Alljährlich werden auf den Spitzen der Pyramiden acht von Kindheit an dazu herangezogene Menschen geopfert, um das Heilige Reich zu erhalten und zu stärken. Auch der jungen South ist dieses Schicksal bestimmt, und nachdem sie schon einige Mitglieder der eingeschworenen Gemeinschaft, in der sie herangewachsen ist, einschließlich ihres Geliebten Moon hat sterben sehen, will sie eigentlich nur noch rasch hinter sich haben, was ihr droht. Doch auf dem Weg zu der Pyramide, auf der ihr Leben enden soll, lässt ein Felssturz alles ganz anders kommen, und mitsamt Reitmaultier von dem Mann gerettet, der sie und ihre Begleiter durch den Dschungel führen sollte, findet South sich auf einmal außerhalb des Reichs und in einer völlig fremden Umgebung wieder. Hier erhält sie nicht nur einen anderen Namen, Saya, sondern findet bald auch heraus, dass sie nicht nur über ihre eigene Herkunft, sondern auch über Sinn und Zweck der Opfer belogen worden ist, ganz zu schweigen davon, dass sie über unvermutete magische Kräfte verfügt. Wenn es nach ihr ginge, würde Saya den ihr innewohnenden Zauber von nun an nur zu Heilzwecken einsetzen und ein unauffälliges, friedliches Leben führen – doch die Priester des Heiligen Reichs ruhen nicht …
Blutige Menschenopfer, Vergewaltigung, Kindesentführung und -entziehung – einige Elemente von Hannah Steenbocks South Breaks, dem Eingangsband ihrer englischsprachigen Fantasybuchreihe um die sogenannten „Winds“ und „Pillars“, sind ziemlich starker Tobak, und von der falschen Feder geschildert, hätten diese Inhalte leicht einen ausgesprochen unangenehmen Roman ergeben können. Dass es anders kommt, ist der Tatsache zu verdanken, dass Hannah Steenbock vor allem eine Geschichte der Selbstfindung und Heilung erzählt. Für den Handlungsverlauf spielt es zwar eine entscheidende Rolle, dass South alias Saya Unsagbares angetan worden ist (und sie, zu Fügsamkeit und Passivität erzogen, erst einmal selbst erkennen muss, dass es eben unverzeihlich und nicht schlicht Normalität ist), doch je mehr sie eigene Entscheidungen zu treffen und auch auf sich selbst zu vertrauen beginnt, desto stärker erschließt sich ihr auch viel Gutes.
Die mittelamerikanischen Kulturen, an die sich im Weltenbau zahlreiche Anklänge finden, dienen in der Fantasy immer noch relativ selten als Inspirationsquelle, aber die behandelten Themen weisen ohnehin über diesen spezifischen Kontext hinaus. Denn auf den Machterhalt einer bestimmten Personengruppe ausgerichtete Reichsbildungen, deren Eliten wortwörtlich über Leichen gehen, um ihre Herrschaft abzusichern, und egalitärere Gemeinschaften, die eher auf Ausgleich bedacht sind und sich als Teil des großen Ganzen der Natur begreifen, sind als kontrastierende Entwürfe in vielen Epochen und Gegenden zu finden. Wie die mit der Ideologie des Heiligen Reichs großgewordene Saya Schritt für Schritt einen eher schamanistisch-animistisch geprägten Blick auf die Welt entwickelt, ist einfühlsam geschildert. Eine zarte Liebesgeschichte und ein zahmes Äffchen, das für gute Laune sorgt, lockern das thematische Gewicht dabei immer wieder auf, und am Ende steht neben der buchübergreifenden Reihenhandlung (auf deren Fortgang im nächsten Band ein im Epilog gemachter ganz spezieller Fund vorausverweist) nicht zuletzt auch die Aussicht auf persönliche Erfüllung ungeachtet aller Widrigkeiten im Vordergrund.
So hat man nach der Lektüre durchaus das Gefühl, dass die Widmung an those who are different ebenfalls zwei Stoßrichtungen beinhaltet: Anders ist einerseits sicher, wer es zu sein wagt und Konventionen und scheinbar unerschütterliche bestehende Verhältnisse hinterfragt – andererseits aber auch, wer unfreiwillig in irgendeiner Form „nicht normal“ ist und sich ein selbstbestimmtes Leben erst erkämpfen muss. In beiden Fällen, so der Tenor des Romans, gibt es Hoffnung, und das gewiss auch ohne die welterschütternde Magie, die hier so phantasievoll in Szene gesetzt wird.
Hannah Steenbock: South Breaks. Winds of Destiny, Book 1. Kiel, Buehsteppe Verlag, 2022 (E-Book; ISBN der Printausgabe: 979-8839187474).