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The Amazons. Lives and Legends of Warrior Women across the Ancient World

Die Amazonen – ein kriegerisches Frauenvolk mit teilweise recht rauen Sitten – sind ein unverzichtbarer Bestandteil der antiken Mythologie. Dass die zahlreichen Geschichten um sie einen wie auch immer gearteten wahren Kern haben könnten, wird jedoch in der Forschung oft bestritten. Dieser Position stellt Adrienne Mayor in The Amazons die differenzierte und durchaus überzeugende These entgegen, dass der eigentliche Ursprung der griechischen Amazonenvorstellung zwar nicht mehr fassbar ist, ihre spätere Ausgestaltung aber in hohem Maße von realen Phänomenen beeinflusst war.
Auch Mayor nimmt die allgemein bekannten Sagen zum Ausgangspunkt, zeigt aber auf, dass die tragischen Schicksale von Penthesilea, Hippolyte oder Antiope nur einen Bruchteil der antiken Überlieferung über die Amazonen darstellen und noch nicht einmal unbedingt repräsentativ sind.
Während in den meisten heute noch berühmten Amazonenmythen nämlich stereotyp die Kriegerin von einem männlichen Helden (wie etwa Achill oder Herakles) besiegt wird, sieht es in der Kunst, in historiographischen Texten, in Stadtgründungssagen oder im lokalen Kult um Amazonengräber oft anders aus. Hier treten Amazonen in vielfältigen, durchaus auch positiv konnotierten Rollen auf und bleiben nicht das faszinierende, am Ende aber doch überwundene Gegenbild zur erwünschten Gesellschaftsordnung.
Bemerkenswert ist daran, dass ab dem 6. Jh. v. Chr. insbesondere in der Vasenmalerei, aber auch in manchen Sagen Details etwa der Bekleidung und Bewaffnung aufscheinen, die Amazonen in den skythischen Kulturraum verweisen.
Mayor vergleicht diese Darstellungen daher mit den reichhaltigen archäologischen Funden aus den Bestattungen eurasischer Steppennomaden, insbesondere der Skythen und Sarmaten, mit denen die Griechen am Schwarzen Meer direkt in Berührung kamen. Zwar gab es unter den Nomaden kein reines Frauenvolk wie die mythischen Amazonen, aber im Vergleich zu den rigiden altgriechischen Geschlechterrollen waren Aufgabenverteilung und Beziehungen zwischen Mann und Frau hier flexibler und einem gewissen Maß an Gleichberechtigung näher. So deuten Grabbeigaben und die Abnutzungsspuren an den Überresten Verstorbener darauf hin, dass es weitreichende Überschneidungen zwischen traditionell als „männlich“ und „weiblich“ eingestuften Tätigkeitsfeldern gab: Frauen konnten an Kämpfen und Jagden ebenso beteiligt sein wie umgekehrt Männer an Textilherstellung und Kinderbetreuung.
Den mit dieser  für sie fremden Welt konfrontierten Griechen – so Mayors ansprechende zentrale Vermutung – mögen die unabhängigen und kämpferischen Frauen wie sagenhafte Amazonen erschienen sein, so dass diese in der Folgezeit mit diversen Charakteristika der echten Nomadinnen ausgestattet wurden. Bestechend ist in dem Zusammenhang vor allem die Beobachtung, dass bisher von der Wissenschaft als Nonsens-Inschriften abgetane Buchstabenfolgen auf Amazonenvasen durchaus einen Sinn ergeben – allerdings nicht auf Griechisch, sondern als Eigennamen oder kurze Äußerungen aus Sprachen des eurasischen Steppenraums.
Überall in diesem Gebiet und an seiner Peripherie berichten sowohl Mythen als auch glaubhafte Quellen die gesamte Antike hindurch immer wieder von Kämpferinnen. Mayor trägt hier eine Fülle von Details zusammen, und so lernt man die Nartensagen des Kaukasus ebenso kennen wie angebliche „Amazonen“, denen Alexander der Große und Pompeius begegneten, oder heute eher unbekannte Einzelpersönlichkeiten wie Hypsikratea, die letzte Ehefrau des Mithridates VI. von Pontus, die ihren Mann unter anderem als Reiterkriegerin unterstützte.
Eine reiche Bebilderung mit Kartenmaterial sowie Fotos von Kunstwerken und archäologischen Funden (teilweise in Farbe) rundet den schönen Band ab.
Was dem Buch fehlt, ist ein Schlusswort oder Fazit. Der Text endet recht unvermittelt nach der Schilderung von Heldinnen der chinesischen Geschichte und Mythologie, und man wünscht sich, Mayor hätte hier noch einmal Folgerungen aus der Darstellung gezogen oder zumindest ihre bisherigen Ergebnisse zusammengefasst. Durch diesen Verzicht behalten die Amazons ein wenig den Charakter einer mit viel Verve und Akribie zusammengetragenen Materialsammlung, deren Verdienst es ist, das in Archäologie und Geschichte oft allenfalls als Kuriosum am Rande behandelte Thema kriegerischer Frauen in der Antike in den Mittelpunkt zu rücken und in seiner kulturellen Bedeutung fassbar zu machen.

