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The Idylls of the Queen

Bei einem Bankett am Artushof nimmt der eher unbedeutende Ritter Partrise ein vergiftetes Stück Obst zu sich und stirbt sofort. Wutentbrannt klagt sein Verwandter Mador Königin Guenevere an, die für die Auswahl der servierten Früchte persönlich verantwortlich war, und will ihre Schuld in einem Gerichtskampf beweisen. Der heimlich in Guenevere verliebte Seneschall Kay ist skeptisch, was die Zuverlässigkeit eines solchen Gottesurteils betrifft, und würde seine Herrin gern anders entlasten. Gemeinsam mit Mordred, dem unehelichen Sohn des Königs, nimmt er daher nach besten Kräften Ermittlungen auf und setzt dabei auf die Hilfe der Zauberin Nimue. Doch nicht genug damit, dass es eine Fülle von Verdächtigen gibt (und Kay und Mordred einander diesbezüglich auch gegenseitig nicht ganz über den Weg trauen): Bald steht noch nicht einmal mehr fest, ob Partrise überhaupt das intendierte Opfer war oder ob der Anschlag nicht vielmehr Mordreds Halbbruder Gawaine galt, der sich zahlreiche Feinde gemacht hat …
Phyllis Ann Karr greift in The Idylls of the Queen eine Episode aus dem 18. Buch von Thomas Malorys Le Morte Darthur auf und zaubert daraus bei großer Treue zur Vorlage etwas ganz Bemerkenswertes, nämlich einen packenden Fantasykrimi, den man auch dann gebannt liest, wenn man ihre spätmittelalterliche Inspirationsquelle und damit Mörder und Motiv von Anfang an kennt. Magie ist in der gezielt ahistorischen Artuswelt, die hier heraufbeschworen wird, selbstverständlich, aber auch wenn sich hellseherische Kräfte wie eine Art rückwirkende Überwachungskamera einsetzen lassen, gilt das nur mit gewissen Einschränkungen, die der Täter offensichtlich kennt und für sich zu nutzen weiß. Der eigentliche Fall und seine Aufklärung würden auch ohne übernatürliche Elemente funktionieren, doch sie tragen zum Reiz der Kulisse erheblich bei.
Die größte Stärke des Romans sind allerdings die Figuren, allen voran das ungleiche Ermittlerduo Kay und Mordred. Wer sich ein wenig mit der mittelalterlichen Artusepik auskennt, weiß, dass Kay darin nicht notwendigerweise den besten Ruf genießt, sondern als grober und unhöflicher Geselle, der im Zweikampf oft das Nachsehen hat, als Folie für heldenhafter gezeichnete Ritter herhalten muss. Hier ist er ein herrlich ironischer und reflektierter Ich-Erzähler, der das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm hat, genussvoll auseinandernimmt und ganz generell Wertmaßstäbe und Verhalten seiner Umgebung hinterfragt. Artus, Merlin und vor allem auch der Kay nicht nur als Rivale um die Gunst der Königin verhasste Lancelot kommen dabei weitaus schlechter weg als in vielen gängigen Darstellungen. Mordred seinerseits könnte eigentlich ein heroischerer Kämpe als manch ein populäreres Mitglied der Tafelrunde sein, wenn er sich mit seiner Überzeugung, aufgrund seiner inzestuösen Herkunft verflucht zu sein, nicht ständig selbst im Wege stünde.
Diese Psychologisierung der vertrauten Sagengestalten funktioniert auch bei den übrigen Figuren sehr gut, ganz gleich, ob es sich nun um die große Schar von Verdächtigen oder um nur am Rande Beteiligte handelt. Generell zeigt der Besuch bei der interpretatorisch gegen den Strich gebürsteten, von den reinen Fakten her aber sehr quellentreuen Tafelrunde, die ihre besten Zeiten hinter sich hat, dass sich frisch, originell und modern anmutende Fantasy nicht unbedingt immer unter den Neuerscheinungen findet, sondern dass auch ein über dreißig Jahre altes Werk hervorragend altern kann.

Phyllis Ann Karr: The Idylls of the Queen. A Tale of Queen Guenevere. Berkeley Heights, Wildside Press, 1999 (Original: 1982), 341 Seiten.
ISBN: 0781587150128


