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Die Reise nach Paris

Eigentlich ist Armand Gamache, Leiter der Mordkommission von Québec, mit seiner Frau Reine-Marie rein privat in Paris: Seine Tochter Annie, die mit Schwiegersohn Jean-Guy Beauvoir kürzlich nach Frankreich gezogen ist, erwartet demnächst ihr zweites Kind, und auch sein Sohn Daniel und dessen Familie leben in der Stadt. Doch das Idyll des familiären Beisammenseins wird jäh getrübt, als Gamaches schwerreicher Patenonkel Stephen Horowitz, der sich ebenfalls gerade in Paris aufhält, nach einem gemeinsamen Essen im Restaurant angefahren wird und lebensgefährlich verletzt im Krankenhaus landet. Was auf den ersten Blick nach einem Unfall mit Fahrerflucht aussehen könnte, war, wie Gamache vermutet, Absicht, und da Stephen ihm gegenüber vage Andeutungen über kriminelle Machenschaften gemacht hat, denen er auf der Spur war, gilt es, schnell herauszufinden, wer ihm nach dem Leben trachtet. Der Pariser Polizeichef Claude Dussault, ein alter Bekannter von Gamache, könnte dabei der ideale Verbündete sein. Doch spätestens, als in Stephens Wohnung die Leiche eines Fremden gefunden wird, muss Gamache sich der unbequemen Wahrheit stellen, dass Dussault nicht mit offenen Karten spielt – ganz zu schweigen davon, dass auch sein eigener Sohn Daniel anscheinend etwas zu verbergen hat …

Die Reise nach Paris ist der 16. Band von Louise Pennys erfolgreicher Krimireihe um Armand Gamache und vereint die problematischsten Züge der Geschichten um den integren Polizisten, der mit allen Mitteln für das Gute kämpft, leider nur mit einigen der besten. Liebevoll beschriebene Handlungsorte, zahlreiche Anspielungen auf Literatur, Kunst und Kultur, differenziert gezeichnete Figuren und ein spannender, wendungsreicher Plot sind hier wie immer vorhanden, aber – und das ist ein gewichtiger Nachteil – Gamache muss wieder einmal nicht nur einen Mord und einen Mordversuch aufklären, sondern gleich die Welt retten (in diesem Fall sogar fast wortwörtlich), und das actionreiche Finale, das natürlich nicht ohne Lebensgefahr für Gamache und einige seiner Lieben auskommt, ist überzogener denn je.

Die Kulisse aus Vorstandsetagen, Luxushotels, Nobelkaufhäusern und edlen Restaurants, in der sich Gamache auf seiner Reise nach Paris bewegt, macht leider auch wesentlich weniger Spaß als das sonst im Zentrum stehende Three Pines mit seinem Dorfbistro und seinen exzentrischen, aber doch größtenteils bodenständigen und liebenswerten Charakteren, die hier nur ganz gegen Ende noch einen kleinen Auftritt haben. Zwar wird endlich der in den vorherigen Bänden schon immer angedeutete Vater-Sohn-Konflikt zwischen Armand und Daniel näher erläutert, aber die gewählte Auflösung ist dann eben auch eine überdramatische, die recht gut zeigt, woran die Reihe inzwischen krankt: Nachdem Penny schon früher einige Male Tragweite des jeweiligen Falls und persönliches Risiko für ihre Hauptfiguren sehr hoch angesetzt hat, glaubt sie mittlerweile offensichtlich, sich diesbezüglich immer wieder übertreffen zu müssen. So berechtigt die zugrundeliegende Kritik am oft auch in der realen Welt skrupellosen Verhalten von Machtmenschen in Entscheidungspositionen in Unternehmen oder Behörden auch sein mag, es hätte der Handlung vielleicht gut getan, das Thema in etwas kleinerem Maßstab auszuloten, als es hier geschieht.

Ohne Unterhaltungswert ist Die Reise nach Paris dennoch nicht, und für ein deutsches Publikum ist es wahrscheinlich wesentlich komischer als für ein englischsprachiges, dass ein geheimnisvoller Duft, der den entscheidenden Hinweis auf die Identität eines Verdächtigen gibt, sich ausgerechnet als 4711 entpuppt. Insgesamt aber hält man vor allem deshalb bis zum Ende des Bandes durch, weil man die Figuren im bisherigen Verlauf der Reihe liebgewonnen hat und ihre Geschichte darum auch dann weiterverfolgt, wenn der Plot viel zu sehr auf Superheldenformat angelegt ist.

