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The Darkening Age

Eine der großen Veränderungen der Spätantike war die Hinwendung der römischen Welt zum Christentum, das Europa seitdem prägt. Die Christianisierung der antiken Welt ist aber in den Augen der Journalistin Catherine Nixey eher eine Zerstörung, die ihrer Einschätzung nach in der Geschichtsschreibung bis heute zu sehr verharmlost wird. In ihrem für ein allgemeines Publikum gedachten Sachbuch The Darkening Age entfaltet sie daher ein düsteres Panorama der Ignoranz und Gewalttätigkeit einer wildbewegten Epoche. Nicht als kontinuierliche Erzählung, sondern in reportagehaft gestalteten Episoden wird das Vorgehen eifernder Christen gegen ihre pagane Umwelt vom 4. bis zum 6. Jahrhundert ausgemalt. Auch abgesehen von der staatlichen Übernahme des Christentums und dem letztendlichen Verbot heidnischer Kulte ist die Liste an Gräueln und Verwüstungen lang:  Von Bücherverbrennungen über das Zerschlagen heidnischer Statuen bis hin zur Ermordung der Philosophin Hypatia zeichneten Christen für eine ganze Reihe religiös motivierter und aus heutiger Sicht erschreckender Taten verantwortlich.

Die Beschreibung eines dieser Vorfälle – nämlich der Zerstörung des Serapeums, eines berühmten Tempels in Alexandria – zeigt allerdings unübersehbar die Schwäche, an der das gesamte Buch krankt: In ihrem Umgang mit den historischen Quellen ist Nixey sehr selektiv. Während sie Heiligenviten und Martyriumsberichte oft gegen den Strich liest und auf von den Verfassern sicher nicht intendierte Interpretationsmöglichkeiten hinweist, kann man an anderer Stelle nur staunen, wie unkritisch und unreflektiert ihr Blick auf die Geschichte wirkt.

Es mag einen ja noch in gewissem Maße amüsieren, wenn jede von Sueton über Nero kolportierte Skandalgeschichte unhinterfragt als historische Wahrheit präsentiert wird, doch bei der oben erwähnten Zerstörung des Serapeums, die für die Gesamtargumentation wesentlich wichtiger ist, wird es bedenklicher. Nixey folgt hier Eunapius, um den Vorfall als größtenteils unprovozierte christliche Aggression zu schildern. Das mag durchaus legitim sein, wenn die Autorin zu dem Schluss gekommen ist, dass diese Quelle verlässlicher ist als andere, doch methodisch unsauber wird ihre Arbeit dadurch, dass sie die Existenz deutlich abweichender Darstellungen des Endes des Serapeums nicht einmal erwähnt. In der Kirchengeschichte des Sozomenos etwa erscheint das Niederreißen des Tempels als Kulminationspunkt exzessiver Religionskonflikte, die für beide Seiten nicht unbedingt ein Ruhmesblatt sind und darin münden, dass pagane Fanatiker sich im Serapeum verschanzen und dort Christen misshandeln und ermorden. Sozomenos ist Nixey durchaus bekannt (er erscheint in ihrer Bibliographie, und das Kapitel über das Serapeum enthält einige Informationen, die von ihm stammen dürften). Wenn sie Zweifel an seiner Version der Geschehnisse hat, ist das nicht verwerflich, aber die wissenschaftliche Redlichkeit würde es erfordern, zumindest die Existenz der Quelle zu erwähnen und zu diskutieren, warum man ihr weniger Vertrauen schenkt als dem Bericht des Neuplatonikers Eunapius, der als Heide ebenso wenig ein neutraler Bewerter der Auseinandersetzungen gewesen sein dürfte wie Sozomenos als Christ.

Für solch eine mindestens ungenaue, schlimmstenfalls aber parteiische Quellennutzung finden sich noch weitere Beispiele. Insgesamt kann man sich dem Eindruck nicht entziehen, dass Nixey die ihr durchaus nicht unbekannten Schattenseiten der antiken Kultur gezielt herunterspielt und dafür die fraglos ebenfalls vorhandenen des Christentums mit viel Spott ins Uferlose steigert. Damit erweist sie ihrem Anliegen, einer zu unkritischen Sicht auf die Christianisierung etwas entgegenzustellen, letztlich einen Bärendienst. Dass die neue Religion nicht von allen im Römischen Reich mit Begeisterung aufgenommen wurde, dass bei ihrer Durchsetzung auch Zwang und Druck im Spiel waren und dass durch Fanatismus und Intoleranz viel Erhaltenswertes verlorenging, ist eine unbestreitbar wichtige Perspektive. Überzeugend vertreten kann man sie aber nur in einer korrekten und gründlichen Auseinandersetzung mit den Quellen, und daran scheitert Nixeys Buch, so sehr Verve und stilistische Spritzigkeit die inhaltlichen Mängel auch über weite Strecken kaschieren mögen.

