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Die Welt zur Zeit Jesu

Nur wenigen Althistorikern traut man nach der Lektüre ihrer Werke spontan zu, dass sie auch einen packenden Roman schreiben könnten. Werner Dahlheim ist einer von ihnen. Sein zu Recht mehrfach preisgekröntes Buch Die Welt zur Zeit Jesu schildert spannend und sprachgewaltig die Entstehung des Christentums und dessen Ausbreitung im römischen Reich. Die im Titel angesprochene Zeit Jesu ist dabei nicht wörtlich auf die Lebzeiten Jesu begrenzt zu verstehen, auch wenn dessen Werdegang und Wirken – soweit überhaupt zu rekonstruieren – natürlich ebenso beschrieben werden wie die Entstehung des Neuen Testaments. Die historische Erzählung reicht bis in die Spätantike, doch der Blick geht immer wieder auch darüber hinaus auf die Rezeption der Epoche in Mittelalter und Neuzeit. Goethes Zauberlehrling begegnet einem im Laufe der Lektüre deshalb genauso wie Gemälde von El Greco, Caravaggio oder Delacroix.
Dass all diese Künstler auf einen reichen Schatz mythologischer, christlicher und säkularer Überlieferungen aus dem Altertum zurückgreifen konnten, ist nicht zuletzt Rom zu verdanken. Das Imperium vereinte gewaltsam naturräumlich und kulturell sehr heterogene Regionen, die sich jedoch alle dadurch auszeichneten, dass Städte die Zentren des geistigen und religiösen Lebens bildeten, ob nun seit Jahrhunderten, wie im hellenistisch geprägten Osten, oder erst durch Neugründungen im Zuge der Eroberung durch die Römer wie in den nordwestlichen Provinzen. Als für die Entwicklung des Christentums wegweisende Entscheidungen sieht Dahlheim daher zum einen die frühe Gemeindebildung im städtischen Kontext (im Gegensatz zu Gruppen wie etwa den Essenern, die bewusst die Isolation wählten), zum anderen den Entschluss zur Heidenmission, der sich in der Überlieferung vor allem mit dem Namen des Paulus verbindet. Was sonst wohl nur eine mehr oder minder kurzlebige Strömung innerhalb des Judentums geblieben wäre, wurde so für Menschen unterschiedlichster Herkunft attraktiv.
Während die neue Religion sich in ihrem Gottesbild und ihren Jenseitserwartungen beträchtlich von anderen Glaubenssystemen der Antike unterschied, übernahm sie nach und nach viel aus ihrer paganen Umwelt. Dies trifft nicht nur auf philosophische Argumentationsformen, die in die Theologie einflossen, oder auf die an weltlichen Vorbildern orientierte kirchliche Ämterhierarchie zu, sondern auch auf den Bereich des Volks- und Aberglaubens, in dem alte Vorstellungen sich in neuem Gewand als erstaunlich dauerhaft erwiesen. So riefen Amulette, die zuvor den Schutz heidnischer Gottheiten hatten herabflehen sollen, nun z.B. die Jungfrau Maria an, wurden aber nach wie vor in ganz ähnlicher Weise verwendet. Während manch Überkommenes Intoleranz und Fanatismus zum Opfer fiel, wurde anderes so gerade durch die Durchsetzung des Christentums bewahrt.
Neben dem hohen stilistischen Niveau ist es auch dieser differenzierte und vor Pauschalisierungen zurückscheuende Blick auf die Christianisierung des Römischen Reichs, der Werner Dahlheims Buch positiv von anderen Darstellungen der Epoche (wie z.B. Catherine Nixeys The Darkening Age) abhebt. Trotz dieses wohltuenden Verzichts auf Vereinfachungen in der Sache ist Die Welt zur Zeit Jesu durchgängig gut und flüssig zu lesen, durch Abbildungen und Kartenmaterial zusätzlich aufgelockert und, wie eingangs erwähnt, über weite Strecken mitreißend wie ein Roman. Wer wissen möchte, wie die Welt der Antike christlich wurde, kann kaum einen besseren Einstieg als diesen finden.

Werner Dahlheim: Die Welt zur Zeit Jesu. München, C.H. Beck, 2017 (vorliegende Ausgabe; Original 2013), 496 Seiten.
ISBN: 978-3406715075