Louise Penny: Die Reise nach Paris. Der 16. Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2023, 558 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12050-6


Genre: Roman

Wilde Wasser

Aufgrund seines riskanten Vorgehens im Kampf gegen die Drogenkriminalität ist Armand Gamache degradiert worden und arbeitet nun wieder bei der Mordkommission. Für Vermisstenfälle ist er eigentlich gar nicht zuständig, aber mit einem ganz speziellen befasst er sich dennoch, da es um eine gute Bekannte der Polizistin Lysette Cloutier geht: Die junge Vivienne ist verschwunden, und es steht zu befürchten, dass ihr gewalttätiger Mann sie umgebracht hat. Die Suche wird davon erschwert, dass eine Flutkatastrophe den gesamten kanadischen Osten bedroht. Ausgerechnet im kleinen Fluss Bella Bella, der in Gamaches Wohnort Three Pines demnächst über die Ufer treten könnte, wird dann auch tatsächlich Viviennes Leiche gefunden. Eigentlich wirkt offensichtlich, was passiert ist, aber es kommt zu Ermittlungspannen, und bald muss Gamache sich auch noch mit harscher Kritik in den sozialen Medien herumschlagen. Als wäre das nicht schon schlimm genug, steht nach einer Weile eine ganz andere Frage im Raum: Kann er sich dieses Mal wirklich auf alle Mitglieder seines Teams verlassen, oder hat nicht vielleicht jemand etwas Entscheidendes zu verbergen?

Wilde Wasser, der fünfzehnte Band von Louise Pennys Reihe um Armand Gamache, ist gewohnt spannend geschrieben, aber im Grundton noch ein gutes Stück düsterer als bisher. Mit häuslicher Gewalt insbesondere gegen Frauen und dem Schaden, den Influencer und Social-Media-Kampagnen anrichten können (wobei dem überbordenden Onlinehass nicht allein Gamache, sondern in einem anderen Kontext als er auch seine Bekannte, die Künstlerin Clara Morrow, ausgesetzt ist), stehen zwei sehr traurige Themen im Mittelpunkt, und ergänzt um die in der Serie ohnehin mal mehr, mal minder präsente Drogenproblematik, neuerliche Polizeiintrigen gegen den gebeutelten Protagonisten, die Bedrohung durch die Flut und die Tatsache, dass Gamaches Schwiegersohn und alter Weggefährte Jean-Guy Beauvoir nicht nur den Polizeidienst, sondern auch noch gleich das Land zu verlassen gedenkt, gibt es hier nicht viele Lichtblicke.

Ein Hauch von Humor ist zwar auch in Wilde Wasser vorhanden, aber viele der Gags sind aus den bisherigen Bänden der Reihe aufgewärmt (etwa der, dass die Ente Rosa schneller als ihre Besitzerin, die alte Dichterin Ruth Zardo, zu bemerken pflegt, ob sie Alkohol zu trinken bekommen oder nicht), und das witzige Geplänkel der Dorfbewohner, das sonst oft die Atmosphäre trägt, nimmt insgesamt nur wenig Raum ein. Auch fragt man sich, warum Gamache im Zuge der Flutkatastrophe wieder einmal halb Kanada retten muss, obwohl er auf seinem neuen alten Posten bei der Mordkommission dafür eigentlich nicht zuständig sein sollte. Hier drängt sich doch der Verdacht auf, dass Louise Penny, weil in früheren Bänden teilweise so viel auf dem Spiel stand, unbedingt wieder einmal eine gewaltige Bedrohung von nationaler Tragweite heraufbeschwören muss, obwohl sie auf einem anderen Gebiet viel besser ist.

Denn der eigentliche Fall und die Entwicklungen innerhalb des Ermittlerteams zeigen, dass Pennys Stärke neben dem viel zu kurz kommenden Humor darin liegt, komplexe Figuren zu entwickeln und die Schwierigkeiten, ja Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen auszuloten. Der sozialkritische Aspekt, der ohnehin oft bei ihr mitschwingt, ist hier besonders prononciert, und nicht zum ersten Mal in der Serie geht es darum, dass auch die Polizei fehlbar ist, in ihren Ermittlungshypothesen ebenso wie in ihrem Verhalten abseits des Diensts.

Insgesamt ist Wilde Wasser (übrigens ein Titel, der, wenn man die noch nicht angepasste Danksagung zugrundelegt, auf Deutsch wohl zunächst Frühlingsfluten lauten sollte) also recht deprimierend, aber kein schlechter Roman. Wer an den Krimis aus Three Pines die gemütlichen Stunden im Bistro, die menschliche Wärme, den Witz und den Blick zurück in die Geschichte schätzt, bekommt hier allerdings weit weniger von dem, was er mag, als in den früheren Bänden.

Louise Penny: Wilde Wasser. Der 15. Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2022, 544 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12034-6


Genre: Roman

Auf keiner Landkarte

Armand Gamache, der ehemalige Leiter der Mordkommission von Québec, wechselt an die Polizeiakademie und holt neben seinem Schwiegersohn Jean-Guy Beauvoir auch seinen alten Freund Michel Brébeuf, der durch eigenes Fehlverhalten tief gefallen ist, mit ins Boot. Offiziell geht es darum, die Lehre dort zu verbessern, aber in Wahrheit ist Gamache kriminellen Machenschaften des ehemaligen stellvertretenden Akademieleiters Serge Leduc auf der Spur. Unterdessen wird in Gamaches Wohnort Three Pines, der so klein ist, dass er auf keiner Karte verzeichnet ist, eine alte Landkarte entdeckt, die das Dorf nicht nur zeigt, sondern geradezu in den Mittelpunkt stellt. Mehr darüber in Erfahrung zu bringen, scheint eine gute Übung für ein Quartett von Polizeischülern zu sein. Doch als kurz darauf Leduc erschossen aufgefunden wird, liegt in seiner Schublade eine Kopie der geheimnisvollen Landkarte und erschwert die Aufklärung des Verbrechens, das ohnehin rätselhaft ist, weil es zu viele Verdächtige gibt. Denn praktisch jeder könnte ein Motiv gehabt haben, von den Polizeischülern, die Leduc gnadenlos schikanierte, bis hin zu Gamache selbst …