Adrienne Mayor: The Amazons. Lives and Legends of Warrior Women Across the Ancient World. Princeton und Oxford, Princeton University Press, 2016 (vorliegende Ausgabe; Original: 2014), 519 Seiten.
ISBN: 9780691147208


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Papier. Wie eine chinesische Erfindung die Welt revolutionierte

Papier ist ein Material, das aus unserem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken ist. Historisch betrachtet ist es aber eine noch relativ junge Erfindung, die alle Gesellschaften, die sie übernahmen, merklich veränderte. Letzteres ist das, worauf es Alexander Monro in Papier. Wie eine chinesische Erfindung die Welt revolutionierte vor allem ankommt. Um Papier selbst und seine Herstellung geht es zwar immer wieder, aber nur in relativ kurzen Abschnitten, und auch viele seiner Verwendungsmöglichkeiten werden nur gestreift. Im Vordergrund stehen unangefochten die Auswirkungen, die sich aus der Verfügbarkeit eines günstigen und massenhaft herstellbaren Beschreibstoffs für eine Kultur ergeben, insbesondere die rasche Verbreitung und Zugänglichmachung religiöser und politischer Ideen. Ein zweites Auf der Spur des Papiers ist das vorliegende Werk also nicht, sondern vielmehr eine schwungvolle Geistes- und Religionsgeschichte Eurasiens, die das Papier zum Ausgangspunkt nimmt, ohne ihm unbedingt die Hauptrolle einzuräumen.
Chronologisch der Ausbreitung des Papiergebrauchs folgend wird der durch ihn angestoßene Wandel am Beispiel  Chinas – des Ursprungslands des Papiers -, der islamischen Welt und Europas geschildert. Bis das Papier die Bühne betritt, braucht es dabei jeweils einen gewissen Vorlauf, sind doch die spezifischen Veränderungen in den einzelnen Kulturräumen nur vor dem Hintergrund der jeweiligen Ausgangsbedingungen verständlich. So erfährt man viel über das auf Bambus und Seide schreibende Gelehrtentum im alten China, die Herausbildung des Islam als klassischer Schriftreligion und die Tatsache, dass gerade die bevorzugte Buchform des Codex und das lateinische Alphabet im spätmittelalterlichen Europa die Durchsetzung des Drucks mit beweglichen Lettern ermöglichten, die trotz entsprechender Erfindungen in China gescheitert war. Schlusspunkt der historischen Darstellung ist die französische Revolution, in deren Forderung nach Pressefreiheit und Abschaffung der Zensur Monro einen entscheidenden Meilenstein zu unserem heutigen Verhältnis zum Papier sieht.
Aufgelockert wird die Schilderung der großen Entwicklungslinien dadurch, dass immer wieder Einzelpersönlichkeiten eine ausführliche Würdigung erfahren: Ob nun Bai Juyi (ein chinesischer Dichter der Tang-Dynastie), der Prophet Mohammed oder der Reformator Martin Luther, sie alle werden biographisch und mit ihrem Einfluss auf Schrift- und Publikationskultur vorgestellt. Während der Zusammenhang mit dem Papier bei manchen von ihnen auf den ersten Blick deutlich wird – so konnten sich etwa Luthers Gedanken nur durch gedruckte Flugblätter so rasch und umfassend verbreiten, dass sie europaweit eine Massenbewegung auslösten -, besteht er bei anderen Gestalten allenfalls indirekt. Auch bei den übrigen zahlreichen Exkursen, etwa zur Architektur, entfernt sich der Text stellenweise sehr weit von seinem zentralen Thema, doch da Monros Sprache sich in der kenntnisreichen Übersetzung durch Yvonne Badal angenehm flüssig liest, lässt man sich gern durch alle Abschweifungen mitziehen.
Am Ende darf natürlich der Blick auf die moderne Entwicklung hin zur fortschreitenden Digitalisierung nicht fehlen. Obwohl Monro hier durchaus eine Ablösung des Papiers auf manchen Gebieten konstatiert, geht er dennoch davon aus, dass es in mancherlei Hinsicht unersetzlich bleiben wird – nicht nur dank seiner oft beschworenen Haptik, sondern auch, weil seine Verlässlichkeit gegenüber der Unbeständigkeit computergestützter Daten Vorteile hat. Dieser Gedanke dürfte alle Freunde von Papierbüchern hoffnungsvoll stimmen.

Alexander Monro: Papier. Wie eine chinesische Erfindung die Welt revolutionierte. München, C. Bertelsmann, 2015, 543 Seiten.
ISBN: 9783570100103


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Attila. Der Schrecken der Welt