Catherine Nixey: The Darkening Age. The Christian Destruction of the Classical World. London, Pan Macmillan, 2018, 305 Seiten.
ISBN: 9781509816071


Genre: Geschichte

1949

Einem Frauenarzt wird beinahe ein Klinikleiterposten verwehrt, weil er dem zuständigen Stadtrat als Jude und ehemaliger KZ-Insasse suspekt ist. Ein Gymnasiast muss sich als Holocaustüberlebender von seinem rechtsgerichteten Lehrer sagen lassen, die Verbrechen der Nazis seien moralisch nicht verwerflicher als die Bombardements deutscher Städte durch die Alliierten. Ein inhaftierter Nazi schwelgt in Erinnerungen an vermeintlich bessere Zeiten, während viele seiner Gesinnungsgenossen entweder gar nicht verurteilt werden oder mit einem blauen Auge davonkommen, auf alle Fälle aber fast ungestört ihr Leben und ihre Karriere fortsetzen können. Unterdessen interessiert sich ein entlassener Bankangestellter weit mehr dafür, ob seine Brennholzvorräte noch eine Weile reichen werden, als für die große Politik.
Es ist ein Kaleidoskop solcher Momentaufnahmen, aus dem Christian Bommarius in seinem lesenswerten Sachbuch 1949 ein präzises Psychogramm der westdeutschen Nachkriegsseele entwickelt, während er zugleich die Gründung der Bundesrepublik und das zähe Ringen um aus heutiger Sicht selbstverständliche Inhalte des Grundgesetzes wie die Gleichberechtigung der Geschlechter oder die Abschaffung der Todesstrafe schildert. Der gewichtige Stoff liest sich erstaunlich flüssig, bisweilen geradezu unterhaltsam: Bommarius ist ein geschickter Erzähler, der mit wohldosierter Ironie seine klugen und unbestechlichen Beobachtungen aufzulockern weiß.
Trotz der Leichtigkeit des Stils besteht jedoch am Ernst in der Sache zu keinem Zeitpunkt auch nur der geringste Zweifel. Denn das Panorama, das Bommarius entfaltet, ist vor allem die Geschichte eines Scheiterns an der so zentralen Aufgabe, aus dem Unfassbaren zu lernen. Durch den Beginn des Kalten Krieges wurde den Westalliierten die Umwandlung ihrer Besatzungszonen in ein stabiles Staatsgebilde bald wichtiger als die allenfalls noch halbherzig betriebene Entnazifizierung. Auch in der deutschen Gesellschaft selbst wurden keine Rufe laut, das alte System gründlich aufzuarbeiten, im Gegenteil: Oft wurde ein rascher Schlussstrich gefordert, und die Täter konnten mit weitaus mehr Verständnis und Unterstützung rechnen als ihre überlebenden Opfer oder als Emigranten, denen – selbst wenn es sich um Berühmtheiten wie den Schriftsteller Thomas Mann handelte – nicht selten Misstrauen und Ablehnung entgegenschlugen. Für die Verfolgten des Naziregimes blieb es nach Kriegsende schwer, wieder Fuß zu fassen, während viele Menschen, die zuvor mehr als nur Mitläufer gewesen waren, beruflich und sozial ihren alten Einfluss zurückgewannen. Letzteres ist zwar im Prinzip keine neue Erkenntnis, aber das Ausmaß, in dem es auf Wirtschaft, Kultur, Medien, Medizin, Bildungswesen und Justiz zutrifft, macht einen angesichts der Fülle von Einzelbeispielen, die der Verfasser aufführt, betroffen.
Neben dem Wunsch nach einem raschen Vergessen betont er als Charakteristikum der Epoche auch die Neigung vieler Deutscher, das eigene Leid (das fraglos vorhanden war, wie etwa das Schicksal von Bommarius‘ russlanddeutscher Mutter belegt) für weit größer und ungerechtfertigter zu halten als das anderer Gruppen wie eben der Opfer der NS-Zeit. Der Eindruck, vor allem selbst zu kurz gekommen zu sein, nahm manch einem die nötige Empathie und verhinderte nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit eigenen Fehlern.
Es wäre schön, wenn all dies nicht mehr als ein Blick zurück in eine bewegte historische Epoche wäre. Doch spätestens in dem Moment, in dem ein damaliger Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung zitiert wird, der in seinem dumpfen Antisemitismus erschreckend viele Parallelen zu heutigen Internet-Hasskommentaren fremdenfeindlicher Natur aufweist, wird einem klar, dass das hier Geschilderte keineswegs nur der Vergangenheit angehört. Bommarius weist in seinem Nachwort zwar darauf hin, dass es seit der Gründung der Bundesrepublik große Fortschritte gegeben hat und die allermeisten Bürgerinnen und Bürger sich inzwischen der Kostbarkeit ihres Rechtsstaats und seiner grundlegenden Werte bewusst sind. Wie wenig selbstverständlich das ist, macht 1949 jedoch in verstörender Intensität deutlich und ist damit nicht nur ein Muss für Geschichtsinteressierte, sondern auch Pflichtlektüre für alle, die Wurzeln und Mechanismen aktueller politischer Debatten besser verstehen wollen.

Christian Bommarius: 1949. Das lange deutsche Jahr. München, Droemer, 2018, 320 Seiten.
ISBN: 9783426277614