Auf keiner Landkarte, Louise Pennys zwölftes Buch um Armand Gamache, liest sich insgesamt, wie von der Autorin gewohnt, mitreißend und unterhaltsam, weist aber Handlungsstränge von recht unterschiedlicher Qualität auf. Während die Nachforschungen um die Landkarte, die in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurückführen, und die Geschichte der unangepassten Polizeischülerin Amelia Choquet, in deren Vergangenheit es eine unerwartete Verbindung zu Gamache gibt, jeweils spannend erzählt sind und auf eine überzeugende Auflösung hinführen, fällt der eigentliche Kriminalfall samt dem obligatorischen überdramatischen Finale, in dem es gleich drei Selbstmorde zu verhindern gilt (mit unterschiedlichem Erfolg), eher ab. Hier hat man das Gefühl, dass Penny nach den vorherigen Bänden, in denen mit einem Korruptionsskandal bei der Polizei und der Aufdeckung von Kriegsverbrechen und geheimen Waffenbauplänen für einen Krimi jeweils fast schon zu viel auf dem Spiel stand, unbedingt noch einmal „große“ Verbrechen in den Mittelpunkt rücken wollte, derer man beim Lesen allmählich müde wird.

Denn der wahre Reiz der Reihe und auch dieses Bandes liegt im Kleinen, in der Schilderung der Interaktionen der teilweise herrlich exzentrischen Dorfbewohner von Three Pines, unter denen die alte Dichterin Ruth Zardo und ihre zahme Ente Rosa wie immer eine besondere Hervorhebung verdient haben, und in der Ergründung lokaler Auffälligkeiten wie eben der Landkarte, hinter der sich eine ebenso traurige wie berührende Geschichte verbirgt. Auch insgesamt ist der Tonfall des Buchs etwas ernster und düsterer als im Rest der Reihe, auch wenn hier und da Humor aufblitzen darf (z. B., wenn ein neuer Welpe bei der Familie Gamache Aufnahme findet und sich als sehr spezielles kleines Wesen entpuppt).

Trotz der relativen Schwäche des Mordfalls und seiner Hintergründe schreibt Louise Penny aber selbst hier um Längen besser als viele andere Krimiautoren, so dass der Erfolg der Romane um Armand Gamache nicht verwundert. Zum Einstieg in die Welt von Three Pines sollte man aber vielleicht einen anderen Band als gerade diesen hier wählen. Gut geeignet ist der Folgeband Hinter den drei Kiefern, der das wiederkehrende Personal liebevoller und ausführlicher vorstellt, als es hier geschieht.

Louise Penny: Auf keiner Landkarte. Der zwölfte Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2022, 560 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12033-9


Genre: Roman

Der vermisste Weihnachtsgast

Das hier besprochene Buch ist Teil einer Reihe. Die Rezension des unmittelbar vorhergehenden Bandes ist hier zu finden.

Als Leiter der Mordkommission genießt Armand Gamache eigentlich großes Ansehen, aber der Konflikt zwischen ihm und seinem bösartigen Vorgesetzten Sylvain Francoeur nimmt immer unerfreulichere Formen an. Da ist es fast schon eine Erleichterung, als die Buchhändlerin Myrna, eine von Gamaches Bekannten aus dem beschaulichen Dorf Three Pines, ihn um Hilfe bittet: Ihre Freundin Constance, die sie über die Weihnachtstage besuchen wollte, ist nicht zum verabredeten Zeitpunkt erschienen. Ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sich, als Constance ermordet aufgefunden wird. Schnell erweist sich, dass die scheinbar so unauffällige alte Dame in jüngeren Jahren ungewollt eine Berühmtheit war. Wer genug gegen sie gehabt haben könnte, um sie zu erschlagen, lässt sich dennoch nicht im Handumdrehen entschlüsseln. Unterdessen werden Francoeurs Intrigen zur Bedrohung auch für andere Menschen als Gamache, insbesondere für seinen Protegé Jean-Guy Beauvoir, der an seiner von Francoeur geförderten Medikamentensucht zu zerbrechen droht …

Im neuesten ihrer auf Deutsch erschienenen Krimis (der unerklärlicherweise vor dem Folgeband herausgekommen ist, der mit Kenntnis der hier geschilderten Geschehnisse viel mehr Sinn ergibt) fährt Louise Penny einiges auf – so viel, dass die eigentlichen Mordermittlungen fast schon ins Hintertreffen geraten. Armand Gamache muss zwar nicht ganz die Welt retten, aber doch weitaus größere Probleme bewältigen, als sie sonst in die Kompetenz eines Mordermittlers fallen, und neben einem Verbrechen unglaublichen Ausmaßes auch noch eine politische Katastrophe verhindern. Zusammen mit dem Showdown in Westernmanier, der zu guter Letzt auf ihn wartet, ist das alles reichlich dick aufgetragen.