Von allen Herrschergestalten der Völkerwanderungszeit hat sich Attila bis heute den größten Bekanntheitsgrad bewahrt. Ob als Etzel des Nibelungenlieds oder als archetypischer barbarischer Eroberer, mit dessen Schandtaten die moderner Politiker und Militärs verglichen werden – in irgendeiner Gestalt ist er wohl jedem schon einmal begegnet. Mit diesen heutigen Erinnerungen an Attila und seine Hunnen setzt Klaus Rosen dementsprechend auch ein, um sich erst dann der historischen Persönlichkeit und ihrem Umfeld zuzuwenden.
Obwohl das Buch auf dem Umschlag als „Biographie“ beworben wird, sollte man den Begriff nicht allzu eng auslegen. Für den einer schriftlosen Kultur entstammenden Attila ist die Quellenbasis naturgemäß schmaler als für Zeitgenossen wie etwa Augustinus, die auch umfangreiche Selbstzeugnisse hinterlassen konnten, und zudem durch die Perspektive seiner Gegner geprägt. So wäre es vielleicht treffender, hier von einer Geschichte der Hunnen unter besonderer Berücksichtigung ihres berühmtesten Königs zu sprechen.
Über dessen Kindheit und Jugend ist kaum etwas bekannt. Aus dem Dunkel der Geschichte trat er erst hervor, als er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Bleda im Jahre 434 als Nachfolger seines Onkels Rua die Herrschaft über die Hunnen übernahm und durch die Hinrichtung missliebiger Verwandter gleich bewies, dass mit ihm nicht zu spaßen war.
Diese Skrupellosigkeit sollte auch weiterhin für ihn charakteristisch bleiben: Durch die Ermordung Bledas zum Alleinherrscher aufgestiegen, vermochte er die hunnische Vorherrschaft im Karpatenbecken dank militärischer Erfolge, ungleicher Bündnisse und einer polygamen Heiratspolitik zu einem wahren Vielvölkerreich auszubauen, dem er allerdings nie eine über die Gefolgschaftsbindung an seine Person hinausgehende Struktur verleihen konnte oder wollte. Lange Zeit als Anführer von Raubzügen gegen das in Ost und West zerfallene Römische Reich gefürchtet, agierte er ausgerechnet bei den Unternehmungen, die seinen Ruf als „Schrecken der Welt“ zementieren sollten, eher glücklos: dem Einfall nach Gallien, der in der berühmten Schlacht auf den Katalaunischen Feldern 451 mit einer Niederlage für ihn endete, und dem nach anfänglichen Siegen abgebrochenen Angriff auf Italien unmittelbar danach.
Diese Misserfolge durch einen Feldzug gegen Ostrom wieder wettzumachen, gelang ihm nicht mehr, da er in seiner letzten Hochzeitsnacht 453 eines plötzlichen, wenn auch natürlichen Todes starb. Seinen Söhnen war es nicht vergönnt, sich die von ihm angehäufte Machtfülle zu erhalten, so dass sein Ende zugleich auch den Beginn des Absinkens der Hunnen in die politische Bedeutungslosigkeit einläutete.
Eingebettet ist diese Lebensschilderung in überzeugende Analysen der spätantiken Welt und ihrer Gesetzmäßigkeiten. Vom Römischen Reich, das – so der Autor pointiert – den an seiner Peripherie Lebenden als „Vorratskammer mit Selbstbedienung“ erschien, versuchten viele in irgendeiner Form zu profitieren, doch für diejenigen, die z.B. als Foederaten eine Einbindung in seine Ordnungssysteme erfuhren, waren die Aussichten auf langfristig stabile Verhältnisse deutlich größer als für einen extrem durch personale Herrschaft und das Charisma Einzelner geprägten Verband wie die Hunnen.
Es ist ein Glücksfall, dass dieses so spannende Thema hier eine besonders mitreißende und angenehm zu lesende Umsetzung erfährt. Klaus Rosen verfügt bei aller Quellenkritik und gebotenen Distanz zum Gegenstand über eine Fähigkeit, die vielen anderen Historikern leider fehlt: Er ist ein hervorragender Erzähler, der aus Geschichte zugleich eine Geschichte zu machen versteht. Gerade an den Stellen, an denen er dem Bericht des Priscus über eine oströmische Gesandtschaft zu Attila folgt, ist man fast wie bei einem Roman mitten im Geschehen. Auch wenn man – bei bekannten historischen Ereignissen unvermeidlich – im Voraus weiß, wie sich alles entwickeln wird, ertappt man sich oft dabei, gebannt weiterzulesen und die schöne Lektüre nicht aus der Hand legen zu wollen.
So ist Attila. Der Schrecken der Welt am Ende vor allem eines: ein Buch, das einem ins Gedächtnis ruft, was für ein wunderbares Abenteuer Geschichte sein kann.

Klaus Rosen: Attila. Der Schrecken der Welt. München, C. H. Beck, 2016, 320 Seiten.
ISBN: 9783406690303


