Hortensienblüte im Herbst

Lesetipps in Kurzform 4 (Bücher und Links)

Der Herbst schreitet voran, und wie immer geht es mir so, dass mit der dunklen Jahreszeit der Wunsch in mir aufkeimt, mich wieder etwas mehr mit Märchen, Sagen und Mythen zu beschäftigen. Der November mit seinem oft trüben Wetter eignet sich vielleicht besser als jeder andere Monat, um beim Lesen in ferne (Vorstellungs-)Welten abzutauchen.
Hier folgen einige Buchtipps zum Thema und am Ende des Beitrags die schon traditionellen, nicht ausschließlich literarischen Linktipps zu allem, was sonst noch Spaß macht.

Buchtipps

Das große Sagenbuch

Auf der Suche nach einem ersten Überblick über die europäische Sagenwelt oder nach einer guten Zusammenfassung, um verschüttete eigene Kenntnisse der alten Stoffe wieder aufzufrischen? Dann ist Johannes Carstensens Großes Sagenbuch genau das Richtige. Begonnen bei der griechischen Götter- und Heldenwelt über die römischen und altnordischen Mythen bis hin zu mittelalterlichen Sagen aus Deutschland, Frankreich, Spanien und England wird hier ein Grundstock von alten Geschichten, die man kennen sollte, in klassischem Stil nacherzählt. Sympathisch ist, dass Carstensen dort, wo es konkurrierende Überlieferungen gibt, zumeist die Variante wählt, die etwas glimpflicher und menschenfreundlicher ausgeht (so etwa bei der Hildebrandssage, bei der er der Version des Jüngeren Hildebrandslieds folgt und den Kampf zwischen Vater und Sohn nicht tödlich enden lässt).

Johannes Carstensen: Das große Sagenbuch. Die schönsten Götter-, Helden- und Rittersagen, gesammelt und neu erzählt von Johannes Carstensen. Zürich, Diogenes, 1996 (Erstausgabe: 1992), 464 Seiten.
ISBN: 9783257228755

Keltische Märchen

Der Titel ist fast ein wenig irreführend, denn Heinrich Dickerhoff präsentiert in seiner vielfältigen Sammlung nicht allein typische Märchen, sondern auch keltische Sagen und christliche Legenden mit märchenhaften Zügen. So trifft man hier außer den märchentypischen Feen, Geistern, Königen und Prinzessinnen mehrere Sagenhelden wie Cuchulainn oder den Artusritter Gawain und am Ende sogar biblische Gestalten. Neben den mit ihren hübschen Initialen auch buchgestalterisch schön aufgemachten Geschichten und den zugehörigen Quellenhinweisen ist für jeden Eintrag eine kleine psychologisierende Deutung des Herausgebers enthalten. Vielleicht interpretiert man nicht jedes Märchen so, wie er es tut, doch interessante Denkanstöße finden sich hier allemal.

Heinrich Dickerhoff (Hrsg.): Keltische Märchen. Zum Erzählen und Vorlesen. Krummwisch bei Kiel, Königsfurt-Urania, 2012, 190 Seiten.
ISBN: 9783868260335

Trickster Makes This World

Implizit durchaus in der Tradition von Joseph Campbells Heros in tausend Gestalten nimmt Lewis Hyde in seinem elegant geschriebenen Buch die Gestalt des göttlichen Tricksters in den Blick, den er primär als Mittler des Übergangs zwischen Heiligem und Profanem, Götter- und Menschenwelt, Leben und Tod, Gestattetem und Tabuisiertem sieht. Am Beispiel von Hermes und Loki in Europa, Eshu und Legba in Afrika, Rabe und Kojote in Nordamerika und dem Affenkönig in Asien zeigt er weltweite Gemeinsamkeiten von Trickstermythen auf. Deren Strukturen und ihre ambivalente Funktion zur Stabilisierung, aber auch Transformation von kulturellen Gegebenheiten überträgt er auf die Rolle moderner Schriftsteller und bildender Künstler. Manche Parallele wirkt hier vielleicht etwas zu gewollt und reizt zum Widerspruch, aber insgesamt lernt man viel über traditionelle Mythen und den Ersatz, den wir uns dafür in einer vielleicht nur vermeintlich rationalen und säkularisierten Welt schaffen.