Genre: Geschichte

Das antike Rom

Viele Überblicksdarstellungen zum antiken Rom sind als Einführungen in die Geschichte des nach und nach zum Großreich aufgestiegenen Staatswesens und seiner Provinzen konzipiert. Frank Kolb wählt in seinem Buch Das antike Rom einen anderen Ansatz und erzählt primär eine anregende und gut lesbare Stadt- und Architekturgeschichte von den bescheidenen Anfängen der frühen Eisenzeit bis ins 6. nachchristliche Jahrhundert, in dem die antike Bausubstanz allmählich zu verfallen begann. Die Informationen zu Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Religion sind dabei in eine lebendige Schilderung des Werdens und Wachsens der Stadt und ihrer Gebäude eingeflochten. Stadt- und Grundrisspläne, Rekonstruktionszeichnungen und Fotos machen das im Text geschilderte auch visuell gut nachvollziehbar und bieten schlaglichtartige Einblicke in unterschiedliche Entwicklungsstadien Roms.
Kolb ist insbesondere bemüht, die legendenumwobene römische Frühgeschichte zu entmythologisieren und im Zweifelsfalle erhaltene Reste von Bauwerken eher späteren Epochen zuzuordnen als der Königszeit, in die eine sagenhafte Überlieferung sie oft verweist. Allerdings überzeugt dabei nicht jedes Argument restlos. Wenn etwa einer unter dem sogenannten lapis niger auf dem Forum Romanum gefundenen Inschriftenstele mit der Begründung eine Datierung ins 6. Jh. v. Chr. abgesprochen wird, sie bestehe „aus Grotta-Oscura-Tuff, dessen Steinbrüche die Römer erst nach der Eroberung von Veii im Jahr 396 nutzen konnten“ (S. 11), fragt man sich, ob das Material der Stele nicht auch schlicht durch Handel mit den Etruskern nach Rom gelangt sein könnte, bevor die Römer den Steinbruch selbst kontrollierten. Das heißt zwar noch nicht, dass die Spätdatierung notwendigerweise falsch sein muss, aber man wünscht sich doch, Kolb würde ein schlüssigeres Indiz dafür anführen als ausgerechnet dieses angreifbare.
Auf sichereren Füßen steht die Darstellung ab der republikanischen Zeit, in der sich Rom von einer eher bescheidenen Siedlung allmählich zur Hauptstadt eines immer größeren Reichs mauserte und die Stadtarchitektur zum Spiegel eines politischen Systems und seiner sakralen Unterfütterung wurde. Folgerichtig entwickelte sie sich in der späten Republik zum Betätigungsfeld einzelner Selbstdarsteller: Die Rivalen Pompeius und Caesar traten jeweils durch ehrgeizige Bauprojekte hervor, die ihre Machtposition unterstrichen. Diese Tendenz setzte sich in der Kaiserzeit ungebrochen fort, in der die monarchische Repräsentation vermehrt Anregungen aus der mittlerweile eroberten hellenistischen Welt aufgriff.
Mit der Spätantike und der Durchsetzung des Christentums wurde Rom zu einer Stadt der Kirchen, hatte aber zugleich mit einer schwindenden Einwohnerzahl und den politischen wie kriegerischen Verwerfungen der Zeit zu kämpfen. Den entscheidenden Einschnitt im Bemühen um eine Erhaltung der antiken Gebäude und der überkommenen administrativen und sozialen Traditionen sieht Kolb jedoch nicht im sonst gern als Anfangsdatum des Mittelalters apostrophierten Ende der Weströmischen Kaiserherrschaft (476 n.Chr.), sondern erst nach der Zerschlagung des Ostgotenreichs im 6. Jahrhundert. Erst jetzt brach auch für die Stadt selbst endgültig eine neue Zeit an, und das titelgebende antike Rom war Geschichte.
Alles in allem bildet der Band eine Art anschaulichen Reiseführer durch die Jahrhunderte, der einem stärker als viele andere Bücher deutlich macht, wie sehr Rom trotz aller Gebietserweiterungen bis zum Schluss vom weite Teile des Altertums dominierenden Modell des Stadtstaats geprägt war. Der immer wieder speziell auf einzelne Bauwerke und ihre Funktion gerichtete Blick macht das städtische Leben und in Ansätzen auch die damit verbundene Mentalität gut nachvollziehbar. Wer das alte Rom auch abseits der reinen Ereignisgeschichte besser kennenlernen möchte, findet hier daher einen spannenden Zugang.

Frank Kolb: Das Antike Rom. Geschichte und Archäologie. 2. Auflage München, C.H. Beck, 2009, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406536076


Genre: Geschichte

Löwenmenschen und Schamanen

Lässt sich die materielle Kultur der Vor- und Frühgeschichte dank archäologischer Funde recht gut rekonstruieren, sind wir, was die geistige Welt der damaligen Menschen betrifft, auf Vermutungen angewiesen. Gerade spirituelle Vorstellungswelten erschließen sich oft nicht ohne Weiteres, obwohl man ahnen kann, dass es sie gegeben haben muss. Andrea Zeeb-Lang und Andy Reymann wagen sich in Löwenmenschen und Schamanen also an ein schwieriges Thema, wenn sie versuchen, aus Kunst, Bauwerken, Musikinstrumenten und anderen Objekten der Stein- und Bronzezeit, aber auch aus auffälligen Bestattungen Hinweise auf magische und insbesondere schamanische Praktiken abzuleiten. Da aus der behandelten Zeit selbst naturgemäß keine Schriftquellen existieren, müssen Vergleiche mit späteren Kulturen als Interpretationshilfe herangezogen werden.
Ein Überblick über das Phänomen Magie von der Antike bis heute bildet daher den Einstieg in die Untersuchung. In seiner Knappheit stellt er leider manches sehr verkürzt bis irreführend da (wenn z.B. die eigentlich primär frühneuzeitliche europäische Hexenverfolgung pauschal mit dem Mittelalter und der Inquisition verknüpft wird, entspricht das eher populären Klischees als dem aktuellen wissenschaftlichen Konsens).
Wichtiger für die Argumentation des Buchs ist glücklicherweise die ausführlicher geratene Einführung in die Thematik des Schamanismus, in der deutlich wird, dass bestimmte Erfahrungen und Praktiken kulturübergreifend auftreten: So ist etwa die Wahrnehmung geometrischer Formen in der ersten Phase der Trance weltweit belegt, und man kann davon ausgehen, dass auch schon steinzeitliche Schamanen ähnliche Eindrücke hatten. Auch das Gefühl, sich in ein Tier zu verwandeln, tritt in veränderten Bewusstseinszuständen bei Menschen der verschiedensten Hintergründe auf. Diese Beobachtung bildet den zentralen Ansatzpunkt für die darauffolgende Analyse altsteinzeitlicher Höhlenmalereien, in denen mehrfach Mischwesen aus Tier und Mensch dargestellt sind, die sich in Parallele zu Felsbildern des südafrikanischen Volks der San setzen lassen. Der Motivschatz der Kunst der San blieb über Jahrtausende relativ konstant und enthält oft Darstellungen sich in Trance tanzender und dann Tierverwandlungen durchmachender Schamanen. Eine entsprechende Interpretation hält das Autorenduo daher nicht nur für die sogenannten „Zauberer“ in der frankokantabrischen Höhlenkunst für wahrscheinlich, sondern auch für altsteinzeitliche Plastiken wie den berühmten Löwenmenschen von der Schwäbischen Alb.
Scheint hier der Fall noch klar zu sein, wird in den folgenden Kapiteln offensichtlich, dass die Deutung eines Funds oder Befunds als Anzeichen für Schamanismus oft nicht alternativlos sein muss. Ist etwa eine Rassel als bewusstseinsveränderndes Rhythmusinstrument zauberkundiger Personen oder doch nur als Kinderspielzeug anzusprechen? Sind geometrische Muster auf Gegenständen Widerspiegelungen von Tranceerfahrungen, stilisierte Wiedergabe ganz irdischer Dinge oder gar Verzierungen ohne tieferen Sinn? Weisen Begräbnisse mit für unsere Begriffe bizarren Beigaben (z.B. einem Menschenfuß) auf eine spirituelle Sonderrolle der Bestatteten hin, oder sind die Hintergründe weit prosaischer?
Zeeb-Lang und Reymann bevorzugen zwar zumeist die „magische“ Erklärungsvariante, aber ob sie überzeugender als die alltägliche wirkt, ist oft Ermessenssache.
Obwohl die beiden Autoren also nicht mit letzter Sicherheit den Nachweis führen können, dass all ihre Schlussfolgerungen der Realität entsprechen und nicht nur Spekulationen sind, liefern sie dennoch zahlreiche Möglichkeiten, Zauber und Animismus in prähistorischen Kontexten zu sehen. Ganz gleich, ob man sich ihrer Meinung immer anschließen mag oder nicht, sind das spannende Denkanstöße, die viele ihrem mentalitätsgeschichtlichen Zusammenhang entrissene Erscheinungen zumindest mit einem potentiellen Sinngehalt füllen. Die letzten Geheimnisse wird man diesem Aspekt der Vor- und Frühgeschichte wohl nie entreißen können, aber die Löwenmenschen und Schamanen zeigen, wie sehr sich die Beschäftigung damit dennoch lohnt.

