archaischen Zeit (die für Bringmann in den Perserkriegen ihren Abschluss findet) zu überregional bedeutenden Mächten aufstiegen.
Die Geschichte des frühen Griechenlands – so der Untertitel – lässt sich daher nicht als kontinuierliche Ereignisfolge erzählen, sondern eher als Tableau langfristiger kultureller und sozialer Entwicklungen, die bei aller heterogenen Kleinstaaterei Gemeinsamkeiten zeigen.
Neben der Religion, die durch allgemein anerkannte Kultstätten (wie etwa das Orakel von Delphi) und Veranstaltungen (z.B. die Olympischen Spiele) als verbindendes Element wirkte, erschließen sich in Bringmanns Perspektive vor allem zwei Faktoren, die für den gesamten griechischen Raum prägend waren. Zum einen ist dies die relativ krage Landwirtschaft, die nicht allen ein einträgliches Auskommen bot und so viele in den Seehandel, die Piraterie oder die Koloniegründung trieb, zum anderen aber die gesellschaftliche Dominanz einer in permanenter interner Konkurrenz lebenden Adelsschicht. Sowohl das Wetteifern untereinander (sei es in kriegerischen Auseinandersetzungen oder friedlicher in Sport und Prachtentfaltung) als auch familiäre und freundschaftliche Bindungen endeten für diese Elite nicht an den Grenzen des Stadtstaats oder auch nur des griechischen Sprachraums. Wie diverse Einzelschicksale zeigen, war für viele führende Griechen auch der Wechsel in die Dienste des persischen Großkönigs durchaus eine Option.
Dementsprechend erteilt Bringmann auch allen Interpretationen der Perserkriege als Kampf zwischen Europa und Orient oder gar Freiheitsliebe und monarchischer Unterdrückung eine Absage, ohne jedoch die geistesgeschichtliche Bedeutung dieser Einschätzung zu negieren. Für ihn ist vielmehr auch dieser Konflikt ein Auswuchs des immer weiter gesteigerten Ringens um Vorrang und Einfluss, das innenpolitisch – mit Ausnahme von Sonderfällen wie Sparta – letztlich nur in zwei gegenläufige Entwicklungen münden konnte: die Durchsetzung der Herrschaft eines Einzelnen, wie sie in der Tyrannis manifest wurde, oder die institutionelle Verhinderung eines solchen Ungleichgewichts durch die Kontrollmechanismen einer Demokratie.
Dies alles wird angenehm quellennah mit ausführlichen Zitaten aus zeitgenössischen literarischen Werken vermittelt. Positiv fallen auch die ausführlichen Bildunterschriften der zahlreichen Illustrationen auf, die so besser als in vielen anderen Publikationen erläutert und in den Kontext eingeordnet werden.
Zu  allen spekulativen Theorien bleibt Bringmann dagegen auf Distanz und stützt sich gerade in Fällen, in denen in den letzten Jahren viele neue Hypothesen aufgestellt worden sind (z.B. beim sogenannten Seevölkersturm oder bei der Dorischen Wanderung), auf bewährte Erkenntnisse.
Um einen soliden Überblick über die griechische Frühzeit zu gewinnen, ist Im Schatten der Paläste also bestens geeignet. Wer noch tiefer ins Thema einsteigen möchte, findet in der ausführlich kommentierten Bibliographie gegen Ende des Bandes fundierte Hinweise.

Klaus Bringmann: Im Schatten der Paläste. Geschichte des frühen Griechenlands. Von den Dunklen Jahrhunderten bis zu den Perserkriegen. München, C. H. Beck, 2016, 416 Seiten.
ISBN: 9783406697166


