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Die Feuertore

Norddeutschland 1784. Jakob Frahm, der eine Laufbahn im Verwaltungsdienst anstrebt, tritt seine erste Stelle an, aber anders als erwartet nicht in Moisburg. Der Amtmann als sein Vorgesetzter schickt ihn umgehend ins beschauliche Elstorf weiter, nicht etwa nur zur weiteren Ausbildung, sondern vor allem zu Spionagezwecken, vernachlässigt doch Ludwig von Lohfeld, der die dortige Vogtei unter sich hat, seine Pflichten immer mehr zugunsten mysteriöser Forschungen. Jakob soll herausfinden, was es damit auf sich hat. Für den jungen Mann, der sich den Idealen der Aufklärung verpflichtet fühlt, scheint der Fall auf den ersten Blick klar zu sein: Lohfeld ist offensichtlich ein exzentrischer alter Kauz, der sich in abergläubische Vorstellungen über Meteoriteneinschläge verrannt hat und seinem einseitigen Interesse an dieser Thematik viel Zeit und Geld opfert, ganz zu schweigen davon, dass er auch seine leidgeprüfte Tochter Charlotte schlecht behandelt. Dann aber prophezeit eine fahrende Wahrsagerin Beängstigendes, und als bald darauf tatsächlich ein Meteorit in unmittelbarer Nähe von Elstorf niedergeht, muss Jakob sich die Frage, ob Lohfelds Theorien tatsächlich bloßer Unfug sind, noch einmal neu stellen.

Die Feuertore von Martin Schemm sind laut Untertitel ein historischer Roman, und wenn man möchte, kann man das Buch auch als einen begreifen, dessen Handlung einmal nicht, wie im Genre sonst gängig, im städtischen oder höfischen Milieu, sondern in der Welt dörflicher Honoratioren angesiedelt ist. Auch aufgrund der Beschränkung der Perspektive auf den Ich-Erzähler Jakob, der immer wieder selbst nicht ganz einzuschätzen vermag, womit er es zu tun hat, bleibt dem Lesepublikum nämlich in bester Schimmelreiter-Manier die endgültige Klarheit darüber vorenthalten, inwieweit die Hintergründe der immer verstörenderen Ereignisse, mit denen sich der Protagonist konfrontiert sieht, tatsächlich übernatürlich sind.

Lässt man sich jedoch auf diese Deutung ein, für die vielleicht nicht nur spricht, dass in dieser Geschichte ausgerechnet ein Jakob eine Traumvision erlebt, hat man ein Buch mit reizvollem Fantasy-Einschlag vor sich, in dem der Autor aus der historischen belegten Verehrung von Meteoriten in Kulten der Antike und Sagen über Irrlichter und schaurige Begebenheiten eine ganz eigene Version von Portalen zwischen menschlicher und göttlicher Sphäre entwickelt.

Eingebettet in liebevolle Beschreibungen der norddeutschen Landschaft mit ihren Äckern, Wäldern und Hügelgräbern und der Handlungszeit mit ihrer Literatur, Musik und Korrespondenzkultur entwickelt sich so parallel zu der zarten und den historischen Umständen angemessenen Liebesgeschichte zwischen Jakob und Charlotte schleichend immer stärker ein Gefühl des Bedrohlichen und Geheimnisvollen. Was erst nur leises Unbehagen im Hintergrund ist, kulminiert schließlich in rätselhaften Vermisstenfällen und gar dem Tod eines Menschen, und auch wenn gegen Ende vordergründig eine gewisse Normalität wieder Einzug hält, wird der Eindruck, dass Unheimliches und mit reiner Vernunft nicht zu Bewältigendes schon hinter dem nächsten Waldrand lauern könnte, hier zu geschickt erzeugt, um mühelos abzuschütteln zu sein. Einen Kontrapunkt dazu bilden die – ungeachtet aller Lästigkeit für die sympathischeren Gestalten des kammerspielartig reduzierten Figurenensembles – durchaus humoristischen Situationen, die sich aus der Hartnäckigkeit eines unwillkommenen Bewerbers um Charlottes Hand und der weniger abstoßenden, aber ebenso unerwünschten Schwärmerei einer flüchtigen Bekannten für Jakob ergeben.

Für alle, die sich im südlichen Hamburger Umland ein bisschen auskennen, trägt zum Unterhaltungswert der Lektüre sicher auch noch bei, hier vertraute Orte zu „besuchen“ und sich klarzumachen, dass sich in gut 240 Jahren nicht nur architektonisch einiges geändert hat: So hält beispielsweise eine mit modernen Verkehrsmitteln rasch zurückgelegte Strecke (etwa von Elstorf nach Langenrehm) die Figuren im 18. Jahrhundert eine ganze Weile beschäftigt, bis sie endlich ans Ziel gelangen, und auch wenn man das in der Theorie natürlich ohnehin weiß, ist es vielleicht noch einmal eindringlicher, wenn einem die Gegend, um die es geht, in ihrer heutigen Gestalt vor Augen steht.

Aber auch abseits solcher Detailbeobachtungen macht es Spaß, Jakob durch sein Abenteuer zu folgen, das sich formelhaften Handlungsmustern größtenteils verweigert und beweist, dass spannende Geschichten sich auch abseits des Gewohnten und schon oft Gelesenen erzählen lassen.

Martin Schemm: Die Feuertore. Historischer Roman. Feldafing, hansanord Verlag, 2023, 240 Seiten.
ISBN: 978-3-947145-66-9


Genre: Roman

Sword & Thistle

Berufsabenteurer Dobbin Thornhill möchte sich eigentlich einige Tage in der quirligen Hafenstadt Eastborne erholen, doch seine Anwesenheit bleibt einem reichen Auftraggeber nicht verborgen, der ihn sofort für eine neue Queste einspannt: In den Ruinen einer vor langer Zeit von einem Drachenangriff in Schutt und Asche gelegten Zwergenmetropole sollen ganz besondere Pilze wachsen, an denen ein exklusiver Kreis von Gourmets höchst interessiert ist. Der Lohn dafür, sie unter großen Gefahren zu beschaffen, ist so fürstlich, dass Dobbin und einige Menschen, die ihm am Herzen liegen, danach ausgesorgt hätten, und so lässt er sich darauf ein. Doch die Erinnerung daran, dass er vor Jahren schon einmal in ein angeblich allerletztes Abenteuer ausgezogen ist, lässt ihn nicht los, denn die damaligen Ereignisse haben seinen besten Freund Henrik das Leben gekostet.

S. L. Rowlands Roman Sword & Thistle schließt lose an sein älteres Buch Cursed Cocktails an, dessen Protagonisten auch kurze Auftritte am Rande haben, ist aber keine direkte Fortsetzung, sondern erzählt eine eigene Geschichte um andere Figuren. Die Welt ist weiterhin ein typisches Rollenspielsetting mit verschiedenen Fantasyvölkern, in dem eine Verwundung im Handumdrehen durch einen Heiltrank weggezaubert werden kann und eine einflussreiche Gilde das Ausziehen ins Abenteuer zum ganz regulären Karriereweg macht. Anders als im ersten Teil der Reihe gibt es hier jedoch einen klassischen Questenplot, der allerdings den Spielregeln der Cozy Fantasy folgt. Hier wird nicht gleich die Welt gerettet, sondern mit der Pilzsuche zunächst nur ein relativ unbedeutendes Ziel angestrebt, und mit menschlichen oder menschenähnlichen Gegnern rauft sich Dobbin im Regelfall schon noch irgendwie zusammen, während die Hauptgefahren von Naturwesen oder bösartigen Geistern ausgehen.