Lewis Hyde: Trickster Makes This World. How Disruptive Imagination Creates Culture. Edinburgh, Canongate Books, 2008 (Original: 1998), 417 Seiten.
ISBN: 9781847672254

Linktipps

Im Moment lohnt es sich sehr, auf dem Blog des Archäologischen Museums Hamburg vorbeizuschauen, denn der Archäologe Bent Jensen zeichnet zur Ausstellung EisZeiten charmante Comics, in denen die Steinzeit und die Antike (sein eigentliches Fachgebiet) gegenübergestellt werden. Der besonders lustige zum Thema Mischwesen aus Mensch und Tier ist hier zu finden. Übrigens sind seine Comicfiguren auch in humorvollen Rekonstruktionszeichnungen in der insgesamt sehr spannenden und gut präsentierten Ausstellung zu finden. Wer also in Hamburg wohnt oder gerade dort zu Gast ist, sollte unbedingt einen Abstecher ins Museum unternehmen.

Petra van Cronenburgs Blog ist eigentlich immer lesenswert, und das gilt besonders für ihren aktuellen Artikel über ihre Erfahrungen auf einer Kunsthandwerkerausstellung. Die kleine Typenlehre der dort vertretenen Kunden ist zum Schreien komisch, hat aber natürlich einen ernsten Hintergrund. Denn was sich hier über die (mangelnde) Wertschätzung kreativer Arbeit lernen lässt, gilt nicht nur für die Schmuckherstellung, sondern für viele Bereiche einschließlich der Buchwelt.

Eine besonders aufregende Neuigkeit kommt von Sam Jehanzeb, die ihrer künstlerischen Laufbahn eine neue Facette hinzufügt und von nun an auch Autorin ist. Noch ist ihr Buch zwar nicht erschienen, aber alle Fantasyfans können sich demnächst wirklich auf einen Leckerbissen freuen. Und zur Überbrückung der Wartezeit bleibt ja immer noch die Freude an ihren Scherenschnitten, die es inzwischen auch als Wearable Art gibt, z.B. als Weihnachtstasche.

Faszination Nijinsky

Neu rezensiert: Faszination Nijinsky

Der Titel Faszination Nijinsky ist Programm, denn gebannt ist man nicht nur von der tragischen Gestalt des berühmten Tänzers, sondern auch von der originellen und zugleich einfühlsamen Art, auf die Petra van Cronenburg in ihrem lesenswerten Buch sein Leben und seine Kunst heraufbeschwört. Mehr darüber in der neuen Rezension.

Übrigens hat Petra van Cronenburg sich nicht nur als Autorin mit Nijinsky beschäftigt; der Stil der Ballets Russes, für die er tanzte, inspiriert sie inzwischen auch bei ihrer Schmuckherstellung.