Genre: Geschichte

Geschichte Hamburgs

Tor zur Welt, Bundesland, Wirtschaftsstandort, Heimat für weit über anderthalb Millionen Menschen und in den letzten Jahren auch immer stärker Touristenziel: Hamburg ist heute fraglos eine Weltstadt. Auch wenn diese Rolle historisch gewachsen ist, war der Aufstieg nicht unbedingt vorgezeichnet, als im 9. Jahrhundert an einer Stelle, an der schon Sachsen und Slawen in bescheidenem Umfang gesiedelt hatten, die Hammaburg errichtet wurde, die der späteren Stadt ihren Namen gab.
Wie der Weg vom eher unbedeutenden karolingischen Grenzposten bis zu Metropole verlief, zeichnet Martin Krieger in seiner kompakten und lesenswerten Geschichte Hamburgs allgemeinverständlich nach.
Äußerst positiv fällt auf, dass anders als so häufig in Überblicksdarstellungen zur Geschichte einer Stadt oder Region nicht die früheren Epochen zugunsten des 19. und 20. Jahrhunderts über Gebühr gerafft werden. Vielmehr lässt Krieger auch das Mittelalter und die Frühe Neuzeit ausführlich zu ihrem Recht kommen und weiß zu vermitteln, das hier die Wurzeln von vielem liegen, was Hamburg bis heute ausmacht.
Eine Konstante von Anfang an war die immense Bedeutung der Lage an schiffbaren Wasserwegen, die den Platz überhaupt erst für eine Kaufmannssiedlung attraktiv machte. Erstaunlich alt sind auch schon einige damit verbundene Probleme, die bis heute die Stadt beschäftigen, wie etwa die Offenhaltung einer Fahrrinne bis in den Hafen (Stichwort Elbvertiefung): Seit die Alster im Mittelalter aufgestaut wurde, um Mühlen zu betreiben, hatte man immer wieder mit Schlick und ungünstigen Wasserständen in der Elbe zu kämpfen.
Wirtschaftliche Interessen dominierten daher auch die Politik (oft ein Lavieren zwischen unterschiedlichen größeren Mächten). Daneben war aber von jeher Kulturelles ein zentraler Faktor, denn Hamburg wurde schon ab dem 17. Jahrhundert zum wichtigen Erscheinungsort für Zeitungen und Bücher und zog Künstler an (so etwa Musiker wie Telemann oder Carl Philipp Emanuel Bach). Wenn beide Belange miteinander in Konflikt gerieten, setzte sich jedoch in aller Regel ersterer durch, wie etwa der Abriss des Doms im frühen 19. Jahrhundert zeigt.
Nicht nur aufgrund dieses wenig pfleglichen Umgangs mit dem architektonischen Erbe ist von weiten Teilen der bewegten Geschichte nur relativ wenig im Stadtbild erhalten: Katastrophen wie der große Brand von 1842 und die Verwüstungen des 2. Weltkriegs taten ein Übriges. Auch heute ist diesbezüglich weiterhin viel im Fluss, wie der abschließende Ausblick auf städtebauliche Neuentwicklungen wie die Hafencity zeigt.
Es gelingt Krieger dabei, in dem schmalen Bändchen eine eindrucksvolle Fülle von Details unterzubringen und auch bei der Schilderung überregionaler historischer Entwicklungen (wie etwa der Reformation, des sozialen Wandels im Zuge der Industrialisierung oder der Schrecken der Nazizeit) lokale Besonderheiten deutlich zu machen. Als Einstieg ins Thema ist die Geschichte Hamburgs daher gut geeignet und erfüllt optimal ihren Zweck als leicht zugängliche Einführung, die Lust auf mehr macht.

Martin Krieger: Geschichte Hamburgs. München, C. H. Beck, 2. durchges. Aufl. 2012, 128 Seiten.
ISBN: 9783406535956