Andy Reymann, Andrea Zeeb-Lanz: Löwenmenschen und Schamanen. Magie in der Vorgeschichte. Darmstadt, Theiss (WBG), 2019 (Sonderheft der „Archäologie in Deutschland“ 16/2019), 112 Seiten.
ISBN: 9783806239904


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Mérovingiens dans le Jura

Ein schmales, ursprünglich als Ausstellungebegleitband konzipiertes Heftchen über die Merowinger im Jura – kann man daraus überhaupt etwas über die Epoche lernen? Sehr viel sogar, denn in Sachen Alltagsgeschichte der Merowingerzeit sind nur wenige Bücher so anschaulich wie Mérovingiens dans le Jura, was nicht allein den gelungenen Rekonstruktionszeichnungen von Nicolas Weis zu verdanken ist. Vielmehr werden hier auf ein allgemeines Publikum zugeschnitten, aber punktuell erstaunlich detailliert wesentliche Aspekte des Alltagslebens im französischen Jura zwischen 400 und 600 n.Chr. vorgestellt.
Zu Beginn des Frühmittelalters zunächst burgundisches Gebiet, fiel der Jura 534 an die Franken, die sich mit der ansässigen Bevölkerung aus Romanen und Burgundern bald vermischten und den weiterbestehenden regionalen Traditionen z.B. neue Bestattungssitten hinzufügten. Die Gräberfelder von Crotenay, Monnet-la-Ville, Largillay und Saint-Vit bilden dementsprechend auch Schwerpunkte der archäologischen Erforschung und verraten viel über den körperlichen Zustand der damaligen Bevölkerung. Während manche Erkrankungen wie Karies oder Krebs auch in der heutigen Zeit noch wohlbekannt sind, deuten die Kampfverletzungen, die manche Skelette aufweisen, auf sehr unruhige Zeiten vor 1500 Jahren hin. Schmuck, Waffen, Gefäße und Trachtbestandteile, die als Grabbeigaben gefunden wurden, sind in qualitativ hochwertigen Fotos präsent, auf denen sich auch Details noch gut erkennen lassen. Eine lokale Besonderheit sind dabei die insbesondere in Kirchen gefundenen Steinsarkophage.
Nach welchem standardisierten Prinzip diese hergestellt wurden, ist in Grafiken ebenso liebevoll aufbereitet wie die Technik der oft filigranen Tauschierungen, mit denen etwa prunkvolle Gürtelschnallen verziert sind. Auch die Herstellung von Klingen und Geschirr wird gut nachvollziehbar geschildert. Erkenntnisse aus der experimentellen Archäologie kommen ebenfalls nicht zu kurz (so beispielsweise, wie lange es dauert, die in manchen Gräbern in Fragmenten erhaltenen Textilien nachzuweben – bei einem 33 cm breiten Webstück mit Rautenmuster schafft man in der Stunde offenbar etwa 10 cm, nicht eingerechnet das aufwendige Bespannen des Gewichtswebstuhls).
Etwas knapper abgehandelt als die Handwerkstechniken werden die Christianisierung (die sich nicht nur in Heiligenviten und Kirchenbauten, sondern auch im Auftauchen biblischer Motive in der Kunst niederschlug – so ist etwa Daniel in der Löwengrube auf einem Bronzebeschlag zu sehen) sowie Wohnverhältnisse und Landwirtschaft (am Beispiel eines in Pratz ergrabenen Bauernhofs mit Brunnen und Schmiede, auf dem neben Viehzucht und Ackerbau auch die Jagd eine Rolle spielte und offenbar Tauschhandel mit recht entfernt gelegenen Regionen betrieben wurde).
Trotz dieser Ungleichgewichtung der Themen bietet der von einer knappen Liste weiterführender Literatur abgerundete Band gerade auch durch seine reiche Bebilderung die Möglichkeit, der Lebenswelt von Durchschnittsmenschen in der Merowingerzeit abseits von Königshöfen und Klöstern ungewöhnlich nahe zu kommen. Wer sich nicht auf die hier bestenfalls kursorisch gestreifte Ereignisgeschichte konzentrieren möchte, sondern lieber wissen will, wie die beeindruckenden archäologischen Funde aus dem frühen Mittelalter entstanden sind und eingesetzt wurden, findet hier einen optimalen niedrigschwelligen Zugang, der nicht nur beim Lesen, sondern auch beim Betrachten immer wieder viel Freude macht.