Wenn man Louise Penny diese doch etwas überzogene Herangehensweise verzeiht, dann deshalb, weil ihre Figuren wieder einmal großen Spaß machen. Die allesamt etwas exzentrischen Leute von Three Pines, die dennoch das Herz auf dem rechten Fleck haben, dürfen in diesem Band zusammenarbeiten, um Gamache zu unterstützen, und sind mit ihren Eigenarten und Marotten liebenswert wie eh und je gezeichnet. Auch der Schauplatz Three Pines selbst gehört natürlich nach wie vor zu den Pluspunkten der Reihe. So kommt trotz aller fürchterlichen Ereignisse durchaus ein bisschen wohlige Winterstimmung auf, und an kulinarischen Genüssen mangelt es natürlich auch nicht.

Die Hintergründe des eigentlichen Mordfalls sind, wie so oft bei Louise Penny, in unglücklichen zwischenmenschlichen Beziehungen im engsten Umfeld des Opfers zu suchen. Wer schon einige ihrer Krimis gelesen hat, wird vermutlich bemerken, dass hier zum wiederholten Mal ein ganz bestimmter Personentyp zum Mörder wird. Fast ist man deshalb froh, dass hinter einem zweiten gewaltsamen Todesfall, zu dem es kommt, ganz andere Motive stecken.

Doch wie oben schon angedeutet, ist dieses Buch eigentlich nur teilweise ein typischer Krimi. Im Vordergrund steht bis zu seiner überdramatischen Auflösung das schon seit mehreren Bänden immer weiter aufgebaute Ringen zwischen Gamache und Francoeur, mit Folgen, die für die Weiterentwicklung bestimmter wiederkehrender Figuren entscheidend sind. Als Fan von Three Pines allgemein hat man daher garantiert Spaß an der Lektüre, auch wenn es Romane gibt, in denen der eigentliche Kriminalfall aufregender und besser konstruiert ist.

Louise Penny: Der vermisste Weihnachtsgast. Der neunte Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2021, 576 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12030-8

 


Genre: Roman

Wo die Spuren aufhören

Das hier besprochene Buch ist Teil einer Serie. Es lässt sich zwar als in sich abgeschlossener Roman lesen, aber zum besseren Verständnis trägt es bei, Band 7 schon zu kennen.

Nach langen Jahren als Mordermittler ist Armand Gamache im Ruhestand und hat sich mit Frau und Hund ins idyllische Three Pines zurückgezogen. Dennoch hat er bald einen neuen Fall zu lösen, und noch dazu im Freundeskreis: Peter, der Mann der Künstlerin Clara Morrow, ist nach einer Trennung auf Zeit nicht zum vereinbarten Termin nach Hause zurückgekehrt und hat sich noch nicht einmal gemeldet. Hat er Clara etwa ohne weitere Aussprache dauerhaft verlassen – oder ist ihm sogar etwas zugestoßen? Natürlich kann Gamache gar nicht anders, als zu helfen, und holt auch seinen ehemaligen Stellvertreter Beauvoir mit ins Boot, um auf die Suche nach dem Verschollenen zu gehen. Bald zeigt sich, dass Peter das allein verbrachte Jahr offenbar zu einer Art Selbstfindungsreise quer durch Europa genutzt hat, um dann nach Kanada zurückzukehren und zu verschwinden. Aber wirklich spurlos? Das gilt es nun herauszufinden und erfordert ein Einlassen auf die zutiefst von Neid und Missgunst geprägte Kunstwelt …

Ein wenig wundert man sich über die Entscheidung des Verlags, Wo die Spuren aufhören, den zehnten Band von Louise Pennys Reihe um Armand Gamache, direkt im Anschluss an den achten zu veröffentlichen, während der neunte ein späteres Erscheinungsdatum hat. Denn schnell wird klar, dass in der fortlaufenden Hintergrundhandlung der Bücher in diesem zunächst noch fehlenden Band entscheidende Entwicklungen eingetreten sein müssen: Die dramatischen Umstände, unter denen es zu Gamaches Ausscheiden aus dem Dienst gekommen ist, werden hier zwar angedeutet, aber nicht näher ausgeführt, und auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen des Stammpersonals hat sich inzwischen einiges weiterentwickelt.

Die Rückkehr der teilweise verschrobenen, aber nicht unsympathischen Gestalten, die den gewohnten Handlungsort Three Pines bevölkern, sorgt wieder für einen deutlich stärkeren Roman, als Unter dem Ahorn mit seinen Irrungen und Wirrungen in einem doch eher sonderbar gezeichneten Kloster es war, aber der Fall selbst, der sich nach und nach aus den Recherchen herauskristallisiert, bei denen diesmal neben den üblichen Ermittlern auch Gamaches Frau Reine-Marie, die unverwüstliche alte Dichterin Ruth Zardo und die Buchhändlerin Myrna Landers kräftig mitmischen, ist dann doch wieder relativ bizarr, was allerdings insgesamt nicht untypisch für die bei Louise Penny geschilderten Verbrechen ist.