Genre: Geschichte

Abenteuer Archäologie. Eine Reise durch die Menschheitsgeschichte

Als einer der renommiertesten Prähistoriker Deutschlands ist Hermann Parzinger prädestiniert dafür, einen auf die im Untertitel versprochene Reise durch die Menschheitsgeschichte mitzunehmen und zugleich in Genese und Funktion der archäologischen Wissenschaft einzuführen. Er tut es in Form eines hochwertig gestalteten, reich illustrierten Bandes, der schon rein äußerlich eine reine Freude ist. Wer sich bisher noch nicht so recht an die verwirrende Vielfalt der Archäologie herangewagt hat, sich aber dafür interessiert, findet hier ein von einer sympathischen Grundhaltung getragenes Werk, das Berührungsängste gegenüber dem Fach rasch abbaut. Betont wird vor allem dessen völkerverbindende, das Verständnis für fremde Kulturen vertiefende Wirkung, aber auch seine Rolle als Ergänzung und Korrektiv zu Schriftquellen selbst in vermeintlich gut bekannten Epochen der jüngeren Geschichte. Auch Methodisches (wie etwa die Dendrochronologie) kommt dabei nicht zu kurz.
Anhand berühmter Funde wird schlaglichtartig die historische Entwicklung von der Menschwerdung bis zum Zweiten Weltkrieg nachgezeichnet. Anders als in seinen weltumspannenden Kindern des Prometheus beschränkt Parzinger sich dabei geographisch überwiegend auf Europa und den vorderen Orient als klassische Betätigungsfelder der Archäologie und wagt nur einige kleine Abstecher in andere Erdteile. Trotz dieser Eingrenzung muss aufgrund der schieren Fülle des Materials vieles gerafft oder nur angedeutet werden. Aber auf dem Weg von der Steinzeit in die Moderne begegnet man nicht nur dem Löwenmenschen, Ötzi, Nofretete und den Bewohnern der keltischen Oppida, sondern wird auch mit den Schlachtfeldern des Dreißigjährigen Kriegs und den Verbrechen der Nationalsozialisten konfrontiert.
Griffige Vergleiche und eine bewusst allgemeinverständlich gehaltene Sprache unterstreichen dabei vor allem die Konstanten der menschlichen Existenz durch die Jahrtausende: Beispielsweise waren der Hang zu Statussymbolen und der Wunsch nach Unterhaltung wohl fast immer und überall ebenso verbreitet wie Kriminalität und Konflikte.
Auch fachliche Kontroversen spart der Autor nicht aus, sondern skizziert sie zumindest kurz, etwa im Fall des Streits um Ausdehnung und Bedeutung des bronzezeitlichen Troja (Parzinger nimmt dabei eine eher vermittelnde Position ein) oder bei der Frage nach der Lokalisierung der Varusschlacht (die laut Parzinger wahrscheinlich doch nicht bei  Kalkriese stattfand).
Gerade aufgrund dieser für einen knappen Überblick ungewöhnlich differenzierten Herangehensweise fallen natürlich die wenigen Fälle besonders auf, in denen Tatsachenbehauptungen aufgestellt werden, obwohl die Lage der Dinge auf den zweiten Blick möglicherweise doch nicht eindeutig ist.
Recht gut lässt sich das an einem Beispiel illustrieren , das nicht so abseitig ist, wie es zunächst klingen mag (ist es Parzinger doch immerhin die Aufnahme in eine Kapitelüberschrift wert): dem Beginn des Gurkenanbaus in Europa. Parzinger schreibt die „Einführung der in Europa bis dahin unbekannten Gurke (…) aus dem Osten“ den frühmittelalterlichen Slawen zu. Bei anderen Autoren (so etwa Kaszab-Olschewski/Meurers-Balke oder Tietz) kann man dagegen vom Gurkenanbau schon in der Römerzeit lesen, der unter anderem durch archäologische Funde im Rheinland belegt sein soll. Dementsprechend packt einen natürlich die Neugier: Sind die Forschungsergebnisse zu Gurken bei den Römern überholt, sind die Gurken nach der Römerzeit wieder verschwunden und von den Slawen neu eingeführt worden, geht es vielleicht gar um verschiedene Gurkensorten? Eine entsprechende Diskussion kann eine allgemeine Einführung  selbstverständlich nicht leisten, aber man bedauert es ein wenig, hier rätseln zu müssen.
Vor diesem Hintergrund sollte man Abenteuer Archäologie vielleicht vor allem als eines betrachten: Ein spannendes und zugängliches Buch, das die Lust weckt, selbst tiefer in manche Themen einzusteigen und nachzuforschen. Denn dass es sich lohnt, auch die Details hier nur kurz angerissener Gebiete zu erkunden, weiß Parzinger mit seiner ansteckenden Begeisterung für sein Fach uneingeschränkt deutlich zu machen.