Genre: Roman

The Golden City

Als die Karawane, mit der Tadala reist, in einen tödlichen Sandsturm gerät, kann die junge Frau sich und die beiden kleinen Töchter ihres Pflegevaters in eine sonderbare Stadt retten. Nur ein einziger Mensch scheint dort zu leben: die ebenso rätselhafte wie verschüchterte Elabel. Dass sie in Wirklichkeit einer fremden Welt entstammt, erweist sich erst, als sie keine Wahl mehr hat, als Tadala und die Kinder dorthin mitzunehmen. Doch in Elabels magisch und technisch hochentwickelter Heimat ist längst nicht alles so friedlich und wohlgeordnet, wie es auf den ersten Blick scheint. Gefahr droht nicht nur von Elabels intriganten Geschwistern, sondern auch durch übernatürliche Vorgänge, über die seit Generationen zu viel in Vergessenheit geraten ist …
Sharon J. Gochenours The Golden City, der erste Band eines geplanten Vierteilers, bietet originelle und erfrischend andere Fantasy, die sich jeder Formelhaftigkeit verweigert und vor allem von ihrem üppigen und verspielten Weltenbau lebt. Während Tadalas Herkunftsgebiet realistisch gezeichnet und vermutlich im Afrika der Frühen Neuzeit zu verorten ist, folgt das geheimnisvolle Kaiserreich, dem Elabel entstammt, ganz anderen Spielregeln. Steampunkelemente wie z.B. mechanische, aber dennoch gefräßige Pferde stehen hier neben rein phantastischen wie einem Wald, in dem Bücher in freier Natur wachsen, jäh an unerwarteter Stelle aufklaffenden Weltenportalen oder einer am Himmel schwebenden Stadt. Magie lässt sich durch die Manipulation von Fäden wirken, die – für Laien unsichtbar – das gesamte Land durchziehen und stabilisieren.
Die Erkundung dieser bunten und fabulierfreudig ausgemalten Kulisse ist dann auch das Herzstück der Geschichte, die ohne viel Blutvergießen und Action auskommt, sondern eher auf den Charme des Reiseabenteuers setzt. Die beiden Hauptfiguren müssen sich dabei auf ganz unterschiedliche Art erst einmal in der Welt zurechtfinden: Während die praktisch veranlagte und zupackende Tadala aus einer wohl unserer Erde entsprechenden Umgebung dorthin gelangt und sich trotz alles Staunens über das Wunderbare immer nach der fast unmöglichen Heimkehr sehnt, ist Elabel eine ängstliche Außenseiterin. Von einem Orakel früh für eine besondere Rolle bestimmt, ist sie als Kind gleichwohl nur schlecht darauf vorbereitet worden und fühlt sich zwischen Büchern wesentlich wohler als im Umgang mit Menschen. Ihr Versprechen, für Tadala einen Weg nach Hause zu finden, wird zur wesentlichen Triebfeder ihres Handelns, während sich im Hintergrund abzuzeichnen beginnt, dass es mit teilweise schon Jahre zurückliegenden mysteriösen Todesfällen mehr auf sich hat, als alle wahrhaben wollen.
Trotz des Weltrettungsplots, der sich hier für die geplanten Folgebände ankündigt, bleibt das Figurenensemble überschaubar, und die geschilderten Interaktionen haben oft etwas von einem fein beobachteten Kammerspiel. Die Spannung resultiert deshalb auch nicht so sehr aus den äußeren Geschehnissen (die allerdings gegen Ende des Buchs kräftig Fahrt aufnehmen), sondern aus der Entwicklung der zwischenmenschlichen Beziehungen, ganz gleich, ob es sich nun um Tadalas zarte Liebe zu einem Mann aus dem Kaiserreich oder um Elabels nimmerendendes Ringen mit ihren älteren Geschwistern handelt, in dem sich das Machtgefälle im Laufe des Buchs beträchtlich verschiebt.
Auf die Fortsetzung der Reihe darf man also gespannt sein, und ohnehin lohnt es sich, Sharon J. Gochenour als interessante neue Autorin im Fantasygenre im Auge zu behalten.

Sharon J. Gochenour: The Golden City. The Threads Quartet, Book 1. High Flying Poultry Press (KDP), 2017, ca. 380 Seiten (E-Book)


Genre: Roman

Monsters: A Retelling of Beauty and the Beast

Lange Zeit war die Familie des jungen Historikers Khirkara wohlhabend, doch seit der Firmenpleite seiner Mutter müssen sie und ihre Söhne sich mühsam durchschlagen. Als historischer Berater einer unterfinanzierten Filmproduktion, die auf einer alten Sage über einen Schäfer und eine geheimnisvolle Bestie basiert, hat Khirkara oft das Gefühl, dass es gar nicht mehr schlimmer kommen kann. Doch weit gefehlt: Als seine Mutter durch eine Verkettung unglücklicher Umstände gezwungen ist, Schadenersatz zu leisten, den sie nicht aufbringen kann, soll sie die Schulden abarbeiten. Um der Familie nicht die hauptsächliche Ernährerin zu nehmen, erklärt Khirkara sich bereit, für sie einzuspringen, und gerät so auf einen verfallenen Landsitz. Misstrauisch beäugt muss er dort bei der Betreuung des durch einen Axthieb grauenvoll entstellten und sprachunfähigen Atzgar helfen. Wider Erwarten freunden die beiden jungen Männer sich an und empfinden bald noch weitaus mehr füreinander. Doch Atzgar scheint ein dunkles Geheimnis zu hüten, und was Khirkara in seiner Bibliothek entdeckt, spricht dafür, dass auch hinter der Geschichte von Schäfer und Bestie etwas ganz anderes steckt als zunächst angenommen …
Es ist eine ungewöhnliche, aber bestechende Form der Märchenadaptation, die Sharon J. Gochenour wählt, um Die Schöne und das Biest in eine moderne, wenn auch fremde Welt zu versetzen. Handlungsort ist ein fiktiver zentralasiatischer Staat, dessen tiefreligiöse Gesellschaft traditionell matriarchal strukturiert ist und in dem die Moderne nicht nur positive Neuerungen, sondern auch viel soziale Ungerechtigkeit mit sich bringt. Neben seiner sehr authentisch heraufbeschworenen Jetztzeit hat das Land jedoch auch eine reiche Geschichte, die liebevoll ausgemalt und mit erfundenen Primärquellen ebenso wie mit Sekundärliteratur versehen wird: Auszüge aus der Dichtung über den Schäfer sind ebenso in den Text eingeflochten wie Teile des von Khirkara so verabscheuten Filmskripts, Passagen aus einer Monographie über die Sage und jahrhundertealte Briefe eines Missionars, die Khirkara helfen, den Ursprung der Legenden über die geheimnisvolle Bestie auszumachen (die zwischen dem „Biest“ des bekannten Märchens und einer entfernten Verwandten der Bête du Gévaudan changiert).
Fantasy im klassischen Sinne ist die Geschichte trotz des erfundenen Schauplatzes und des üppigen Weltenbaus nicht. Atzgars Schicksal hat, wie sich erweist, alles andere als übernatürliche Ursachen, und auch die Aufdeckung seines Geheimnisses bleibt ganz innerhalb der Realität. Dies ist übrigens die einzige Hinsicht, in der die Erzählung enttäuscht: Die knappe und überhastete Auflösung der Handlungshintergründe wirkt wie eine lieblose Pflichtübung, die noch so manche Frage offenlässt.
Gochenours Hauptinteresse gilt neben dem Weltentwurf und dem gelungenen literarischen Spiel mit verschiedenen Textgattungen eindeutig der kammerspielartigen Entwicklung des Verhältnisses zwischen ihren beiden Hauptfiguren. Die Schilderung der behutsamen Annäherung über alle anfänglichen Kommunikationshindernisse hinweg glückt auch tatsächlich so sensibel und voller Zwischentöne, dass man dem Buch die oben skizzierte Schwäche auf der Plotebene ebenso gern verzeiht wie ein paar stehengebliebene Flüchtigkeitsfehler (z.B. fälschlich fauna an einer Stelle, an der es ausschließlich um die Flora einer Region geht). Stilisierte, aber ausdrucksvolle Illustrationen der Autorin zur Schäfersage runden das lesenswerte E-Book ab.