Wer übrigens zu hoffen wagt, dass sich hier einmal eine bekannte Autorin getraut haben könnte, eine Genrekonvention auszuhebeln und einen Krimi ohne Mord zu verfassen, irrt leider: Gegen Ende des Buchs kommt es doch noch zu zwei Bluttaten, und Penny setzt dabei unter anderem auch auf den Schockeffekt, es einer ihrer seit den ersten Bänden wiederkehrenden Figuren an den Kragen gehen zu lassen.

Der Weg zu diesem eher düsteren Schluss bietet aber wieder viel Amüsantes und Menschliches (herrlich geschildert ist z.B., wie Ruth in Myrnas Abwesenheit auf ihre ganz eigene Art als Aushilfsbuchhändlerin einspringt). Der schon im achten Band auffällige und höchst beklagenswerte Mangel an Lakritzpfeifen ist allerdings immer noch nicht behoben – ein eindeutiges Manko, wenn man die Reihe vor allem aus Freude an solch liebenswerten Details liest …

Die Übersetzung dieses Bandes stammt, wie schon die des zuletzt auf Deutsch erschienenen, von Sepp Leeb, und die in der damaligen Rezension gegebene Einschätzung lässt sich auch auf dieses Buch übertragen: Das spürbare Bemühen um einen umgangssprachlicheren und allgemein etwas härteren Stil tut Pennys Krimis nicht gut, da sie stark von ihren philosophischen Ansätzen und ihrem feinen Humor leben.

Louise Penny: Wo die Spuren aufhören. Der zehnte Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2021, 480 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12031-5


Genre: Roman

Unter dem Ahorn

Chief Inspector Armand Gamache und sein Stellvertreter Jean-Guy Beauvoir werden zu einem ungewöhnlichen Einsatz gerufen: In einem einsamen Kloster in der kanadischen Wildnis, das erst kürzlich durch den ungeahnten Erfolg seiner CD mit gregorianischen Gesängen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt ist, liegt der Chorleiter Frère Mathieu erschlagen im für Außenstehende nicht zugänglichen Garten des Abts. Schnell zeichnet sich ab, dass die scheinbar so friedliche Gemeinschaft tief gespalten ist und mehr als einer der Mönche ein Motiv gehabt hätte, den Mord zu begehen. Aber noch bevor Gamache und Beauvoir auch nur herausfinden können, was es mit dem geheimnisvollen Pergament auf sich hat, das Mathieu an seinem Todestag bei sich hatte, taucht im Kloster auch noch ihr feindseliger Vorgesetzter Sylvain Francoeur auf, der nichts Gutes im Schilde führt. So droht der schon länger schwelende Konflikt innerhalb der Polizei zu eskalieren, während der Mörder immer noch unerkannt ist …

Louise Pennys Krimireihe um Armand Gamache, den Leiter der Mordkommission von Québec, ist eigentlich eine der besten Serien, die das Genre in den letzten Jahren gesehen hat. Umso mehr überrascht es, dass Unter dem Ahorn, der neueste auf Deutsch erschienene Band, auf ganzer Linie enttäuscht. Zumindest in einer Hinsicht ist das allerdings nicht die Schuld der Autorin: Die Übersetzung von Sepp Leeb weicht in Wortwahl und Sprachduktus erheblich von den übrigen Teilen der Reihe ab (die überwiegend von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck übersetzt wurden), so dass sich die gewohnte Atmosphäre nicht einstellen will.

Abgesehen von dem Eindruck, dass hier ein etwas härterer und „dreckigerer“ Krimitonfall als bisher angestrebt und gerade auch Figuren wie Gamache in den Mund gelegt wird, zu denen er nicht gut passt, finden sich an manchen Stellen eher unglückliche Übersetzungsentscheidungen. So fragt man sich z.B., warum mehrfach die englische Anrede „Sir“ (von Gamache an Francoeur gerichtet, S. 326, oder von Frère Sébastien Gamache gegenüber, S. 494) in der deutschen Fassung stehen geblieben ist, obwohl die Beteiligten an der jeweiligen Unterhaltung allesamt französischsprachig sind und sich vermutlich nicht unbedingt auf Englisch austauschen.

Das alles wäre vielleicht noch zu verschmerzen, wenn der Band wenigstens inhaltlich überzeugen würde, aber das ist nicht der Fall. Durch die Beschränkung der Handlung auf das entlegene Kloster opfert Louise Penny eine der größten Stärken ihrer Reihe: Das Dorf Three Pines und seine herrlich exzentrische Bewohnerschar kommen hier bis auf eine Erwähnung im Nebensatz überhaupt nicht vor. Der eher düstere Mikrokosmos des Klosters bildet keinen adäquaten Ersatz dafür, zumal es, von ein paar Modernisierungen wie Solarstrom und Erdwärmeheizung abgesehen, eher aus einem Schauerroman des 19. Jahrhunderts stammen könnte, als glaubwürdig modernes Ordensleben abzubilden. Hier gibt es mehr Geheimtüren und jahrhundertelang erfolgreich Verborgenes, als man in einem ansonsten mehr oder minder realistischen Krimi erwarten würde.