Genre: Geschichte

Sonnenhymnen

Der Große und der Kleine Sonnenhymnus (um 1345 v. Chr.), die dem Pharao Echnaton zugeschrieben werden, der in ihnen als Sprecher erscheint, gehören zweifelsohne zu den bekanntesten und eindrucksvollsten Zeugnissen der altägyptischen Literatur. In Gräbern hochrangiger Ägypter als Wandinschriften überliefert, preisen die beiden Hymnen den Sonnengott nicht nur als Schöpfer, sondern auch als Lebensspender, der seine Welterschaffung täglich erneuert, und betonen sein besonderes Verhältnis zum Pharao. Die heraufbeschworenen Bilder aus Natur und Alltagsleben haben sich über die Jahrtausende hinweg ihre Frische bewahrt und wirken auch heute noch unmittelbar ansprechend.
Christian Bayers zweisprachige Ausgabe der Sonnenhymnen, die dem Originaltext in Hieroglyphen eine zeitgemäße deutsche Übersetzung gegenüberstellt, ist zum einen eine gelungene Textedition, die in minutiösen Kommentaren Interpretationsansätze liefert, aber auch sehr offen mit Überlieferungs- und Übersetzungsproblemen umgeht und Unsicherheiten nicht zu überspielen versucht. Zum anderen kann das kleine Bändchen jedoch auch wunderbar als Einführung in die Amarna-Zeit allgemein dienen und Echnaton ein wenig fassbarer machen, der hier weder als großer Visionär des Monotheismus gefeiert, noch als engstirniger Tyrann verteufelt wird. Bayer weiß vielmehr aufzuzeigen, dass der Pharao im Prinzip zunächst nur konsequent die Politik seines Vaters Amenophis III. fortsetzte, Sonnenkult und Königtum enger als je zuvor aufeinander zu beziehen, dabei aber wohl unterschätzte, wie sehr die Einengung der Sonnenverehrung auf Aton (den in der sichtbaren Sonne gegenwärtigen Aspekt der Gottheit) zuungunsten des traditionell als Götterkönig verehrten Amun als Sakrileg empfunden werden würde. Obwohl die neue Religion daher unter seinen Nachfolgern keinen Bestand hatte und es auch rasch zur Aufgabe seiner neugegründeten Residenz Achet-Iten (Achet-Aton, heute Amarna) kam, war Echnatons Wirken laut Bayer indirekt folgenreich: Der Gott Amun erlangte seine religionsbeherrschende Stellung nicht zurück, sondern blieb einer unter mehreren, und die bis zu Echnaton unangefochtene religiöse und politische Dominanz der Stadt Theben war gebrochen.
Über diese historischen Schlaglichter hinaus nimmt Bayer die Sonnenhymnen jedoch auch unter der religions- und literaturhistorisch interessanten Perspektive ihrer Ähnlichkeit zum Psalm 104 der Bibel (der in der Lutherübersetzung im Buch abgedruckt ist) in den Blick. Während sich die Hymnen in den theologischen Nuancen und in ihrer Entstehungszeit selbstverständlich von dem wesentlich jüngeren Psalm unterscheiden, dessen Verfasser wohl auch keine direkte Kenntnis der ägyptischen Texte hatte, gleichen sich manche der heraufbeschworenen Bilder und der genutzten sprachlichen Wendungen frappierend. So ist wohl davon auszugehen, dass sich bestimmte Arten des Redens über den Schöpfergott und eine Vielfalt literarischer Motive in der Welt Ägyptens und des Alten Orients über die engeren Kulturgrenzen hinaus ausbreiteten und so durch zahlreiche Glaubenstransformationen ihren Weg bis in die Moderne fanden.
Kartenmaterial und Umzeichnungen von Kunstwerken runden den empfehlenswerten kleinen Band ab, der eigentlich für alle an Ägypten Interessierten ein Muss ist.

Echnaton: Sonnenhymnen. Ägyptisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Christian Bayer. Stuttgart, Reclam, 2007 (RUB 18492), 126 Seiten.
ISBN: 9783150184929


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Jesus und seine Welt

Cay Rademacher ist eigentlich vor allem als Journalist und Krimiautor bekannt, doch als studierter Historiker legt er mit Jesus und seine Welt ein geschichtliches Sachbuch für einen breiten Leserkreis vor, das für Christen wie Nichtchristen gleichermaßen interessant ist. Denn auch wenn Rademacher sich dem Menschen Jesus und seiner Umgebung aus historischer Perspektive nähert und deutlich macht, wo die Trennlinien zwischen dem wissenschaftlich Plausiblen und reinen Glaubensinhalten verlaufen, behandelt er die Religion durchaus mit Respekt.
Ein Problem bei vielen Persönlichkeiten der Antike – und zumal bei jemandem, zu dessen Lebzeiten noch nichts von dem Nachruhm zu ahnen war, den er einmal genießen würde – ist die relative Quellenarmut, die das Schreiben einer echten Biographie im neuzeitlichen Sinne erschwert bis unmöglich macht. Auch im Falle Jesu geben die Evangelien und wenige außerbiblische Texte nur einige Eckdaten vor. Rademachers Hauptaugenmerk gilt daher über weite Strecken der Schilderung des Umfelds, in dem Jesus wirkte und vor dessen Hintergrund seine radikalen religiösen Lehren zu verstehen sind.
Zum einen ist dies das antike Judentum, in dem mit Sadduzäern, Pharisäern, Essenern und Zeloten unterschiedliche Strömungen um Einfluss und Deutungshoheit konkurrierten, zum anderen das römische Reich mit seinen Provinzen und Klientelstaaten. Unter Rückgriff auf archäologische Funde und schriftliche Überlieferung beschwört Rademacher Licht- und Schattenseiten beider Kulturen plastisch herauf. Wer trockene historische Sachbücher eigentlich immer zu langweilig findet, sieht hier, dass es auch anders geht, denn Rademacher liefert eine packende Reportage aus einer vergangenen Welt und spielt dabei seine ganze journalistische Schreiberfahrung aus. Die Sachinformationen sind zutreffend und gut recherchiert. Nur in der Bewertung der paganen römischen Kulte als abergläubisch und innerlich nicht erfüllend scheint etwas zu deutlich die Sicht des späteren Beobachters durch, der schon um den Triumph monotheistischer Religionen weiß.
Notwendigerweise spekulativ müssen manche Überlegungen bleiben, die sich auf Jesus selbst beziehen – so etwa die Frage, ob dieser im nicht weit entfernt von Nazareth gelegenen Sepphoris schon früh mit hellenistischer Weltläufigkeit und vielleicht gar mit griechischen Theateraufführungen in Berührung gekommen sein mag, die seine spätere Predigttätigkeit ebenso beeinflusst haben könnten wie das dörfliche Leben seiner Jugend. Auch bei der Interpretation derjenigen biblischen Berichte über Jesus, die historisch zwar nicht extern Belegbares, aber doch zumindest Glaubhaftes schildern, bezieht Rademacher immer wieder die Epoche und ihre Besonderheiten mit ein, um deutlich zu machen, dass das gängige moderne Verständnis manchmal zu kurz greift (z.B. betont er bei der Geschichte über Jesu Tempelreinigung, dass die Vertreibung der Händler aus dem Tempel von der damaligen Öffentlichkeit nicht allein als Versuch der Trennung von Kommerz und Religion, sondern auch als Angriff auf den etablierten Opferkult an sich begriffen worden sein dürfte). Hier ergeben sich viele spannende Denkanstöße.
Eine knappe Liste von Buchempfehlungen zum Thema, ein Orts- und Personenregister sowie Kartenmaterial runden den kleinen Band ab. Im Prinzip sind diese Zusätze nützlich, aber bei der Karte von Judäa und angrenzenden Gebieten wünscht man sich, sie wäre etwas größer abgedruckt – wer hier die Ortsnamen entziffern will, braucht entweder sehr gute Augen oder eine Lupe.
Insgesamt ist das Buch jedoch ein lesenswerter Einstieg in die historisch-kritische Jesusforschung. Für alle, die sich schon etwas näher mit dem Thema befasst haben, lohnt sich die Lektüre immerhin zur Auffrischung von Kenntnissen, da hier der Forschungsstand auf sehr zugängliche Weise präsentiert wird.