Wichtiger als die ziemlich geradlinig und ohne allzu viele überraschende Wendungen erzählte Abenteuerhandlung ist aber letztlich auch Dobbins schrittweise Überwindung seiner Vorurteile gegen bestimmte Geschöpfe und seiner von der Trauer um Henrik und dem diesbezüglichen schlechten Gewissen ausgelösten Einsamkeit. Unterwegs gewinnt er nicht nur ein sehr spezielles, amüsant geschildertes Schwein als Haustier, sondern schließt natürlich auch neue Bekanntschaften oder lässt alte wiederaufleben.

Während in dieser Hinsicht manches – ob nun seine vorsichtige Wiederannäherung an Henriks Witwe, der er seit dem Tod des Freundes aus dem Weg gegangen ist, oder seine erst widerwillige Zusammenarbeit mit der Zwergendruidin Myrtle, die aus anderen Gründen am selben Ort wie er zu tun hat – durchaus sensibel geschildert ist, wäre seine „Liebesgeschichte“ (die ich aus guten Gründen in Anführungsstriche setze) eigentlich verzichtbar gewesen. Denn darüber, dass eine Figur, deren einziger anderer und recht kurzer Auftritt im Buch ein gemeinsames Besäufnis mit Dobbin samt anschließendem One-Night-Stand ist, im Epilog plötzlich wieder erscheint und sich offenbar im Handumdrehen zur festen Freundin entwickelt hat, mit der er gemeinsame Zukunftspläne schmiedet, lässt einen doch etwas verwirrt zurück.

Nachvollziehbar und sympathisch dagegen ist die große Bedeutung, die Bücher und Bibliotheken in der Geschichte haben, auch wenn Dobbins Methode, per nächtlichem Einbruch schnell noch einen Recherchebesuch vor der Reise ins Ungewisse zu arrangieren, etwas unorthodox sein mag. Als leichte und nett gemachte Lektüre für zwischendurch, die einen nicht überfordert, taugt Sword & Thistle damit auf alle Fälle, und sei es nur, weil Schweinchen Snort den anderen Charakteren problemlos die Schau stiehlt.

S. L. Rowland: Sword & Thistle, o. O., Aethervale Publishing, 2023, 284 Seiten.
ISBN: 978-8-9878502-2-0


Genre: Roman

Halber Stein

Als kleines Mädchen ist Sine, die der Minderheit der Siebenbürger Sachsen entstammt, mit ihren Eltern von Rumänien nach Deutschland ausgewandert und seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Der Tod ihrer Großmutter Agneta sorgt dafür, dass sie nun, da sie kurz nach ihrem Universitätsabschluss wenig mit sich anzufangen weiß und keine klaren Pläne hat, doch noch mit ihrem Vater in seinen Heimatort Michelsberg fährt. Dort sieht sie nicht nur unerwartet ihren Kindheitsfreund Julian wieder, sondern kommt auch einem lange totgeschwiegenen Familiengeheimnis auf die Spur und muss sich nicht zuletzt der Frage stellen, wer sie selbst ist und wie sie mit den Erinnerungen und historischen Besonderheiten, die sie und ihr Umfeld geprägt haben, umgehen will.

Der Titel Halber Stein, den Iris Wolff ihrem Buch um die Ich-Erzählerin Sine gibt, bezieht sich auf eine landschaftliche Besonderheit bei Michelsberg, einen augenscheinlich zerbrochenen Felsen, dessen zweite Hälfte fehlt. In ihm kommen zwei Grundzüge des feinsinnigen Romans zusammen, zum einen das Thema von Verlust und Vergänglichkeit, das nicht nur individuelle Schicksale, sondern auch die in ihrer über Jahrhunderte gewachsenen Gestalt vor dem Aus stehende Bevölkerungsgruppe der Siebenbürger Sachsen prägt, zum anderen aber die immense Bedeutung von Natur- und Umgebungsbeschreibungen, die ein entscheidendes Charakteristikum von Wolffs Erzählweise sind. Ob nun die spätsommerliche Landschaft, das ungewöhnliche Haus der Großmutter mit seinen verschiedenfarbigen Zimmern, seinem Garten und seinem vielfältigen Inventar oder die architektonischen Besonderheiten von Michelsberg und Hermannstadt, alles ist mit Bedeutung aufgeladen und für Sine voller Erinnerungen, die als kunstvolle Rückblenden mit der voranschreitenden Handlung in der Jetztzeit des Romans verwoben sind.

Ähnlich präzise und sensibel beobachtet sind die Figuren, die Gegenwart und Vergangenheit bevölkern: Sines alter Freund Julian, mit dem sie bald mehr als nur die Liebe zur Literatur teilt, der aber zugleich als Daheimgebliebener, dem ein Studium vorerst versagt war, auch wenn er sehr genau weiß, was er will, ihr Gegenbild ist, ihr Vater, ein Kunstmaler, dessen Verhältnis zu seiner Tochter im Zuge des gemeinsamen Abschieds von Agneta an Tiefe gewinnt, ihre Familie mütterlicherseits, die mit dem Kapitel Rumänien abgeschlossen hat oder haben will (und entsprechend physisch abwesend ist), allerlei Nachbarn und Bekannte der sympathischen oder der unersprießlichen Sorte und nicht zuletzt auch immer wieder Agneta selbst, die noch als Verstorbene ungeheuer präsent bleibt und deren schwierige Lebensgeschichte sich erst Stück für Stück enthüllt.

Zentral für die Erfahrungen aller Hauptfiguren ist dabei die Erkenntnis, dass man sich weder bei Menschen noch bei materiellen Habseligkeiten oder gar liebgewonnenen (Heimat-)Orten sicher sein darf, dass sie einem ewig erhalten bleiben werden, dass man aber durch die Erinnerung und durch ihre künstlerische Ausgestaltung (ob nun in Literatur, Malerei oder Handarbeit) eine Form des Umgangs mit dem Verlorenen finden kann, das es einem in gewisser Weise erhält.

Sprachlich ist all dies in eine sehr schöne Form gegossen, die sich angenehm liest und viel Gespür für Klang und Bedeutungsgehalt von Ausdrücken verrät, auch abseits der Passagen, die sich explizit damit befassen (etwa in Bezug auf Unterschiede zwischen dem Dialekt der Siebenbürger und den in Deutschland gängigen Bezeichnungen oder auf Sines Großmutter mütterlicherseits, die energisch Einfluss auf die Sprache ihrer Angehörigen zu nehmen versucht). Was vor dem Hintergrund dieses so bewusst anmutenden Sprachgebrauchs und der auch sonst spürbaren Einfühlsamkeit irritiert, ist allerdings die unbefangene Verwendung des nach heutigem Verständnis pejorativen Worts „Zigeuner“, obwohl parallel durchaus auch der neutrale Begriff „Roma“ auftaucht. Gerade angesichts dessen, dass der Roman die schwierige Situation einer Minderheit und ihre teils gezielte, teils unbewusste Diskriminierung sowohl in ihrer Heimat als auch in Deutschland schildert, hätte man sich hier einen reflektierteren Umgang mit einer anderen Minderheit erhofft.