Marie-Jeanne Roulière-Lambert, Gilles Desplanque, Henri Gaillard de Sémainville (Hrsg.): Mérovingiens dans le Jura. Lons-le-Saunier, Centre Jurassien du Patrimoine / Musée d’archéologie, 2004, 64 Seiten.
ISBN: 2905854421


Genre: Geschichte

Die andere Geschichte der Bibel

Er sei, so Robin Lane Fox in seinem Vorwort zu seiner Monographie Die andere Geschichte der Bibel, Atheist und glaube „an die Bibel, nicht aber an Gott“ (S. 8). Wer auf dieser Basis nun damit rechnet, in dem Buch, das historischen Kontext und Quellenwert der Bibel zum Thema hat, eine polemische Streitschrift à la Richard Dawkins zu finden, irrt, denn ein Großteil von dem, was Robin Lane Fox hier darlegt, dürfte auch für mit der historisch-kritischen Methode vertraute Gläubige nicht weiter aufsehenerregend sein.
Der Autor schildert die mehrere Jahrhunderte umfassende Entstehung der Bibel aus unterschiedlichen Texten und weiß anschaulich zu machen, dass in einer Epoche, die nur Schriftrollen als Bücher kannte, die Zusammensetzung einer Sammlung heiliger Schriften durchaus immer wieder wechseln konnte, so dass sich erst allmählich ein Kanon hinausbildete. Während er mehrere Bücher der Bibel (so etwa Hiob und Esther) als gezielt erstellte fiktive Erzählungen einstuft und weitere als zumindest literarisch überformt und in sich widersprüchlich betrachtet (z.B. die Weihnachtsgeschichte des Lukas), sieht er in anderen durchaus auf Augenzeugenberichten basierende Quellen von historischem Wert (im Alten Testament vor allem in den Geschichten vom Hof Davids, im Neuen Testament im Johannesevangelium und Teilen der Apostelgeschichte). Diese vom Untertitel – Fakt und Fiktion in der Heiligen Schrift – hervorgehobene Überprüfung der biblischen Texte auf Tatsachen macht allerdings nur einen Teil des Buchs aus, denn Lane Fox ist es noch um eine andere Form von Wahrheit in der Bibel zu tun – das, was er „menschliche Wahrheit“ nennt. Als Atheist negiert er zwar die religiöse Bedeutung der Bibel für sich selbst, hält sie aber durchaus für aussagekräftig hinsichtlich ihres Blicks auf die conditio humana. Seine Überlegungen dazu, und insbesondere auch der Vergleich mit der altgriechischen Perspektive, bleiben allerdings im Ansatz stecken. Hier wäre vielleicht doch der literaturwissenschaftliche Zugang sinnvoll gewesen, an dem Lane Fox ansonsten kein gutes Haar lässt (wie auch an anderen Formen der Bibeldeutung, die ihm nicht ausreichend begründet scheinen, wie z.B. der feministischen Theologie).
Angesichts der abschätzigen Bemerkungen, die der Verfasser darüber mehrfach macht, kann man sich eigentlich nur wundern, dass er es selbst manchmal an Stringenz und Nachvollziehbarkeit fehlen lässt. Wer anderen von mangelnder Quellenkritik bis hin zu Wunschdenken alle möglichen methodischen Schwächen unterstellt, sollte umgekehrt seine Prämissen und Wertungskriterien expliziter zu machen, als es hier geschieht. Wenn Lane Fox z.B. die vielfach als eher symbolisch zu verstehen interpretierte Geschichte um Hosea und seine untreue Frau als historisch glaubwürdig einstuft, wünscht man sich eine argumentative Begründung dafür, statt nur die Einschätzung des Autors wie ein Faktum präsentiert zu bekommen.
Darüber hinaus haben sich einige Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. So ist bei der Analyse des Buches Esther z.B. von „dem Juden Haman“ (S. 362) die Rede, während Haman in der Bibel eigentlich als äußerer Gegner der Juden, nicht als abtrünniger Glaubensbruder erscheint. Auch die Angabe, dass „Daniel (…) in einen glühenden Feuerofen geworfen wird“ (S. 430), überrascht, denn im Buch Daniel erleiden eigentlich drei andere Männer (Schadrach, Meschach und Abed-Nego) dieses Schicksal.
In einem 2018 verfassten Nachwort geht Lane Fox auf neuere Entwicklungen in der Wissenschaft ein (so etwa auf die archäologischen Forschungen von Finkelstein und Silberman, deren Schlüssen er kritisch gegenübersteht), legt aber zugleich auch ein gesundes Selbstbewusstsein an den Tag. Ob man seinem eigenen Werk z.B. vollmundig „die Energie und den Schwung (…), von denen sich die Leser anhaltend angetan zeigten“ (S. 539), bescheinigen muss, sei einmal dahingestellt.
Was man insgesamt von Der anderen Geschichte der Bibel halten soll, weiß man daher am Ende nicht so recht. Lane Fox ist auf seinen Kerngebieten – der griechischen und römischen Geschichte – eindeutig überzeugender als hier, und auch wenn die Lektüre passagenweise lohnend ist, sollte sie durchaus mit kritischem Blick erfolgen.