Genre: Biographie, Geschichte

Die Ritter

Wenn eine Gestalt idealtypisch für das Mittelalter an sich steht, dann ist es wohl der Ritter. Ob als Held von Romanen und Filmen, Werbefigur oder Kinderspielzeug, er ist in der Vorstellungswelt bis heute sehr präsent und prägt das Bild einer ganzen Epoche. Genauso allgemein bekannt ist jedoch, dass die ritterliche Lebenswirklichkeit sich oft sehr von ihrer Überhöhung in Kunst und Literatur unterschied. Umso spannender ist der von Karl-Heinz Göttert gewählte Ansatz, sowohl reale als auch imaginäre Ritter zu untersuchen und aufzuzeigen, wie beide sich in Hoch- und Spätmittelalter gegenseitig beeinflussten und auch in die Erinnerungskultur der folgenden Jahrhunderte eingingen.
Die fortdauernde Faszination der Ritter führt Göttert dabei originellerweise auf ihre (Handlungs-)Freiheit zurück: Als Kämpfer, die sich aus eigenem Willen entscheiden, Abenteuer zu erleben oder sich für andere einzusetzen, eignen sie sich hervorragend als Projektionsfläche für Wünsche und Sehnsüchte. Historisch war allerdings nicht jeder Ritter so ungebunden: Rein rechtlich betrachtet konnte es sich bei ihm durchaus um einen unfreien Ministerialen handeln. Bis aus der reinen Funktionsbezeichnung für einen Reiterkrieger ein ideelles Konzept und ein sozialer Stand wurden, war es ein weiter Weg, den sowohl religiöse Überzeugungen als auch höfische Kultur und Literatur stark beeinflussten.
Bei seiner Schilderung dieser Entwicklung stellt Göttert immer wieder die Überlieferung zu bestimmten Themen (wie z.B. Krieg, Turnier, Schwertleite oder höfisches Benehmen) in den historischen Quellen ihrer jeweiligen Behandlung in der fiktionalen Literatur gegenüber. Diese bildete die Realität nicht etwa nur geschönt ab, sondern wirkte auch auf sie zurück, ob nun eher allgemein durch das Entwerfen moralischer Vorbilder oder ganz konkret, wenn man sich von ihr z.B. zu „Tafelrundenturnieren“ inspirieren ließ und liebgewonnene Geschichten nachzustellen trachtete.
Deren Reiz ist durchaus auch für den modernen Leser erhalten, und Götterts humorvolle Inhaltsskizzen verschiedener Texte können als lockerer Einstieg in die Artusepik, aber auch in manch anderes Werk mit mehr oder minder ritterlichen Protagonisten dienen. Der Schwerpunkt liegt dabei eindeutig auf dem deutschsprachigen Raum.
Das Gleiche gilt übrigens für die Auseinandersetzung mit den historischen Rittern: Während in der internationalen Forschung oft sehr stark die Situation in England und Frankreich im Vordergrund steht, legt Göttert auch hier den Fokus auf Deutschland und zieht ein aus heutiger Perspektive eher regionalgeschichtlich bedeutendes Ereignis wie die Schlacht bei Worringen als Musterbeispiel für einen militärischen Konflikt des Hochmittelalters heran. Wenn es sich anbietet, richtet jedoch auch er den Blick immer wieder auf andere europäische Regionen (eine so bekannte und populäre Gestalt wie William Marshal darf natürlich auch hier nicht fehlen, wenn es um das Turnierwesen geht).
Bei allem merklichen Vergnügen an seinem Gegenstand spart der Verfasser nicht mit Kritik an Rittern wie Ritterromanen. Während bei Ersteren auf den ersten Blick deutlich wird, dass sie oft auch alles andere als löbliche Taten begingen (ob sie nun Massaker auf Kreuzzügen anrichteten oder als Raubritter kriminell wurden), werden bei Letzteren die negativen Züge gern übersehen. Doch selbst in der Darstellung idealer Ritter schwingt eine latente Heroisierung von Gewalt mit, und die Brutalität, mit der manch ein literarischer Held zu Werke geht, wirkt bei genauerer Betrachtung eher abschreckend als nachahmenswert.
Ihren Charme über die Jahrhunderte hinweg bewahrt haben dagegen viele der Ritter aus Miniaturen und Wandmalereien, Zierteppichen und Skulpturen. Das Buch kann daher mit einer Fülle von Illustrationen aufwarten, die zu betrachten großen Spaß macht und deren Analyse oft auch in Götterts Überlegungen einfließt. Aus den Informationen aller möglichen Quellengattungen und elegant eingeflochtenen Details ergibt sich so ein eindrucksvolles Panorama.
Bis auf wenige kleine Flüchtigkeitsfehler (so kann etwa die für das Porträt Maximilians I. auf S. 262 angegebene Datierung 1460/61 beim besten Willen nicht stimmen) bieten Die Ritter also einen spannenden und rundum gelungenen Einstieg in das kulturgeschichtliche Phänomen des Rittertums.

Karl-Heinz Göttert: Die Ritter. Stuttgart, Reclam, 2011, 298 Seiten.
ISBN: 9783150108079


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Liebe in den Zeiten der Römer