Von diesem kleinen Stolpern abgesehen jedoch ist der Roman Halber Stein einer, der einen begeistern kann und den man sicher nicht nur ein einziges Mal lesen wird, sind doch Erzählkunst wie Inhalt ein mehrmaliges Einlassen auf ihren Zauber mehr als wert.

Iris Wolff: Halber Stein. Salzburg/Wien, Otto Müller Verlag, 5. Aufl. 2024, 296 Seiten.
ISBN: 978-3-7013-1319-8


Genre: Roman

The Teller of Small Fortunes

Die junge Tao zieht als fahrende Wahrsagerin durch die Lande, achtet nach schlechten Erfahrungen aber darauf, nur kleine Vorhersagen zu treffen und nichts allzu Weltbewegendes zu prophezeien, hat sie doch gute Gründe, nicht die Aufmerksamkeit der mächtigen Magiergilde auf sich ziehen zu wollen. Eine Zufallsbegegnung mit dem ehemaligen Söldner Mash und dem Gauner Silt bringt ihren Alltagstrott jedoch gehörig aus dem Gleichgewicht. Von Mash genötigt, bei der Suche nach dessen verschwundener, vielleicht gar entführter Tochter zu helfen, findet Tao in der kleinen Gruppe, zu der bald noch die abenteuerlustige Bäckerin Kina und die streunende Katze Fidelitus stoßen, so etwas wie eine Wahlfamilie. Doch wie viel Idylle lässt sich abseits des großen Weltgeschehens aufrechterhalten, wenn sich die politischen Spannungen zwischen Taos Herkunftsland Shinara und ihrer neuen Heimat Eshtera allmählich bis zur Kriegsgefahr steigern, die Gilde Tao doch noch auf die Spur zu kommen droht und jeder Hinweis auf das verschollene Kind ins Leere zu laufen scheint?

Eine unauffindbare Vierjährige, Rassismuserfahrungen der Hauptfigur, aus der Not geborene Kriminalität, eine Gilde, die Magiebegabte zwangsrekrutiert, und ein am Horizont aufziehender bewaffneter Konflikt – aus diesen Zutaten ließe sich ein ziemlich düsteres Buch machen. Aber Julie Leongs Roman The Teller of Small Fortunes ordnet sich dezidiert in das derzeit beliebte Subgenre Cozy Fantasy ein, und so ist es kein Wunder, dass hier die gemütlichen Abende am Lagerfeuer und in der Taverne, relativ harmlose Abenteuer am Wegesrand und die Herausbildung einer Freundesgruppe, die füreinander durch Dick und Dünn geht, die Hauptrolle spielen.

So sympathisch der Roman dadurch auch daherkommt, wünscht man ihm doch, gerade in Bezug auf die Figurenzeichnung und die vermittelten Lebensweisheiten, mehr Tiefe und Raffinesse. Während Taos Situation als unfreiwillige Migrantin und ihr unter anderem dadurch schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter, deren Heirat mit einem neuen Mann nach dem Tod von Taos Vater zur Übersiedlung von dem von China inspirierten Shinara ins europäisch anmutende Eshtera führte, durchaus sensibel und mit Zwischentönen dargestellt sind, werden andere Themen deutlich simpler behandelt. Julie Leong scheint großen Wert darauf zu legen, dass ihr Publikum ihre Einsichten und Ratschläge auch garantiert nicht missversteht, und so ist vieles sehr dick aufgetragen, statt unterschwellig vermittelt zu werden (besonders plakativ kommt in diesem Zusammenhang die Szene mit dem Brückentroll im 8. Kapitel daher, dem Kina in einer Art philosophisch-küchenpsychologischer Debatte leidenschaftlich ihre Lebenseinstellung auseinandersetzt). Auch die Art, wie immer wieder verbreitete Fantasy- und Rollenspielklischees auf die Schippe genommen werden, ist nicht unbedingt subtil.

Dieses gewisse Maß an Schlichtheit findet sich auch auf der Ebene der Wortspiele wieder (die aufgrund der darin zum Tragen kommenden verschiedenen Bedeutungen von fortune – „Schicksal“, „Glück“, aber auch „Vermögen“ – eine Übersetzung in eine andere Sprache nicht einfach machen dürften), denn fast schon zwangsläufig erfindet Bäckerin Kina im Laufe des Romans natürlich die fortune cookies, also Glückskekse. Ob man diesen Einfall eher zum Schmunzeln oder zum Fremdschämen findet, hängt vermutlich sehr von der individuellen Disposition ab.

Doch die Eigenart, ein wenig zu sehr an der Oberfläche zu bleiben, ist in der Cozy Fantasy ohnehin nicht selten, als wolle man sein Publikum in einer Geschichte, die warmherzig und aufmunternd sein soll, auch ja nicht intellektuell überfordern. Der Markt für inhaltlich nette Geschichten, die trotzdem etwas mehr erzähltechnischen Anspruch und Stoff zum Nachdenken bieten, ist wohl leider eher klein.

Alles in allem ist The Teller of Small Fortunes daher eine passagenweise ganz unterhaltsame Lektüre für zwischendurch, aber nicht unbedingt mehr, auch wenn man das Buch aufgrund einiger guter Ansätze gern lieber mögen würde, als es einem am Ende gelingt.

Julie Leong: The Teller of Small Fortunes. New York, Ace (Penguin Random House), 2024, 328 Seiten.
ISBN: 978-0-593-815191-5


Genre: Roman

Bären füttern verboten

In Sydneys Kindheit gab es für die ganze Familie kaum etwas Schöneres als den alljährlichen gemeinsamen Urlaub in St. Ives, doch der Unfalltod ihrer Mutter während des letzten dieser Ferienaufenthalte änderte alles. Jahrzehnte später kehrt Sydney, die inzwischen Zeichnerin ist, aber weit mehr Energie in ihr Hobby als Freerunnerin steckt und es damit ihrer Lebensgefährtin Ruth nicht immer leicht macht, im Rahmen der Arbeit an einer autobiographischen Graphic Novel nach Cornwall zurück und stellt sich den Schuldgefühlen, die sie noch immer umtreiben, weil sie den Tod ihrer Mutter verursacht zu haben meint – eine Sichtweise, die unterschwellig auch ihr Vater Howard teilt, der nie über den Verlust seiner Frau hinweggekommen ist. In St. Ives sorgt ein einschneidendes Ereignis dafür, dass mehrere Einheimische in Kontakt zu Sydney oder zu deren Umfeld geraten: Maria, die in einer lieblosen Ehe mit dem gewalttätigen Künstler Jon festsitzt und ihre eigenen malerischen Ambitionen unterdrückt, ihre von Minderwertigkeitskomplexen geplagte erwachsene Tochter Belle und deren Kollege in der örtlichen Buchhandlung, Dexter, der eigene Geheimnisse mit sich herumträgt. Ob aus all dem Tragischen und Belastenden, das sie verbindet, am Ende doch noch etwas Gutes erwachsen kann?