Robin Lane Fox: Die andere Geschichte der Bibel. Fakt und Fiktion in der Heiligen Schrift. Stuttgart, Klett-Cotta, 2019 (Original: 1991), 624 Seiten.
ISBN: 9783608981162


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Welterbe Limes

Beim Stichwort „Limes“ denken die meisten historisch Interessierten vermutlich zuallererst an die reichhaltigen Römerfunde in Hessen, die – publikumswirksam etwa im rekonstruierten Kastell Saalburg präsentiert – eine große Breitenwirkung entfalten. Der im heutigen Bayern gelegene Teil der Nordostgrenze des Römischen Reichs tritt demgegenüber in der allgemeinen Wahrnehmung oft etwas in den Hintergrund. Bernd Steidls Welterbe Limes. Roms Grenze am Main richtet sein Augenmerk ganz gezielt auf diesen oft übersehenen Bereich und weiß für ein allgemeines Publikum deutlich zu machen, wie viel Spannendes und Besonderes es auch an der einstigen Maingrenze zu entdecken gibt.
Begonnen mit dem 2. Jahrhundert v. Chr., in dem germanische Gruppen allmählich die bisherige keltische Bevölkerung verdrängten oder überlagerten, wird zunächst die Geschichte der Mainregion bis zur Eroberung durch die Römer und Errichtung des Limes skizziert. Den zentralen Teil des Buchs bildet dann jedoch unter der Überschrift Leben am Limes eine Folge thematisch geordneter Kapitel, in denen von der Bevölkerungszusammensetzung über die Infrastruktur und Wirtschaft bis hin zu Religion und Alltag alle wichtigen Aspekte des Daseins an der Außengrenze einer römischen Provinz abgehandelt werden. Den Abschluss der einzelnen Kapitel bildet dabei jeweils die Untersuchung eines bestimmten Fundorts, der für den Gegenstand des gerade gelesenen Abschnitts besonders relevante Forschungsergebnisse erbracht hat (z.B. Obernburg, Stockstadt oder Miltenberg).
Abschließend wird der Niedergang der römischen Herrschaft und damit auch des Limes geschildert und der Blick auf die Entwicklung der Region im Mittelalter gelenkt, das römische Steindenkmäler nicht nur als Baumaterial nutzte, sondern auch für aus heutiger Sicht amüsante Kuriosa verantwortlich zeichnet (z.B. wird ein Apollorelief vorgestellt, das man im Mittelalter mit mehr christlicher Frömmigkeit als Kunstsinn zum Heiligenbild umarbeitete). Mit der Renaissance dagegen wird wieder ein Interesse an der Antike um ihrer selbst willen erkennbar. Eine Zeittafel und ein Glossar runden den Band als nützliche Ergänzungen ab.
Gar nicht genug hervorheben kann man dabei die Anschaulichkeit, mit der die Antike und ihr Erbe hier im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar gemacht werden. Das ist nicht nur den qualitätvollen Fotos der archäologischen Funde zu verdanken. Vielmehr erlauben auch Luftaufnahmen mit eingezeichneten Gebäudegrundrissen bzw. antiken Straßen- und Grenzverläufen, die Topographie der Römerzeit mit der heutigen ganz konkret zu vergleichen. Die lebendigen Rekonstruktionsdarstellungen von Christoph Haußner tragen zusätzlich zur Vergegenwärtigung bei. Auf dieser Ebene hat Welterbe Limes auch manch einer Publikation aus größeren Verlagshäusern etwas voraus und macht so nicht nur beim Lesen, sondern auch beim Betrachten ungeheuer viel Spaß.
Wer tiefer ins Thema römische Maingrenze einsteigen möchte, findet in der Aufsatzsammlung Römer und Germanen am Main, die vom selben Autor stammt, eine wissenschaftliche Aufbereitung der auch hier behandelten archäologischen Funde.

Bernd Steidl: Welterbe Limes. Roms Grenze am Main. Mit Beiträgen von Ludwig Wamser und Horst Zimmerhackl. Obernburg am Main, Logo Verlag, 2008, 300 Seiten (Ausstellungskataloge der Archäologischen Staatssammlung München 36).
ISBN: 978393462064