„Das Buch will ich einmal schreiben, wenn ich dabei keine roten Ohren mehr bekomme“ – so will es sich der Archäologe Günther E. Thüry nach eigener Aussage vorgenommen haben. Nun hat er seinen Plan in die Tat umgesetzt, und die roten Ohren drohen stattdessen, je nach Veranlagung, der Leserschaft des auch grafisch schön gestalteten kleinen Bildbands (mit Herzchen und Amors Pfeil als wiederkehrenden Elementen). Denn in Liebe in den Zeiten der Römer geht es ohne Prüderie und falsche Scheu um Gefühle, Lust und Sexualität insbesondere in den nördlichen Provinzen des Römischen Reichs. Im Vordergrund stehen zahlreiche ausführlich in Bild und Text präsentierte Funde wie Kunstwerke, Alltagsgegenstände oder Grabinschriften. Zu ihrer Interpretation werden ergänzend auch literarische Quellen herangezogen, um sich detailliert mit einer Seite des antiken Lebens auseinanderzusetzen, deren Erforschung jahrhundertelang an moralischen Bedenken krankte.
Die Römer – so wird rasch deutlich – pflegten in mancherlei Hinsicht ein entspannteres Verhältnis zur Sexualität als viele spätere Epochen. Erotische bis obszöne Darstellungen an Küchengeräten, Lampen, Amuletten oder Gefäßen, die heute wohl allenfalls als derbe Scherzartikel für besonders Mutige Absatz finden würden, waren weitverbreitet und auch keineswegs aus dem öffentlichen Raum verbannt.
Daraus aber auf eine allgemeine Dekadenz der römischen Kaiserzeit zu schließen, wie es gerade die Wissenschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gern tat, wäre jedoch verfehlt. Ein hemmungsloses Ausleben aller Neigungen war weder legal noch sozial akzeptiert, und wie frei jemand in der Wahl seiner Partner war, bestimmten in hohem Maße Geschlecht, Rechtsstellung und gesellschaftlicher Status. Das Spektrum der Erfahrungswelten reichte hier vom männlichen Bürger, der sich vieles, aber durchaus nicht alles erlauben konnte, bis hin zu hilflos den Zudringlichkeiten ihrer Herren ausgelieferten Sklaven oder oft ebenfalls unfreien und manchmal gar minderjährigen Prostituierten. Auch sexuelle Gewalt war ein Thema, so z.B. an Gegner gerichtete Vergewaltigungsdrohungen, von denen etwa ein Schleuderblei aus Bürgerkriegszeiten zeugt, das dem späteren Kaiser Octavian drastisch Entsprechendes in Aussicht stellt. Neben schierer Brutalität stehen jedoch auch subtilere Formen, den eigenen Willen in Liebesdingen durchzusetzen (wie etwa Zauber, die einen untreuen Ehepartner zurückholen oder Rivalen ausschalten sollten).
Thüry warnt allerdings davor, vor dem Hintergrund dieser Beobachtungen ins umgekehrte Extrem zu verfallen und das römische Liebesleben, so wie in der jüngeren Forschung bisweilen geschehen, pauschal als von Zwang und Freudlosigkeit bestimmt zu betrachten. Gerade die These, eine partnerschaftliche Liebe in heutigem Sinne und die entsprechenden Gefühle wären frühestens im Hochmittelalter „entdeckt“ worden, lehnt er ab und führt zahlreiche Beispiele von Zuneigung und Romantik auf. Besonders anrührend sind dabei Grabsteine, die der überlebende (Ehe-)Partner dem verstorbenen setzte, ob nun ein Ehemann den Verlust seiner Frau bei der Geburt eines Kindes und das Ende der gemeinsamen glücklichen Zeit beklagt oder ob der Geliebte eines Arztes von diesem Abschied nimmt. Eher die heitere und angenehme Seite von Verliebtheit und Werben zeigen dagegen allerlei als Geschenk dienende Gegenstände (wie Ringe oder verzierte Schreibgriffel), deren Inschriften Gefühle in den Mittelpunkt stellen, die auch für uns Heutige noch gut nachvollziehbar sind.
Ohnehin besteht Thürys großes Verdienst darin, immer wieder mit viel Empathie und oft nicht ohne Humor die Menschlichkeit in den Vordergrund zu rücken, die es bei aller Fremdheit bestimmter Sitten, Überzeugungen und Gebräuche doch ermöglicht, aus der zeitlichen Distanz Verständnis für die liebenden Römer zu entwickeln. Auf diese Weise das Zeitlose im Zeitgebundenen zu entdecken, macht die Lektüre zu einem besonderen Vergnügen.

Günther Emerich Thüry: Liebe in den Zeiten der Römer. Mainz, Nünnerich-Asmus, 2015, 144 Seiten.
ISBN: 9783945751138


Genre: Geschichte

Mit Leier und Schwert. Das frühmittelalterliche „Sängergrab“ von Trossingen

Die Zahl von Schriftquellen, die Auskunft über das Leben im frühmittelalterlichen Südwestdeutschland geben, ist begrenzt. Einen unschätzbaren Beitrag zur Rekonstruktion der damaligen Verhältnisse kann die Archäologie leisten, doch hier stellt sich das Problem, dass bestimmte Materialien weitaus vergänglicher sind als andere. Gerade Holz und Textilien erhalten sich oft nicht gut, und mit ihnen gehen wichtige Elemente der materiellen Kultur verloren. So ist das im Winter 2001/2002 gefundene Grab 58 des merowingerzeitlichen Gräberfelds von Trossingen, in dem Textilreste und zahlreiche hölzerne Beigaben überdauert haben, etwas ganz Besonderes. In den Beiträgen verschiedener Wissenschaftler wird in Mit Leier und Schwert der Ausnahmefund ebenso liebevoll wie allgemeinverständlich vorgestellt.
Bei dem Bestatteten, einem etwa 40jährigen und wohl im Jahre 580 beigesetzten Mann, dürfte es sich um einen Angehörigen der lokalen Elite gehandelt haben, der neben farbenfroher Kleidung, Waffen, Möbeln und Gegenständen des täglichen Bedarfs auch eine reich verzierte Leier mit ins Grab bekam – ein Stück, dessen Reiz man sich nur schwer entziehen kann. Von den Abnutzungsspuren, die belegen, dass die Leier tatsächlich häufig gespielt wurde, über die Schnitzereien mit Krieger- und Schlangenmotiven bis hin zu den an einem exakten Nachbau erprobten Klangeigenschaften wird das Instrument ausführlich beschrieben.
Eine ähnlich detaillierte Würdigung erfahren die anderen Grabbeigaben, denen immer wieder Vergleichsfunde, aber auch zeitgenössische Abbildungen (etwa aus Handschriften oder von Grabsteinen) gegenübergestellt werden, um eine Einordnung in die frühmittelalterliche Lebenswelt vorzunehmen. Ohnehin ist das Buch üppig illustriert (außer mit Fotos und Kartenmaterial auch mit Umzeichnungen und Rekonstruktionsdarstellungen), so dass über den Text hinaus ein ganz unmittelbarer visueller Zugang zum Geschilderten gewährleistet ist. So entsteht nach und nach wortwörtlich das Bild eines regional Mächtigen, für den seine Rollen als Reiterkrieger und als Musiker vermutlich keine Gegensätze waren, sondern nahtlos ineinandergriffen.
Alles in allem kann Mit Leier und Schwert damit beispielhaft für die optimale Aufarbeitung eines spannenden Fundes für ein allgemeines Publikum stehen.