An Rachel Elliotts Roman Bären füttern verboten (dessen Titel angesichts der eher geringen Bärendichte in Cornwall symbolisch zu verstehen ist) besticht vor allem die Erzählweise. Von klug genutzten wechselnden Perspektiven geprägt, lässt sie auch manch Ungewöhnliches zu, so etwa Passagen aus dem Blickwinkel von Marias Wolfshund oder das wiederholte Eingreifen Toter, bei denen man sich nicht so ganz sicher sein kann, ob sie sich ausschließlich im Traum und in der Phantasie der Lebenden zu Wort melden oder nicht doch noch einen eigenen Willen haben (gerade im zweiten Kapitel aus der Sicht von Marias früh verstorbenem Verlobten Andy muss man Letzteres annehmen). Vergnügen haben kann man auch an weiteren Details, so etwa, wenn Schattenseiten der modernen Welt, von teilweise haarsträubenden Internetkommentaren bis hin zu überzogenen Optimierungsbestrebungen selbst der winzigsten Firmen, durch den Kakao gezogen werden. Zusammen mit den sensiblen Umgebungsschilderungen – Maria hat einen Blick für besondere Steine – und dem nicht nur in der Hundeperspektive mehrfach aufblitzenden Humor könnte das ein rundum schönes Buch ergeben, aber zwei doch recht entscheidende Irritationen sorgen dafür, dass nach der Lektüre eher ein leises Unbehagen zurückbleibt als reine Begeisterung über einen gelungenen Text.

Der vielleicht gewichtigere Punkt hängt mit Elliotts Behandlung queerer Themen zusammen. Die Unverkrampftheit, mit der sie die handelnden Personen sein lässt, wer sie nun einmal sind, ist im Grunde genommen sympathisch. Allerdings kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie bis zu einem gewissen Grade mit zweierlei Maß misst oder die Implikationen einer bestimmten Wendung schlicht nicht bedenkt. Denn während es im Buch neutrale bis positive Resonanz findet, lesbisch oder genderqueer zu sein, wird die Annahme einer jungen Frau, asexuell zu sein, nicht nur von einer älteren und erfahreneren Figur sogleich hinterfragt, sondern stellt sich im weiteren Verlauf der Handlung auch als Fehleinschätzung heraus, die dadurch, sich ein paar Gedanken zu machen und die richtige Person in bisher ungewohnter Aufmachung zu sehen zu bekommen, offenbar mühelos zu korrigieren ist. Natürlich steht es Elliott frei, das Selbstbild einer ihrer Gestalten als bisher falsch zu entlarven, aber ein bisschen stellt sich doch ein schaler Beigeschmack ein, als gäbe es selbst in diesem abweichenden Lebensentwürfen gegenüber sehr offenen Roman eben doch manche Brüche mit den traditionellen Normen, die akzeptierter sind als andere. Denn wie würde man den entsprechenden Handlungsstrang wohl aufnehmen, wenn beispielsweise eine männliche Figur genauso unverblümt gefragt würde, ob sie sich sicher sei, homosexuell zu sein, nur um kurz darauf durch die passende Frau tatsächlich eines Besseren belehrt zu werden?

Der Umgang mit der geschilderten Situation ist aber nicht der einzige Bereich, in dem Bären füttern verboten unbefriedigend bleibt. Stimmig auserzählt sind eigentlich nur Marias Geschichte und, verbunden damit, in Ansätzen auch Howards. Sydney dagegen, die erst als so zentrale Gestalt eingeführt wird, gerät immer mehr ins Hintertreffen, und das vielleicht nicht einmal gezielt, sondern eher so, als hätte sich das Interesse der Autorin schlicht auf andere Figuren verlagert. Zwar gelangt Sydney noch teilweise zur Selbsterkenntnis, wenn ihr klar wird, dass die Wurzel ihrer Probleme gar nicht so sehr das Ringen mit dem Tod ihrer Mutter, sondern viel eher ihr getrübtes Verhältnis zu ihrem überlebenden Vater ist, aber spätestens in der letzten Szene, in der sie auftritt, wird klar, dass sie nicht willens oder vielleicht auch nicht fähig ist, aus ihren Erkenntnissen heraus die nötigen Veränderungen in ihrem Leben vorzunehmen. Vielmehr – so lässt sich ahnen – wird sie wohl weiter nach Dingen gieren, die sie auf dem Weg, auf dem sie nach ihnen sucht, nicht bekommen kann. Welchen Schlussgedanken (So unabhängig und frei) Elliott ihr in den Kopf legt, wirkt vor diesem Hintergrund fast zynisch, denn gerade das wird Sydney wohl niemals sein, und der dadurch nachhallende Misston passt nicht sonderlich gut zu der eher hoffnungsvollen Richtung, in die sich anderes zu entwickeln begonnen hat.

So bleibt einem Bären füttern verboten trotz zahlreicher gelungener Passagen nach der Lektüre vor allem als ein Roman im Gedächtnis, der zwar kein schlechter ist, aber durchaus hätte besser sein können.

Rachel Elliott: Bären füttern verboten. 2. Aufl. Berlin, Insel, 2023, 334 Seiten.
ISBN: 978-3-458-68207-3

 

 


Genre: Roman

Die Abende in der Buchhandlung Morisaki

Das hier besprochen Buch ist Teil einer Reihe. Die Rezension des ersten Bandes ist hier zu finden.

Seit die junge Takako in einer Krisensituation Hilfe bei ihrem Onkel, dem exzentrischen Antiquar Satoru, gefunden und nicht zuletzt auch durch das Lesen neuen Lebensmut geschöpft hat, ist einige Zeit vergangen, aber die Buchhandlung Morisaki ist für sie weiterhin ein Anlaufpunkt, und stärker denn je ist sie selbst diejenige, die dort gebraucht wird. Denn ganz einfach haben Satoru und seine Frau Momoko es trotz überstandener holpriger Phasen ihrer Ehe immer noch nicht miteinander, und auch in dem neuen Bekanntenkreis, den Takako im Umkreis des Antiquariats gefunden hat, gibt es mancherlei Probleme. Was etwa belastet ihre äußerlich doch scheinbar so perfekte Freundin Tomo, und welches Geständnis hat Wada, in den Takako sich verliebt hat, zu machen? Doch all die Alltagssorgen erscheinen plötzlich klein, als ein herber Schicksalsschlag über Takakos Familie hereinbricht …

An ein besonders gelungenes und erfolgreiches Buch mit einer direkten Fortsetzung anzuknüpfen, ist immer ein heikles Unterfangen und glückt nicht in jedem Fall. Auch Satoshi Yagisawas neuer Roman Die Abende in der Buchhandlung Morisaki liest sich nicht ganz so wie der Vorgänger Die Tage in der Buchhandlung Morisaki, und das nicht nur, weil die Übersetzung, diesmal von Charlotte Scheurer, im Detail einen etwas anderen Stil als die des ersten Bandes zu haben scheint. Auch hier wird zwar wieder eine überwiegend ruhige Geschichte erzählt (auch wenn ein tragischer Krebstod mehr Dramatik als bisher gewohnt in die Handlung bringt), und es geht abermals um zwischenmenschliche Beziehungen und den Mikrokosmos des Antiquariatsviertels Jinbocho mit seinen teils kauzigen, teils liebenswerten Gestalten, doch ein entscheidender Aspekt, der Die Tage in der Buchhandlung Morisaki sehr prägt, kommt etwas zu kurz: der Zauber des Lesens an sich.