Genre: Geschichte

Die Templer

Kaum ein mittelalterlicher Ritterorden ruft so viele Assoziationen wach wie die Templer. Vor allem ihre brutale Auslöschung durch den französischen König Philipp IV. im frühen 14. Jahrhundert und die im Zuge dessen erhobenen Ketzereivorwürfe trugen dazu bei, dass bis heute munter über vermeintliche mystische Geheimnisse der Tempelritter oder gar ein Überdauern ihrer Organisation im Verborgenen spekuliert wird.
Derart haltlosen Phantastereien tritt der Journalist und Historiker Dan Jones in seinem von Andreas Nohl kongenial übersetzten Buch Die Templer. Aufstieg und Untergang von Gottes heiligen Kriegern mit aller Entschiedenheit entgegen. Zugleich beweist er jedoch, dass sich die Geschichte der Templer auch abseits aller mehr oder minder abstrusen Legenden packend und lebendig erzählen lässt. Die vier großen Abschnitte seiner Darstellung sind mit den Rollen betitelt, die die Tempelritter in der Realität einnahmen: Waren die ersten von ihnen als bewaffnete Pilger nach Jerusalem gekommen, wirkten sie im Ringen ums Heilige Land bald dauerhaft als Soldaten, die aber daneben dank ihres geschickten Umgangs mit eigenem und fremdem Geld als Bankiers geschätzt waren. Das alles bewahrte sie jedoch nicht davor, als Ketzer zu enden.
Der Fokus der Erzählung liegt auf der Ereignisgeschichte vor allem im Heiligen Land und später – in der Endphase des Ordens – in Frankreich. Informationen über andere geographische Räume sowie wirtschafts- und sozialhistorische Details oder Spezialthemen wie den Burgenbau sind zwar am Rande mit eingeflochten, stehen aber eindeutig nicht im Mittelpunkt. Dafür erhält man einen auch für Laien gut verständlichen und packend geschriebenen chronologischen Überblick von den bescheidenen Anfängen der Templer bis zu ihrem betroffen stimmenden Ende.
Man merkt Dan Jones deutlich an, dass er Journalist ist: Jedes Kapitel beginnt mit einer reportagehaft ausgemalten dramatischen Szene, die geschickt das Leserinteresse bindet und als Einstieg in den jeweils geschilderten Zeitabschnitt dient. Das Thema bietet allerdings auch den idealen Stoff für dieses Vorgehen, denn die knapp zweihundert Jahre umfassende Geschichte der Kreuzfahrerstaaten im Orient ist geprägt von kriegerischen Verwerfungen, politischen Winkelzügen und beispiellosen Grausamkeiten aller beteiligten Seiten.
Insbesondere den als Individuen hervortretenden handelnden Personen – von den Meistern des Templerordens über europäische Könige auf Kreuzzug und ihre muslimischen Gegenspieler bis hin zu verschiedenen Päpsten – verleiht Jones im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht, indem er detailliert auf überlieferte Beschreibungen zurückgreift und durchaus mit breitem Pinsel typische Eigenarten und Vorgehensweisen herausarbeitet. Das mag stellenweise auf Kosten differenzierter Wertungen gehen, sorgt aber für einprägsame Bilder. Gerade für Leserinnen und Leser, die sich noch nicht näher mit den Kreuzzügen befasst haben, ist das im Prinzip ein ideales Vorgehen, denn was einem hier spannend wie in einem Roman präsentiert wird, vergisst man so schnell nicht wieder. So hat man eine solide Grundlage, um sich selbst auf die Suche nach den Zwischentönen zu machen, die Jones bewusst auslässt.
Der Epilog schließlich bietet das, worauf manch einer von Anfang an gewartet haben mag: einen knappen Überblick über das reiche Nachwirken der Templer in der Literatur vom Mittelalter an und der Populärkultur. Hier findet sich neben Sonderbarem auch viel Amüsantes.
Etwas verwirrend ist zunächst, dass sowohl mit Endnoten als auch mit Fußnoten gearbeitet wird. Doch da die Anmerkungen unter dem Fließtext in der Regel genau die Hinweise enthalten, die Laien den Zugang erleichtern, sind sie letztlich genauso nützlich wie die anderen beigegebenen Hilfsmittel (darunter reichlich Kartenmaterial und ein kleines Personenglossar).
Gerade denen, die sonst gern befürchten, dass Sachbücher über historische Themen zu kompliziert und zu trocken sein könnten, seien Die Templer daher ans Herz gelegt. Auch alle anderen Geschichtsinteressierten werden jedoch ihre Freude an der schwungvollen Darstellung haben. Denn Dan Jones zeigt kenntnisreich und voller Verve, dass das Mittelalter alles andere als langweilig war und uns auch heute noch unmittelbar ansprechen kann.

Dan Jones: Die Templer. Aufstieg und Untergang von Gottes heiligen Kriegern. München, C.H. Beck, 2019, 508 Seiten.
9783406734816


Genre: Geschichte

Das mykenische Griechenland

Der Name Mykene steht nicht nur für die bunte Sagenwelt rund um Agamemnon und seine mörderisch veranlagte Familie, sondern auch für eine ganze Epoche der altgriechischen Geschichte (ca. 1650 – 1150 v. Chr.). Die Schriftquellen sind spärlich, beschränken sie sich doch auf dürre Verwaltungsnotizen in der erst in den 1950er Jahren entzifferten Linear-B-Schrift. Umso üppiger sind die archäologischen Funde, die von den berühmten Schachtgräbern von Mykene aus der Frühzeit der Kultur bis zu den monumentalen Ruinen der erst später errichteten Paläste reichen.
Ausgehend von diesen seit Heinrich Schliemann im 19. Jahrhundert immer weiter ergrabenen und erforschten Überresten rekonstruieren die renommierten Archäologen Sigrid Deger-Jalkotzy und Dieter Hertel in Das mykenische Griechenland eine Geschichte , die mit der Einwanderung indogermanischsprachiger Gruppen begann und zunächst zur Errichtung einer Art oligarchischen Herrschaft angesehener Kriegergeschlechter führte. Wichtige Marksteine des weiteren Verlaufs sind die mykenische Eroberung des bis dahin minoisch geprägten Kreta (wohl um 1450 v.Chr.), die zur Entwicklung eines der frühgriechischen Sprache angepassten Schriftsystems nach minoischem Vorbild führte, und die Ausbildung eines Königtums, in dem neben dem wanax als König auch der lawagetas, eine Art oberster Heerführer, eine entscheidende Rolle spielte. Um 1200 wurden jedoch die von dieser Herrschaftsform geprägten Paläste (z.B. in Mykene, Pylos und Tiryns) durch Brandkatastrophen zerstört. Die Ursachen dafür sind unklar – von Fremdeinflüssen über innere Unruhen bis hin zu Naturkatastrophen wurde in der Forschung schon vieles diskutiert. Auffällig ist jedoch, dass die mykenische Kultur an sich das Ende der Paläste überdauerte und, wenngleich auf weniger komplexem Niveau, noch über ein Jahrhundert lang bestand, bis mit der Eisenzeit andere Verhältnisse anbrachen.
Reich illustriert mit Kartenmaterial, Grundrissplänen der Paläste und Abbildungen archäologischer Fundstücke zeichnet Das mykenische Griechenland diese Entwicklung anschaulich nach und informiert zudem über wirtschaftliche und soziale Verhältnisse, Beziehungen zu anderen Kulturräumen und vieles mehr.
Dabei weist das Buch allerdings eine Besonderheit auf, die man bei der Beurteilung nicht außer Acht lassen sollte: Die Autoren hatten nicht etwa von Anfang an eine Zusammenarbeit geplant. Vielmehr steuerte Hertel ein einziges, aber nicht unwichtiges Kapitel über die zweite Phase der mykenischen Palastzeit bei, das Deger-Jalkotzy krankheitsbedingt nicht verfassen konnte. Auch das wäre noch nicht weiter auffällig, wenn beide nicht in einigen nicht unwichtigen Punkten entgegengesetzter Ansicht wären (so z.B. bei der Lokalisierung des in hethitischen Texten erwähnten Aḫḫijawa, das Deger-Jalkotzy als Bezeichnung für das mykenische Griechenland allgemein wertet, während Hertel darin einen kleinasiatischen Staat sieht, in dem unter anderem auch Griechen gelebt haben mögen, oder bei der Beurteilung der Träger des Titels qasireu bzw. basileus, denen Deger-Jalkotzy eine höhere gesellschaftliche Stellung zubilligt, als Hertel es tut). So wirkt Hertels Beitrag letztlich in gewissem Maße wie ein – wenn auch sehr lesenswerter – Fremdkörper im Text, obwohl er durch seine exakte Schilderung der Palastbauten und ihrer möglichen Funktion besticht. Seine Deutungen sind dabei weniger zurückhaltend als die Deger-Jalkotzys und stellenweise spekulativ (so ist es z.B. natürlich eine verlockende Interpretation, wenn er von den jeweils in den mykenischen Palästen vorhandenen zwei Thronräumen einen dem wanax, den anderen dem lawagetas zuweist, doch wird dabei m.E. zu wenig berücksichtigt, dass ein und dieselbe Person nicht unbedingt auf die Nutzung eines speziellen Raums beschränkt gewesen sein muss; denkbar wäre auch, dass der wanax in verschiedenen sozialen, kultischen und administrativen Kontexten unterschiedliche Räume nutzte, in denen seine besondere Stellung auf ähnliche Art hervorgehoben war).
Eine Gesamtbewertung fällt daher schwerer als bei Monographien, die komplett aus einem Guss sind. Wenn man mit dem Phänomen einer quasi buchintern ausgetragenen Forschungsdebatte allerdings leben kann, lohnt sich die Lektüre, die eine solide und kenntnisreiche Einführung in eine spannende und in vielen Zügen noch immer rätselhafte Zeit bietet.