Barbara Theune-Großkopf (Hrsg.): Mit Leier und Schwert. Das frühmittelalterliche „Sängergrab“ von Trossingen. Friedberg, Likias, 2010, 120 Seiten.
ISBN: 9783981218121


Genre: Geschichte

Die Merowinger

Komplizierte dynastische Verhältnisse, Reichsteilungen und kriegerische Verwerfungen, ständig wechselnde Allianzen und nicht zuletzt der allmähliche Übergang von der Antike ins Mittelalter – die Merowingerzeit ist in ihrer Vielschichtigkeit keine Epoche, die sich leicht durchschauen lässt.
Umso verdienstvoller ist es, dass es Sebastian Scholz gelingt, auf nur 342 Seiten das Wesentliche der drei Jahrhunderte zwischen den Anfängen des Frankenreichs und der Machtübernahme durch die Karolinger im Jahre 751 zu vermitteln. Sein besonderes Augenmerk gilt dabei der Kirchengeschichte und in ihrem Rahmen der Rolle der Bischöfe.
Seit die gallorömische Aristokratie in der Spätantike das Bischofsamt als Machtfaktor und ideale Ergänzung einer weltlichen Karriere für sich entdeckt hatte, waren die Übergänge zwischen Kirchenführung und politischer Elite fließend. Die Entscheidung des Reichsgründers Chlodwig, sich katholisch taufen zu lassen und auf die Unterstützung der Bischöfe zu bauen, war insofern folgerichtig, setzte aber eine Entwicklung in Gang, die in ein Geflecht immer stärkerer gegenseitiger Abhängigkeiten von Königtum und Episkopat mündete. Die Nutzung, wenn nicht gar der Missbrauch von Religion als Herrschaftslegitimation und Kriegsgrund war damit nur noch eine Frage der Zeit.
Im Gegenzug lässt sich ein wachsender Einfluss der zeitgenössischen kirchlichen Lehre auf die Gesetzgebung feststellen, teilweise mit positiven Folgen (wie etwa der Einschränkung von Blutrache und Lynchjustiz), aber durchaus auch mit merklichen Schattenseiten (z.B. der Ausgrenzung der Juden). Manche kanonische Bestimmung reizt dabei aus heutiger Sicht eher zum Schmunzeln (wenn etwa in Bezug auf Kirchweihfeiern gefordert wird, dass dabei „Insbesondere (…) Frauenchöre keine unanständigen Gesänge zu Gehör bringen“ sollen). Aber die Weichen für die schleichende Durchdringung aller Lebensbereiche durch die christliche Religion und ihre Moralvorstellungen waren damit trotz mancher Widerstände für das gesamte Mittelalter gestellt.
Dagegen mutet der von Bruderkriegen, Polygamie und skrupellosem Machtstreben geprägte Lebenswandel des Herrscherhauses selbst alles andere als fromm an. Durch die oft chaotische Ereignisgeschichte führt Scholz mit sicherer Hand nahe an den vielfach auszugsweise zitierten Quellen, die er gründlich und auch für Laien gut verständlich erläutert. Bei seinen Interpretationen ist das Gleichgewicht zwischen eigener Quellenkritik und der Würdigung fremder Forschungsmeinungen optimal gewahrt. So erfährt man nicht nur Grundlegendes über die Merowingerzeit selbst, sondern auch viel über den sich wandelnden Blick neuzeitlicher Historiker darauf.
Knappe, aber informative Exkurse zu Themen wie Gesellschaft, Wirtschaft und Bildung runden die gelungene Darstellung ab. Nur bei den Stammtafeln im Anhang scheint der Fehlerteufel kräftig die Hand im Spiel gehabt zu haben (zumindest findet man dort z.B. die erstaunliche Information, König Chilperich I. sei mit dem Langobarden Alboin verheiratet gewesen – eine Ehe, die immerhin die Phantasie sehr anregt, auch wenn die historische Quellenbasis dafür eher gering sein dürfte).
Abgesehen davon aber sind Die Merowinger als ebenso fundierter wie sympathisch geschriebener Einstieg in die Welt des Frankenreichs unbedingt empfehlenswert.

Sebastian Scholz: Die Merowinger. Stuttgart, W. Kohlhammer, 2015, 342 Seiten.
ISBN: 9783170225077

Nachtrag (30.08.2016): Dem freundlichen Hinweis des Autors verdanke ich die Information, dass der oben erwähnte Fehler in den Stammtafeln schon in Eugen Ewigs Klassiker Die Merowinger und das Frankenreich auftaucht und für das vorliegende Werk eigentlich korrigiert war, sich dann aber irgendwie doch wieder eingeschlichen hat. In künftigen Auflagen wird die Ehe zwischen Chilperich und Alboin also vermutlich erfolgreich annulliert sein.