Der Mordfall selbst wirkt wie eine etwas plumpe Hommage an den Klosterkrimi schlechthin, Umberto Ecos Namen der Rose. Zwar hält sich das Blutvergießen bei Louise Penny im Vergleich dazu in Grenzen, aber hier wie dort wird aus ideologischen Gründen gemordet, um die eigene Deutungshoheit über ein wichtiges Kulturgut zu bewahren, und auch der Auftritt eines dominikanischen Inquisitors (pardon, eines Abgesandten der vatikanischen Glaubenskongregation) darf natürlich nicht fehlen. Nicht nur aufgrund der Orientierung am berühmten Vorbild ist der Mörder relativ früh zu erraten, aber der Fall an sich ist Penny wohl auch weniger wichtig als der Versuch, mit aller Macht die Parallelen zwischen dem Kloster und der ebenfalls zerstrittenen Sûreté herauszuarbeiten. Orden wie Polizei sind eingeschworene Gemeinschaften, die Übeltäter in den eigenen Reihen nur ungern an die Außenwelt ausliefern und in denen bei Konflikten zwischen Führungspersönlichkeiten jeder Einzelne entscheiden muss, auf welcher Seite er stehen will. Dass Beauvoir, der in diesem Buch solch eine Wahl treffen muss, zu allem Elend auch noch in einem der Mönche gewissermaßen sein geistliches Spiegelbild erblickt, ist reichlich dick aufgetragen.

Hier und da blitzt dennoch etwas von dem auf, was Pennys Romane sonst so lesens- und liebenswert macht, etwa in der von beiden Beteiligten noch geheim gehaltenen Beziehung zwischen Beauvoir und Gamaches Tochter Annie oder in einigen humorvollen Szenen, sei es, dass Gamache im Bademantel in die Morgenandacht der Mönche stolpert oder dass die klostereigene Pralinenproduktion sich für die Polizisten immer wieder als unwiderstehliche Verführung zum kulinarischen Sündigen erweist.

Ein vollkommen schlechtes Buch ist Unter dem Ahorn daher nicht, aber doch eben der bisher schwächste Band der Reihe. Man kann nur hoffen, dass es ab dem folgenden Roman wieder bergauf geht und Louise Penny zu Lakritzpfeifen und spritzigen Dialogen zurückkehrt, statt sich weiter wie hier in allzu grobschlächtiger Symbolik zu üben.

Louise Penny: Unter dem Ahorn. Der achte Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2021, 556 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12029-2


Genre: Roman

Bei Sonnenaufgang

Clara Morrow, unterschätzte Malerin und gute Bekannte von Chief Inspector Armand Gamache, bekommt endlich eine große Einzelausstellung. Doch die Freude währt nicht lange: Am Morgen nach der Vernissage liegt die einst gefürchtete, mittlerweile aber in die Bedeutungslosigkeit abgerutschte Kunstkritikerin Lillian Dyson mit gebrochenem Genick in Claras Garten im beschaulichen Dorf Three Pines. Obwohl Lillian eine auffällige Erscheinung war, will niemand sie auf Claras Party am Vorabend gesehen haben. Schnell stellt sich heraus, dass Lillians Tod kein Unfall, sondern Mord war. Personen, die ein Motiv gehabt haben könnten und zum Tatzeitpunkt vor Ort waren, gibt es mehr als genug, und bald muss Gamache sich auch damit auseinandersetzen, dass Clara selbst mit Lillian mehr zu tun hatte, als irgendjemand ahnen konnte …

Louise Pennys in Kanada angesiedelte Krimis um den klugen und kultivierten Ermittler Armand Gamache heben sich durch ihre feine Charakterzeichnung und die angeschnittenen Themen wohltuend vom Durchschnitt des Genres ab. In dem zuletzt auf Deutsch erschienenen siebten Band Vor Sonnenaufgang ist es das Künstlerdasein mit all seinen Höhen und Tiefen, das ausgelotet wird. Dabei geht es nicht nur um Gemälde und ihre Wirkung, sondern auch um Galeristen, die einerseits zwar den von ihnen Betreuten zu Bekanntheit und Erfolg verhelfen können, sich andererseits aber auch oft über Gebühr an ihnen bereichern oder lieber auf leicht Verkäufliches als auf anspruchsvolle Kunst setzen. Noch zentraler für die geschickt aufgebaute Handlung sind jedoch Neid und Missgunst, die unter Kreativen selbst Freundschaften und intime Beziehungen vergiften können. Dass dies nicht nur für die bildenden Künste, sondern auch für die Literatur gilt, wird an der alten Dichterin Ruth deutlich, die sich trotz all ihrer Marotten als kundige Ratgeberin für Clara in Bezug auf den Umgang mit guten wie schlechten Kritiken erweist.

Die Aufklärung des Mordfalls liest sich zwar spannend, ist aber, wie immer bei Louise Penny, eigentlich nicht das Wesentliche an dem Roman. Vielmehr werden die schon in früheren Bänden eingeführten Figuren behutsam weiterentwickelt, diesmal insbesondere Gamaches Stellvertreter Jean-Guy Beauvoir, der nicht nur einen desaströsen Polizeieinsatz, sondern auch das Scheitern seiner Ehe zu verkraften hat und teilweise gefährliche Mittel wählt, um damit zurechtzukommen. Die Liebesgeschichte, die sich hier – wenn auch zunächst einmal sehr einseitig – für ihn zu entwickeln beginnt, ist sensibel und amüsant geschildert.