Sigrid Deger-Jalkotzy, Dieter Hertel: Das mykenische Griechenland. Geschichte, Kultur, Stätten. München, C. H. Beck, 2018, 144 Seiten.
ISBN: 9783406727269


Genre: Geschichte

Mysterienkulte der Antike

Neben der eng mit Stadt und Staat verknüpften offiziellen Verehrung des griechisch-römischen Pantheons und der rein privaten Frömmigkeit fand sich in der Antike noch eine dritte wichtige Form der Religionsausübung: Mysterienkulte verhießen den Eingeweihten eine besondere Nähe zu speziellen Gottheiten und gestatteten ihnen, ihren Glauben gemeinschaftlich mit anderen zu leben. Nicht zuletzt aufgrund der Ansätze zu einer Gemeindestruktur und der Jenseitshoffnungen, die oft mit den Mysterien verknüpft waren, sind immer wieder Parallelen zwischen diesen Kulten und dem frühen Christentum gezogen worden.
Hans Kloft blendet diese Perspektive in seiner ebenso kompakten wie kenntnisreichen Einführung Mysterienkulte der Antike nicht aus, warnt aber zu Recht davor, das Phänomen der Mysterienkulte ausschließlich aus dem Wissen um den letztendlichen Triumph des Christentums heraus zu deuten. Vielmehr zielt er auf eine Einordnung in den breiteren Kontext antiker Religiosität ab. Fallstudienartig stellt er zu diesem Zweck zunächst fünf bedeutende Mysterienkulte ausführlich vor, nämlich die der Demeter, des Dionysos, der Isis, der Kybele und des Mithras (andere Kulte, wie z.B. der der Kabiren, werden im weiteren Verlauf eher kursorisch abgehandelt).
Mit allen gebührenden Einschränkungen – kein Kult vereint idealtypisch alle Elemente – entwickelt der Autor daraus ein Schema dessen, was die Mysterienkulte ausmachte. Zumeist stand eine auch in der öffentlichen Religionsausübung der jeweiligen Herkunftsregion verehrte Gottheit im Mittelpunkt. Häufig war sie im Spannungsfeld um Fruchtbarkeit, Tod und neues Leben angesiedelt. In einer bisweilen mehrstufigen Initiation erwarben die Mysten ein besonderes Geheimwissen über diese Gottheit, das Aussicht auf ein besseres Dasein im Jenseits, aber auch ethische Regeln fürs diesseitige Leben und Kontakt zu Gleichgesinnten über die sozialen Barrieren des Alltags hinweg ermöglichte. Das Verhältnis zu den herrschenden Eliten blieb ambivalent: Punktuelle Verfolgungen (wie sie z.B. den Isiskult im republikanischen Rom nach einem Skandal um sexuellen Missbrauch trafen) standen einer Förderung der Mysterien durch die Mächtigen gegenüber. So wussten sich etwa verschiedene hellenistische Herrscher dem Dionysoskult besonders verbunden.
Ohnehin waren Hellenismus und Römerzeit mit ihren ausgedehnten Reichen, in denen Soldaten, Kaufleute, Seefahrer und Sklaven weit herumkamen, der Ausbreitung der Mysterien förderlich. Dem Christentum mit seiner strafferen Organisationsstruktur und nicht zuletzt auch seiner schriftlichen Grundlage, die eine Tradierung sehr erleichterte, war die bunte Vielfalt von Kulten jedoch letztlich nicht gewachsen. Mit dem Glauben ging in diesem Fall auch das nur einem begrenzten Personenkreis zugängliche Wissen um seine konkreten Inhalte unter. Kloft weiß durchaus den Reiz dieser Rätselhaftigkeit heraufzubeschwören, obwohl er in seinen Deutungen angenehm nüchtern bleibt und vor Generalisierungen und übertriebenen Spekulationen warnt. So führt er wissenschaftlich redlich und doch mit feinem Gespür für die Schönheit des Geheimnisvollen und nicht mehr Erforschbaren an das komplexe religionshistorische Phänomen heran. Kein Wunder also, dass die Mysterienkulte der Antike schon ihre fünfte Auflage erleben!