Hermann Parzinger: Abenteuer Archäologie. Eine Reise durch die Menschheitsgeschichte. München, C.H. Beck, 2016, 256 Seiten.
ISBN: 9783406696398


Genre: Geschichte

Die Steinzeit

Die Steinzeit ist nicht nur die älteste, sondern auch die längste Epoche der Menschheitsgeschichte. Je nachdem, wann genau man die Menschwerdung ansetzen will, begann sie vor zwei bis drei Millionen Jahren und endete in Mitteleuropa erst um 2200 v. Chr. mit dem Übergang zur Bronzezeit. Macht man sich diese gewaltigen zeitlichen Dimensionen bewusst, überrascht die kühne These weniger, mit der Almut Bick ihre Einführung in die Steinzeit einleitet: Man könne fast sagen, dass die wichtigsten Erfindungen auf technischem wie auf kulturellem Gebiet schon in den Steinzeit gelungen seien und alles Spätere nur eine Verfeinerung und Weiterentwicklung, aber keine wirklich grundlegende Neuerung mehr darstelle. Ob Werkzeug- und Feuergebrauch oder Hausbau und Kleidungsherstellung, aber auch Kunst, Musik oder sprachliche Kommunikation – all diese scheinbaren Selbstverständlichkeiten, ohne die unser heutiges Leben undenkbar wäre, finden ihre erste Ausprägung in der Steinzeit.
Den langen Weg von den Anfängen bis an die Schwelle historischer Zeiten zeichnet Bick kenntnisreich und lebendig in dreifacher Form nach. Im Abschnitt Die Steinzeit auf einen Blick wird zunächst die komplette Menschheitsentwicklung bis zum Aufkommen der Kupferproduktion im Schnelldurchlauf vorgestellt.
Die wichtigsten Grundzüge hat man daher schon parat, wenn im folgenden Teil Ein Panorama der Steinzeit der gleiche Weg noch einmal detailfreudiger und wesentlich ausführlicher anhand bedeutender archäologischer Entdeckungen nachvollzogen wird. Vom Australopithecus-afarensis-Skelett Lucy über Kunstwerke wie die Venus von Willendorf und die Höhlenmalereien von Lascaux bis hin zu Zeugnissen der Jungsteinzeit wie Stonehenge oder den Pfahlbauten im Alpenvorland, fast jeder berühmte steinzeitliche Fund findet Erwähnung. Allerdings bringt der Überblickscharakter der Darstellung es mit sich, dass auch gut Erforschtes oft nur oberflächlich gestreift werden kann (z.B. erfährt der weltbekannte Ötzi nur eine recht kurze Würdigung als Besitzer eines frühen Kupferbeils und Beispiel für die mit der Metallverarbeitung einsetzende soziale Differenzierung).
In die beiden großen Kapitel eingefügt finden sich zahlreiche Kästen und Sonderseiten zu Spezialthemen. Neben weiteren Einzelfunden werden hier z.B. auch wissenschaftliche Methoden wie Luftbildarchäologie oder Dendrochronologie allgemeinverständlich erläutert.
Im gesamten Buch liegt der geographische Schwerpunkt auf Europa und insbesondere auf Deutschland, doch eine darüber hinausgehende Perspektive wird an den passenden Stellen zumindest eröffnet, wenn auch nicht weiter ausgeführt (so erhält man z.B. den Hinweis, dass in der Jungsteinzeit Landwirtschaft und Viehzucht nicht etwa nur im vorderen Orient, sondern unabhängig voneinander in mindestens fünf Gebieten Amerikas, Afrikas und Asiens entstanden). Unterhaltsam und sympathisch ist, dass Bick sich, was die spätere Rezeption der Steinzeit betrifft, nicht auf die moderne Forschung beschränkt, sondern z.B. auch eine Sage über ein niedersächsisches Hünengrab nacherzählt. So wird deutlich, dass vorgeschichtlich Überreste schon vor dem Einsetzen der wissenschaftlichen Beschäftigung damit die Menschen faszinierten und nach einer Erklärung verlangten.
Thematisch geordnete Literaturtipps und ein nützliches Glossar runden den reich bebilderten und flüssig zu lesenden Band ab, der einen besonders gelungenen Teil der Reihe Theiss Wissen Kompakt bildet. Deren Anspruch, komplexe Themen auch für Laien verständlich zu präsentieren, wird er voll und ganz gerecht.