Ohnehin ist trotz des Ernsts und der Brutalität bestimmter Handlungsaspekte Louise Pennys unaufdringlicher Humor stets präsent, ob nun in den pointierten Dialogen oder in einzelnen Szenen, die einen aus dem Schmunzeln gar nicht mehr hinauskommen lassen (herrlich ist z.B. eine Passage, in der sich der nicht gerade kunstaffine Beauvoir spontan als Kritiker einer bekannten Zeitung ausgibt – mit ungeahntem Erfolg). Doch noch stärker als von den lustigen Elementen ist Pennys Erzählweise von tiefer Menschlichkeit geprägt. Die Autorin weckt viel Verständnis auch für Fehler und Schwächen und setzt sich immer wieder mit der Frage auseinander, ob und wie viel man vergeben kann. Die Grenzen des Verzeihlichen sind dabei für die einzelnen Romanfiguren unterschiedlich weit gesteckt, und auch aus Lesersicht kann man einige Denkanstöße mitnehmen.

Wer Freude an den früheren Bänden der Reihe hatte, wird diesen aber wohl ohnehin verschlingen, und spätestens ab hier (wenn nicht schon ab dem vorigen Band) empfiehlt es sich auch, die Serie tatsächlich in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Zwar ist der Roman prinzipiell in sich abgeschlossen, aber manche Details machen einfach noch mehr Spaß, wenn man das Leben in Three Pines schon länger verfolgt.

Louise Penny: Bei Sonnenaufgang. Der siebte Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2021, 480 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12028-5


Genre: Roman

Das verlassene Haus

Eigentlich ist Medium Jeanne nur als Urlauberin ins beschauliche Three Pines im Südosten Kanadas gekommen, aber Pensionsbesitzer Gabri beschwatzt die moderne Hexe, eine Séance anzubieten. Als die erste im gemütlichen Rahmen nicht den gewünschten Erfolg bringt, beschließt man aus einer Laune heraus, eine zweite Séance an einem angemessen unheimlichen Ort folgen zu lassen. So wird im verlassenen Haus der Familie Hadley, in dem sich schon mehrere Verbrechen ereignet haben, noch einmal versucht, die Toten zu beschwören. Doch was für die meisten Anwesenden nur ein Gruselspaß ist, wird eiskalt ausgenutzt, um die im Dorf beliebte Madeleine im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode zu erschrecken. Es ist an Chief Inspector Armand Gamache und seinem bewährten Team, herauszufinden, wer ausgerechnet die Frau, die scheinbar jeder mochte, ermordet hat. Doch Gamache steckt selbst in Schwierigkeiten: Seit er die Verbrechen eines hochrangigen Polizisten öffentlich gemacht hat, ist er in der Sûreté umstritten, und jemand legt es offensichtlich nicht nur darauf an, seinen Ruf zu ruinieren, sondern hat auch einen Maulwurf in seine engste Umgebung eingeschleust …

Was Das verlassene Haus ebenso wie die meisten anderen Bände aus Louise Pennys Reihe um den klugen und sympathischen Armand Gamache weit über durchschnittliche Krimikost hinaushebt, ist ihre Vielschichtigkeit, die den eigentlichen Mordfall fast zur Nebensache werden lässt, während literarische Anspielungen, philosophische Überlegungen, lebendige Beschreibungen und vor allem unglaublich fein beobachtete Charakterstudien den Hauptreiz der Lektüre ausmachen. Besonders das teilweise herrlich exzentrische Stammpersonal der Reihe (allen voran die schrullige alte Dichterin Ruth Zardo, die in diesem Band mehr Herz beweisen darf, als man ihr hinter der spitzen Zunge zugetraut hätte) unterhält blendend und wäre Grund genug zum Lesen, auch wenn im Buch kein einziges Verbrechen geschehen würde.

Derer gibt es allerdings genug, ebenso wie eine Fülle anderer Ereignisse, und das in wohltuend komplexer Erzählweise, die Umwege nicht nur zulässt, sondern geradezu feiert. In den verschiedenen Handlungssträngen werden dabei geschickt thematische Parallelen aufgebaut: Sowohl bei der Lebensgeschichte des Mordopfers als auch bei den gegen Gamache gerichteten Intrigen innerhalb der Polizei geht es um Freundschaft und ungeahnten Neid, und letzterer spielt auch noch in einem ganz anderen Kontext eine Rolle. Penny gelingt es dabei, auch die Unsympathen zu differenzierten Charakteren auszugestalten, deren teilweise entsetzliches Handeln seine Wurzeln in nur allzu menschlichen Wünschen, Bedürfnissen und Schwächen hat, was nicht nur realistisch wirkt, sondern in manchen Fällen auch Denkanstöße liefert.

Doch Das verlassene Haus ist trotz aller ernsten Belange, die nicht ohne Anspruch und Tiefgang verhandelt werden, in vielen Passagen auch ein hinreißend komischer Roman voller Humor und Wortwitz. Das hier ist ein Krimi, ja – aber auch ein Buch, in dem schon einmal aus dem Winterschlaf erwachte Bären auf Ostereiersuche gehen, auch die härtesten Polizisten durch Alltagserfahrungen augenzwinkernd auf Normalmaß zurechtgestutzt werden und Lakritzpfeifen niemals fehlen dürfen. Neben dem gelungenen und vielfach auch ziemlich liebenswerten Figurenensemble und der bis kurz vor Schluss hohen Spannung sorgt das für pures Lesevergnügen.