Natürlich wäre es bei dem gewählten Handlungsort ungewöhnlich, wenn Bücher gar keine Rolle mehr spielen würden, und sie kommen auch durchaus vor, von der Suche nach einem schier unauffindbaren über Parallelen zwischen Romanen und Realität sowie die Lektürevorlieben und Schreibambitionen einzelner Figuren bis hin zu einem unveröffentlichten und nur für einen einzigen, ganz besonderen Leser bestimmten Text. Aber der Charme der Geschichte, wie eine aus der Bahn geworfene junge Frau überhaupt erst zur eifrigen Leserin wird und durch die Literatur den Anstoß findet, auch wieder im übrigen Leben Fuß zu fassen, lässt sich in der Form nicht wiederholen, und so ist dieser zweite Band eher etwas für Fans des ersten, die wissen wollen, wie es mit liebgewonnenen Charakteren weitergeht. Ein schlechtes Buch ist es auch diesmal nicht geworden, sondern eines, das trotz aller traurigen Elemente mit vielen warmherzigen und positiven Momenten aufwartet. Allerdings funktioniert das alles wirklich besser als Anhängsel des schon Bekannten; allein für sich genommen hat es nicht ganz denselben Reiz.

Satoshi Yagisawa: Die Abende in der Buchhandlung Morisaki. Berlin, Insel Verlag, 2024, 256 Seiten.
ISBN: 978-3-458-64451-4


Genre: Roman

Bretonische Sehnsucht

Als der Musiker Lionel Saux nahe beim Hafen der entlegenen bretonischen Insel Ouessant tot im Wasser entdeckt wird, ist zunächst völlig offen, wie er ums Leben gekommen ist – war es ein tragischer Unfall, Suizid oder gar Mord? So wenig erfolgversprechend die Ermittlungen zunächst auch wirken, Kommissar Dupin muss sich besondere Mühe geben, denn ein Mitglied der Sirenen, einer keltischen Musikgruppe, die in engem Kontakt zu Saux stand, ist ausgerechnet die Nichte seines lästigen Vorgesetzten, der ihn nun unter Druck setzt, schnell Ergebnisse zu präsentieren. Doch das ist leichter gesagt als getan, wenn man sich nicht nur mit einem unliebsamen E-Bike anfreunden muss, sondern auch gezwungen ist, sich auf einer Insel voller Mythen und Legenden zurechtzufinden, auf der einen die angesehene Museumsleiterin ganz ernsthaft vor dem örtlichen Vampir warnt und den Druidinnen, die ein übereifriger christlicher Missionar vor Jahrhunderten in einen Steinkreis gebannt haben soll, von manchen Einheimischen durchaus noch ein Einfluss auf das Hier und Jetzt bescheinigt wird. Doch als erst eine zweite und dann noch eine dritte Leiche auftaucht, ist Dupin sogar bereit, seine Abneigung gegen riskante Bootsfahrten zu überwinden, um dahinterzukommen, was auf Ouessant eigentlich gespielt wird …

In seinem neuesten Krimi Bretonische Sehnsucht, dem 13. Band der Reihe um den ohne ausreichend Kaffee schlicht nicht einsatzfähigen Kommissar Dupin, ist Jean-Luc Bannalec (alias Jörg Bong) in Hochform. Während die Bände 11 und 12 eher etwas schwächer als ihre Vorgänger waren, schöpft Bannalec hier das Potenzial der keltischen (Musik-)Kultur und vor allem der lokalen Sagenwelt voll aus, bei letzterem Themenbereich so genüsslich, dass man ihm auch zutrauen würde, einen verdammt guten Fantasyroman zu schreiben, falls er je Lust darauf bekommen sollte. Denn auch wenn Bretonische Sehnsucht im Hier und Jetzt verwurzelt bleibt und es für alles, was geschieht, auch eine realistische Erklärung geben kann, wird geschickt mit der selbst rational denkende Menschen gerade in Extremsituationen befallenden Unsicherheit gespielt, ob nicht vielleicht doch im Hintergrund dann und wann Kräfte wirken, die sich einer strikt naturwissenschaftlichen Erklärung entziehen.

Wie gewohnt lebt der Roman aber auch von der detaillierten und liebevollen Schilderung von Land und Leuten, die sich hier, in einer abseits der Touristensaison oft auf sich selbst zurückgeworfenen, verschworenen Inselgemeinschaft, noch einmal anders ausnehmen als in der übrigen Bretagne. Historisches und Viehwirtschaft spielen diesmal eine große Rolle, aber es wäre kein Kommissar-Dupin-Krimi, wenn nicht auch kulinarische Genüsse breiten Raum einnehmen würden. Ein ungetrübtes Idyll ist Ouessant allerdings nicht, und das nicht nur, weil dort eben auch gemordet wird: Die Fragilität der Umwelt, die etwa unter Überfischung schwer zu leiden hat, wird ebenso thematisiert wie das Verschwinden traditioneller Lebensweisen und die Verwerfungen, die sich daraus ergeben können.

Die übliche Figurenkonstellation wird dadurch ein wenig aufgebrochen, dass Dupin die längste Zeit ohne das Organisationstalent Nolwenn, das ihm sonst den Rücken freihält, auskommen muss, denn seine Mitarbeiterin macht Urlaub, so dass die Rollen sich etwas anders als sonst auf das Ermittlerteam verteilen (abgesehen natürlich davon, dass Riwal wieder einmal sein reichhaltiges Wissen über die Bretagne von dem Kommissar, dem das rasch zu viel des Guten wird, ausbreiten darf).

So schwungvoll, unterhaltsam und je nach Blickwinkel auch augenzwinkernd phantastisch wie hier darf es gern weitergehen, denn dass es auch einen 14. Band geben wird, ist eigentlich zu erwarten.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Sehnsucht. Kommissar Dupins dreizehnter Fall. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2024, 416 Seiten.
ISBN: 978-3-462-00246-1


Genre: Roman

Schlangen und Stein

Als Perseus Medusa erschlägt, ist das nicht deren Ende: Vielmehr kehrt die Gorgo in Gestalt von neun Schwestern zurück, die sich – so die Hoffnung – irgendwann einmal zu einem einzigen Wesen wiedervereinigen und dessen alte Macht zurückgewinnen werden. Doch dazu ist das Haupt der ursprünglichen Medusa unabdingbar notwendig, und das hat Perseus an sich genommen. Viele Jahrhunderte später ist Sema, eine der Medusenschwestern, mit ihrer Gefährtin, der Gargoyle Elena, auf der Flucht vor den selbsternannten Söhnen des Perseus, einem mordlüsternen Männerbund, der sich nicht nur die Auslöschung der Gorgonen auf die Fahnen geschrieben hat, sondern mit dem Medusenhaupt, das inzwischen durch viele Hände gegangen und nach einer zeitweisen Rückeroberung durch eine der Schwestern gut versteckt ist, Böses plant. Doch Umae, die Medusenschwester, die den Verwahrungsort des Kopfes kennt, kommt im Kampf gegen die Söhne des Perseus zu Tode, und so ist es nun auf einmal an Sema und Elena, die Umaes überlebende Vertraute Christabel und Hector bei sich aufnehmen und Unterstützung von dem Magier John erhalten, die langersehnte Wiedervereinigung zu einer einzigen Medusa voranzutreiben. Aber das wird allen Beteiligten große Opfer abverlangen …

Die Inhaltszusammenfassung lässt es ahnen: Medusa ist in James A. Sullivans neuem Buch Schlangen und Stein, das schwungvoll und spannend in der jüngsten Vergangenheit angesiedelte Urban Fantasy mit einer klassischen Questengeschichte kombiniert, kein böses Monster, sondern vielmehr ein Opfer von Neid und Machtgier, das in seinen Teilreinkarnationen immer wieder gegen unverdienten Hass und Vorurteile ankämpfen muss. Zugegeben, völlig neu ist die Idee, dass Perseus der Schurke der Sage und Medusa die eigentliche Gute ist, nicht (schon bei Palaiphatos findet sich eine Variante, die Medusa vermenschlicht und aus Perseus einen ruchlosen Piratenanführer macht), aber wie Sullivan sie umsetzt, ist bemerkenswert und so voll intertextueller Bezüge, dass man wahrscheinlich allein darüber ganze Aufsätze schreiben könnte.