Cay Rademacher: Jesus und seine Welt. Eine historische Spurensuche. Hamburg, Ellert & Richter, 2013, 160 Seiten.
ISBN: 978381905133


Genre: Biographie, Geschichte

Römisches Kochbuch

Die Aufbereitung historischer Rezepte für moderne Geschmäcker und Bedürfnisse liegt im Trend, und gerade die römische Küche, aus der mit dem sogenannten Kochbuch des Apicius, aber auch mit einzelnen Anleitungen etwa bei Cato und Columella die genaue Zubereitung zahlreicher Gerichte überliefert ist, bietet in der Hinsicht ein dankbares Betätigungsfeld.
Robert Maiers Römisches Kochbuch ist ein besonders gut konzipiertes Beispiel für einen solchen kulinarischen Ausflug ins alte Rom, das durch große Sachkenntnis besticht. Bevor es zu den eigentlichen Rezepten geht, verrät eine kurze Einführung viel Wissenswertes über die römische Küche. Neben den üblichen Hinweisen zu damals noch nicht bzw. heute nicht mehr bekannten Zutaten und einer Vorstellung der wichtigsten Quellen geht es dabei auch um Feinheiten, die man sonst selten bedenkt (etwa darum, dass bestimmte Gemüsesorten heute größer gezüchtet werden, als sie es in der Antike waren), und um Traditionen, die bis heute überdauert haben: So lassen sich etwa die Ursprünge mancher Arten von Wurst und Gebäck, die in bestimmten italienischen Regionen immer noch gängig sind, bis in die Römerzeit zurückverfolgen. Daneben finden sich interessante Überlegungen zum Preis von Lebensmitteln in der Antike. Zumindest einzelne Werte haben sich hier nicht sehr verändert: Umgerechnet kostete ein Ei zur Zeit des Kaisers Diokletian ungefähr das Gleiche wie heute ein Bio-Ei.
Die eigentlichen Rezepte sind nach den Kategorien Getränke, Eingemachtes, Vorspeisen, Hauptgerichte, Beilagen, Nachspeisen und Gebäck geordnet. Neben heute gängigen Mengenangaben und Zubereitungsempfehlungen bieten sie immer wieder auch durchdachte Detailtipps (z.B. sind Hinweise enthalten, wann man in einem Rezept besser etwas verändern sollte, weil der Garprozess sonst bei einem modernen Herd oder Ofen nicht zum selben Resultat führt wie bei der Nutzung der jeweiligen antiken Pendants).
Trotz dieser Anpassung an unsere Möglichkeiten und Kochgewohnheiten ist das Römische Kochbuch aber eines der wenigen seiner Art, das neben alltäglichen Rezepten ganz bewusst auch solche für schwelgerische Feste enthält. Wer also schon immer wissen wollte, wie er ein Spanferkel mit Füllung aus Hähnchen, Wachteln, Weinbergschnecken und allerlei Gemüse und Früchten zubereiten kann – hier gibt es die Schritt-für-Schritt-Anleitung, komplett mit der wenig überraschenden Versicherung, dass man damit garantiert „eine große Anzahl von Gästen“ satt bekommt. Wahrscheinlich wird man zwar eher etwas einfachere Speisen spontan nachkochen (z.B. eines der vielen empfehlenswerten Pilzgerichte), aber es verdient doch Anerkennung, dass Robert Maier nicht einfach unterschlägt, dass auch solch übersteigerte Üppigkeit durchaus Teil der gehobenen römischen Küche war, und sich tatsächlich an eine Umsetzung wagt.
Aber keine Sorge: Auch Vegetarier und Veganer kommen hier auf ihre Kosten, und die Menüvorschläge, die das Buch abrunden, sind jeweils so gekennzeichnet, dass man schnell erkennt, ob sie nur für Fleisch- und Fischfans oder speziell für die Freunde rein pflanzlicher Nahrung geeignet sind.
Nur eines fehlt dem kompakten Taschenbuch: eine Bebilderung. Wer wissen möchte, wie die römischen Gerichte denn nun zubereitet aussehen, hat keine Wahl, als sich ans Nachkochen zu machen – aber das lohnt sich durchaus.