Genre: Geschichte

Hirten, Bauern, Götter. Eine Geschichte der römischen Landwirtschaft

Wer beim Thema römische Geschichte nur an kampfstarke Legionen, exzentrische Kaiser, redegewandte Senatoren und blutige Gladiatorenspiele denkt, übersieht etwas ganz Entscheidendes: Trotz der großen kulturellen Bedeutung der Städte war das römische Reich primär agrarisch geprägt. Ein Großteil der Bevölkerung lebte und arbeitete auf dem Lande. Ackerbau und Viehzucht stellten nicht nur die Grundlage von Wirtschaft und Ernährung dar, sondern flossen auch – oft romantisiert und ideologisch überhöht – in das römische Selbstbild und in die Religion mit ein.
Während viele Forschungsbeiträge zur römischen Landwirtschaft die aus dem archäologischen Befund zu rekonstruierenden technischen Aspekte in den Vordergrund rücken (so z.B. Ursula Heimbergs Villa rustica), verfolgt Werner Tietz in Hirten, Bauern, Götter einen umfassenderen Ansatz, der neben den Ergebnissen von Ausgrabungen und Surveys auch Bild- und Schriftquellen aller Art ausführlich einbezieht. Geographischer Schwerpunkt ist dabei trotz einiger Ausflüge in ausgewählte Provinzen Italien, während zeitlich der Bogen von den Anfängen der Landwirtschaft im Mittelmeerraum bis in die Spätantike gespannt wird.
Über Anbau- und Verarbeitungsmethoden insbesondere der „mediterranen Trias“ – also Oliven, Wein und Getreide – erfährt man dabei sehr viel, daneben auch über die Tierhaltung oder über spezialisierte Erwerbszweige wie etwa die Blumenzucht. Neben der im Vergleich zu späteren Epochen beeindruckend leistungsfähigen römischen Landwirtschaft selbst und ihren Auswirkungen auf die Umwelt nimmt Tietz jedoch zugleich die ländliche Gesellschaft in den Blick.
Rasch wird deutlich, dass die in der Forschung oft beschworene Ablösung krisengeschüttelter Kleinbauernhöfe durch von geschundenen Sklaven bewirtschaftete Latifundien nicht das ganze Bild und vermutlich noch nicht einmal die typische Realität darstellt. Bei allen regionalen Sonderwegen dominierten zumeist von den Eigentümern oder von Pächtern bewirtschaftete Familienbetriebe unterschiedlicher Größe, und neben Bauern und Sklaven sind vielfach freie Knechte, Mägde und Tagelöhner als Arbeitskräfte belegt. Auch innerhalb dieser Schicht zeigt sich eine große Vielfalt möglicher Abstufungen. Für Marginalisierung (wie etwa bei den Hirten, die oft als kriminell verschrien waren) finden sich ebenso Beispiele wie für den Aufstieg vom einfachen Arbeiter zum geachteten Lokalpolitiker.
Tietz zeigt dabei auch, dass praktische Erfordernisse auf dem Land oft zu einer größeren Flexibilität sozialer Rollen führten als im städtischen Kontext. So war die Arbeitsteilung nach Geschlechtern nicht so strikt, wie man annehmen könnte, da Männer durchaus traditionell „weibliche“ und Frauen „männliche“ Aufgaben übernehmen konnten. Zudem spiegelte sich die Rechtsstellung nicht immer in den Hierarchien des täglichen Lebens wider (da z.B. Sklaven als Verwalter oder Aufseher zu Vorgesetzten persönlich freier Arbeiter werden konnten).
Belebt und bereichert wird das Buch durch eine Fülle von Abbildungen und vor allem auch durch ausführliche Zitate aus Schriftquellen aller Art, von landwirtschaftlicher Fachliteratur über Briefe und Verträge bis hin zur Grabinschrift.
Nur eine Besonderheit irritiert dabei: Wie Tietz in der Einleitung ausführt, sind die Quellen speziell für diesen Band neu ins Deutsche übertragen worden. Daran wäre im Prinzip nichts auszusetzen. Anscheinend hat der Verfasser aber die Passagen, die er mehrfach als Belege heranzieht, jedes Mal neu formuliert, statt die an früherer Stelle bereits zitierte Version zu wiederholen. Hier und da führt das zu inhaltlichen Abweichungen, die Verwirrung stiften. Isst der Held eines Gedichts nun „Rote Bete und ein wenig Schnittlauch (…) außerdem (…) Endivien“ (S. 152 f.), oder lässt er sich vielmehr „rötliche Zwiebeln und ein ganzes Beet voll Lauch (…). Außerdem Chicorée (…)“ (S. 174) schmecken? Hier hätte man sich über mehr Einheitlichkeit gefreut – oder zumindest über den expliziten Hinweis, dass mit den verschiedenen Varianten Interpretationsspielräume ausgelotet werden sollen. Ähnlich inkonsequent wirkt auch die Beschriftung der Landkarte auf S. 275, werden doch nach keinem erkennbaren System moderne und antike Ortsnamen gemischt (so finden sich etwa „Trier“ und „Mailand“, aber eben auch „Toletum“ und „Hierosolyma“).
Abgesehen von diesen kleinen Auffälligkeiten ist diese Geschichte der römischen Landwirtschaft jedoch rundum gelungen und eine uneingeschränkt empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich mit Alltag und Wirtschaft des römischen Reichs befassen wollen.