Altweiberwohnen

Buchempfehlung: Altweiberwohnen

Die Arbeiten der Fotografin Juliana Socher begeistern mich seit Jahren immer wieder. Gemeinsam mit der Architekturprofessorin Ulrike Scherzer hat sie nun ein wunderschönes und auf stille Art äußerst wichtiges Buch veröffentlicht: Altweiberwohnen. Gespräche und Fotografien über das Wohnen im Alter.
Die Wohnsituation alter Frauen ist kein oft behandeltes Thema, und kommt sie doch einmal zur Sprache, sind klischeebehaftete Bilder an der Tagesordnung. Dem Idyll der treusorgenden Großmutter im Kreise ihrer Familie steht die Schreckensvision der im tristen Altersheim dahinvegetierenden Greisin gegenüber. Wer Altweiberwohnen aufschlägt, kann diese Vorurteile getrost vergessen, denn Juliana Socher und Ulrike Scherzer stellen gerade die „alten Weiber“ in den Mittelpunkt, die in der allgemeinen Vorstellungswelt keinen Platz haben und doch in der Realität sehr häufig sind: allein lebende Frauen, die ihren Alltag zu Hause noch überwiegend selbständig meistern und in aus Gesprächen mit ihnen entstandenen Texten ausführlich zu Wort kommen.
Vorgestellt werden neunzehn Frauen im Alter zwischen Mitte 70 und weit über 90, und das im wahrsten Sinne des Wortes anhand ihrer „Lebensräume“. Der geographische Rahmen erstreckt sich von Österreich bis Norddeutschland, während das Spektrum der Wohnformen schier unerschöpflich scheint. Von der bescheidenen Genossenschaftswohnung über den Platz im modernen Wohnprojekt oder das zur Altersbleibe umfunktionierte Feriendomizil bis hin zum seit Jahrzehnten geliebten Eigenheim ist alles dabei. Diese Umgebungen mit ihrer Einrichtung und den zahlreichen persönlichen Gegenständen fängt Juliana Socher in unendlich feinfühligen, aber zugleich unsentimentalen Bildern ein, in denen ein Stück Butter oder eine Badewannenecke dieselbe präzise Aufmerksamkeit erhält wie ein atmosphärisches Wohnzimmerinterieur oder ein Ausblick in einen überbordenden Garten. Ähnlich variantenreich ist die fotografische Darstellung der Bewohnerinnen selbst: Ist manch eine nur als Hand beim Umblättern oder in diskreter Rückenansicht präsent, werden andere in klassischerem Sinne porträtiert, aber niemals so, dass sie gestellt posieren. Immer hat man den Eindruck, einen unverfälschten Blick in ein fremdes Leben zu erhaschen.
Dieses Gefühl von Authentizität und Intimität setzt sich in den Texten fort, die als kleine (Wohn-)Biographien zugleich zeitgeschichtliche Dokumente von unschätzbarem Wert sind. Für die meisten interviewten Frauen war der Zweite Weltkrieg eine entscheidende Zäsur im Lebenslauf. Doch während die Härten und Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre ein wiederkehrendes Element in den Geschichten sind, erweisen sie sich ansonsten als berückend individuell. Hausfrauen stehen neben Berufstätigen (von denen einige noch aktiv sind), Heimatverbundene neben Weitgereisten, und nicht jede war und blieb verheiratet oder wurde Mutter. Mehr als eine Lebensleistung nötigt einem höchsten Respekt ab. In einigen der mit eingeflochtenen persönlichen Gewohnheiten und Vorlieben kann man sich generationenübergreifend selbst wiederfinden, während andere einen zum halb bewundernden Schmunzeln reizen mögen. Abhärtungsbäder in der Regentonne, zu denen auch die Enkel animiert werden, lernt man hier jedenfalls ebenso kennen wie eine mehrere Schränke umfassende Sammlung hochhackiger Schuhe (alle noch in Gebrauch!). Ernster, aber dafür umso anrührender sind die Schilderungen des Umgangs mit Altern und Tod von Angehörigen und Freunden sowie der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit.
So unterschiedlich die verschiedenen Frauen und ihre Wohnverhältnisse auch sind, kristallisieren sich doch in der Zusammenschau zwei Dinge heraus, die – ganz unabhängig von Gesundheitszustand und Finanzen – für ein gutes Leben im Alter entscheidend zu sein scheinen: Kontakt zu anderen Menschen in einem Umfang, der einem selbst zusagt (ob nun zur Familie, zu Nachbarn oder zu Gleichgesinnten in einem Verein), und die Pflege eigener Interessen, die über den Alltagstrott hinausgehen, ganz gleich, ob es sich dabei um Gärtnern, Lesen, Forschen, Schmuckgestaltung oder Religion handeln mag. Wie entscheidend gerade für dieses lebenswichtige Festhalten an persönlichen Neigungen die eigene Wohnumgebung ist, macht der Bildband eindrucksvoll deutlich und regt einen dadurch auch zum Nachdenken über die eigene Zukunft an.
Damit geht Altweiberwohnen letztlich über die reine Dokumentation hinaus und gewinnt eine philosophische Komponente, die einen sicher noch lange nach der ersten Lektüre immer wieder zu dem Buch greifen lässt, um über kluge und witzige Zitate nachzudenken und in der Bilderfülle zu schwelgen. Unbedingt empfehlenswert!

Ulrike Scherzer, Juliana Socher: Altweiberwohnen. Gespräche und Fotografien über das Wohnen im Alter. Salzburg/Wien, Residenz Verlag, 2016, 152 Seiten.
ISBN: 9783701733934