Louise Penny: Das verlassene Haus. Der dritte Fall für Gamache. Zürich, Kampa Verlag, 2020 (Original: 2007), 480 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12011-7


Genre: Roman

Hinter den drei Kiefern

Das Dorf Three Pines, in dem Armand Gamache, der umstrittene Polizeichef von Québec, lebt, wirkt auf den ersten Blick wie ein Bilderbuchidyll. Doch als auf einer Halloweenparty eine vermummte Gestalt erscheint und dann am nächsten Tag auf dem Dorfanger Stellung bezieht, ohne auf irgendeinen Gesprächsversuch einzugehen, macht sich Unruhe im Ort breit. Feriengäste bringen Gamache auf die Idee, dass es sich bei dem seltsamen Verhalten um die Wiederbelebung eines uralten Rügebrauchs handeln könnte, der auf ein ungesühntes Unrecht hinweisen soll. Spätestens als die dunkle Gestalt so plötzlich verschwindet, wie sie gekommen ist, und Gamaches Frau bald darauf eine übel zugerichtete Leiche im Kirchenkeller findet, steht fest, dass alles weit mehr ist als nur ein bizarrer Streich. Monate später sitzt für diesen Mord jemand auf der Anklagebank, doch der Prozess nimmt einen seltsamen Verlauf: Der Staatsanwalt scheint alles zu tun, um die Glaubwürdigkeit seines Hauptbelastungszeugen Gamache gezielt zu untergraben, und auch der Polizeichef selbst verfolgt noch ganz andere Pläne, als auf eine Verurteilung hinzuwirken …

Louise Pennys Hinter den drei Kiefern ist nicht der chronologisch erste Band ihrer Reihe um Armand Gamache, lässt sich aber dennoch problemlos als in sich abgeschlossenes Buch lesen, und das lohnt sich: Es handelt sich um einen originell aufgebauten und anspruchsvollen Krimi, der nicht nur durch die feine Figurenzeichnung, sondern auch durch den souveränen Einsatz zweier Zeitebenen überzeugt.

Obwohl der Roman durchaus insofern dem klassischen Whodunnit-Prinzip folgt, dass man als Leser oder Leserin miträtseln kann, wer denn nun die Urlauberin Katie Evans erschlagen hat, verzichtet er nämlich auf die sonst für die Gatttung typische lineare Erzählweise, sondern wechselt zwischen den Ereignissen um Halloween und denen um das Gerichtsverfahren hin und her. Letzteres bildet auch den Einstieg ins Buch, und bevor der Fund des Mordopfers überhaupt geschildert wird, sind schon um die 150 Seiten vergangen. Dass Gamache den sonderbaren Todesfall aufgeklärt haben muss und dass er es in der Gegenwart darauf abgesehen hat, Drogenschmugglern das Handwerk zu legen, erfährt man relativ bald, aber erst nach und nach erschließt sich, wie beide Verbrechen zusammenhängen und was für ein Spiel der Ermittler selbst spielt. Viel Spannung und mehr als eine überraschende Wendung gibt es dabei bis zum Schluss, der im Vergleich zum Rest des Buchs zu gewollt dramatisch und blutig ausfällt, die Geschichte aber dennoch zu einem überzeugenden Ende führt.

Die größte Stärke des Romans liegt aber in seinem Personal, das neben Gamache, seinem Team, seiner Familie, den Verdächtigen und der Belegschaft des Justizapparats auch noch eine ganze Anzahl teilweise herrlich skurriler Dorfbewohner umfasst. Wer z.B. die Krimis von Martha Grimes oder Fred Vargas weniger wegen der Mordfälle als wegen der gekonnt geschilderten kauzigen Typen liest, findet in Louise Penny eine Autorin, die in derselben Liga spielt und ebenso liebevoll wie differenziert ganz unterschiedliche Charaktere entwickelt. Erwähnung verdient hier insbesondere die alte und mehr als nur ein wenig wunderliche Dichterin Ruth, die – stets eine lebendige Ente unter dem Arm und um boshafte Bemerkungen nie verlegen – zur Lösung des Falls mehr beiträgt, als ihr irgendjemand zutraut.

Trotz der behandelten ernsten Themen wie Drogenkriminalität und schwieriger Gewissensentscheidungen würzt Penny die Dialoge und die Gedankengänge ihrer Figuren immer wieder auch mit einer ordentlichen Prise Humor. Zu düster gerät der Abstieg in die kleinen und großen Abgründe kanadischen Provinzlebens deshalb nie, und nach der Lektüre bleibt man mit dem Eindruck zurück, gut unterhalten worden zu sein, aber auch reichlich Stoff zum Nachdenken bekommen zu haben.

Louise Penny: Hinter den drei Kiefern. Ein Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2018, 496 Seiten.
ISBN: 978-3311120025


Genre: Roman