Robert Maier: Römisches Kochbuch. Rezepte für die moderne Küche. Stuttgart, Reclam, 2015, 257 Seiten.
ISBN: 9783150110195


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Münzen

Obwohl sie mittlerweile von Scheinen und bargeldlosen Transfermethoden immer weiter in den Hintergrund gedrängt werden, sind Münzen doch in gewisser Hinsicht bis heute das Geld schlechthin und waren über viele Jahrhunderte konkurrenzlos als Zahlungsmittel. Bernd Kluge, der ehemalige Leiter des Berliner Münzkabinetts, gibt in seiner kompakten Einführung Münzen einen gerafften, aber angemessen bebilderten und gut lesbaren Überblick über Geschichte, Funktion und unterschiedliche Ausprägungen des Münzgelds von den Anfängen im 7. Jahrhundert v. Chr. bis in die Gegenwart. Geographisch wird die gesamte Welt abgedeckt, der Schwerpunkt liegt aber doch eindeutig auf Europa, das in Bezug auf die historische Entwicklung seiner Münzen von der Antike bis in die Neuzeit am ausführlichsten behandelt wird.
Schnell wird dabei deutlich, dass Münzen von Anfang an weitaus mehr zu bieten hatten als nur ihren Materialwert oder ihre Funktion als Tauschobjekt. Durch ihre Gestaltung waren sie immer auch Kunstwerke, wie an eindrucksvollen Beispielen wie etwa dem Demarateion deutlich wird, einer besonders schön gestalteten Dekadrachmenmünze aus dem Syrakus des 5. Jahrhunderts v. Chr. Neben ihrem rein ästhetischen Wert dienten Münzen jedoch zugleich auch der Selbstdarstellung der Herrschenden und sind dementsprechend auch als geschichtliche Quelle nicht zu unterschätzen.
Ohne kommt der Bereich der historischen Entwicklung von Währungssystemen, Münzprägung und anderen praktischen Belangen nicht zu kurz. Ob nun mittelalterliche Münzverrufungen, verwendete Metallsorten oder Recheneinheiten, hier erfährt man auf engem Raum viel über die verschiedensten Gebiete.
Auch Kurioses kommt dabei durchaus zur Sprache. Wer z.B. schon immer einmal wissen wollte, was sich hinter den in Karl Mays Romanen so oft erwähnten Mariatheresientalern verbirgt und warum sie gerade auf orientalischen Schauplätzen immer wieder auftauchen, wird hier ebenso fündig wie derjenige, der sich für Münzen als Sammelobjekt interessiert. Hilfreiche Zusätze (wie etwa eine Übersichtstabelle über die aktuellen Währungen weltweit oder eine Zeittafel mit wichtigen Stationen der Geschichte der Münzen) runden den kleinen, aber ungeheuer kenntnisreichen Band ab.
Insgesamt weiß Bernd Kluge so zu verdeutlichen, dass die oft nur als bloße Hilfswissenschaft abgetane Numismatik gar nicht trocken und langweilig sein muss, sondern einem neben informativer auch sehr unterhaltsame Lektüre bescheren kann, die einem beim nächsten Museumsbesuch garantiert historische Münzen aufmerksamer und neugieriger betrachten lässt als bisher.

Bernd Kluge: Münzen. Eine Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart. München, C. H. Beck, 2016, 128 Seiten.
ISBN:9783406697746