Sharon J. Gochenour: Monsters: A Retelling of Beauty and the Beast. High Flying Poultry Press (KDP), 2018, ca. 200 Seiten (E-Book).


Genre: Roman

König Artus‘ Tochter

Mordred, König Artus‘ einziger Sohn, entstammt nicht nur einer inzestuösen Beziehung, sondern ist auch charakterlich enttäuschend. So beschließt Artus, seine Tochter Ursulet zu seiner alleinigen Erbin zu erklären. Doch nach dem Tod des Königs brechen für sein Reich unruhige Zeiten an, und ein Sachsenangriff fegt das Kloster hinweg, in dem Ursulet aufgewachsen ist. Erst Jahre später macht sich der junge Ritter Ambris auf die Suche nach der verschollenen Prinzessin, die als Magd versteckt überlebt hat. Aber nicht nur von den Sachsen droht weiterhin Gefahr, sondern auch von Mordred, der sich mit der finsteren Zauberin Morgana verschworen hat und sich und seinen Nachkommen selbst die Krone sichern möchte …
Die Sagen um König Artus bieten seit dem Mittelalter immer wieder ausreichend Stoff für eine mittlerweile schier unüberschaubare Fülle von Romanen. Vera Chapmans in den 1970er Jahren als dritter Teil einer losen Trilogie entstandenes Buch um die vom Schicksal gestrafte Königstochter Ursulet bildet insofern eine interessante Variante, als hier nicht nur eine fiktive weibliche Gestalt die Hauptrolle übernimmt, sondern, wie die Autorin in ihrem Vorwort erläutert, auch ganz gezielt eine ahistorische Märchenwelt entworfen wird, in der Mythen und Magie, hochmittelalterliche Lebensart und die politische Situation kurz nach Ende der Römerzeit miteinander verknüpft werden. Als Kulisse funktioniert diese eklektische Mischung aber verblüffend gut und schafft gerade aufgrund der selbstverständlichen Einbindung von Zauber und Rätselhaftem eine ganz eigene phantastische Atmosphäre. Immer wieder merkt man dem Text nicht nur Chapmans Vertrautheit mit den mittelalterlichen Ausprägungen der Artussage, sondern auch ihre Kenntnisse der Mythologieforschung des späten 19. bis mittleren 20. Jahrhunderts an (wenn sie James Frazer und Robert Graves nicht sehr genau gelesen hätte, sollte es einen zumindest wundern). Dieser Bildungshintergrund, der vielen heutigen Autoren fehlt, hebt den Weltenbau erfreulich über den Durchschnitt hinaus.
Weniger überzeugend gerät dagegen die Figurenzeichnung, die nichts Subtiles oder Indirektes hat, sondern in ihrer Schwarzweißmalerei eher in ein Märchen als in einen Roman zu passen scheint. Insbesondere der Schurke Mordred ist so abgrundtief böse, dass seine Charakterisierung schon nahe an einer Karikatur entlangschrammt. Ambris dagegen ist ganz der edle Ritter, den nur seine Bereitschaft, sich für andere aufzuopfern, angreifbar macht, und Ursulet mag zwar etwas naiv sein, hat aber gute Eigenschaften und Führungsstärke ihrer Eltern so unverfälscht geerbt, dass selbst jahrelange Sklaverei psychisch kaum negative Auswirkungen auf sie zu haben scheint. Spannend ist an ihrer Darstellung – und auch an der von Ambris‘ Großtante Lynett, die als zupackende Agentin unterwegs ist – nur der bemerkenswert moderne Blick auf die Frauenrolle. So erweist sich die Königstochter als Naturtalent im Drachenkampf und wagt sich sogar in die Schlacht.
Insgesamt bleibt der Eindruck, den man von Chapmans Interpretation der Artussage erhält, deshalb ein wenig uneben. Die Schlichtheit der Personen und ihre oft unbedarft wirkende Handlungsweise lassen wenig Realismus aufkommen, aber die entworfene Welt und einige Ideen sind so gut, dass man ihnen eine Ausführung in klassischerer Romanform gewünscht hätte. Für alle Artusbegeisterten und Fantasyfans lohnt sich die Lektüre jedenfalls trotz allem, da König Artus‘ Tochter einfach einen erfrischend originellen Ausflug ins Genre abseits ausgetretener Pfade darstellt.