Neben uminterpretierten antiken Mythen, Popkulturellem, Historischem und Sullivans eigenen Werken (so gibt es z. B. in der besonderen Bedeutung des Begriffs „Großzügigkeit“ eine Anspielung auf seine Chroniken von Beskadur oder in der Existenz beseelter Statuen unter anderem auch aus China eine auf seinen Letzen Steinmagier) sind es vor allem Parzival und Willehalm des Wolfram von Eschenbach, die immer wieder eine Rolle spielen (auch wenn aus dem Mittelalter zusätzlich noch eine Minnegrotte à la Tristan eine Zeitlang als Handlungsort dient), und das nicht nur, weil angeblich ein gewisser Kyot – wie sich im Laufe des Buchs zeigt, identisch mit demjenigen in der Quellenfiktion des Parzival – für das immer wieder auszugsweise zitierte Buch der Gorgonen verantwortlich zeichnet.

Denn wie immer erzählt Sullivan auf besondere Weise und lässt dadurch, dass hier Elena und Sema abwechselnd als Ich-Erzählerinnen agieren, während andere Passagen eben als Teile des Buchs der Gorgonen Einblicke in die Vorgeschichte des Romans erlauben, unterschiedliche Perspektiven und Stile zum Tragen kommen, was der Geschichte auch über die packende Handlung hinaus große Lebendigkeit verleiht.

Doch nicht nur die Art des Erzählens ist typisch Sullivan: Vielmehr gewinnt man den Eindruck, dass hier bestimmte inhaltliche Lieblingselemente des Autors (wie die Reinkarnation einer Figur in verschiedenen Gestalten bis hin zur Unsterblichkeit, romantische und sexuelle Beziehungen mit mehr als zwei Partnern, [Selbst-]Zweifel und nicht zuletzt magisch miteinander verbundene Welten) noch stärker als in seinen anderen Romanen zum Tragen kommen. Aber auch die gesellschaftlichen und politischen Missstände, deren Bekämpfung ihm besonders am Herzen liegt (vor allem Rassismus samt Versklavung und Ausbeutung, aber auch Sexismus), werden unverstellter und direkter thematisiert werden als in seinen älteren Werken, in denen sie oft in symbolischer oder verklausulierter Form erscheinen. Hier dagegen wird sehr offensichtlich, dass die zentralen Figuren auch deshalb ihren Feinden ein Dorn im Auge sind, weil sie deren Ansicht nach als Schwarze und Frauen, die über eine gewisse Macht verfügen, eine Bedrohung darstellen und zu Monstern erklärt werden müssen, um zu legitimieren, dass man sich selbst anzueignen versucht, was ihnen vermeintlich nicht zusteht.

Diese neue Eindeutigkeit ist natürlich unter anderem auch der Ansiedlung der Handlung in unserer Welt zu verdanken, durch die sich das Hauptfigurenensemble, ganz in klassischer Questen- und Reiseabentuermanier, von Irland über die Eifel, Köln (dessen Topographie besonders liebevoll ins Geschehen eingebunden wird), London und Wales bis in die ebenso eindrucksvolle wie unheimliche spätantike Nekropole von Arles bewegt. Dramatische Kämpfe fehlen dabei ebenso wenig wie reichlich Magie, aber auch zarter ausgemalte zwischenmenschliche (bzw. zwischengargoylische und -gorgonische?) Szenen. Die große Figurenfülle und die Tatsache, dass oft nicht im Voraus abzuschätzen ist, ob man es mit Verbündeten oder Gegnern zu tun hat (oder gar Verrat bei Ersteren wittern muss), lässt keine Langeweile aufkommen.

Auch abseits der oben skizzierten Zuspitzung, die James A. Sullivans große Themen erfahren, stellt sich übrigens das Gefühl ein, es hier mit einem besonders persönlichen Buch zu tun zu haben. Folgt man dem Autor in den sozialen Medien, fällt einem rasch auf, dass manches, was in seinem Umfeld unter dem Hashtag #TeamMedusa gepostet wurde, hier seinen Weg von der Realität in die Literatur gefunden hat, und auch von seiner Begeisterung für den im Roman mehrfach erwähnten Hercule-Poirot-Film Das Böse unter der Sonne dürfte man dann schon etwas mitbekommen haben.

Doch solches Hintergrundwissen ist eigentlich nicht nötig, um Schlangen und Stein mit Spannung, Interesse und Vergnügen zu lesen, bietet der Roman doch eine gelungene Verschmelzung von Epic und Urban Fantasy auch abseits der Suche nach möglichen Easter Eggs und darüber hinaus eine anrührende Dekonstruktion bestimmter vertrauter Handlungsmuster. Denn ein bei Auserwählten-Fantasy aller Art bestehendes, aber selten näher beleuchtetes Problem wird hier zwischen Sema und Elena ganz explizit angesprochen: Wenn eine Person innerhalb einer Gemeinschaft – in diesem Fall die jeweilige Medusenschwester – ganz klar die herausgehobene Figur ist, deren Mission und darin bestehender Selbstverwirklichung (hier im angestrebten Ganzwerden durch die Wiederverschmelzung der Schwestern sehr wörtlich zu nehmen) alle anderen ihre Wünsche und Bedürfnisse unterordnen (müssen), wie kommen dann die Übrigen zu ihrem Recht? Einfache Antworten gibt der Roman auf diese Frage nicht, aber dass er sie anschneidet, ist ein wichtiger Denkanstoß, der einem helfen kann, Gewohntes und damit als normal Empfundenes zu hinterfragen.

Auch durch diese Form der Auseinandersetzung mit seinem Genre kommt James A. Sullivan seinem erklärten Ziel, progressive Phantastik zu schreiben, mit diesem Roman wohl näher denn je.

James A. Sullivan: Schlangen und Stein. Das Erwachen der Medusa. München, Piper, 2024, 448 Seiten.
ISBN: 978-3-492-70673-5

 


Genre: Roman

#BOOK!