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel

Die im Titel des schönen Bandes von Johannes Müller aufgelisteten Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel sind die eindrucksvollsten und bekanntesten Zeugnisse der Jungsteinzeit in Mitteleuropa, obwohl nur ein Bruchteil des ursprünglichen Bestands bis heute erhalten geblieben ist. Sie sind aber nicht das alleinige Thema des Buchs, das vielmehr mit geographischem Schwerpunkt auf Norddeutschland ein Panorama einer ganzen Epoche, der sogenannten Trichterbecherzeit (ca. 4100 bis 2800 v. Chr.), entwirft. Bevor der Blick sich auf Frühe Monumentalbauten Mitteleuropas (so der Untertitel) richtet, werden in der ersten Hälfte des Texts zunächst einmal kenntnisreich und detailfreudig Umwelt und Lebensweise der Menschen geschildert, die diese Denkmäler errichteten und oft über lange Zeiträume hinweg nutzten.
Es entsteht das Bild einer relativ wohlhabenden Gesellschaft, in der sakraler und profaner Bereich eng ineinandergriffen und überwiegend egalitäre Verhältnisse herrschten. Zwar gab es offenbar einzelne besonders geachtete und bedeutende Persönlichkeiten, die über den Tod hinaus für ihre Gemeinschaft wichtig blieben (so etwa eine um 3350 v. Chr. in der Siedlung Oldenburg-Dannau bestattete Frau, deren Grab über Jahrhunderte respektiert wurde und die als Gründerin des Dorfs gedeutet wird). Große soziale Unterschiede (ablesbar etwa an einer höherwertigen Ernährung für Bessergestellte) sind jedoch, anders als in späteren Zeiten, für die Trichterbecherkultur noch nicht erkennbar, und auch Hinweise auf gewalttätige Konflikte und ein kriegerisches Selbstverständnis fehlen größtenteils und finden sich erst sehr spät am Übergang zur anschließenden Einzelgrabkultur.
Interessant an diesem Befund ist vor allem die Beobachtung, dass der Bau der großen Megalithanlagen, der ab etwa 3500 v. Chr. einsetzte, mit einer klimatisch ungünstigen und für die Menschen sicher krisenhaften Periode zusammenfiel. Neben technologischen Neuerungen in der Landwirtschaft und im Handwerk trugen also offensichtlich die gemeinschaftlichen Anstrengungen von Dutzenden bis Hunderten von Personen, die zur Errichtung und Bewahrung der monumentalen Bauwerke notwendig waren, erheblich dazu bei, die schwierige Phase zu meistern. In seinen Deutungen, inwieweit Bau und Nutzung in religiöser und politischer Hinsicht zur Identitätsstiftung und Konfliktvermeidung beigetragen haben mögen, bleibt Müller stets angenehm zurückhaltend und sachlich: Vieles lässt sich eben nur vermuten, nicht sicher feststellen, auch wenn Vergleiche mit Gesellschaften, die heute noch Großsteinanlagen errichten (z.B. in Indonesien oder Indien), bestimmte Zusammenhänge erhellen können und auf ein ganz anderes Verständnis von Prestige und Reichtum als in der modernen westlichen Welt hindeuten.
Seine Anschaulichkeit gewinnt das Buch dabei vor allem aus seiner üppigen Bebilderung mit Fotos, Rekonstruktionszeichnungen, Kartenmaterial und anderen Grafiken, die oft zentrale Aspekte hervorheben, die in der Detailfülle des Texts sonst ein wenig untergehen könnten. Ein Glossar fehlt dagegen, so dass Laien wahrscheinlich mehr Freude an der Lektüre haben, wenn sie schon etwas Wissen über bestimmte archäologische Grundbegriffe mitbringen und nicht gerade mit diesem Buch den allerersten Einstieg in die Vor- und Frühgeschichte wagen. Vorkenntnisse helfen auch, zu erkennen, dass nicht unbedingt eine umfassende Auflistung aller Fundstellen und Megalithanlagen angestrebt ist (so ist z.B. die Übersichtskarte auf S. 112 eher selektiv). Angesichts des geringen Buchumfangs wäre das wohl auch nicht zu leisten gewesen. Als Fenster in eine ebenso ferne wie spannende Epoche und als Überblick über den aktuellen Forschungsstand zum Thema sind die Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel aber unbedingt lesenswert und echte Bereicherung der Literatur über die Jungsteinzeit.

Johannes Müller: Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel. Frühe Monumentalbauten Mitteleuropas. Darmstadt, Theiss (WBG), 2017, 112 Seiten.
ISBN: 9783806234640


Genre: Geschichte

Mesopotamien

Mesopotamien gilt als eine der Wiegen der Zivilisation, war aber von alters her kein homogenes Gebiet, sondern ein je nach Epoche unterschiedlich umrissener geographischer Raum, in dem allerlei Stadtstaaten und später auch Großreiche um die Vorherrschaft rangen. Verbindendes Charakteristikum all dieser Gemeinwesen war der Gebrauch der Keilschrift, und so ist Karen Radners Mesopotamien als Überblick über die Geschichte der Keilschriftkulturen vom späten 4. Jahrtausend v. Chr. bis in die römische Kaiserzeit angelegt.
Die Wechselfälle der Überlieferung dieser Schriftquellen, zu denen archäologische Funde nur ergänzend hinzugezogen werden, bestimmen deshalb auch die jeweilige Schwerpunktsetzung der chronologisch geordneten Darstellung. Details einer kontinuierlichen Ereignisgeschichte lassen sich für die frühen Jahrhunderte, in denen die Schrift primär administrativen und geschäftlichen Zwecken diente, gar nicht rekonstruieren. Von Uruk über Akkad bis Mittani muss man sich also naturgemäß mit groben Umrisslinien der politischen Vorgänge und unvermeidlichen Lücken begnügen.
Punktuell dagegen erfährt man sehr viel, etwa über die Tätigkeit altassyrischer Kaufleute des 19. Jhs. v. Chr. in Anatolien, deren Korrespondenz erhalten ist und einen sehr nahe ans damalige Leben heranführt (so lernt man den Fall eines Mannes aus Assur kennen, dem es offenbar gelang, sich durch seinen Aufenthalt im Ausland dreißig Jahre lang erfolgreich seinen Gläubigern in der Heimat zu entziehen). Auch aus dem Babylon des Königs Hammurabi (18. Jh. v. Chr.), der nicht ohne Grund für seine Gesetzesstele bekannt ist, verraten die Schriftquellen viel, darunter Nachvollziehbares (wie etwas das Bemühen, die Schuldsklaverei einzudämmen), aber auch teilweise aus heutiger Sicht eher Bizarres (wie das Eherecht der Nonnen des Gottes Marduk, die zwar heiraten, aber keinen Geschlechtsverkehr mit ihren Ehemännern haben durften, so dass zur Zeugung von Nachkommen Nebenfrauen oder Sklavinnen als eine Art Leihmütter einspringen mussten).
Ab dem 14. Jh. v. Chr., in dem der Stadtfürst Assur-uballit I. von Assur den Grundstein für den Aufstieg Assyriens zur Großmacht legte, ändert sich das Bild, und eine durchgehende Geschichtserzählung wird möglich. Kriege, Erbfolgestreitigkeiten und die Verlegung der assyrischen Hauptstadt nach Kalchu, Dur-Scharrukin und schließlich Ninive lassen sich ebenso nachverfolgen wie der Untergang des Reichs im späten 7. Jh. v. Chr. und die Entwicklung des kurzlebigeren neubabylonischen Reichs (626 bis 539 v. Chr.)  bis zur Eroberung durch die Perser.
Durch die Nutzung des in einer Alphabetschrift geschriebenen Aramäischen verlor die Keilschrift schon in neubabylonischer Zeit an Bedeutung. Unter persischer, seleukidischer und parthischer Herrschaft erscheint sie nur noch im religiösen und gelehrten Kontext und in Familienarchiven, um dann – soweit überliefert – 79 n. Chr. in einem astronomischen Text ein letztes Mal genutzt zu werden. Auch hier tritt die politische Geschichte deshalb wieder sehr in den Hintergrund.
Karen Radners Verdienst ist es, dass sie ihr disparates und Jahrtausende umspannendes Material durch die konsequente Orientierung an der Keilschrift und ihrem Gebrauch sinnvoll zu einem kompakten Überblick zu kondensieren versteht. Zu diesem Eindruck von Geschlossenheit trägt auch bei, dass die Forschungsgeschichte bis auf einen kurzen Ausblick am Schluss nicht gesondert behandelt, sondern jeweils in die Darstellung der einzelnen Zeitabschnitte eingeflochten wird. Vervollständigt durch eine hilfreiche Übersichtskarte und Abbildungen von Inschriften und Kunstwerken entsteht so eine auch für Laien gut lesbare, vorzügliche Einführung, die allen Interessierten ausdrücklich empfohlen werden kann.