Vera Chapman: König Artus‘ Tochter. München, DTV, 2002 (Original: 1976), 192 Seiten.
ISBN: 3423205598


Genre: Roman

The Wonder Engine

Das hier besprochene Buch ist der zweite Teil einer Reihe. Der erste Band Clockwork Boys ist hier rezensiert.

Nach einer gefahrvollen Reise sind die Fälscherin Slate, der Paladin Caliban, der Mörder Brenner und der Mönch Edmund in Anuket eingetroffen, wo sie weiterhin den Ursprung der Clockwork Boys, bedrohlicher Kriegsmaschinen, zu ergründen versuchen. Der im Zuge ihrer bisherigen Abenteuer aus einer misslichen Lage gerettete Grimehug aus dem dachsartigen Volk der Gnole erweist sich dabei als wertvolle Unterstützung. Doch Slate hat sich bei einem früheren Aufenthalt in Anuket mächtige Feinde gemacht, und ihrer Rache zu entkommen, ist fast genauso schwierig, wie etwas über den Verbleib des Gelehrten in Erfahrung zu bringen, der vielleicht über das entscheidende Wissen zur Lösung des Rätsels verfügt …
Für The Wonder Engine, den zweiten Band von T. Kingfishers (alias Ursula Vernons) Zweiteiler Clocktaur War, gilt in hohem Maße das, was schon am ersten Band Clockwork Boys aufgefallen ist: Es gibt vieles, was man kritisieren kann, aber alles in allem bietet das Buch dennoch vorzügliche Unterhaltung. Am meisten stören in diesem Band sicher der schwache Auftakt der dramatischen Auflösung, der sich wie die Beschreibung eines Kampfs gegen einen bizarren Computerspielendgegner mit hohem Ekelfaktor liest, eine Reihe von Flüchtigkeitsfehlern (heißt z.B. die Mutter von Slates Informantin nun Blind Molly oder Blind Jenny?) und eine gewisse Vorhersehbarkeit. Allen, die wie die Rezensentin schon am Ende von Band 1 einen Verdacht hatten, wo sich der dort so jäh verschwundene Dämon aufhalten könnte, sei also hiermit möglichst spoilerfrei gesagt, dass er in der Tat genau da ist, wo man ihn vermutet, und dass das auch exakt die durch zahlreiche Vorausdeutungen im Laufe beider Bände angekündigten Konsequenzen hat. Während man das Was in diesem spezifischen Handlungsstrang also schon früh erahnen kann, ist das Wie zugegebenermaßen durchaus packend in Szene gesetzt und wird von den nach wie vor feinfühlig und mit viel Humor geschilderten Figuren getragen.
Die Charaktere, die alle jeweils eine schlüssige Entwicklung durchmachen, sind also auch diesmal das Herzstück der Geschichte und in ihrer Vielschichtigkeit glaubwürdig. Glücklicherweise gewinnt auch der im ersten Teil noch etwas beliebig wirkende Weltenbau hier an Tiefe, insbesondere, was die Gnole betrifft, zu denen Vernon spannende Ideen über körperliches, soziales und grammatisches Geschlecht und über die Bedeutung nonverbaler Kommunikation entwickelt. In diesem Zusammenhang darf auch Edmund besonders glänzen, der sonst im komplizierten Beziehungsgeflecht der Hauptfiguren eher etwas nebenherläuft. Vergnüglich und zuweilen anrührend ist auch Vernons Gespür für Alltäglichkeiten wie Taschentücher, Socken oder Zigaretten, die in den passenden Situationen allesamt mit viel Bedeutung aufgeladen werden und so ein beträchtliches Maß unmittelbarer Menschlichkeit in die Weltrettungshandlung mit einfließen lassen.
In der Zusammenschau betrachtet bilden beide Bücher so ein lesenswertes und originelles Fantasyabenteuer, das einerseits genug gewohnte Elemente enthält, um über weite Strecken ein wohlig-nostalgisches Questenvergnügen zu bieten, ihnen andererseits aber solch ein individuelles Gepräge verleiht und derart gezielt mit literarischen Klischees spielt, dass der intellektuelle Spaß am Lesen hinter der emotionalen Ebene nicht zurückbleibt.