Werner Tietz: Hirten, Bauern, Götter. Eine Geschichte der römischen Landwirtschaft. München, C.H. Beck, 2015, 370 Seiten.
ISBN: 9783406682339


Genre: Geschichte

C. H. Beck Geschichte der Antike

Die folgende Liste bietet Links zu den Rezensionen der einzelnen Bände der Reihe (chronologisch nach behandelten Epochen geordnet):

Elke Stein-Hölkeskamp: Das archaische Griechenland. Die Stadt und das Meer
Sebastian Schmidt-Hofner: Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit
Peter Scholz: Der Hellenismus. Der Hof und die Welt
Wolfgang Blösel: Die römische Republik. Forum und Expansion
Armin Eich: Die römische Kaiserzeit. Die Legionen und das Imperium
Rene Pfeilschifter: Die Spätantike. Der eine Gott und die vielen Herrscher


Genre: Geschichte

Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit

Warum gelten gerade das 5. und das 4. Jahrhundert vor Christus als „klassische“ und damit vorbildliche Epoche der griechischen Geschichte, obwohl diese Zeit stark von alles andere als nachahmenswerten Aktivitäten gekennzeichnet war? Vor dem Hintergrund von maßlosem Machtstreben und permanenten kriegerischen Auseinandersetzungen, die regelmäßig zu Gräueltaten wie Massakern und Massenversklavungen führten, nimmt Sebastian Schmidt-Hofner eine Problematisierung des Begriffs der „Klassik“ zum Ausgangspunkt, um die Entwicklung des Klassischen Griechenland durch Perserkrieg und Peloponnesischen Krieg bis hin zum Aufstieg Makedoniens unter Philipp II. und Alexander dem Großen zu schildern.
Sein Hauptaugenmerk gilt dabei der politischen Geschichte und in ihrem Kontext auch der Entwicklung von Ideen. Insbesondere beschäftigt ihn der Freiheitsbegriff, der in vielen Konflikten zum prägenden Schlagwort wurde, aber er schildert auch die Herausbildung einer griechischen Identität in Abgrenzung von den „Barbaren“ und insbesondere vom Perserreich. Durch diese Schwerpunktsetzung erscheinen, anders als in dem in derselben Reihe erschienenen Band zur historisch unmittelbar vorausgehenden Epoche, materielle Kultur und Alltagsleben allenfalls ganz am Rande.
Zudem sollte man vielleicht die Bezeichnung „Griechenland“ im Titel mit einem Fragezeichen versehen, denn treffender wäre eigentlich eine Formulierung wie „Athen und die anderen“, steht doch über weite Strecken Athen im Zentrum von Schmidt-Hofners Interesse. Neben der ereignishistorischen Bedeutung der Stadt mag das im gewissen Maße auch der Quellenlage geschuldet sein, die für Athen eine deutlichere Rekonstruktion der inneren Verhältnisse erlaubt als für andere Poleis. Selbst Sparta, das als zweiter Stadtstaat mit hegemonialen Ambitionen natürlich auch eine gewichtige Rolle spielt, wird diesbezüglich relativ kurz abgehandelt. Die Vielzahl der übrigen Gemeinwesen, die es im antiken griechischen Kulturraum gab, rückt allenfalls punktuell einmal ins Rampenlicht.
Im Rahmen dieser Gewichtung glückt Schmidt-Hofner jedoch ein guter und eingängiger Überblick über die bewegte Epoche, der die großen Entwicklungslinien ebenso nachvollziehbar präsentiert wie unterschiedliche Forschungsmeinungen zu Detailproblemen. Allzu viele Vorkenntnisse sind nicht nötig, um sich zurechtzufinden, da hier noch stärker als in den anderen Bänden der Reihe auf deren Einführungscharakter Rücksicht genommen wird. So werden z.B. Aussprachehilfen für die nicht immer intuitiv zu erschließende Betonung altgriechischer Orts- und Personennamen geboten. Quellenzitate sind in aller Regel in recht moderner Ausdrucksweise übersetzt, die dem heutigen Leser das Verständnis erleichtert, einen aber auch manchmal stutzen lässt, wenn etwa von „peers“ oder „Training“ die Rede ist. Hier kann man sich fragen, ob nicht vielleicht etwas zu stark neuzeitliche Vorstellungen in die Originaltexte rückprojiziert werden. Auch fällt auf, dass der Autor sich in Fällen, in denen verschiedene Varianten eines Namens existieren, nicht immer für die gängigste entscheidet (so bevorzugt er z.B. „Stagiros“ statt „Stageira“ für den Geburtsort des Aristoteles).
Trotz dieser Besonderheiten, über die man geteilter Meinung sein kann, liest sich die Darstellung unkompliziert und angenehm. So lässt man sich gern zu Schmidt-Hofners Schlussfolgerung mitnehmen, das das Klassische Griechenland diese Bezeichnung trotz aller Vorbehalte verdient: nicht als goldenes Zeitalter, sondern als die Epoche, in der verschiedene politische und philosophische Ideen wie etwa Demokratie und Autonomie zum ersten Mal historisch fassbar werden. Neben ihrer oft zahlreichen Einschränkungen unterworfenen praktischen Umsetzung ist dabei auch die theoretische Unterfütterung hervorhebenswert, die viele Konzepte  seinerzeit erhielten – unter anderem auch das der Geschichtsschreibung. Bei aller berechtigten Kritik an einer Idealisierung der Griechen und einer zu bereitwilligen Ausblendung von Schattenseiten bleibt also am Ende doch der Gedanke bestehen, dass geistesgeschichtlich manch eine europäische Tradition bei ihnen wenn auch vielleicht nicht ihren Ursprung, so doch einen frühen Höhepunkt fand – ganz klassisch eben.

Sebastian Schmidt-Hofner: Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit. München, C. H. Beck, 2016, 368 Seiten.
ISBN: 9783406679155


Genre: Geschichte