Almut Bick: Die Steinzeit. Stuttgart, Theiss, erweiterte Neuaufl. 2012 (Original: 2006), 180 Seiten.
ISBN: 9783806225891


Genre: Geschichte

Vinland! Wie die Wikinger Amerika entdeckten

In den 1960er Jahren erbrachten archäologische Ausgrabungen im kanadischen L’Anse aux Meadows (Neufundland) den Beweis dafür, dass Kolumbus und seine Begleiter keineswegs die ersten Europäer waren, die nach Amerika gelangten: Häuserreste und Gegenstände altnordischer Herkunft bestätigten die mittelalterlichen Berichte darüber, dass schon Angehörige der heute unter dem nicht unproblematischen Begriff „Wikinger“ bekannten Kultur Entdeckungsfahrten dorthin unternommen hatten.
Diese Sensationsfunde des norwegischen Forscherpaars Anne-Stine und Helge Ingstad nimmt Rudolf Simek zum Ausgangspunkt seiner kompakten Darstellung.
Sein besonderes Interesse gilt jedoch den literarischen Quellen zu den altnordischen Amerikareisen, vor allem den sogenannten Vinlandsagas (der Eiríks saga rauða und der Grænlendinga saga). Simek betont, dass es sich dabei um phantasievolle Texte mit teilweise romanhaften Zügen handelt, die Topoi gelehrsamer Reisebeschreibungen aufgreifen und deren Auftraggebern oder Verfassern im hochmittelalterlichen Island wohl daran gelegen war, eigene Ahnen in ein positives Licht zu rücken. Dennoch lässt sich aus Übereinstimmungen der inhaltlich voneinander abweichenden Versionen der Geschichte ein wahrer Kern herausarbeiten: Um das Jahr 1000 erkundeten von Grönland aus Wikinger, unter denen Kinder und angeheiratete Verwandte Eriks des Roten eine prominente Rolle spielten, die nordamerikanische Küste und gründeten in einem von ihnen als „Vinland“ bezeichneten Gebiet eine Siedlung, die aber bald wieder aufgegeben wurde.
Dazu, dass keine dauerhafte Wikingerkolonie in Nordamerika entstand, mögen die in den Sagas geschilderten Konflikte sowohl untereinander als auch mit der indigenen Bevölkerung beigetragen haben. Für zentraler hält der selbst segelerfahrene Autor jedoch den Umstand, dass im holzarmen Grönland kein üppiger Schiffsbestand vorhanden war und deshalb nur eine sehr begrenzte Personenzahl zu den Amerikafahrten aufbrach. Apropos Schiffe: Weshalb es gerade den Wikingern und nicht anderen zeitgleich lebenden Europäern glückte, den Atlantik zu überqueren, machen informative Kapitel zu Schiffbau und seefahrerischem Weltbild der Wikinger deutlich.
Besonders spannend sind jedoch Simeks abschließende Betrachtungen zum Nachleben Vinlands in der mittelalterlichen Geographie einerseits und in der Vorstellungswelt der Moderne andererseits. Hier nimmt Simek besonders die seit dem 19. Jahrhundert belegten „Viking Hoaxes“ in den Blick, vermeintliche Wikingerfunde in Nordamerika, bei denen von plumpen Fälschungen über die Fehldeutung jüngerer Bauwerke bis hin zu tatsächlich altnordischen Stücken, die aber erst in der Neuzeit in die USA gelangten, alles vertreten ist. Hier spielt gerade bei Nachfahren nordeuropäischer Einwanderer der Wunsch nach einer Identifikation mit angeblich ruhmreichen Vorfahren eine große Rolle, doch auch unabhängig davon wird deutlich, dass die kurze amerikanische Episode der Wikinger bis heute ihre Faszination nicht verloren hat.
In dem gut lesbaren, unterhaltsam geschriebenen Text sind einige Flüchtigkeitsfehler stehengeblieben (z.B. „Medée“ statt „Méduse“ als französische Form von „Medusa“ bei der Erklärung des Ortsnamens L’Anse aux Meadows oder falsche Jahreszahlen hier und da). Insgesamt trüben sie den positiven Gesamteindruck jedoch nicht, und so ist Vinland! eine empfehlenswerte Einführung in ein spannendes Thema.