T. Kingfisher: The Wonder Engine. Clocktaur War Book Two. Red Wombat Tea Company, 2018, E-Book (Kindle Edition).

 


Genre: Roman

Der Brief im Taxi

Die Reiseschriftstellerin Cécilie ist mit dem persönlich gutmütigen, beruflich aber ehrgeizigen Banker Gustave verheiratet, der ihren intellektuellen Ansprüchen und ihrer Abenteuerlust mit den Jahren immer weniger gerecht wird. Ihr eigentlicher Vertrauter ist daher ihr Bruder Alexandre, ein lebenslustiger Künstler. Als sie dessen Geliebte Gilberte zum Bahnhof begleitet, verliert Cécilie im Taxi einen Brief brisanten Inhalts. Das Schreiben fällt ausgerechnet dem seit einer ihrer Reisereportagen von ihr faszinierten Paul in die Hände. Cécilie hält ihn fälschlich für einen Erpresser, und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf …
Louise de Vilmorins Roman Der Brief im Taxi, der zuerst 1958 erschien und nun in einer neuen Übersetzung von Patricia Klobusiczky vorliegt, ist ein fein beobachtetes Kammerspiel um Liebe und Lebenslügen. Ein kleiner Reigen von Figuren wird durch den Verlust des titelgebenden Briefs und Cécilies unbedachte Reaktion darauf gezwungen, seine bisherigen Beziehungen zueinander zu überdenken und teilweise neu zu gestalten. Gesunder Menschenverstand ist dabei nicht unbedingt die Stärke der Protagonisten – gerade Cécilie neigt in ihrer exaltierten Art dazu, sich selbst immer wieder ein Bein zu stellen -, doch die Geschichte ist in ihrer oft nur skizzenhaften, aber immer treffenden Figurenzeichnung so schön erzählt, dass man ihr den etwas zu konstruierten auslösenden Vorfall rasch verzeiht.
Louise de Vilmorin ist vor allem eine Meisterin der Umgebungsbeschreibung. Vom originell eingerichteten Haus der Hauptfigur (komplett mit als „Ali-Baba-Höhle“ bezeichneter Bibliothek) über die oft als Treffpunkt genutzten Restaurants bis hin zu den in Gesprächen erwähnten fernen Weltgegenden  stehen einem die Handlungorte plastisch vor Augen. Gleichzeitig erlaubt sich die Autorin jedoch auch ein charmantes Spiel mit Auslassungen und Nicht-Beschreibungen, am augenfälligsten in der Passage, in der die Tischordnung eines Abendessens nicht geschildert, sondern einfach als schematische Zeichnung präsentiert wird.
Angesichts des präzisen Heraufbeschwörens des äußeren Raums überrascht es nicht, dass das Motiv des Reisens den Roman wie ein roter Faden durchzieht: Ein Aufbruch zu einer Reise wird indirekt zum Auslöser des gesamten Geschehens, die tragikomischen Reiseerinnerungen, in denen Gustaves Vorgesetzter schwelgt, sind das einzig Spannende in einem ansonsten bieder-bürgerlichen Leben, und die  Entfremdung Cécilies von ihrem Mann zeigt sich nicht zuletzt darin, dass für ihn das einst auf den Kauf eines Schiffs und gemeinsame Reisepläne ausgerichtete Geldverdienen längst zum Selbstzweck geworden ist. Fast noch eine größere Rolle als diese tatsächlichen Reisen spielen die imaginierten, denen Cécilie sich immer wieder hingibt. Die Antwort auf die Frage, wer bereit ist, sie darauf zu begleiten (oder aber die gedankliche Mitreise verweigert), sagt viel über das Verhältnis der Betreffenden zu ihr aus. Dass diese Tagträume jedoch keine Realität sind, sondern an pragmatischer, wenn auch gutgemeinter Phantasielosigkeit zerschellen können, sorgt für die entscheidende Wende zum Schluss.
Bis dahin kann man sich aber an der geschilderten Schnittstelle von Bürger- und Künstlermilieu herrlich durchs alte Paris treiben lassen und sich an Patricia Klobusiczkys Sprachkunst erfreuen, da die Übersetzerin gerade in den oft übersteigerten Dialogen überzeugende Lösungen findet, das gewiss nicht immer einfach zu fassende französische Original ins Deutsche zu übertragen.

Louise de Vilmorin: Der Brief im Taxi. Roman. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Zürich, Dörlemann, 2016, 208 Seiten.
ISBN: 9783038200338