Karen Radner: Mesopotamien. Die frühen Hochkulturen an Euphrat und Tigris. München. C. H. Beck, 2017, 128 Seiten.
ISBN: 9783406714061


Genre: Geschichte

Der Geschmack des Weltreichs

Die Alltagsgeschichte der römischen Antike ist nicht nur in der Forschung, sondern auch bei historisch Interessierten ein beliebtes Thema, und die Esskultur ist daraus nicht wegzudenken: Speisen, die man nachkochen und probieren kann, bieten schließlich mit den unmittelbarsten sinnlichen Zugang zu einer vergangenen Welt. Die überlieferten Rezepte sind jedoch in Mengenangaben und Zubereitungsempfehlungen oft äußerst vage. Abhilfe schaffen Kochbücher, die das antike Textmaterial heutigen Gepflogenheiten entsprechend ausdeuten. Der Geschmack des Weltreichs ist ein Beispiel für diese Buchgattung, das ins römische Germanien führt.
Der Romanautor Michael Kuhn nähert sich der römischen Kochkunst nicht aus streng wissenschaftlicher Perspektive, sondern von der unterhaltsamen Seite. Eine strikte Rekonstruktion steht nicht im Vordergrund, sondern der Spaß für Hobbyköchinnen und -köche. So sind die Rezepte in eine kleine Geschichte um das Pech eines jungen Legionärs eingebettet, der unfreiwillig als Küchenhilfe beim Gastmahl seines Vorgesetzten einspringen muss, und kommen in Geschmacksrichtung und Zutatenauswahl heutigen Vorlieben sehr entgegen. Wer also hofft, hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für orgiastische Prassereien à la Trimalchio zu erhalten, dürfte eher enttäuscht sein.
Stattdessen gibt es freie Interpretationen derjenigen antiken Rezepte (etwa von Apicius oder Cato), die im weitesten Sinne so etwas wie solide Hausmannskost ergeben, vom Fladenbrot über Linseneintopf und Schinken im Teigmantel bis hin zum Honig-Käsekuchen. Bequemlichkeit geht dabei teilweise vor historischer Korrektheit (so wird z.B. ein Wurstrezept in eines für Frikadellen umgewandelt und auch durchaus einmal Backpulver in den Teig gemischt). Aber nicht immer ist der Griff zu modernen Zutaten so bewusst: Ein Gericht wird mit grünen Bohnen zubereitet, die den Römern eigentlich noch unbekannt gewesen sein dürften, da sie aus der Neuen Welt stammen.
Nicht ganz klar geworden ist mir die Logik hinter der Grammatik der lateinischen Rezeptnamen, bei denen Nominativ und Akkusativ munter abwechseln. Hier hätte man sich ein gründlicheres und sprachkundigeres Lektorat gewünscht.
Auch bei den Illustrationen schwankt die Qualität ein wenig. Während die Fotos der einzelnen Gerichte ansprechend geraten sind, wirken die Grafiken mit der Übersicht über die den Römern bekannten und unbekannten Lebensmittel etwas unscharf und hätten eine hübschere Gestaltung verdient.
Ein Gesamturteil über den Geschmack des Weltreichs fällt daher im Endeffekt schwer. Einerseits ist einem an dem Buch die Intention sympathisch, römische Esskultur für Laien ohne großen Aufwand und mit raschen Erfolgserlebnissen nachvollziehbar zu machen, und die fiktiven Szenen lesen sich ganz unterhaltsam, auch wenn ihnen der didaktische Charakter anzumerken ist. Andererseits hätte man sich doch etwas mehr Genauigkeit im Detail gewünscht. Wer in der Antike einfach nur ein paar vergnügliche Anregungen für die Küchenpraxis sucht, kann hier fündig werden, aber alle, die auf bis in alle Einzelheiten belastbare Informationen Wert legen, sollten zumindest zusätzlich oder gleich ganz zu anderen Werken greifen.