Die Psychotherapeutin und Schriftstellerin Klara, schwer traumatisiert nach einer Missbrauchserfahrung, und der aufstrebende Maler Golo, der den Lebenskünstler mimt, aber heimlich ganz und gar nicht damit abgeschlossen hat, dass er hartnäckig den Kontakt zu seinem Sohn aus einer gescheiterten Beziehung meidet, entwickeln auf Twitter Interesse füreinander. Beide nicht mehr blutjung und aus unterschiedlichen Gründen mit gewissen Bindungsschwierigkeiten, sind sie doch vom Onlineauftritt ihres jeweiligen Gegenübers und dem, was sie in die auf Social Media sichtbar werdenden Kunst- und Lebensbruchstücke hineininterpretieren, zutiefst fasziniert. Ein Gemälde, in das Golo Klaras wolfshafte Augen nach einer Fotovorlage zu bannen versucht, und eine Kurzgeschichte, in der Klara scharfsichtiger, als sie es selbst wissen kann, Golos Vergangenheit erahnt, vertiefen die Verstrickung der beiden ineinander halb gegen ihren Willen, und so bleibt es nicht bei einer reinen Social-Media-Bekanntschaft …

In ihrem neuen Roman stellt Annette van den Bergh eine ungewöhnliche Liebesgeschichte in den Mittelpunkt, in der – wie schon der Hashtag im Titel #BOOK! erahnen lässt – die sozialen Medien, insbesondere Twitter (vor der Umwandlung in X und allen damit einhergehenden Änderungen und Abwanderungsbewegungen), eine zentrale Rolle spielen.

Doch #BOOK! erzählt diese Geschichte nicht wie ein gewöhnlicher Roman, sondern in einem dissonanten Dreiklang aus zwei Ich-Erzähler-Perspektiven und einer allwissenden Erzählstimme, die außer Begebenheiten in der realen Welt auch immer wieder mythisch-symbolische um eine einsame Wölfin und einen Jäger (ohne Rotkäppchen) einflicht, in denen man Klara und Golo erkennen kann. Wiederholt kommt es nicht nur zur direkten Wendung an das Publikum, sondern auch zur nicht gerade konfliktfreien Interaktion zwischen der Erzählinstanz und den sich ihres Aufenthalts in einem Buch durchaus bisweilen bewussten Hauptfiguren. Mit viel Sprachwucht und Wortwitz, manchmal auch nicht ohne Augenzwinkern poetisch (wenn „[e]in zaubervoller Flamingo-Morgen“ über Berlin anbricht), entwickelt sich so eine über weite Strecken metafiktionale Fiktion voller intertextueller Spielereien, die nicht nur fremde Literatur von Eichendorff über Goethe bis Handke und im Übrigen auch immer wieder bildende Kunst anzitiert, sondern auch zahlreiche Bezüge zu den eigenen Werken der Autorin herstellt (so werden einzelne Titel Annette van den Berghs hier Klara als Verfasserin zugeschrieben, und die Kneipe, in der aus der Social-Media-Bekanntschaft eine reale wird, heißt in sachter Anlehnung an die Kurzgeschichtensammlung Lost Paradise „Lost Heaven“).

Das ist vielleicht auch insofern kein Wunder, als Klara und Golo beide ihren ersten Auftritt schon in dem Sammelband Sehnsucht hatten (die Kurzgeschichten, denen sie jeweils entstammen, sind allerdings auch in #BOOK! noch einmal als Bonustexte enthalten). Beide sind ebenso sperrige wie verletzliche Charaktere mit reichlich Ecken, Kanten und Widerhaken. Ein Hund, der zwar kein Pudel ist, aber Mephisto heißt, komplettiert das kleine Hauptfigurenensemble, um das noch weitere Gestalten kreisen, die ebenfalls alle ihre Ambivalenzen haben und – so ein Leitmotiv des Romans – in den meisten Fällen wie auch die ganze Welt in irgendeiner Form „kaputt“ sind.

Dass das auch für die sozialen Medien gilt, muss eigentlich kaum noch erwähnt werden. Sicher wird nicht allen gefallen, dass dabei auch und vor allem die progressive (Literatur-)Bubble aufs Korn genommen wird (und das nicht nur, weil Klara mit Anlauf ins Fettnäpfchen tritt, als sie aus ihrer Missbrauchserfahrung heraus eine Bemerkung über etwaige Penisse in einer Frauensauna macht und daraufhin von „Woken“ als transfeindlich geschmäht und – mindestens ebenso unwillkommen – von Rechten genau dafür gefeiert wird). Aber auch, wer hier vielleicht instinktiv erst einmal zurückscheut oder lediglich Provokation wittert, sollte weiterlesen und die geschilderten Beobachtungen ernst nehmen, denn gerade weil Klara und Golo keine vorbildhaften Gestalten sind, taugen sie und ihre Erlebnisse gut dazu, einem den Spiegel vorzuhalten, was das eigene Social-Media-Verhalten angeht, sei es nun, was leidlich Harmloses und Individuelles das Hineindeuten von (zu) vielem in ein „Like“ oder einen Kommentar betrifft, oder bezogen auf die größeren und oft fataleren Dynamiken, die sich innerhalb bestimmter Gruppen entwickeln können und auch und gerade unter denen, die sich für die Guten halten (oder auch nur als solche gerieren), nicht immer frei von Doppelmoral sind. Auf beiden Ebenen wird der Kampf um Deutungshoheit jedenfalls mit harten Bandagen geführt und die eigene Position verteidigt, sei es nun die (vermeintliche) moralische Überlegenheit oder auch nur die Stellung als arrivierter Künstler, der mit einer bloßen Selfpublisherin erst einmal nicht auf Augenhöhe verkehren (und schon gar nicht von ihr durchschaut werden) will.

Nicht alles davon schwappt ins reale Leben hinüber, in dem #Book! in Annette van den Berghs geliebtem Berlin seinen Abschluss findet, aber doch genug, um nachdenklich zu stimmen, und so ist der Roman nicht zuletzt auch einer voller Denkanstöße über die Verflechtungen und Irritationen zwischen der Alltagswirklichkeit und allem Künstlerischen, Künstlichen und manchmal auch Gekünsteltem, mag es nun klein wie ein Lidstrich bzw. ein pointierter Tweet oder doch wesentlich umfassender sein.

Annette van den Bergh: #BOOK! Ohne Ort, Selbstverlag, 2024, E-Book (PDF).
Ohne ISBN.

 

 


Genre: Roman

Ich, Hannibal

Hannibal plant, gegen Rom zu ziehen, will aber vorab noch den Rat eines Orakels einholen. Von der zu dem Zweck unternommenen Reise kehrt allerdings nur seine Frau Himilke ins Heerlager zurück und behauptet Unglaubliches: Hannibal, dessen Namen sie fortan selbst annimmt, habe sich im Kampf gegen ein nun unterworfenes Fabelwesen geopfert, um ihr einer Prophezeiung gemäß den Feldherrenposten zu überlassen. Die Geschichte erregt nicht nur bei der Führungsriege des Heeres, sondern auch bei Hannibals einstigem Mentor, dem griechischen Sklaven und Chronisten Sosylos, Verdacht, aber dass sie tatsächlich nicht so ganz stimmt, weiß bis auf die neue Hannibal zunächst nur eine: die alternde Bestienjägerin Tamenzut, die magische Kreaturen einfangen und in den Kriegsdienst der Menschen pressen kann. Dennoch oder gerade deshalb ist sie bereit, Hannibal zu unterstützen, und so beginnt ein denkwürdiger Feldzug, der den Beteiligten nicht nur körperlich einiges abverlangt. In Rom findet sich unterdessen die junge Fulvia als Witwe mit drei Stiefkindern so gut wie mittellos wieder, da Scipio, der intrigante Neffe ihres verstorbenen Mannes, der kleinen Familie das Erbe streitig macht. Um ihren Rechtsanwalt bezahlen zu können, ist sie zähneknirschend bereit, sogar sich selbst zu verkaufen, und gerät so über eine Bordellwirtin mit dem sprechenden Namen Ebriete an den Iberer Caras und damit an eine ganz andere Aufgabe, als sie zunächst geplant hat: Spionage …