Genre: Roman

Eine Frau am Telefon

Die Ehe ist längst gescheitert, die Kinder sind aus dem Haus: Charlène versucht, sich im Leben neu zu orientieren, und hofft, vielleicht noch einen zweiten Frühling zu erleben, als eine Krebserkrankung ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen droht. Da hilft nur eines: ausgedehnte Telefonate mit der erwachsenen Tochter, der Charlène ungehemmt ihr Herz ausschütten kann …
Wer schon immer heimlich den bösen Verdacht hatte, dass der Unterschied zwischen Trivialliteratur und anspruchsvollen Texten nicht unbedingt immer im Inhalt, sondern oft nur in der Form besteht, wird sich darin durch die Frau am Telefon voll und ganz bestätigt finden. Charlènes mehr als einmal hart am Klischee vorbeischrammende Erlebnisse zwischen Onlinedating, Krankenhausleid, Pauschaltourismus, im Keim scheiternden schriftstellerischen Ambitionen, Familienzwist und Aufenthalt in der Psychiatrie könnten eigentlich auch einen lockeren Unterhaltungswälzer füllen. Das besondere an Carole Fives Roman Eine Frau am Telefon ist also weniger das, was geschildert wird, sondern die Tatsache, dass der Titel Programm ist (und – übrigens eine Seltenheit – tatsächlich einmal den französischen Originaltitel Une femme au téléphone exakt übersetzt). Der gesamte Text besteht aus einem endlosen, auf verschiedene Telefonate aufgeteilten Monolog der Protagonistin, die in unterschiedlichen Stimmungen und Situationen ihrer Tochter mitteilt, was in ihrem Leben gerade passiert und was ihr dazu durch den Kopf geht.
Gefiltert durch den Blick dieser stets emotionalen, oft auch launischen und schwierigen Ich-Erzählerin entsteht so ein ganzer kleiner Kosmos aus Freunden, Kindern, Enkeln und Männerbekanntschaften, an denen sich Charlène himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt abarbeitet. Das ist teils unterhaltsam, teils nervtötend und könnte in gekürzter Form auch ein amüsantes Ein-Personen-Stück für die Bühne statt eines Romans abgeben. Stilistisch bleibt in der Übersetzung von Anne Braun gut die Anmutung des gesprochenen (manchmal auch geradezu hervorgesprudelten) Worts gewahrt, so dass man streckenweise durchaus glauben kann, hier eine Seite eines echten Telefongesprächs zu belauschen. Auf die Dauer jedoch stellt sich ein wenig der Eindruck einer überlangen Schreibübung ein, weil der Hauptreiz eben wirklich nur in der originellen Erzählweise und der Charakterisierung der in ihrer Subjektivität unzuverlässig berichtenden Protagonistin besteht. Mehr als die 127 Seiten, die das Buch umfasst, hätte dieser Ansatz wohl nicht hergegeben, aber als Experiment ist er durchaus lesenswert und etwas anderes als die gewohnte Romankost.

Carole Fives: Eine Frau am Telefon. Wien, Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, 2018, 127 Seiten.
ISBN: 9783552063624


Genre: Roman

The Arkadians

Die Wahrsager Calchas und Phobos haben dem tumben Krieger Bromios zur Herrschaft über das Königreich Arkadia verholfen und nutzen ihre Machtstellung an seinem Hof nun skrupellos aus, um Anhänger der alten matriarchalen Religion zu verfolgen und sich selbst zu bereichern. Der Schreiber Lucian kommt Unregelmäßigkeiten in der Palastbuchführung auf die Schliche und ist naiv genug, seine Entdeckung ausgerechnet Calchas zu offenbaren. Fortan muss er um sein Leben fürchten. Auf seiner Flucht aus der Hauptstadt Metara schließen sich ihm der in einen Esel verwandelte Dichter Fronto und die zauberkundige Joy-in-the-Dance an. Frontos einzige Hoffnung auf Rückverwandlung besteht darin, sich an die menschliche Verkörperung der entschwundenen Göttin zu wenden, die „Lady of Wild Things“. Doch auf dem Weg zu deren Heiligtum am Berg Panthea lauern ungeahnte Gefahren, und die mächtige Frau selbst steht in dem Ruf, arkadischen Männern nicht unbedingt wohlgesonnen zu sein …
Lloyd Alexander ist vor allem als Autor der Prydain Chronicles um den jungen Taran bekannt. Einige Elemente in seinem charmanten Jugendbuch The Arkadians ähneln auch tatsächlich den aus der berühmteren Reihe schon vertrauten: In beiden Fällen sammelt ein zunächst unbedarfter jugendlicher Held nach und nach Gefährten um sich, darunter ein ihm in mancherlei Hinsicht überlegenes Mädchen und einen vom Pech verfolgten Dichter, und die wichtigste Inspirationsquelle ist jeweils die Mythologie (bei Taran die keltisch-walisische, in diesem Fall die griechische). Ein reiner Abklatsch der älteren Serie in mediterranen Gefilden ist The Arkadians aber dennoch nicht.
Zum einen unterscheidet sich die Grundstimmung erheblich. Schwingt in den Prydain Chronicles bis zum bittersüßen Ende immer ein gewisses Maß an Düsternis und Verlust mit, sind Lucians Abenteuer trotz aller Härten, denen sich die Protagonisten stellen müssen, durchgehend sehr heiter und humorvoll erzählt und von spritzigen Dialogen und viel Situationskomik geprägt.
Zum anderen sind The Arkadians, auch wenn sie ursprünglich für Jugendliche und ältere Kinder gedacht sein mögen, fast eher eine für Erwachsene geeignete Lektüre, sind sie doch in hohem Maße ein literarisches Spiel, in dem es oft auch ganz explizit ums Geschichtenerzählen und um stilistische Fragen geht. Homer, Ovid, Apuleius und Lukian von Samosata haben dafür erkennbar ebenso Anregungen geliefert wie die typische Struktur antiker Romane, und neben Ilias und Odyssee sind auch die  Sagen um Pandora, den Minotaurus, Narziss und Echo und noch manche mehr mit eingeflossen, wenn auch nicht selten ironisch auf den Kopf gestellt.
Abgesehen davon, dass auch noch Zentauren und Faune in einer Form, die der Phantasie des Palaiphatos entsprungen sein könnte, durchs Bild huschen, fügt Alexander der bezaubernden Mischung eine Fülle von religions- und kulturhistorischem Wissen und Anspielungen auf die minoische und mykenische Kultur hinzu (dass die „Lady of Wild Things“ namentlich und zum Teil auch in ihrem Habitus an die Potnia theron angelehnt ist, stellt dabei nur ein spannendes Detail unter vielen dar). Beim Lesen immer neue dieser oft augenzwinkernd eingeflochtenen Einzelheiten zu entdecken, macht einfach großen Spaß.
Ganz perfekt ist der Roman dennoch nicht. Manchen Entwicklungen hätte man mehr Platz zur allmählichen Entfaltung gewünscht, und dafür, dass die Frage nach einem gerechten Geschlechterverhältnis eines der zentralen Themen des Buchs ist, gibt es bis auf die furios in Szene gesetzte Joy-in-the-Dance viel zu wenige Frauengestalten, die mehr als nur Hintergrundfiguren sind. Doch von diesen kleinen Wermutstropfen sollte man sich nicht weiter stören lassen. Insgesamt betrachtet sind The Arkadians nämlich trotz allem herrliche Wohlfühllektüre und für Antikeninteressierte ebenso ein Hochgenuss wie für Fantasyfans.