Rudolf Simek: Vinland! Wie die Wikinger Amerika entdeckten. München, C.H. Beck, 2016, 160 Seiten.
ISBN: 973406697203


Genre: Geschichte

Germania Superior. Eine römische Provinz in Deutschland, Frankreich und der Schweiz

Die römische Provinz Germania Superior umfasste Gebiete, die heute in Deutschland, Frankreich und der Schweiz liegen. Dass sie auch schon zur Zeit ihres Bestehens ein recht heterogenes Gebilde mit den unterschiedlichsten Traditionen war, belegt eindrucksvoll Margot Klees detaillierte und umfassende Darstellung der Provinzgeschichte.
Von den Römern unter Caesar und in der frühen Kaiserzeit nach und nach erobert, erhielt der geographische Raum zwischen Langres, Genf und Taunus mit der Provinzgründung unter Domitian im späten 1. Jh. n. Chr. eine neue politische Struktur und einen in Mainz residierenden Statthalter. Als Verwaltungseinheit sollte die Provinz bis in die beginnende Spätantike bestehen und erst unter Diocletian 284 n. Chr. neu aufgeteilt werden. Was aus den etwa 200 Jahren dazwischen wissenswert ist, findet man hier optimal zusammengefasst.
Prägend war für die Provinz Germania Superior vor allem, dass hier neben zugewanderten Römern verschiedene keltische und germanische Gruppen lebten, die nicht allein sprachlich und religiös jeweils ihre Eigenheiten aufwiesen. Während die ältere Forschung zumeist von einer rasch erfolgten durchgängigen Romanisierung der Einheimischen ausging, weist Klee anhand archäologischer Funde nach, dass vor allem abseits der städtischen Zentren Lebensweise und kollektive Identität nur einen sehr langsamen Wandel durchliefen und vielleicht nie komplett und ausschließlich „römisch“ wurden. Das Beharrungsvermögen alter Bau- und Wirtschaftsformen in abgelegenen Gegenden ist in dieser Beziehung ebenso aufschlussreich wie die Tatsache, dass sich in Inschriften noch lange Personennamen und Stammesbezeichnungen lokalen Ursprungs finden. Zugleich entfalteten jedoch gerade an den zentralen Orten Einflüsse aus anderen Teilen des Römischen Reichs ihre Wirkung (etwa bestimmte Kulte oder künstlerische Strömungen).
Germania Superior erscheint mithin als eine multikulturelle Region. Dementsprechend differenziert ist auch das Bild, das Klee nicht nur von der Ereignisgeschichte, sondern auch und vor allem von Lokalpolitik, Architektur, Landwirtschaft, Handwerk, Handel, Alltag, Bestattungsbräuchen und Religiosität der Provinzbewohner zeichnet. Pauschale Aussagen würden nur den Blick auf die bunte Wirklichkeit verstellen, und man verfolgt fasziniert, wie die Autorin einzelnen Entwicklungslinien nachspürt und immer wieder den Blick über das vermeintlich typisch Römische hinaus auf Besonderheiten lenkt.
Eingebettet ist diese lebendige Schilderung der so facettenreichen Provinz in eine Skizze der Ereignisgeschichte des römischen Reichs von Caesar bis zum Untergang Westroms. Obwohl Klee die Entwicklungen klar und verständlich umreißt, schadet es nichts, als Leser auf diesem Gebiet einige Vorkenntnisse mitzubringen, denn angesichts der Fülle von Rückbezügen zwischen dem Sonderweg der Germania Superior und dem Gesamtreich bietet es einen Verständnisvorteil, manche Namen und Daten von vornherein parat zu haben.
Der einzige echte Nachteil des insgesamt äußerst lesenswerten, reich bebilderten Buchs ist dem aus moderner Sicht „grenzübergreifenden“ Charakter der Provinz geschuldet. Natürlich ist auch die historische Forschung zu Spezialthemen und archäologischen Fundstätten auf mehrere Länder verteilt, und so ist das hier abgedruckte Kartenmaterial aus anderen Publikationen teilweise nur mit einer französischen Legende versehen. Die darin enthaltenen Fachbegriffe (z.B. zu verschiedenen Gesteinsarten) kann man selbst bei deutschen Lesern mit Fremdsprachenkenntnissen nicht in jedem Fall als bekannt voraussetzen. Hier wäre es schön gewesen, wenn von der Autorin oder von Verlagsseite Übersetzungen bereitgestellt worden wären.
Abgesehen davon ist Germania Superior jedoch eine rundum empfehlenswerte und sehr anregende Lektüre, die mit manchem Vorurteil über die Römerzeit aufräumt und einem Lust darauf macht, manche der beschriebenen Orte auch einmal selbst zu erkunden.

Margot Klee: Germania Superior. Eine römische Provinz in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Regensburg, Verlag Friedrich Pustet, 2013, 246 Seiten.
ISBN: 9783791723679


Genre: Geschichte