Hans Kloft: Mysterienkulte der Antike. München, C.H. Beck, 5., aktualisierte Aufl. 2019, 128 Seiten.
ISBN: 9783406736599


Genre: Geschichte

Das Tal der Könige

Das Tal der Könige zählt zweifelsohne zu den wichtigsten Fundstätten, die einen Zugang zu Kultur und Religion des altägyptischen Neuen Reichs ermöglichen. Von der 18. bis zur 20. Dynastie diente es vor allem den Pharaonen, aber auch wenigen ausgewählten Personen ihres nächsten Umfelds (wie etwa bestimmten Prinzen und Wesiren) als Bestattungsort. Erik Hornung bietet in seiner kompakten Einführung Das Tal der Könige einen Überblick über die wichtigsten Felsgräber und ihr Bildprogramm.
Einleitend zeigt ein Abriss der Entdeckungs- und Forschungsgeschichte die wechselvolle Entwicklung, die das Tal der Könige seit der Entdeckung durchlaufen hat. Einzelne Gräber waren schon früh bekannt und zugänglich, wie etwa Graffiti aus hellenistischer und römischer Zeit, aber auch die Nutzung als Kirche und Unterkunft durch spätantike und frühmittelalterliche Christen belegen. Auf diese erste Phase der Schaulust und Umfunktionierung folgte ein langer Dornröschenschlaf, der mit dem Beginn der wissenschaftlichen Erforschung im 18. Jahrhundert endete. Einerseits glückten von dieser Epoche an bis ins 20. Jahrhundert spannende Entdeckungen (wie das berühmte, 1922 gefundene Grab Tutanchamuns), andererseits erwies sich das gesteigerte Interesse jedoch als fatal. Hatte man zunächst keine Hemmungen, rabiat mit den Funden umzugehen und z.B. besonders schöne Reliefs einfach aus den Wänden zu schlagen, trug ab dem 20. Jahrhundert vor allem der immer weiter anwachsende Massentourismus zur Schädigung der Gräber bei. Dieses Problem ist bis heute ungelöst, doch was überdauert hat, ist noch immer spektakulär genug.
Hornung stellt zunächst sachkundig und in ebenso detaillierten wie anschaulichen Beschreibungen die bedeutendsten Grabanlagen in chronologischer Folge vor und zeichnet die historische Entwicklung des Grundrissplans ebenso nach wie die des Bildprogramms, das in Königsgräbern anders als z.B. in Beamtengräbern nicht Alltagsszenen, sondern ausgefeilte Illustrationen religiöser Texte umfasste.
Diese werden im zweiten Hauptkapitel des Buchs ausführlich präsentiert. Auch wenn der Textbestand im Laufe der Zeit schwankte, war zentral stets die Einbindung des verstorbenen Königs in die allnächtliche Unterweltsreise und morgendliche Wiederauferstehung der Sonne. Auch für Laien gut verständlich werden die Glaubenszusammenhänge und ihre bestimmten Konventionen unterworfene bildliche Wiedergabe erläutert, so dass man am Ende das Gefühl hat, sich in der aus der Außenperspektive bisweilen verwirrenden altägyptischen Götter- und Mythenfülle ein wenig besser zurechtzufinden als bisher. Nur eines dieser Unterweltsbücher, das sogenannte Amduat, ist dabei in einer vollständigen schematischen Umzeichnung all seiner zwölf Szenen auch als Bildmaterial beigegeben. Hornung beschreibt allerdings alles so präzise, dass man das Fehlen eines in anderen Bänden der Reihe C.H. Beck Wissen durchaus vorhandenen Tafelteils allenfalls kurz bedauert. Ungünstig ist dagegen, dass die einzige Karte im Buch sich auf den Ostteil des Tals der Könige beschränkt, während die Legende auch Gräber erfasst, die im Westteil liegen (wie das des Pharaos Aja / Eje), so dass man hier in die Situation geraten kann, auf der Karte vergeblich nach einer in der Legende genannten Nummer zu suchen.
Auf den Hauptteil des Buchs folgen kurze Abschnitte zu Götterdarstellungen abseits der religiösen Bücher, Sarkophagen, Grabbeigaben und Grabraub, Königsmumien und dem eigentlichen Bau der Gräber. Wer sich allerdings speziell für eines dieser Themen interessiert, muss zu ausführlicheren und tiefergehenden Werken greifen, denn hier sind sie erkennbar nur als knappe Ergänzung zu den hauptsächlichen Untersuchungsgegenständen behandelt.
Bei den Schwerpunkten, die er setzt, ist Hornung jedoch ein kenntnisreicher und anregend formulierender Reisebegleiter in eine fremde Welt, der vor allem die Kunst, Bilder nur aus Worten entstehen zu lassen, sehr gut beherrscht. Als Einstieg in Jenseitsvorstellungen und Grabarchitektur des Alten Ägypten ist Das Tal der Könige daher auf jeden Fall zu empfehlen.

Erik Hornung: Das Tal der Könige. 2., durchges. Aufl. München. C.H. Beck, 2010, 125 Seiten.
ISBN: 9783406479953


Genre: Geschichte, Märchen und Mythen