Michael Kuhn: Der Geschmack des Weltreichs. Einführung in die römische Küche. Aachen, Ammianus, 2017, 96 Seiten.
ISBN: 9783945025604


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Pompeji. Das Leben in einer römischen Stadt

Pompeji zählt unbestreitbar zu den berühmtesten und eindrucksvollsten Fundstätten der römischen Antike. Dementsprechend viel ist über die beim Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr. verschüttete Stadt auch schon geschrieben worden. In Pompeji. Das Leben in einer römischen Stadt versucht sich nun die bekannte britische Althistorikerin Mary Beard  an dem Thema und stellt weniger die nur einführend skizzierte Katastrophe in den Mittelpunkt als das tägliche Leben in einer römischen Stadt und dessen Erforschung. Herausgekommen ist dabei eine lesenswerte, aber stellenweise nicht unproblematische Einführung für ein allgemeines Publikum, die eine Fülle interessanter Sachinformationen mit reichlich Polemik würzt.
Wer einfach nur einen locker und vergnüglich zu lesenden Einstieg in die römische Alltagswelt sucht, ist hier an der richtigen Stelle: Beard schreibt anschaulich, spritzig und humorvoll. So lernt man vom Straßensystem über Wohnverhältnisse, Kunst, Wirtschaft, Politik, Ernährung und Freizeitgestaltung bis hin zur Religion alle wichtigen Bereiche des städtischen Lebens kennen (nur die Dinge, die danach kamen – also Bestattungssitten und Grabarchitektur – sind leider in einen sehr knappen Epilog verwiesen). Hier finden sich viele spannende, unerwartete oder auch einfach nur nette Einzelheiten, und man lernt auch schlaglichtartig Pompejaner kennen, über die man aus Inschriften und archäologischen Funden ein paar biographische Details rekonstruieren kann. Ob nun der Auktionator, der von Stoffen über Maultiere bis hin zu Sklaven alles versteigerte, die Großmutter, die engagiert Wahlwerbung für ihren Enkel betrieb, oder die örtliche Schweinehirtin – Durchschnittsmenschen der Antike sind einem hier plötzlich sehr nah. Diese pralle Lebendigkeit ist unbestreitbar die größte Stärke von Pompeji.
Ärgerlich ist dagegen das überwiegende Fehlen konkreter Quellengaben, die nur für vereinzelte antike Texte vorliegen, nicht aber bei den oft wörtlichen Sekundärliteraturzitaten. Gerade da Beard andere Forschungsmeinungen oft scharf angreift, wäre es sowohl den Kritisierten als auch der Leserschaft gegenüber fairer gewesen, nachzuweisen, aus welchen Werken hier eigentlich zitiert wird und in welchen Zusammenhang die Versatzstücke gehören.
Einige von Beards kritischen Überlegungen sind durchaus bedenkenswert: So setzt sie etwa ein Fragezeichen hinter das gängige Bild der komplett mit allem Inventar erhaltenen Stadt, indem sie darauf hinweist, dass schon in der Antike Bergungstrupps und Plünderer Ausgrabungen unternahmen, die oft nur die leere Hülle eines Gebäudes hinterließen. Auch die Betonung der Tatsache, dass nicht nur der Zweite Weltkrieg und der Tourismus, sondern auch unsachgemäße Restaurierungen große Schäden an den Ruinen angerichtet haben, ist wichtig.
Manches, was Beard als neue Erkenntnis verkauft, ist allerdings auch ein alter Hut – dass nicht jede freizügige Darstellung in einem pompejanischen Wandgemälde zwingend auf ein Bordell hindeutet, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Auf anderen Gebieten wiederum (etwa bei der Beschreibung der römischen Religion) bleibt Beard selbst sehr konventionell und bietet keine neuen Denkanstöße.
Auch eigene Ungenauigkeiten leistet die Autorin sich hier und da. Wenn z.B. die inschriftlich belegten „Publius Cornelius Felix und Vitalis, Sklave des Cuspius“ ein paar Sätze später pauschal als „diese einfachen Sklaven“ bezeichnet werden, wundert man sich, denn die tria nomina des erstgenannten Mannes deuten eigentlich auf einen römischen Bürger hin. Andere Fehler gehen vermutlich auf die ansonsten frische und gut lesbare Übersetzung von Ursula Blank-Sangmeister (unter Mitarbeit von Anna Raupach) zurück: So rätselt man, warum hier ständig römische Handwerker mit einem „Kompass“ zugange sind, bis man darauf kommt, dass wohl das englische compass, das auch „Zirkel“ bedeuten kann, für den Kontext falsch übersetzt wurde.
Solch Flüchtigkeiten würden im Prinzip nicht weiter stören, wenn Beard nicht selbst ständig so wacker austeilen würde. Bei solch einer Grundhaltung erwartet man natürlich besondere Genauigkeit und bleibt so nach der Lektüre insgesamt mit einem zwiespältigen Eindruck zurück. Ein mitreißender Ausflug in die Antike, ja – aber mit einer Reiseleitung, die man sich manchmal etwas bescheidener und zurückhaltender gewünscht hätte.

Mary Beard: Pompeji. Das Leben in einer römischen Stadt. Frankfurt am Main, Fischer, 2017 (Original: London 2008), 480 Seiten.
ISBN: 9783596299690


Genre: Geschichte