Lloyd Alexander: The Arkadians. London / New York u.a., Puffin Books, 1997 (Original: 1995), 276 Seiten.
ISBN: 9780140380736


Genre: Kinderbuch, Roman

Finnikin of the Rock

Jahrelang streift der junge Finnikin mit seinem Mentor Sir Topher unstet durch die Lande. Ihre Heimat, das beschauliche Lumatere, ist ihnen verschlossen, seit die Herrscherfamilie von Unbekannten ermordet wurde, ein Usurpator auf dem Thron sitzt und eine sterbende Hexe das Königreich mit einem Fluch belegt hat. Doch eine Äußerung der hellseherisch begabten, aber undurchsichtigen Novizin Evanjalin lässt die beiden Flüchtlinge neue Hoffnung schöpfen: Angeblich ist Finnikins Kindheitsfreund, der Kronprinz Balthazar, wider Erwarten doch noch am Leben. Er allein könnte Lumatere erlösen – doch um ihn aufzuspüren, gilt es erst einmal, Finnikins Vater, einen in Ungnade gefallenen Gardehauptmann, aus einem berüchtigten Gefängnislager zu befreien …
Melina Marchettas Finnikin of the Rock ist der Eingangsband der Reihe Lumatere Chronicles, kann aber problemlos als in sich abgeschlossener Roman gelesen werden. Ob die Lektüre sich allerdings lohnt, ist eine andere Frage, die nicht ganz einfach zu beantworten ist. Denn selbst bei wohlwollender Betrachtung ist Finnikin of the Rock ein Buch, in dem der märchenhaft-naive Weltenbau und die drastischen Themen bis zum Schluss nicht so recht miteinander harmonieren.
Lumatere ist ein selbst für die Verhältnisse pseudomittelalterlicher Fantasy winziges und ursprünglich idyllisches Königreich, in dem jeder jeden kennt, ein Herzog allenfalls so etwas wie ein besserer Dorfvorsteher ist, die wirtschaftlichen Verhältnisse eher simpel geordnet sind und dennoch mehrere kulturell äußerst unterschiedliche Bevölkerungsgruppen bestehen. Selbst der Kontinent Skuldenore, auf dem Lumatere liegt und der für seine Bewohner offenbar die gesamte bekannte Welt darstellt, scheint geographisch eher bescheiden dimensioniert zu sein und ist problemlos binnen kürzester Frist zu durchreisen.
Während die Kulisse also irgendwo zwischen Kinderbuch und Zaubermärchen zu verorten ist und nicht unbedingt einen hohen Grad an Realismus beanspruchen kann, spielt sich in ihr Düsteres ab. Flüchtlingselend, Seuchen, Religionskonflikte, Misshandlungen, Massaker, zerstörte Kindheiten und vor allem immer wieder auch sexuelle Gewalt sind wichtige Elemente der Handlung, mag sie vordergründig auch als ganz klassische Questengeschichte um die Rückgewinnung eines verlorenen Throns daherkommen. Doch mit Lug, Trug und (versuchter) Vergewaltigung ist selbst innerhalb der zusammengewürfelten Heldentruppe zu rechnen, und dass manches davon am Ende doch recht leicht verziehen wird, passt nicht ganz zu dem sonst spürbaren Bemühen, den Protagonisten Tiefe und eine überzeugende Psychologie zu verleihen.
Einzelne Szenen und Figurenkonstellationen sind nämlich durchaus gelungen. So ist etwa Finnikins Verhältnis zu seinem Vater Trevanion ein ständiger Balanceakt zwischen den Überresten kindlicher Heldenverehrung und dem erwachsenen Reiben an den unbestreitbar vorhandenen Ecken und Kanten. Auch Evanjalin ist in ihrer komplexen Mischung aus Skrupellosigkeit, Pathos und Verletzlichkeit eine nicht uninteressante Gestalt. Punktuell ist vieles sehr fein beobachtet und wird nicht ohne Humor kritisch beleuchtet, ob es nun um das Geschlechterverhältnis, die Bedeutung von Heimat und Zugehörigkeitsgefühl oder die Reaktion auf Veränderungen der eigenen gesellschaftlichen Stellung (im Guten wie im Bösen) geht.
All dies könnte in einer anderen Umgebung lohnende Denkanstöße liefern und gerade auch hinsichtlich der Flüchtlingsthematik aktuell wirken. Doch das Ineinandergreifen der so disparaten Teilstücke funktioniert einfach nicht gut genug, um das Gefühl zu verscheuchen, dass hier zusammengeworfen wird, was eigentlich nicht zusammenpasst. In der Gesamtschau will Finnikin of the Rock einfach zu viel auf einmal sein, mystisches Märchen, traditionelles Reiseabenteuer, Entwicklungsroman, mahnende Schilderung von Leid und Elend und nicht übertrieben optimistische Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der menschlichen Natur. Über dieses etwas holprige Konglomerat trösten am Ende nicht einmal Marchettas flüssiger und leicht lesbarer Stil und ihr Gespür für Spannung und Dramatik hinweg. So bleibt ihr Roman einer, dessen bemerkenswerten Ansätzen man eine gekonntere Ausführung gewünscht hätte.