Ich, Hannibal, der neueste Fantasyroman von Judith und Christian Vogt, greift mit dem Zug Hannibals gegen Rom zwar ein bekanntes geschichtliches Ereignis auf, stellt aber schon von den ersten Sätzen an klar, dass man es nicht mit einem historischen Roman, sondern mit waschechter Fantasy zu tun hat (auch wenn die schöne Landkarte von C. F. Srebalus erst einmal die reale Mittelmeerwelt als Handlungsort suggeriert). Denn abgesehen davon, dass die Ausgangslage durch den frühen Tod des ursprünglichen Hannibal ein gutes Stück von ihrem echten Vorbild abweicht und auch der Verlauf der Ereignisse trotz mancher Parallelen zur Realität eigenen Regeln gehorcht, spielen hier von Anfang an der antiken Mythologie entsprungene oder eng an sie angelehnte Monster eine Rolle (von bekannten wie dem Minotaurus bis zu entlegeneren wie dem Leucrocotta). Sie zu beherrschen, bedeutet zugleich auch Macht über Menschen und damit ein Schlupfloch für die von politischen und militärischen Ämtern eigentlich ferngehaltenen Frauen, sich Positionen zu erobern, die ihnen ohne den Zugriff auf die geheimnisvollen Geschöpfe verschlossen bleiben müssten (was allerdings auch seine Schattenseiten hat – dazu unten mehr). Nicht ohne Grund ist Hannibals mystische Bindung an ein Zyklopenelefantenweibchen (hinter dem man eine Anspielung auf die Forschungsmeinung vermuten darf, dass Fossilien prähistorischer Elefantenarten die Zyklopensagen inspiriert haben) eines der bestimmenden Elemente der Handlung.

Der Titel allerdings trügt ein wenig, denn die neue Hannibal ist keine Ich-Erzählerin, sondern zunächst einmal eine schwer fassbare Gestalt, die sich nicht nur physisch meist hinter einer Maske verbirgt und oft genug auch den Perspektivfiguren ein Rätsel bleibt, aber mit List und Tücke als Heerführerin durchaus Erfolge feiert, wenn man Gemetzel denn als Erfolg betrachten will. Ich, Hannibal ist nicht allein deshalb phasenweise ein sehr brutales Buch, in dem nicht nur das Blut von Opfertieren und Ungeheuern munter vergossen wird und auch sexuelle Gewalt immer wieder fast beiläufig geübt wird. Der erste Tod per Zyklopenelefantenbestie lässt keine ganzen fünf Seiten auf sich warten und bleibt bei weitem nicht die letzte Gewaltschilderung. Dazu geht es oft äußerst derb zu, sprachlich wie auch inhaltlich. Gerade die im alten Rom allgegenwärtigen Phallusdarstellungen scheinen es dem Autorenduo angetan zu haben und werden mit viel Begeisterung geschildert (und von Tamenzut auch gelegentlich ganz handfest zum Einsatz gebracht).

Ohnehin haben Judith und Christian Vogt erkennbar Freude daran, ein pralles Bild der Antike zu zeichnen, neben Offensichtlichem auch durch viele kleine versteckte Anspielungen (so evozieren etwa die im Nebensatz einmal in Fulvias Gedanken auftretenden „verlogenen Punier“ das römische Vorurteil von der punica fides, Figuren von außerhalb dürfen konstatieren, dass Rom im 3. Jahrhundert v. Chr. eben noch nicht die in der populären Vorstellung präsente Stadt aus Marmor ist, zu der es ja erst Augustus gemacht haben will, und auch die römische Angewohnheit, über gern auch griechische Wandgraffitti zu kommunizieren, findet – sogar in sehr anrührender Form – Erwähnung). Trotz der erkennbar gründlichen Recherche steht der Aspekt der historischen Fantasy aber gar nicht unbedingt im Vordergrund. Die im Nachwort enthaltene Information, dass Fulvias aussichtsloser Kampf um das Erbe ihres Mannes auf das Schicksal von Christian Vogts Stiefgroßmutter zurückgeht, stimmt betroffen, verdeutlicht aber zugleich auch perfekt, dass es den „Vögten“, wie sie sich selbst als Duo gern nennen, nicht notwendigerweise um die spezifischen gesellschaftlichen Strukturen der Antike (ob nun in Karthago oder in Rom) geht, sondern um eine flammende Anklage gegen das Patriarchat und die vor allem männliche Tendenz, aus kriegerischer und sonstiger Gewaltausübung soziales und politisches Kapital zu schlagen.

Dieser aktivistische Ansatz ist hier noch drängender und expliziter geworden als in ihren älteren Romanen und gewinnt eine zusätzliche Ebene dadurch, dass Ich, Hannibal sich auch als Dekonstruktion der Art von (vielleicht nur vermeintlich) feministischen Geschichten lesen lässt, in denen eine einzelne, oft als außergewöhnlich charakterisierte Frau sich in einem sonst Männern vorbehaltenen Bereich gegen alle Widerstände bewährt. Hannibal und die geschlechtlich in ihrem Selbstbild nicht eindeutig festgelegte, aber von ihrer Umwelt als Frau gesehene Tamenzut brillieren zwar in klassisch männlich konnotierten Betätigungsfeldern (Feldzugsleitung und Monsterkampf), aber ob damit eigentlich viel gewonnen oder nicht doch eher das Prinzip der Durchsetzung durch Gewalt an sich fragwürdig ist, wird im Verlauf der Handlung immer stärker zum tragenden Thema des Romans.

Noch zwingender als in ihrem älteren Buch Schildmaid lassen Judith und Christian Vogt daher bei Hannibal und Tamenzut, aber auch bei Fulvia die Erkenntnis wirken, dass eine simple (Re-)Integration um ihre Freiheit kämpfender Unterdrückter in eine von Hierarchien, Unterwerfung und Zwängen geprägte Gesellschaft nicht der Weisheit letzter Schluss ist – im Gegenteil, dass vielleicht auch und gerade diejenigen, die sich ihre (begrenzte) Macht hart erkämpft haben, gut daran tun, zu hinterfragen, ob sie ein Recht haben, sie auszuüben, oder nicht doch andere und schwierigere Wege gehen sollten.

Spannende Lektüre mit ausgedehnten Abenteuersequenzen ist das durchaus, aber wer hinter einer Geschichte, die mit einem weiblichen Hannibal und Fabelwesen der Antike wirbt, simple Empowerment-Fantasy vermutet, in der Frauen und andere zu kurz Gekommene endlich einmal tun und genießen dürfen, was für Männer selbstverständlich ist, wird beim Lesen wohl eine Überraschung erleben. Ob es eine böse oder nicht vielmehr eine positive ist, hängt sicher auch und vor allem von der eigenen Sicht auf die Welt ab.

Judith und Christian Vogt: Ich, Hannibal. Rom wird vor ihr erzittern. München, Piper, 2024, 432 Seiten.
ISBN: 978-3-492-70658-2


Genre: Roman