Melina Marchetta: Finnikin of the Rock (Lumatere Chronicles – Book One), London, Walker Books, 2014 (Original: 2008), 512 Seiten.
ISBN: 9781406355895


Genre: Roman

Adieu Paris

Frankreich zur Zeit des Algerienkriegs. Drei Soldaten wider Willen – der Intellektuelle Lachaume, der Kommunist Valette und der Lebemann Lasteyrie – verbringen ihren kurzen Heimaturlaub in Paris. Doch die dortige Bevölkerung will von dem fernen Krieg möglichst wenig wissen, und auch Angehörige und Freunde stehen der belastenden Situation eher hilflos gegenüber. Gemeinsam mit der jungen Deutschen Lena lassen die drei sich ziellos durch Paris treiben, während die Rückkehr nach Nordafrika unaufhaltsam näherrückt …
Antikriegsliteratur muss sich oft den Vorwurf gefallen lassen, gutgemeint, aber nicht effektiv zu sein. Die enthaltenen Kriegsschilderungen, so das Argument, könnten der Leserschaft durchaus auch aus den falschen Gründen gefallen und so den eigentlich intendierten Zweck in sein Gegenteil verkehren.
Der im Original schon 1957 erschienene Roman des ehemaligen Résistance-Kämpfers Daniel Anselme ist ganz eindeutig ein Plädoyer gegen den Krieg, schlägt aber einen anderen Weg ein, als ausführlich Schrecken und Blutvergießen zu schildern. Die schlimmen Erlebnisse der drei jungen Wehrpflichtigen werden nur in Andeutungen skizziert, aber umso detailreicher und einfühlsamer wird gezeigt, was ihre Erfahrungen bei ihnen angerichtet haben. Früher Wichtiges und Tröstliches – sei es nun Lachaumes geliebte Klassikerlektüre oder Valettes harmonisches Familienleben – reicht nicht mehr aus, um das Durchgemachte zu verarbeiten und auszugleichen, und Gesellschaft und Politik scheinen nur mit Gleichgültigkeit und Untätigkeit auf die Situation zu reagieren. Bezeichnenderweise ist die Einzige, die zeitweise so etwas wie eine Illusion von Geborgenheit spenden kann, mit Lena eine Fremde aus dem Deutschland der Nachkriegszeit, die mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen hat.
Um dieses Gefühl der Entfremdung in der eigenen Heimat besser zu verstehen, empfiehlt es sich, vor dem eigentlichen Roman das Nachwort der Übersetzerin Julia Schoch zu lesen, die nicht nur bei der Übertragung ins Deutsche, sondern auch bei der Einordnung in den historischen Kontext großartige Arbeit leistet. Sie zeichnet das Bild eines verheerenden, aber totgeschwiegenen Konflikts, der in Frankreich prägend für eine ganze Generation junger Männer wurde und bis heute Auswirkungen hat.
Wer allerdings nun glaubt, mit Adieu Paris ausschließlich einen deprimierenden und düsteren Roman vor sich zu haben, dessen Stärken allein in eindringlicher Kritik und der Darstellung verzweifelter Ausweglosigkeit liegen, tut dem Buch unrecht. Denn Daniel Anselme ist trotz seines ernsten Themas ein sehr unterhaltsamer Erzähler mit gutem Gespür für pointierte Dialoge und interessanter Figurenkonstellationen, vor allem aber auch ein grandioser Schilderer des alten Paris gewissermaßen „von unten“, von Kneipen, Arbeitervierteln, schäbigen Hotels und Straßenszenen. Ungeachtet der betroffen machenden historischen Situation schwingt in der Beschreibung des Driftens durch die Stadt und der Suche nach Ablenkungen oft ein Hauch von Leichtigkeit und Poesie mit, der deutlich macht, dass es viel Lebenswertes gäbe, wenn über den Protagonisten nicht das Damoklesschwert der Rückkehr ins Kriegsgebiet hängen würde. So ist der Roman nicht nur thematisch lesenswert, sondern zugleich bemerkenswerte Erzählkunst.

Daniel Anselme: Adieu Paris. Zürich / Hamburg, Arche Literatur Verlag, 2015 (Original: 1957), 206 Seiten.
ISBN: 9783716027196

 


Genre: Roman